Kopatchinskajas Totentanz

Kunst im Knochenkostüm: Geigerin Patricia Kopatchinskaja zerstückelt auf ihrem neuen Album Schuberts «Der Tod und das Mädchen».

Patricia Kopatchinskaja trat letztes Jahr in Amerika in einem Knochenkostüm auf und performte ihre Interpretation von Schuberts «Das Mädchen und der Tod».

Patricia Kopatchinskaja trat letztes Jahr in Amerika in einem Knochenkostüm auf und performte ihre Interpretation von Schuberts «Das Mädchen und der Tod».

(Bild: Kunstmuseum Bern/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Wie soll man es nennen: Mut zur Lächerlichkeit? Als Patricia Kopatchinskaja letztes Jahr in der Concert Hall von Saint Paul (Minnesota) auftrat, erschien sie nicht in einem branchenüblichen Konzertkleid, vielmehr als Personifikation des Todes: In einem Knochenkostüm, wie sie es selber nennt, schwarz, mit aufgedrucktem Skelett. Und mit der Geige in der Hand.

Kopatchinskaja , die in Bern lebende Violinistin, spielte nicht nur, sie deklamierte auch, bot eine Art Sprechgesang: «Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! / Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.» Es waren Worte aus dem Gedicht «Der Tod und das Mädchen» von Matthias Claudius (1740–1815).

Sprechgesang im Knochenkostüm, in einem klassischen Konzertsaal? «So etwas kann ich nur in Amerika machen. Hier in Europa käme ich dafür in die Psychiatrie», sagt Kopatchinskaja und lacht. Eine Ahnung von ihrem «verrückten» Programm vermittelt ihr neues Album. Es ist eine Liveaufnahme aus Saint Paul. Ohne Sprechgesang allerdings, was zu bedauern ist.

Kopatchinskaja knüpft dort an, wo sie 2015 mit ihrem Album «Take two» aufhörte: mit einem Assoziationstrip durch die Musikgeschichte. Im Zentrum steht Franz Schuberts Streichquartett «Der Tod und das Mädchen» (1826), gespielt nicht in üblicher Besetzung, sondern arrangiert für ein Streichorchester .

Und noch etwas sprengt die Konvention: Kopatchinskaja und das Saint Paul Chamber Orchestra zerstückeln das viersätzige Werk, schieben Stücke aus fünf Jahrhunderten dazwischen, die den Tod umkreisen – von der ältesten «Totentanz-Musik» des August Normiger bis hin zu «Ruhelos» aus György Kurtágs «Kafka-Fragmenten».

Ein hoch spannendes Konzept, das Schuberts Klassiker um den verführerischen Tod neu hören lässt. Ein Konzept allerdings auch, das eine bessere Interpretation verdient hätte. So authentisch die Live-Unsauberkeiten sind, mit der Zeit beginnen sie zu stören.

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