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Autorin der Stille

Für ihr aussergewöhnliches Werk wurde die Westschweizer Autorin Pascale Kramer am Donnerstagabend mit dem Grand Prix Literatur 2017 ausgezeichnet.

Preisträgerin Grand Prix: Pascale Kramer (55).
Preisträgerin Grand Prix: Pascale Kramer (55).
Keystone

Pascale Kramers Romane erzählen von Durchschnittsleben, die aus dem Ruder laufen, von erstarrten Liebesbeziehungen und von gewöhnlichen Familien, aus denen eine Tragödie erwächst. Fast schmerzhaft detailliert beschreibt die Westschweizer Autorin die inneren Konflikte und seelischen Erschütterungen ihrer Protagonisten, stets in Verbindung mit einer sorgfältig gezeichneten Szenerie, die unerträglich ruhig ist – egal, ob eisig kalt oder feuchtschwül erstickend.

Pointiert und eindringlich

Am Donnerstag wurde Kramer in der Schweizerischen Nationalbibliothek Bern mit dem Grand Prix ­Literatur 2017 geehrt. Der mit 40'000 Franken dotierte Preis würdigt eine Persönlichkeit, die sich auf einzigartige Weise für die Schweizer Literatur einsetzt – und das kann man von Kramer wirklich behaupten.

Die 55-jährige Autorin kann ein beachtliches Werk vorlegen: Dreizehn Bücher hat sie publiziert, wovon vier auf Deutsch erschienen sind. Der Durchbruch gelang ihr mit dem dritten Roman «Manu» (1995), für den sie mit dem Prix Dentan ausgezeichnet wurde. Schon darin zeichnet sich ihr unverkennbarer Stil ab: Pointiert schildert sie kleinste Seelenregungen ihrer Figuren, untersucht innere Konflikte, meist herausgewachsen aus festgefahrenen Gewohnheiten.

Mit «Die Lebenden» («Les vivants», 2000) fand Kramer in der Übersetzung von Andrea Spingler erstmals auch einen Platz in der deutschsprachigen Literatur. Der Roman, ausgezeichnet mit dem Prix Lipp Suisse, thematisiert den tragischen Unfalltod zweier Kinder und das Ausein­anderbrechen fragiler Familienstrukturen.

Kind und Tod sind wiederkehrende Motive in Kramers stilistisch und thematisch geschlossenem Werk. So auch in ihrem letzten auf Deutsch erschienenen Roman «Die unerbittliche Bru­talität des Erwachens» («L’implacable brutalité du réveil», 2009), für den sie unter anderem den Schillerpreis erhielt. Darin schildert die Autorin eindringlich die Hilflosigkeit einer Frau mit postnatalen Depressionen.

Eifrige Vermittlerin

Die in Genf aufgewachsene Autorin arbeitete nach ihrem Studium in Lausanne in einer Zürcher Werbeagentur, doch schon früh zog es sie nach Paris, wo sie auch heute noch lebt. Einige Monate pro Jahr verbringt sie in L. A., wo sie französische Romane an Filmproduzenten vermittelt.

Kramers minutiöse Prosa hinterlässt den Eindruck räumlicher Randständigkeit: bescheidene soziale Milieus und verlorene Orte, die eine Ästhetik des Hässlichen zelebrieren. Erst diese Entfernung von der Gesellschaft und die daraus wachsende Stille erlaubt es, jene leisen menschlichen Unsicherheiten herauszuspüren, die dem Leser von Kramers Geschichten unter die Haut gehen.

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