Ein Berner in New York

Seit 1989 macht er Kunst im öffentlichen Raum. Nun will der Berner Künstler Philipp Krebs 300 überdimensionale Ballone auf Roosevelt Island in New York platzieren.

Kein Mann der kleinen Gesten: Philipp Krebs mit seinem Modell der in New York geplanten Rieseninstallation «Flying Freedoms». Foto: Susanne Keller

Kein Mann der kleinen Gesten: Philipp Krebs mit seinem Modell der in New York geplanten Rieseninstallation «Flying Freedoms». Foto: Susanne Keller

Helen Lagger@FuxHelen

«Ich schicke euch den Lift runter», sagt Philipp Krebs (58) durch die Gegensprechanlage. Einmal ausgestiegen, steht man direkt in der Maisonettewohnung des Künstlers, der mit einer riesigen Installation alle Augen New Yorks auf sich ziehen will. Die Birma-Katzen Sissi und Muffi kommen neugierig die Treppe herunterspaziert. Hier wohnt Krebs mit seiner Frau Denka und Tochter Lexa.

Die Einrichtung zeugt von seiner Liebe zu Farben und Stilbrüchen. Ein Siebdruck von Warhol, eine Designerlampe aus Plastik und ein goldener Spiegel ergeben ein fröhliches Ganzes. Ein schwarzweisses Foto zeigt Krebs mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder. Leider seien alle verstorben, sodass ihm nur eine Halbschwester in Lima bleibe, wo er geboren sei, so Krebs.

Sein Vater, ein Schweizer Gastronom, liess sich mit seiner polnischstämmigen Frau berufshalber in Peru nieder. 1968, als Krebs sieben Jahre alt war, kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Krebs studierte an der Fachhochschule in Burgdorf Architektur und arbeitete schliesslich für die renommierten Oswald-Architekten. Er sei nicht glücklich gewesen und habe sich oft geärgert.

Bis er sich gesagt habe: «Jetzt mache ich mein eigenes Ding!» Krebs erinnert sich, wie er ein Atelier mietete und beschloss, Kunst zu machen. Das Blöde sei gewesen, dass er überhaupt keinen Plan gehabt habe. So habe er eine Zeit lang jeden Morgen sein Gipfeli gegessen und die Zeitung gelesen, ohne irgendeine Idee zu haben.


So soll «Flying Freedoms» in New York aussehen. PD / Flyingwalls.co

Dass er, der früher Architekt gewesen war, den öffentlichen Raum bespielen wollte, lag auf der Hand. «Uferlos» hiess schliesslich seine erste Plastik, die er in Thun aus schweren Eisenplatten 1989 schuf. Im gleichen Jahr gründete er die Gruppe «Flying Walls» und holte so Freunde mit ins Boot, die ihm bis heute als freiwillige Helfer zur Verfügung stehen.

Mit der Installation «Air Wave» (1990) schuf Krebs eine erste Intervention, die für grössere mediale Aufmerksamkeit sorgte: Gemeinsam mit seinem Team hatte Krebs die Kirchenfeldbrücke während vierzehn Tagen mit orangen Stoff­­­bahnen eingekleidet, die im Wind schwankend das Konstrukt der Brücke in Bewegung zu versetzen schienen.

Klar denkt man da an den grossen bulgarischen Verpackungskünstler Christo – und liegt nicht falsch. «Christos Kunst hat mich immer fasziniert und inspiriert», so Krebs. Er sei 1994 kurzerhand nach New York gereist, um den Künstler kennen zu lernen. Dieser habe ihn ganz unprätentiös empfangen und sich für seine Projekte interessiert.


Die von Krebs verkleidete Kirchenfeldbrücke 1990. PD/ Flyingwalls.com

«Das war ein wenig, wie wenn die Champions League auf einen Amateurverein trifft.» Sein New Yorker Projekt sei damals allerdings gescheitert, da seit der Wahl des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani kein kunstfreundlicher Kurs mehr geherrscht habe.

Umso mehr freut sich Krebs, dass er nun sein lange gereiftes Projekt doch noch realisieren kann. «Wir haben eine Bewilligung für 2020 und werden auf Roosevelt Island in New York 300 überdimensionale Ballone installieren», erzählt er. Bis zum 9. Dezember läuft auf der Website Wemakeit.com ein Crowd­funding für das mit 650000 Franken budgetierte Projekt.

Mit Symbolkraft

Krebs ist kein Mann der kleinen Gesten. Die mehrfarbigen Ballone seiner Installation «Flying Freedoms» sollen eine Fläche von 35000 Quadratmetern einnehmen. Krebs zeigt anhand eines Architekturmodells, wie man sich das Ganze vorstellen muss. Die Farben der Ballone haben Symbolkraft. Sie repräsentieren je eine der vier Freiheiten, die der einstige US-Präsident Franklin D. Roosevelt während des Zweiten Weltkrieges definierte: Blau für die Redefreiheit, Grün für die Glaubensfreiheit, Rot für das Recht, keine Not erleiden zu müssen, und Gelb dafür, keine Furcht haben zu müssen.

Es seien vier fundamentale Rechte, die jeder Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern schulde, findet Krebs. Da dies aber vielerorts nicht der Fall sei, gebe es auch graue Flächen auf den Ballonen, die für die Unfreiheiten in vielen Ländern stünden. Die Ballone werden teils mit Helium und teils mit Luft gefüllt, sodass sie auf unterschiedlichen Höhen liegen oder schweben. An manchen Stellen bilden die Ballone einen sich im Wind bewegenden Baldachin, unter dem die Besucher durchgehen können.

Krebs und sein Team, das aus Ingenieuren und PR-Leuten besteht, wollen mit der UNO zusammenarbeiten und träumen von einer Vernissage mit allen grossen Leadern der Welt. Wie man Prominente an Bord holt, weiss Krebs bestens. Für eine Installation vor der Schweizer Botschaft in Berlin – natürlich mit roten und weissen Ballonen – hatte er den damaligen Botschafter Thomas Borer kontaktiert. Er habe ihm gesagt, sie würden sich vom Golfspielen kennen. Zwar spielt Krebs tatsächlich seit dreissig Jahre Golf – trotzdem war die Mitteilung geflunkert.

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