«Ich versuche, vom privaten Mani einen Teil für mich zu behalten»

Am 4. August würde Mani Matter 80 Jahre alt. Wie steht es um den Nachlass des Berner Liedermachers und Autors? Wie viel «Mani» gehört der Öffentlichkeit? Ein Gespräch mit der Witwe Joy Matter.

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Oliver Meier@mei_oliver

Können Sie sich Ihren Mann als 80-Jährigen vorstellen?Joy Matter:Ich mache mir kein Bild. Mani ist nicht da. Wozu sollte ich mir ein Bild von ihm ausmalen? Es würde mich nur traurig machen.

Sie haben sich bestimmt gefragt, was aus ihm geworden wäre.Nein, das fragen mich vor allem Journalistinnen und Journalisten. Ich stelle keine hypothetischen Überlegungen an. Ich verstehe aber die Frage und deshalb eine Kurzantwort: Es war vieles offen.

Es gibt ja irgendwie zwei Mani Matter: den privaten, der mein Mann und der Vater meiner Kinder ist, und den öffentlichen.

In der Matter-Biografie von Wilfried Meichtry haben Sie gesagt: «Wenn ich durch Interviews gezwungen werde, aus der Vergangenheit zu erzählen, muss ich anschliessend wieder viel Distanz aufbauen, um Kraft und Energie für die Gegenwart zu haben.»Ja, das stimmt so noch immer.

Man hat den Eindruck, dass Sie von Meichtrys Matter-Biografie nicht restlos begeistert sind.Es war die Arbeit an der Biografie, die für mich schwierig war. Weil ich in die Vergangenheit eintauchen musste und ganz genaue Details erzählen sollte. Das ist eine schmerzhafte Arbeit. Es gibt ja irgendwie zwei Mani Matter: den privaten, der mein Mann und der Vater meiner Kinder ist, und den öffentlichen. Ich bin da irgendwo zwischendrin und versuche, vom privaten Mani einen Teil für mich zu behalten.

War er ein guter Skifahrer?Ja.

Hat er Sie vor allem als Skifahrer beeindruckt, als Sie sich 1960 in Grindelwald kennen lernten?Wir haben uns nicht auf der Piste kennen gelernt, sondern an einer kleinen Bahnstation ...

Ein Flirt am Bahnhof?Ein bescheidener. Ich war auf dem Rückweg von der Kleinen Scheidegg nach Grindelwald. Als der Zug an der Brandegg hielt, stand Mani mit Freunden dort. Er kam an mein Fenster und fragte mich, ob ich am Abend mit ihm ausgehen würde. So prosaisch war das.

Und dann?Fuhr die Bahn weiter. Am Abend haben wir uns wie abgemacht in einer Bar getroffen.

Hat er Sie mehr mit seiner Tanzkunst oder seinem Kunstwissen beeindruckt?Mit Letzterem, eindeutig.

Tanzen konnte er nicht gut?Jedenfalls hat er es nicht gerne gemacht.

Wie war er als Familienvater?Ich finde, er war ein sehr guter Vater, obwohl er wenig Zeit hatte. Er hat sich intensiv mit den Kindern beschäftigt. Aber er war kein Hausmann. Auf keine Art und Weise. Es war klar, dass ich als Mutter weiter unterrichten würde. Es war aber auch klar, dass ich zugleich dafür zu sorgen hatte, dass zu Hause alles reibungslos weiterlief.

«Ich finde, er war ein sehr guter Vater, obwohl er wenig Zeit hatte.»

Trotz Ihres beruflichen Weges, auch als Politikerin: Für viele sind Sie wohl vor allem – die Frau von Mani Matter. Wie gehen Sie damit um?Das war nie ein Problem, auch als Mani noch lebte, nicht. Ich habe zum Glück immer meine eigenen Sachen gemacht. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich meinen Beruf aufgegeben hätte. Später, in meiner Zeit als aktive Politikerin, war es mir schon wichtig, die Trennung zu machen. Ich habe in Ratsdebatten auch nie meine Argumente mit Zitaten von Mani untermauert. Die Versuchung war zwar gross.

Matters Habilitationsarbeit trug den Titel «Die pluralistische Staatstheorie». Was lässt sich heute noch daraus ziehen?Die Quintessenz stimmt heute noch, nämlich, dass Demokratie auf dem sehr mühsam herzustellenden «Konsens zur Uneinigkeit» beruht. Ich vermisse übrigens heute noch die Diskussionen mit Mani.

Weshalb hat er die Habilitationsschrift nie fertiggestellt und publiziert?Weil die Fussnoten fehlten. Es wäre eine Fleissarbeit gewesen, die hat ihn nicht interessiert. Mit all den Zettelkästen, das war ­damals enorm aufwendig, nicht so wie heute.

Hätten Sie sich einen Professor Matter vorstellen können?Das ist wieder so eine hypothetische Frage. Aber ja, ich kann ihn mir gut als Professor vorstellen, er war ja schon zu Lebzeiten an der Uni Lehrbeauftragter. Er war der Uni gegenüber aber auch sehr kritisch eingestellt.

Mir scheint, Mani Matter hatte ein rigoroses Verhältnis zur Kunst, zur Musik. Wir führen dieses Interview in einem Café, umgeben von Begleitmusik. Das hätte er kaum gemocht.Bei Mani war immer klar: Entweder man tut das eine oder das andere. Musik war bei uns nie etwas im Hintergrund.

