Keine Angst vor «Dr. Ted»

Zweimal jährlich verwandeln sich Medizinstudierende der Uni Bern in Teddybär-Doktoren. Ziel des Rollenspiels: Den Kindern die Angst vor dem Spital nehmen. Besuch bei den «Dr. Teds» in der Kinderklinik des Berner Inselspitals.

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Die sechsjährige Lynn, in grüner OP-Montur mit Mundschutz und Handschuhen, macht sich gerade daran, ihrem Plüschzebra das Bein aufzuschneiden. Das Tier liegt in Narkose im Teddybär-Operationssaal. Dann operiert ihm Lynn, die sich in eine Ärztin verwandelt hat, das kranke Bein.

Vor der OP wurden Urin und Blut von «Zebi, wie sie ihr Plüschzebra nennt, getestet, MRI und Röntgen gemacht, das Herz abgehört und vieles mehr. Nach dem Eingriff wird das andere Bein – es ist gebrochen – von Lynn gegipst.Betreut wird das Mädchen von Medizinstudentin Anja Lehmann (21) im dritten Studienjahr.

«Der Blinddarm muss aber auch noch raus», sagt Lynn, die mit ihrer Kindergartenklasse bei den Dr. Teds zu Gast ist. «Und auch das Auge tut ihm weh.»

Angst abbauen

Gut 300 Kinder tummeln sich jeweils ein- oder zweimal jährlich während dreier Tage in speziell dafür ausgewählten Räumen der Kinderklinik des Inselspitals Bern. An zwei Tagen sind es Kindergartenklassen, die hintereinander betreut werden, an einem können Kinder privat bis zum siebten Altersjahr vom Angebot profitieren.

«Die Plätze sind jeweils sehr rasch ausgebucht», sagt Maria Beck. Die 22-jährige Medizinstudentin ist im vierten Studienjahr und organisiert mit zwölf weiteren Studierenden das Teddybär-Spital Bern.

Kürzlich seien sie im Walliser Spital in Visp zu Gast gewesen. Auch dort sei die Nachfrage sehr gross. «Jedes Kind wird während einer Stunde einzeln von einer Medizinstudentin- oder einem -studenten betreut.»

Insgesamt sind es 85 freiwillige Studierende ab dem zweiten Studienjahr, die sich über das rege Interesse der Kinder an der Medizin freuen und ihnen diese näherbringen. «Jedes Kind kann einmal von einem Aufenthalt im Spital betroffen sein», sagt Maria Beck. «Dieses Angebot hilft ihnen dabei, die Angst vor dem Unbekannten abzubauen.»

«Jedes Kind kann von einem Spitalaufenthalt betroffen sein. Dieses Angebot hilft, die Angst vor dem Un­bekannten abzubauen.»Maria Beck, Medizinstudentin

Fünf Posten plus Ambulanz

Fünf Stationen haben die Medizinstudenten aufgebaut, durch die sie die Kinder begleiten. Da gibt es als erste die Anamnese. Dort wird gemeinsam mit den Kindern im Gespräch herausgefunden – oder in diesem Fall besser festgelegt –, woran die Plüschtiere leiden.

Ausserdem werden an diesem Posten mit den Tieren Sehtests durchgeführt, Reflexe gecheckt, mit dem Stethoskop Herz und Lunge abgehört oder eine Impfung gemacht. Danach gehts weiter ins Labor. Dort gibt es Becher mit gelber oder grüner Flüssigkeit (Wasser mit Zitronensaft oder Wasser mit Seifenlauge). Sie stellen den Urin oder das Blut des Plüschpatienten dar. Im Anschluss kommt die Radiologie.

Überall liegen «Röntgenbilder» der verschiedenen Teddys und Plüschtiere: Hier sind die Knochen eines Bären, dort das Skelett eines Pinguins. Auf einem anderen Röntgenbild sieht man den Bruch in einem Bein. «Aha, so sehen die aus ohne Fleisch und Fell», klingt es in den Raum.

