Die düstere Kunst des Küssens

Peter von Matt wird 80 und widmet sich der Dramaturgie der Leidenschaft: In seinem Buch «Sieben Küsse» flaniert der grosse Germanist auf dem Grat zwischen Glück und Unglück.

Sei umschlungen: «Der Kuss» von Edvard Munch, 1897.

Sei umschlungen: «Der Kuss» von Edvard Munch, 1897.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Es ist die bizarrste Kussszene der deutschen Literatur, masslos und monströs. Geschrieben hat sie Heinrich von Kleist in seiner ­Novelle «Die Marquise von O...». Diese Marquise, eine junge Witwe, wird von der Familie als vermeintliche Sünderin verstossen, nachdem ein Unbekannter sie vergewaltigt hat.

Als ihre Unschuld offenkundig wird, kommt es zur Versöhnung mit dem Vater. Versöhnung? Auf dem Lehnstuhl sitzend hält er seine Tochter in den Armen, drückt ihr «lange, heisse und lechzende Küsse» auf den Mund, tränentriefend, «wie ein Verliebter!», schreibt Kleist, und: «Die Tochter sprach nicht.»

Unbestechlicher Skeptiker

Generationen von Germanisten haben sich über diese Szene gewundert, sich die Finger wund geschrieben. Kein Wunder, dass auch Peter von Matt sich ihrer annimmt, mehr noch: Das Kleist-Kapitel «Die Szene als Monster» ist so etwas wie das Herzstück seines neuen Buchs, das sich mit der literarischen Kunst des Küssens beschäftigt.

 Das Kleist-Kapitel «Die Szene als Monster» ist so etwas wie das Herzstück seines neuen Buchs, das sich mit der literarischen Kunst des Küssens beschäftigt.

Von Matt nähert sich der kleistschen «Versöhnungs­orgie» mit dem Blick des unbestechlichen Skeptikers. Er misstraut der Germanistenzunft, die darin mit Vorliebe eine inzestu­öse Vergewaltigungsszene sieht. Kann es sein, dass wir sie missverstehen, weil uns die Gefühlskultur des 18. Jahrhunderts gänzlich fremd geworden ist und jeder Versöhnungsakt unter «Kitschverdacht» steht? Der Autor kennt die Antwort nicht, er setzt kostbare Fragezeichen, lässt die Widersprüche lodern.

Von Matt, der im Mai 80 wird, ist mehr als ein gewitzter Germanist. Er ist eine widerborstige ­intellektuelle Instanz. Und er ist ein begnadeter Stilist, der in seinen Büchern und Essays weit über die Literatur hinausblickt. In «Sieben Küsse» ist das nicht anders. Von Matt widmet sich singulären Kussszenen, bei Virginia Woolf, bei F. Scott Fitzgerald, bei Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Marguerite Duras und Anton Tschechow. Er tut es als akribischer Leser, der in den Eingeweiden des Textes wühlt.

Von Matt macht fassbar, wie sich in einem einzigen Kuss die Energie eines ganzen Werks verdichten kann. Und wie sich durch und durch profane Schriftsteller in religiöse Metaphern flüchten, um festzuhalten, was nicht festzuhalten ist: Den Kussmoment schlechthin. Von Matts Studien sind wie kleine Krimis, in denen sich der Interpret dramaturgisch geschickt an die Kussszenen heranpirscht.

Von Matt macht fassbar, wie sich in einem einzigen Kuss die Energie eines ganzen Werks verdichten kann.

Dabei hat er stets das grosse Ganze im Blick: Vom Küssen als «Allerweltsgeschäft» spannt er den Bogen zur «unabsehbaren Wildnis der Glückserfahrungen», zur menschlichen Existenz. Und er entwickelt eine heitere kulturgeschichtliche Theorie des Küssens, die bei den «hunderttausend» Küssen des römischen Dichters Catull ansetzt.

Überraschend professoral

Vier Jahre sind seit dem Erscheinen von «Das Kalb vor der Gotthardpost» vergangen, Peter von Matts letztem Band, der ihm den Schweizer Buchpreis einbrachte. Die funkelnde Eleganz, mit er aus einem einzigen Gemälde die «Seelengeschichte» der Schweiz herauslas, bleibt unübertroffen. Auch «Sieben Küsse» reicht nicht daran heran.

Manche Passagen lesen sich überraschend professoral, ja geradezu spröde, als ob der emeritierte Literaturwissenschaftler alte Vorlesungen hervorgeholt hätte. Doch immer wieder blitzt die Leidenschaft auf, formt er Gedanken zu fabelhaften Sätzen, wird er zum Verführer.

Zugleich leuchtet er das Abgründige aus, das in der Kunst des Küssens verborgen liegt. «Das Wissen vom Glück bringt das Gegenteil hervor», schreibt von Matt. «Das einzige Lebewesen auf dem Planeten, das vom Glück weiss, trägt diese Erkenntnis mit sich herum wie ein Messer in der Brust.»

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