Herausgeputzter «Figaro»

Zum Aufbruch aufgefrischt – oder zu Tode renoviert? Was die Sanierung des Stadttheaters und die Wiedereröffnung mit Mozarts «Le nozze di Figaro» über die Bundesstadt aussagt.

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Oliver Meier@mei_oliver

Bern hat gewählt. Am Samstag strömten sie in das wiedereröffnete Stadttheater: Abonnentinnen und Abonnenten, dazu Halb- und Ganzprominente aus Kultur, Wirtschaft und Politik, darunter Gemeinderatskandidaten auf finalem Stimmenfang. «Sie sehen zauberhaft aus!» rief Intendant Stephan Märki als Charmeur vom Dienst dem Publikum entgegen.

Es war der Auftakt zu einem länglichen Redenreigen. Rhetorisch am meisten glänzte der abtretende Stadtpräsident Alexander Tschäppät mit einer heiteren Abhandlung zur Kunst des Sitzens. So blendend herausgeputzt zeigte sich Bern schon länger nicht mehr. Ist das ein gutes Zeichen?

Bern hat gewählt. Ein Stadttheater, von dem jetzt gesagt wird, es erstrahle in «neuem» Glanz. Es hat, nüchtern betrachtet, von manchem ein wenig zu viel: Das Gold wirkt noch goldiger, der Pomp noch pompiger. Vom Toilettenspiegel bis zur Foyer-Theke ruft das Interieur: Schau mich an, ich bin elegant und hochwertig! Es gibt Farbkollisionen, es gibt irritierende Stilbrüche, als ob sich mehrere Architekten babylonisch verwirklicht hätten – und die Blackbox Denkmalpflege dazu. Erstaunlich ist das nicht. Das Stadttheater ist ein stuckgewordenes Mahnmal der Berner Kompromisskultur.

Kluge, vitale Produktionen

Von manchem ein wenig zu viel: Das gilt auch für die Produktion, die zur Wiedereröffnung gegeben wird: Mozarts «Le Nozze di Figaro» als Spiegel der Rokoko-Herrlichkeit im sanierten Haus. Regisseur Markus Bothe ist ein sicherer Wert, genauso wie das Mozart-Werk. In Bern hat er «Rusalka» und «Das schlaue Füchslein» inszeniert, mit klugen, vitalen Produktionen, die stets den Schauspielregisseur Bothe verrieten.

Ungebrochene Aufhübschungen sind seine Sache nicht. Umso mehr wundert man sich über das Kostümfest, das er nun veranstaltet. Bothe fokussiert weniger auf den Geschlechterkampf als auf die sozialpsychologische Dimension des Stücks, lässt die Schichten aufeinanderprallen, erzählt von Aufstiegsträumen und Abstiegsängsten, von der Furcht vor dem Neuen und dem Festhalten am Alten – ein durchaus bernisches Thema.

Zwang zum Kassenschlager

Diese Inszenierung, handwerklich sauber gemacht, zeugt vom Zwang der Theaterleitung zum Kassenschlager. Mutig ist anders. Aufregend auch. Und musikalisch bleiben zwiespältige Eindrücke zurück. Das Orchester entfaltet unter Kevin John Edusei eine unübliche Leuchtkraft, die durch den akustisch aufgewerteten Theaterraum begünstigt wird. Dennoch zündet die Musik nur zeitweise.

Das mag auch an den Tempi liegen. Vor allem aber an der mangelhaften Verzahnung von Graben und Bühne, wo das Ensemble, verstärkt mit neuen, jungen Kräften sein bestes gibt. Gespielt und gesungen wird des öftern zu laut, um die doppelbödige Leichtigkeit von Mozarts Musik zu transportieren. Vom «herrlichsten Glück» berichtet das Libretto am Ende. In Bern indes stehen die Protagonisten ziemlich betreten herum.

Als der (neue!) Vorhang fällt, gibt es Langapplaus und Bravorufe. Ob sie auch dem sanierten Stadttheater gelten? Wohl kaum. Nur beim Redenreigen zu Beginn des Abends sind (vorgestanzte) Superlativen zu hören. Ansonsten scheint man sich in der mittleren (Un-)Zufriedenheit eingerichtet zu haben. Gutbernisch wird so getan, als ob die Sanierung in dieser Form ein Schicksalsakt gewesen wäre.

Nur sanft werden Fragen angedeutet, die durchaus Gewicht haben: Wieviel märchenhafte Grossbürgerlichkeit verträgt es, um dem Legitimationsdruck standzuhalten, dem sich die Hochkultur zunehmend ausgesetzt sieht? Wie verhält sich die architektonische Botschaft zur Erwartung der Geldgeber, dass der grösste Kulturbetrieb des Kantons Schwellenängste abbaut, ein möglichst breites, auch junges Publikum anspricht, ja die Hochkultur insgesamt demokratisiert?

Grosse Würfe haben es schwer

Man hätte die Debatte führen müssen, vor Jahren, als die Frage der Sanierung zum Politikum wurde. Aber eine wirkliche Diskussion darüber gab es nicht. «Eigentlich müsste Bern den Mut haben, das Gebäude entweder auszukernen und ein Warenhaus darin unterzubringen. Oder es abzureissen und ein neues Theater zu bauen»: Das sagte Schauspielchef Erich Sidler 2012 in dieser Zeitung, als er die Stadt verliess. Es war ein Ruf in die Leere. Eine Neubaustudie gab es, aber sie blieb unter Verschluss. Alternativen zum Facelifting des denkmalgeschützten Gebäudes standen nie ernsthaft zur Diskussion. Es ist die Berner Krankheit: Grosse Würfe haben es schwer.

Nun hat Bern das Stadttheater, das es verdient – und das faktisch ein Opernhaus ist. Einiges wurde in den vergangenen Jahren versucht, um das Schauspiel in das Grosse Haus zurückholen. Wirklich gelungen ist es nicht. Und die Theaterleitung macht nicht den Eindruck, als ob sie wirklich daran glauben würde. Man kann das verstehen: Schauspiel im Stuckaturenambiente ist schwieriger zu vermitteln als Stuckaturen-Oper. Vor allem, wenn es der Gegenwart und der Innovationen verpflichtet ist. Intendant Stephan Märki machte denn auch nie einen Hehl daraus, dass er das konservative Berner Sanierungsprojekt für keine besonders gute Idee hielt.

Wie Schwellenängste reduzieren?

Über 120 Millionen fliessen in Bern in die Renovation der klassischen Kulturstätten. 43 Millionen Franken hat die öffentliche Hand in die Sanierung des Theater gesteckt, weitere 5 Millionen steuern die Burger bei. Die Burger, die daran sind, ein noch grösseres Sanierungsprojekt zu stemmen: Für 74 Millionen Franken wollen sie das Kultur-Casino renovieren, öffnen und wirtschaftlich zum Erfolg führen. Es ist ein Risikoprojekt, das Fragen offen lässt.

Eine davon lautet: Kann man Schwellenängste reduzieren, indem man die heiligen Hallen der Hochkultur hochrüstet? Berns innovativste Kulturvermittlerin Barbara Balba Weber sagte jüngst: «Man kann Sinfoniekonzerte in einem höfisch anmutenden Hochglanzgebäude anbieten. Aber dann muss man auch dazu stehen, dass man nur eine bestimmte Gesellschaftsgruppe erreichen will, die genau weiss, wie man sich für ein solches Konzert anzieht und wie man sich dort verhalten muss.» Anders gesagt: Man kann Kulturhäuser auch zu Tode renovieren.

Berner Zeitung

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