Die WG wird erwachsen

Immer mehr Menschen leben in Wohn­gemeinschaften – nicht nur Studenten, sondern zunehmend auch Berufstätige. Unser Autor blickt auf zehn Jahre WG-Leben zurück und fragt sich: Könnte das ewig halten?

Von der Studi- über die Familien- zur Alters-WG: Wo liesse sich dieser Prozess besser beobachten als in der Küche einer Wohngemeinschaft?

Von der Studi- über die Familien- zur Alters-WG: Wo liesse sich dieser Prozess besser beobachten als in der Küche einer Wohngemeinschaft? Bild: Karin Widmer

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Nie hätten wir das vorausgesagt. In wenigen Monaten feiern wir bei uns zu Hause zehn Jahre Wohngemeinschaft – eine Dekade des Zusammenlebens, als Mitbewohner, Freunde, ja als eigentliche Wahlfamilie. In zwei Städten haben wir gewohnt, drei ­Wohnungen, mit wechselnden Mitbewohnenden, zahlreichen Untermietern, und immer dabei: J. und ich. Beide um die dreissig. Beide berufstätig. Dabei ist die WG doch was für Studis, oder?

Während der Ausbildung ziehen junge Leute zusammen, oft in einer fremden Stadt, um Gleichgesinnte kennen zu lernen und Geld zu sparen. Dann kommt der Abschluss, der erste Vollzeitjob und bald darauf die erste eigene Wohnung. Damit verliert die WG ihre Berechtigung. So zumindest lautet die gängige Vorstellung .

Wohngemeinschaft holt auf

Doch es gibt einen Trend in unserer Gesellschaft, der dieser widerspricht. Ein Trend mit vielen Namen – Studi-WG, Alters-WG, Business-WG, Hilfs-WG –, die im Grundsatz doch alle dasselbe Phänomen bezeichnen: die Zunahme des nicht familiären Zusammenlebens.

2010 gab es in der Schweiz noch 52 010 sogenannte Nichtfamilienhaushalte mit mehreren Personen. Das waren 1,5 Prozent aller Haushalte im Land. Bis 2014 ist diese Zahl auf 75'300 angestiegen, was 2,1 Prozent ausmacht. Noch ist das wenig im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, doch die die Zunahme beträgt über 40 Prozent. Die Auflösung der klassischen Familienstruktur hat neben dem Alleinwohnen auch einen kleinen Gegentrend ausgelöst: Im Schatten der sich mehrenden Einzelhaushalte wächst die Anzahl Wohngemeinschaften.

Erster Grund: Das Geld

Wer mit Menschen spricht, die in WGs wohnen, stellt schnell fest, dass es dafür zwei grundlegende Gründe gibt. Erstens: das Geld. Und zweitens: die Gefühle.

Als das deutsche Immobilienportal wg-gesucht.de im vergangenen Jahr bekannt gab, dass der Anteil der WGs mit Berufstätigen auf ein Drittel gestiegen war, befragte die «Hannoversche Allgemeine Zeitung» einen Experten nach den Gründen. «Eigentlich suchen viele eine Singlewohnung», erklärte Professor Michael Voigtländer, Immobilienökonom am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. «Aber diese sind gerade in den Metro­polen stark nachgefragt und entsprechend rar und teuer.»

Das ist der erste Grund fürs WG-Leben. Der nüchterne.

In der Schweiz geht die Entwicklung in eine ähnliche Richtung – insbesondere in den städtischen Zentren, wo günstiger Wohnraum schwer zu finden ist. Als ich 2007 in Freiburg in meine erste WG zog, hätte ich mir eine eigene Wohnung nicht leisten können. Oder präziser: Ich hätte auf den Komfort einer Wohnung mit separatem Wohnzimmer an zentraler Lage verzichten müssen.

Also suchte ich Gleichgesinnte, Kommilitonen, die ich mehr schlecht denn recht kannte, und mietete mit ihnen zusammen eine Wohnung an der Route des Arsenaux. Fünf Gehminuten von der Uni entfernt, vier Schlaf- und ein Wohnzimmer, eine offene Küche, ein Balkon und zwei Badezimmer. Perfekt für den Moment, doch auch wenn es damals niemand aussprach, war klar: Diese Wohnung hat ein Ablaufdatum. Nach zwei, drei, vielleicht vier Jahren würden wir unser Studium abgeschlossen haben und weiterziehen. Dann würde unsere WG Geschichte sein.

Zweiter Grund: Die Menschen

Doch mit dem Zusammenleben kam die Freundschaft. Wir kochten zusammen und lernten, wir feierten und luden zu Partys ein, tanzten auf den Tresen der Zähringerstadt und krochen am nächsten Morgen gemeinsam verkatert durch die Wohnung. So weit, so Studi-WG.

