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Literaten im Rausch

Alkohol, Opium – oder Disziplin? Schriftsteller bedienten sich stets unterschiedlichster Hilfsmittel zum Schreiben. Eine Ausstellung in Zürich folgt ­Autoren auf ihrer manischen Suche nach Inspiration.

Julia Stephan/stc

Die andere Seite des Schreibrauschs ist das leere Blatt. Dichter und Denker versuchen dieser Leere zu entkommen, seit es sie gibt. Mit Alkohol und Nikotin. Mit bewusstseinserweiternden Drogen und mit Schreibtechniken, welche die Vernunft dimmen. Sogar Disziplin kann hel­fen, wenn man es hält wie der ­Deutsche Autor Thomas Mann (1875–1955): Er schrieb genau eineinhalb Seiten pro Tag, von neun bis zwölf Uhr, und das ein ganzes Leben lang.

So beginnt die Ausstellung «Schreibrausch» über Inspiration in der Literatur im Zürcher Strauhof mit mehrheitlich leeren Blättern. 27 Schriftsteller haben sie eingereicht, darunter auch der Berner Autor Dominik Riedo. Manche sind zerknittert und einige wenige beschrieben.

Blockaden überwinden

Über das Nichtschreibenkönnen zu schreiben, ist auch schon ein Anfang. Der deutsche Nachkriegsschriftsteller Wolfgang ­Koeppen (1906–1996) kam bei der Niederschrift seiner Erzählung «Jugend» (1976) nicht über den ersten Satz hinaus («Meine Mutter fürchtete die Schlangen.»). «Ich finde nicht weiter», schreibt er verzweifelt darüber, «dass nichts entsteht. Immer fällt mir dieser Satz ein. Ich scheitere an ihm. Ich schreibe ihn. Die Seiten häufen sich. Meine Mutter fürchtete die Schlangen.»

Der Berner Ausstellungsmacher Andreas Schwab und Co-Kurator Magnus Wieland vom Schweizerischen Literaturarchiv haben für ihre Ausstellung 70 Exponate von bekannten und unbekannten Autoren zusammengetragen: Dicht beschriebene und vollgezeichnete Blätter Adolf Wölflis (1864–1930) zeigen, wie nah Genie und Wahnsinn teilweise beieinanderliegen: Der Berner Art-brut-Künstler litt an Schi­zophrenie und verbrachte viele Jahre in der Psychiatrieklinik Waldau.

Historische Fotos von einem trinkenden, rauchenden und schreibenden Erich Kästner geben eine Idee von einem nicht immer störungsfreien Schaffensprozess. Ausgestellte nikotin­gelbe, kaffeebraune Manuskripte tragen die Spuren von künstlich herbeigeführten Kreativitätsschüben, auf die Autoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts und die Beat-Literaten noch Loblieder sangen. In Zeiten strenger Rauschmittelgesetze wirken diese ziemlich abgefahren.

Drogenrausch ist heute out

Dass sich seit den 1970ern, als Schriftsteller und andere Kunstschaffende regelmässig LSD-Experimente durchführten, ein paar Werte verschoben haben, sieht man an den Videointerviews mit Zeitgenossen. Auch wenn die Dunkelziffer der Rauschmittel konsumierenden Literaten hoch sein dürfte – wer traut sich noch, sich auf seine Drogenabhängigkeit etwas einzubilden? –, ist der Sinneswandel doch ziemlich offenbar: Der Schriftsteller Michael Stauffer etwa behilft sich lieber mit Atemübungen als mit Opium. Melinda Nadj Abonji hält ebenfalls nichts vom Ausschalten des Verstands: «Das Fliessen ist nicht die Vorbedingung für einen guten Text.»

Das hätte der amerikani­sche Schriftsteller Jack Kerouac (1922–1969) noch anders gesehen. In einem New Yorker Apartment tippte er seinen Kultroman «On the Road» in drei Wochen auf eine 35 Meter lange Rolle aus zusammengeklebtem Papier. Tempo: 110 Wörter pro Minute.

Sind Rauschmittel also doch ein probates Mittel? Strauhof-Co-Leiter Rémi Jaccard meint mit Blick auf Thomas Mann oder auf den sklavisch vorgegebenen Arbeitsplan (8 Tage Schreibarbeit, ein paar Tage Pause, 7 Tage Überarbeitung) des belgischen Krimiautors Georges Simenon (1903–1989): «Aufs ganze Leben gesehen, sind die Disziplinier­ten doch die Produktiveren ge­wesen.»

Ausstellung «Schreibrausch»:bis zum 7. Mai, Strauhof, Zürich.

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