Galt das auch, wenn er Ihnen ein neues Lied vorspielte?Natürlich. Wir wohnten in unserem Wabern-Häuschen auf drei Etagen. Sein Arbeitszimmer war zuoberst. Arbeitete er an einem Lied, kam er immer wieder mit der Gitarre die Treppe heruntergerannt. Er verlangte dann, dass ich sofort alles stehen und liegen liess und ihm zuhörte, was nicht immer einfach war mit drei kleinen Kindern.

Wie streng waren Sie mit seinen Texten?Ich habe mich sehr direkt und kritisch geäussert. Mani wollte das. Manchmal hat es ihn geärgert, besonders wenn er selber wusste, dass noch einiges geändert werden musste.

Stand Mani Matter zu Beginn der Siebzigerjahre an einem Wendepunkt? Hat er sich zwischen ­Familie, Beruf, Universität und Kunst zerrissen?Er war überlastet, das ist so. Gleichzeitig schmiedete er berufliche und künstlerische Pläne.

Spiegelt sich die Überlastung in der Tonalität der späten Texte?Ich denke schon. Man spürt eine Änderung in den Texten. Sie wurden ernster, direkter. Dazu fällt mir etwas ein: Auf die Frage eines Journalisten, ob er ein politischer Pessimist sei, sagte er 1971, das sei schon so, aber er bilde sich nichts darauf ein.

Auf die Frage eines Journalisten, ob er ein politischer Pessimist sei, sagte er 1971, das sei schon so, aber er bilde sich nichts darauf ein.

Seit langem wird betont, dass Matter mehr war als ein Chansonnier. So ganz angekommen ist es aber nicht. Oder wie sehen Sie das?Ja, das ist interessant. Meine Tochter Meret hat eine Theaterproduktion gemacht mit Texten ihres Vaters. Sie sagte mir, es habe Besucherinnen und Besucher ­gegeben, die enttäuscht gewesen seien. Sie hatten einen lustigen Schwankabend erwartet und waren gar nicht bereit, sich auf ernstere Sachen von Mani einzulassen. Sie hatten den lustigen «Värslischmied» im Kopf.

Stört Sie das?Nein. Das ist einfach so.

Aber Sie haben sich bereits in den Siebzigerjahren dafür eingesetzt, dass seine «anderen» Texte erscheinen, in den «Sudel­heften», im «Rumpelbuch».Es war Manis Plan, dass diese Texte publiziert werden sollten. Wir hatten die Vorarbeiten schon begonnen. Deshalb habe ich die Arbeit nach seinem Tod zu Ende geführt.

Nun erscheint im Zytglogge-Verlag ein weiterer Band mit Texten aus dem Nachlass.Das ist vor allem die Arbeit meiner Tochter Meret. Ich habe alle bisher unveröffentlichten Texte transkribiert, dann haben wir sie mit verschiedenen Fachleuten besprochen, und Meret amtet jetzt als Herausgeberin.

Gab es Überraschungen in ­seinem Nachlass?Nein. Ich hatte alle Texte schon gekannt und bin ihnen jetzt beim Transkribieren wieder begegnet.

Seit einigen Jahren befindet sich Mani Matters Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv. Wie viel haben Sie zuvor ausgesondert?Nur die Privatbriefe.

Wie stark nehmen Sie Einfluss darauf, was mit seinem Nachlass geschieht?Meine Familie hat dem Schweizerischen Literaturarchiv Manis Nachlass als Schenkung überreicht. Dort ist er einsehbar, ab 2017 vollumfänglich.

Aber die Kontrolle ist Ihnen wichtig.Wenn ich als «Hüterin» von Manis Erbe bezeichnet wurde, war das, weil nicht alle Schachteln im Archiv von Anfang an zugänglich waren. 4 von 31 Standardschachteln waren gesperrt. Ich wollte zuerst die unveröffentlichten Texte transkribieren. Das ist jetzt getan.

Sind Sie oft mit Anfragen von Künstlern konfrontiert, die mit dem Werk Matters arbeiten ­wollen?Ja, es kommen ausserordentlich viele und unterschiedliche Anfragen. Meine ältere Tochter Sibyl ist Juristin. Sie bearbeitet alles, was die Bearbeitungs- und Aufführungsrechte betrifft. Es ist eine grosse Entlastung für mich, dass meine Kinder sich aktiv um das Werk ihres Vaters kümmern.

«Ich werde mit Freundinnen und Freunden auf Mani anstossen.»

Diesen Herbst erscheint im Zytglogge-Verlag mal wieder ein ­Album mit Coverversionen. Können Sie sich solche Covers überhaupt noch anhören?Der Zytglogge-Verlag hat erst ein Album veröffentlicht. Das war der «Matter Rock», 1992. Offenbar besteht bei jungen Musikerinnen und Musikern ein Interesse daran, Covers zu machen. Offenbar gibt es auch eine Nachfrage beim Publikum. Und ja – gelegentlich höre ich sie mir an.

Zu den Berner Krankheiten gehört, dass man seine Idole derart liebt, dass man sie zu erdrücken droht. Wie ist das bei Mani ­Matter?Beim vierzigsten Todesstag habe ich das in der Tat gedacht. Es gab sehr viele Aufführungen, eine Ausstellung und sogar ein Mani-Matter-Tram. Aber jetzt zum achtzigsten Geburtstag ist es relativ ruhig.

Was werden Sie am 4. August tun, seinem 80. Geburtstag?Nichts Besonderes. Ich werde nicht einmal in Bern sein. Aber ich werde mit Freundinnen und Freunden auf Mani anstossen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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