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Isländische Wärme

Wenn es kalt wird in Bern, hilft Musik aus dem Norden, zum Beispiel ein Tribut an Sigur Rós.

Warme Musik im kalten Licht in der Berner Turnhalle.
Warme Musik im kalten Licht in der Berner Turnhalle.
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Weisch no? Im Sommer 1999 veröffentlichte die isländische Band Sigur Rós ihr zweites Album «Ágætis byrjun» und sorgte für eine sanfte Er­schütterung in der Rockwelt. Epische Lieder ohne gängige Strukturen, geheimnisvolleund fliessende Klänge, ein entrückter Gesang in einer Sprache, die niemand verstand. Das war höchst eigenwillig und aufregend.

Zwanzig Jahre später erinnerte sich nun Bassist Jeremias Keller an das Album. Er ist Produktionsleiter der Jazzwerkstatt Bern und Gründer der Band Vertigo. Vom Veranstalter Bee-Flat wurde er eingeladen, für die Reihe «Carte blanche» drei Konzerte zu gestalten. Am Sonntag machte er den Anfang mit «Ágætis byrjun». Von allen Alben der Band berühre ihn dieses am meisten, sagte er.

Für den Abend in der Berner Progr-Turnhalle scharte Keller eine vierköpfige Truppe um sich: Sängerin Aurélie Emery, Gitarrist Simon Rupp, Key­boarder Philipp Schlotter und Schlagzeuger Kevin Chesham. Sie hätten eine leichtere Auf­gabe fassen können. Auf dem Album wirkte ein Orchester mit. Die Gitarre wird mit einem Cellobogen gespielt. Die Texte werden alle auf Isländisch gesungen. Und da ist die un­verwechselbare Engelsstimme von Jonsi Birgisson.

Keller schrieb nur für die wichtigsten Melodien Arrangements. Pro Song sollte den Musikern ein Notenblatt ge­nügen. Die leeren Stellen würden sie selber füllen. Man kann sich vorstellen, dass sie sich die 71 Minuten und 53 Sekunden der Reykjavíker Band in den letzten Wochen rauf- und runtergehört haben. Erst an den beiden letzten Tagen vor dem Konzert trafen sie sich zur gemeinsamen Probe.

Am Sonntagabend liegt schon lange vor Konzertbeginn Bühnennebel in der Turnhalle.Nordische Kälte? Die Stuhl­reihen vor der Bühne füllen sich allmählich. Die Setlist steht fest, die elf Songs des Werks werden ohne Pause durchgespielt. Dann die ersten Klänge des Intros, und mit ihnen ist auch der Zauber dieses Albums da. Mit ge­schlossenen Augen kann man sich vorstellen, dass Sigur Rós selbst auf der Bühne stehen. Nordische Wärme.

Die Band hält sich eng an die Strukturen der Songs, drückt ihnen keinen neuen Stil auf. Die Instrumentierung unterscheidet sich notgedrungen vom Original. Die Streicher, auf dem Album auch mal nah am Kitsch, werden von der Gitarre und dem Keyboard ersetzt. Das bekommt den Songs gut. Sie klingen erdiger und an wenigen Stellen auch etwas rockiger. Sängerin Emery hält sich an die originalen Gesangslinien, und wie es scheint, meistert sie das Isländische mühelos.

Der Grundton des Abends bleibt getragen, fast feierlich. Die Songs fliessen ineinander, und so wird auch nur selten geklatscht. Die Band spricht nicht mit dem Publikum, und so dauert das Konzert ziemlich genau so lange wie das Album. Erst nach dem letzten Ton fragt Emery, ob jemand im Publikum aus Island komme – sie sorgt sich um die Aussprache der Texte. Aber da ist niemand,der etwas aussetzen könnte.

Dann ist Schluss. Konzertabende, die sich einem einzigen Album widmen, haben einen Nachteil: Es gibt keine Zugabe.

Weiteres «Tribute to Sigur Rós – Ágætis byrjun»: 19.12., Mokka, Thun. Die weiteren «Carte blanche»-Konzerte von Jeremias Keller: 4.12. und 15.1.

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