Es war einmal eine grosse Erzählerin

Schauspielerin, Politikerin, Geschäftsfrau: Eine Biografie über Trudi Gerster (1919–2013) beleuchtet Facetten einer Frau, die viel mehr war als die «Märchentante der Nation».

  • loading indicator
Helen Lagger@FuxHelen

Es war einmal ein Mädchen aus St. Gallen, das Märchen erzählen konnte wie kein anderes. Der Zweite Weltkrieg stand kurz bevor, als Nestlé für ihr «Kinderparadies» an der Landesausstellung eine Märchenfee suchte. Gerster, die eben die Schauspielschule Zürich absolviert hatte, bewarb sich und wurde vom Fleck weg engagiert.

In einem goldenen Brokatkleid und mit einem Krönchen aus Blech auf dem Kopf fand die hübsche Neunzehnjährige ihre Berufung: Erzählen. Gar ein Bundesrat soll der von Gerster präsentierten Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern gelauscht haben. 78'000 Kinder hörten ihr im Laufe dieses Sommers im Zeichen der geistigen Landesverteidigung zu. Als sich die Tore der Ausstellung schlossen, war Gerster ein Star.

Kein normales Kind

Das Label «Märchentante der Nation» war indes nicht immer schmeichelhaft gemeint. Spätestens als Gerster sich als Politikerin betätigte, nutzten ihre Gegner den Begriff, um sie abzuwerten.

Die Biografie «Trudi Gerster. Ein facettenreiches Leben» würdigt Gerster als Schauspielerin, Radiostar, Politikerin und Geschäftsfrau. Der Autorin Franziska Schläpfer gelingt ein Text, der Gersters schillernde Persönlichkeit, ihren Witz und ihre Intelligenz ins Zentrum rückt. Statt Gersters Leben chronologisch nachzuerzählen, beleuchtet Schläpfer die Facetten der Märchenerzählerin in zehn Kapiteln mit Titeln wie «Die Magierin» oder «Die Streitbare».

Erinnerungen wie etwa jene von Trudi Gersters Tochter Esther Jenny vervollständigen das Bild einer unermüdlichen Macherin, die auch die eigenen Grosskinder in ihr Märchenbusiness einspannte. «Es ist besser, sein Leben zu sehr auszufüllen, als zu wenig», pflegte Gerster zu sagen, die 2013 im Alter von 93 Jahren verstarb und gerne hundert geworden ­wäre.

Geboren wird Gerster 1919 in St. Gallen als erstes Kind eines Schriftsetzers und einer Stickerin. Früh entdeckt die ausge­sprochene Leseratte ihr Talent. Sie erzählt den Geschwistern und Nachbarskindern Lisa Tetzners gesammelte Märchen und liebt es, damit im Mittelpunkt zu stehen. Die jüngere Schwester erinnert sich: «Trudi war kein normales Kind. Sie war immer der Star.»

Poltern und säuseln

Ein durch und durch märchenhaftes Leben? Nicht unbedingt. 1946 zieht Gerster mit ihrer grossen Liebe, dem Chemiker Walter Jenny, nach Basel. Sie wird Mutter und gibt der Kinder wegen die Schauspielerei auf, nicht aber das Märchenerzählen. Als ihre Tochter vier und ihr Sohn zwei Jahre alt ist, verlässt Jenny die Familie. Auch Gersters zweiter Ehemann, der Schauspieler Maximilian Wolters, ist mehr Frosch als Märchenprinz und geht bald eigene Wege.

Die Sitzengelassene füllt mittlerweile mit ihrer Erzählkunst Theatersäle und Turnhallen. Gerster ist stolz auf ihre Stimme, die poltern, säuseln, knurren kann. «Wenn ich vom Wolf erzähle, dann spüre ich den Wolf in mir, der kommt quasi in mich hinein und beginnt einfach wölfisch zu reden», fasst sie ihre Gabe zusammen.

Während 70 Jahren fasziniert Gerster ihr Publikum und wird zum Synonym für Märchen in der Deutschschweiz. Diese als Volksgut zu erhalten und zu verbreiten, sieht sie als ihre Lebensaufgabe. Sie «vergerstert» die Originale, verharmlost manche Figuren – etwa indem sie den Wolf vermenschlicht und ihn Grüezi sagen lässt. Gersters «Kinderstunden» aus dem Radiostudio Basel sind ein Riesenerfolg, bis Mitte der 1970er-Jahre spielt sie sechzig Platten ein und publiziert drei Erzählbücher.

Das Kapitel «Die Kämpferin» würdigt Trudi Gersters politisches Engagement. 1968 wird die Parteilose auf der Liste des Landesrings der Unabhängigen (LdU) in den Basler Grossen Rat gewählt. Das «grüne Trudi» lanciert eine «Aktion für den Baum», die in das schweizweit erste Baumschutzgesetz mündet. Ausserdem engagiert sie sich für Suchtprophylaxe, für arbeitslose Jugendliche und Frauenförderung.

An der Fasnacht 1969 wird sie als «Grossrotchäppli» ver­äppelt. Davon lässt sich Gerster nicht beirren. Sie ist überzeugt: «Fantasie ist nicht nur ein heiteres Gedankenspiel, sondern eine schöpferische Kraft, die die Welt verändern könnte.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt