Franz Hohler und die Klimajugend

Es tropft im ewigen Eis: Konzert Theater Bern zeigt Franz Hohlers «Cengalo der Gletscherfloh». Ein Weihnachtsmärchen über den Klimawandel – ohne Glitzer und Glanz, aber mit einem tollen Finale.

Irina Wrona als Lawine bringt das Wintermärchen so richtig ins Rollen. Foto: pd/Annette Boutellier

Irina Wrona als Lawine bringt das Wintermärchen so richtig ins Rollen. Foto: pd/Annette Boutellier

Michael Feller@mikefelloni

Die Gletscherflöhe sind wahnsinnig zappelig. Und der Oberzwaspel unter ihnen heisst Cengalo (Thomas U. Hostettler). Seine Frau Cengala (Grazia Pergoletti) arbeitet auf der Bank, die Kinder sind in der Schule, und Cengalo, der Hausmann, träumt von seinem Durchbruch als Musiker. Bald ist das Gletscherfest, dort will er sich als Sänger und Gitarrist beweisen. Doch am Text muss noch gefeilt werden. Bald kommt die Familie zum Mittagessen. Es gibt Schnee mit Gletschersalz. Und bald zeigt sich: Das kuschelige Gletscherspalten-Heim ist in Gefahr. Es ist zu warm, trotz Winter, es tropft von der Decke – die Kinder Cengalina und Cengalino (Irina Wrona und Chrischi Weber) wissen Bescheid: Das ist der Klimawandel.

Hüpfende Klimajugend

Gletscherflöhe sehen aus wie Dreck auf dem Eis, halten es als einziges Lebewesen das ganze Jahr im Gletscher aus und sterben bereits bei 12 Grad, lernen wir im Programmheft zu «Cengalo der Gletscherfloh». Franz Hohler wurde beauftragt, das diesjährige Weihnachtsmärchen von Konzert Theater Bern zu schreiben. Mit den Gletscherflöhen wählte er eine unmittelbar vom Klimawandel betroffene Spezies. Ohne Gletscher keine Gletscherflöhe. Flöhe mögen ja lästig sein. Aber wenn sie nicht mehr da sind, dann fehlt ein Glied in der Nahrungskette.

«Cengalo der Gletscherfloh» ist letztlich zu nahe an der Realität, um wirklich verzaubern zu können.

Die Uraufführung am Freitagabend im Stadttheater zeigt: Franz Hohler trifft den Puls der Zeit. Die jungen Gletscherflöhe schwänzen zwar nicht die Schule, aber sie nehmen wie die Klimajugend das Heft in die Hand. Sie rütteln ihre Eltern auf, die entweder unwissend sind oder Ignoranten. Würde sich der passionierte Berggänger Hohler nicht schon seit Jahrzehnten Sorgen um das Klima machen, man müsste ihm fast Opportunismus vorwerfen.

Maeder auf dem Schneetöff

Neben den Cengalos lernen wir die Familie von Ratter the Knatter (Stéphane Maeder) kennen, mit Mutter Rita (Sibylle Aeberli) sowie den Kindern Kät und Pät (Aline Beetschen und Lukas Dittmer). Die vier haben einen Schneetöff und einen Swimmingpool, der vom geschmolzenen Eis gespeist wird. Die Familien sind befreundet, aber auch Rivalen: Ratter the Knatter ist Sänger der Rockband Eiger-Nerds, worum ihn Cengalo beneidet. Jetzt will unser Floh solo antreten.

Leider gerät der Aufbau der Geschichte etwas langatmig, und man fragt sich zur Pause nach einer Stunde, wo hier der Zauber, das Spektakel, der Glanz und das Leuchten bleiben, die so ein Weihnachtsmärchen doch ausmachen. Die Bühne wirkt statisch, und obwohl die natürlich dauernervösen Flöhe rumzappeln ohne Ende, kommt wenig Bewegung auf die Bretter.

Doch, oh Wunder, nach der Pause wendet sich das Blatt, jetzt geht die Post ab. Nun stehen die vorwitzigen Kinder im Fokus. In der Schule (Grazia Pergoletti stark als Lehrerin) lernen sie die Lawine kennen (Herausragend: Irina Wrona). Die singt, nachdem sie spektakulär und unter Blitzlichtgewitter über die Bühne gedonnert ist, erst einmal ein Lied. Gesungen wird viel und nach der Pause auch im Takt. Bald gehts musikalisch weiter am Gletscherfest, bei dem Cengalo seinen grossen Auftritt hat. Er gewinnt, wird aber letztlich doch von der Gletscherfloh-Klimajugend auf die Ränge verwiesen, die mit ihrem finalen Song nun auch die Menschen aufrüttelt.

Konzert Theater Bern hat für die Inszenierung auf ein märchenerprobtes Duo zurückgegriffen: Regisseurin Meret Matter und Stärneföifi-Musikerin Sibylle Aeberli haben am Zürcher Schauspielhaus bereits mehrmals Märli mit viel Musik inszeniert, weit grössere Kisten und weit spektakulärer. «Cengalo der Gletscherfloh» ist letztlich zu nahe an der Realität, um wirklich verzaubern zu können.

Aufführungen bis 2. Januar

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