Und: «Was, mein Affe hat ein Baby im Bauch?» Die kleine Freundin daneben: «Meine Giraffe auch! Ich habs gerade auf diesem Bild gesehen.» Mit «diesem Bild» ist der improvisierte Ultraschall – ein Laptop mit einem leeren Deo­dorant als Stick – gemeint. Und neben dem Ultraschall gibts sogar noch ein MRI-Gerät – klug ­gebaut aus einer Holzkiste.

«Die «Röntgenbilder» wurden von Grafikern für einen Gestaltungswettbewerb des Teddybär-Spitals in Düsseldorf hergestellt», erklärt Maria Beck.

Operation gelungen...

Schliesslich gehts in den Operationssaal: Posten Nummer vier. Bevor sie ihn betreten, kleiden sich die Kinder allesamt in Grün – mit Mundschutz, Handschuhen und Haube. Im OP wird der Plüschfreund eigenhändig operiert.

«Die Kinder machen erstaunlich gut mit und spüren intuitiv, dass dies alles nur ein Spiel ist», erklärt Beck. «Ein Seitenblick genügt, und sie wissen, dass die Medizinstudentin ihren Teddybären nicht wirklich aufschneidet.»

So wird Lynns Zebra also erst desinfiziert, dann abgedeckt (mit Servietten), dann wird ihm das Schmerzmittel verabreicht, schliesslich folgt die Infusion, dann die Anästhesie. «Oh, es kitzelt Zebi», hört man Lynn kichernd sagen. Bei der Aufforderung, Zebis Bein jetzt aufzuschneiden, zögert das Mädchen nur kurz – und simuliert es. Beim Nähen allerdings stockt die Kleine. «Das tut Zebi doch weh!»

Manche der Kinder nähen ihr Tier richtig mit Nadel und Faden. Andere gehen weiter, zu Posten fünf: Hier werden Brüche fachmännisch gegipst. «Mein Gips bleibt noch lange dran», sagt ein Junge und zeigt auf das Bein seines Hasen, wo eine Plastiktüte das Fell vor dem Gips schützt.

Auch Erin, die mit dem Medizinstudenten Nino Räschle unterwegs ist, erzählt eifrig: «Meine Katze Miau hat den Schwanz gebrochen, eine Spritze bekommen, hat ein Loch im Fuss, ich habe ihr Blut genommen, sie hat einen Knochen verschluckt, sie hat eine Gehirnerschütterung, und sehen tut sie auch nicht mehr gut . . .»

Plüschtiere auf der Trage

Der Zusatzposten für die Kindergärten ist die Ambulanz. Zahlreiche Plüschtiere liegen draussen vor dem Kinderspital auf der Trage der Ambulanz. Derweil zeigen Rettungssanitäterin Nadine Marbot (33) und eine Studentin den Kindern die Ambulanz und wie Puls, Sauerstoffsättigung und Blutdruck gemessen werden.

Als sich die Kindergartenklasse schliesslich verabschiedet, hört man ein Mädchen in gebrochenem Deutsch fragen: «Muss ich aufschneiden Bauch meinem Koala, oder kann Baby allein raus?» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.06.2017, 12:33 Uhr

Teddy-Spital

Wer geht schon gern zum Arzt oder ins Spital? Gerade Kinder fürchten sich oft vor dem Klinikbetrieb. Hier setzt das Teddybär-Spital an. Es will die Kinder mit dem medizinischen Personal und den verschiedenen Unter­suchungsmethoden vertraut machen und ihnen so die Angst nehmen.

Die Rolle der Ärzte übernehmen Medizinstudentinnen und -studenten der Uni Bern. Ein- bis zweimal im Jahr organisieren sie in Schweizer Spitälern Veranstaltungen für Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren. Unterstützt und finanziert wird das Projekt von der Berner Uniklinik für Kinderheilkunde und privaten Firmen.

Infos: www.tbsbern.ch.

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