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Gesundes Männlein im Walde

Die im Kinderlied «Ein Männlein steht im Walde» ­besungene Hagebutte ist ein Multitalent: Sie liefert uns wertvolle Vitamine, lindert ­diverse Leiden – und bietet Vögeln und Säugern im Winter Nahrung.

Hagebutten im Winter: Für viele Vogel- und Säugetierarten eine willkommene Nahrungsquelle.
Hagebutten im Winter: Für viele Vogel- und Säugetierarten eine willkommene Nahrungsquelle.
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Der widerborstige Kinderspass lief in etwa so ab: Man pflückte ein oder zwei möglichst reife Hagebutten und quetschte sie zwischen Daumen und Zeigefinger so lange, bis sie aufplatzten und die widerborstigen Nüsschen im Innern heraustraten. Das musste freilich im Verborgenen geschehen, beispielsweise hinterm Rücken oder in der Jackentasche.

Das Opfer der bevorstehenden Attacke hatte man natürlich bereits ausgewählt – vorzugsweise einen nicht allzu kräftigen Jungen mit weitem Hemdkragen oder einem aus der Hose hängenden T-Shirt. Damit die Hagebutte ihrem Kampfnamen gerecht werden konnte, mussten die «Arschkratzer» in Kontakt mit dem Allerwertesten gelangen. Auf den dadurch verursachten Juckreiz spielt auch ein anderer, in Süddeutschland und Österreich verbreiteter Name der Hagebutte an: Arschkitzel.

Der juckende Jux dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Kinder vor vierzig Jahren noch ein paar heimische Pflanzen mehr erkannten als heute. Doch auch sie wussten meist nicht, wie segensreich die Hagebutte der Hundsrose wirken kann, wenn man sie anders einsetzt – nämlich als Tee, Marmelade, Zutat beim Kochen oder als Naturarznei.

Auch nach dem ersten Frost

Wo man Hagebutten oft finden kann, würde schon ihr Name verraten, wären dessen Bestandteile heute noch geläufig – wobei Butte nur die dickliche, runde Form beschreibt. Hag indes ist ein altes Wort für Hecke, weshalb die Hundsrose (Rosa canina) auch Heckenkirsche genannt wird.

Der Hund vor der Rose im Namen soll dabei nur heissen, dass man den hundsgemeinen, also sehr gewöhnlichen Strauch vielerorts finden kann, etwa an Wegrändern oder Böschungen, an denen er auch gezielt als Bodenfestiger gepflanzt wird.

Seine roten Scheinfrüchte werden meist im Oktober oder November noch vor dem ersten Frost geerntet, sind aber auch den ganzen Winter hindurch noch gut geniessbar, auch frisch. Nur die Samen in der Butte, die eigentlichen Früchte, sollten ihrer kleinen Widerhaken wegen zuvor entfernt werden.

Pulver entzündungshemmend

Das süsssaure Fruchtfleisch weist sehr viel Vitamin C (Ascorbinsäure) auf. Es enthält etwa zwanzigmal so viel davon wie Zi­tronen. Reichlich enthalten sind aber auch Provitamin A sowie die Vitamine B1, B2, E und K, ausserdem Fruchtsäuren und lebenswichtige Spurenelemente (Mineralien).

Als «Fructus cynosbati» (Scheinfrüchte) werden die getrockneten roten Beeren gehandelt, die darin enthaltenen Nüsschen als «Semen cynosbati». Gängige Früchtetees enthalten zu grossen Teilen Bestandteile von Hagebutten. Daraus hergestellte Marmelade gilt als appetitanregend. Hagebuttenmus wird in der Naturheilkunde auch gegen Gicht und Rheuma verwendet, das aus den Kernen gepresste Öl zur Hautpflege.

Viele Früchtetees enthalten zu grossen Teilen Bestandteile von Hagebutten. Bild: Fotolia
Viele Früchtetees enthalten zu grossen Teilen Bestandteile von Hagebutten. Bild: Fotolia

Gemäss skandinavischen Studien helfen Bestandteile der ­Hagebutten nachweislich gegen Arthrose und Gliederschmerzen. Ob Hagebuttenpulver auch gegen chronische Rückenschmerzen hilft, hat vor einigen Jahren die Universität Freiburg im Breisgau herausfinden wollen. An der Studie nahmen 112 Patienten teil, die über Dauerschmerzen im unteren Rücken klagten. Die Testpersonen nahmen täglich fünf bis zehn Gramm Hagebuttenpulver ein.

Bei über 60 Prozent von ihnen liessen die Beschwerden deutlich – um mindestens die Hälfte der früheren Stärke – nach, und zwar nach 18 Wochen. Das Pulver wirkt antientzündlich, lindert Schmerzen und verzögert die Zerstörung von Gelenkknorpeln – und dies mit deutlich weniger Nebenwirkungen als übliche Schmerzmittel.

Mit schwarzem Käppelein

Doch nicht nur dem Menschen munden und nutzen die Hagebutten. Für etliche Vogel- und Säugetierarten sind die reifen Früchte eine willkommene, weil wohlschmeckende Nahrungsquelle. Im Herbst suchen Igel, Rotfüchse und verschiedene Mäusearten Hagebuttenbüsche auf, um sich die Früchte schmecken zu lassen. Und auch Amseln, Sing- und Wacholderdrossel sowie Rotkehlchen und viele andere Vogelarten wissen gerade im kargen Winter diese leicht zu findende Nahrungsquelle zu schätzen – und verbreiten über die unverdaulichen Samen den Strauch weiter.

Im Frühjahr wiederum summen Wildbienen und flattern Schmetterlinge rings um die Blüten der Heckenrose und saugen daraus Nektar. Über hundert Kleinlebewesen finden laut Experten im Wildrosenstrauch Nahrung.

Auch das Liedgut hat die Hundsrose bereichert: Denn wenn es im rund 170 Jahre alten Volkslied aus der Feder August Heinrich Hoffmanns von Fallersleben heisst, ein Männlein stehe im Walde «ganz still und stumm» und habe «von lauter Purpur ein Mäntlein um», dann meinte der Dichter des Deutschlandliedes nicht etwa den Fliegenpilz, sondern die Scheinfrucht der Hundsrose.

Das verrät freilich erst die seltener gesungene Schlussstrophe des eingängigen Liedes: «Das Männlein dort auf einem Bein, mit seinem roten Mäntelein und seinem schwarzen Käppelein, kann nur die Hagebutte sein.»

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