Dann erreichten wir das nächste Level. Wir begannen, über Persönliches und Intimes zu sprechen, über Ängste und Sorgen, Träume und Hoffnungen. Wir weinten über Krankheiten und über Todesfälle. Wir lachten zusammen. Wir feierten Weihnachten zusammen. Wir sprachen uns Mut zu oder tranken ihn uns an – und am Ende jedes Abends, wenn in der WG das Licht ausging, war das Leben ein bisschen besser geworden. Die Wohngemeinschaft war jetzt unser Zuhause. Wir waren eine kleine Familie.

Das ist der zweite Grund fürs WG-Leben. Der emotionale.

WG bis ans Lebensende?

Nach zwei Jahren neigte sich unsere Zeit in Freiburg dem Ende zu. Aber wir wussten, dass es nicht das Ende der WG sein würde. Wir zogen aus und blieben doch zusammen. Gemeinsam verschoben wir unseren Lebensmittelpunkt nach Bern, fanden eine Wohnung in der Länggasse und lebten drei weitere Jahre zusammen.

Dann zog eine Mitbewohnerin mit ihrem Freund zusammen und der Mitbewohner in eine andere WG. J. und ich suchten eine neue Wohnung, eine neue Mit­bewohnerin, eine neue Gemeinschaft. Wir hielten das Projekt am Leben. Bis heute.

Nun fiebern wir dem 10-Jahr-Jubiläum entgegen und fragen uns: Kann man ewig so weiter­leben?

Die Erfahrung sagt: eher nicht.

Der Trend sagt: Möglich wärs. Mittlerweile ist die WG in alle ­erdenklichen Lebensabschnitte vorgedrungen.

Hilfs-, Berufs-, Alters-WG

Es gibt die institutionalisierte WG. Citycom 2 heisst ein WG-Haus in Wien, das 2011 vom Österreichischen Siedlungswerk errichtet wurde. An zentraler Lage vereinigt es 42 Wohngemeinschaften, die zentral ausgeschrieben und vermietet werden. Keine Haupt- und Nebenmieter, kein zusätzlicher Aufwand – hier wohnt es sich wie in einer gewöhnlichen Wohnung. Nur eben in Gesellschaft.

Es gibt die Business-WG. WG4u in Düsseldorf bietet nach eigenen Angaben ein «flexibles Rundum-sorglos-Wohnpaket» für jeden, der neu in der Stadt ist. Heisst: Im entsprechend hohen Mietpreis sind nicht nur die Möbel inbe­griffen, sondern auch die Mit­bewohner. Das Angebot richtet sich vor allem an Geschäftsleute, die öfter mal den Wohnort wechseln und nur schwer Anschluss finden.

Es gibt die Hilfs-WG. In Aeschi bei Spiez haben Thomas und ­Anita Erb Baumgartner ein Haus mit sechs Zimmern gemietet, in dem sie auch pflegebedürftige Personen einquartieren. «Wir führen eine Wohngemeinschaft mit älteren Bewohnern und Kindern», sagt das Ehepaar. Beide sind entsprechend ausgebildet – sie führen quasi eine Spitex im Privathaus.

Und es gibt die Alters-WG. Im Berner Lorrainequartier lebt ein Dutzend älterer Menschen in der Wohngemeinschaft «füfefüfzg». Weil sie sahen, dass Bekannte im Alter immer mehr vereinsamten, zogen sie 2001 in eine eigens ­umgebaute Liegenschaft. Privatsphäre schufen sie sich mit ab­getrennten Wohnungsteilen. Im Gemeinschaftszimmer wird der Zusammenhalt gepflegt.

Wahrlich, an Angeboten und Ideen mangelt es nicht. Bleibt die Frage: Sind das nicht primär Modelle für Alleinstehende? Ist die Beziehung der natürliche Feind der Wohngemeinschaft? Unsere Erfahrung zeigt: ja und nein.

Beziehung auf Distanz

Wer aus unserer WG ausgezogen ist, wohnt heute im Ausland oder zusammen mit der Partnerin oder dem Partner. Zuvor jedoch haben unsere Ex-Mitbewohnenden teils jahrelang Beziehung und WG miteinander vereinbart. Und auch J. und ich haben in den vergangenen Jahren längere Beziehungen geführt – dennoch sind wir der WG treu geblieben. Das setzt eine gewisse Offenheit voraus, man sollte die Unabhängigkeit lieben und die Mitbewohnenden des Partners mögen. Am Ende ist es wie immer, wenn man sich auf Menschen einlässt: Man verzichtet auf ein Stückchen Privatsphäre und bekommt dafür Gemeinschaft zurück.

Das würde wohl auch Henning Scherf unterschreiben. Der ehemalige Bürgermeister von Dresden ist einer der berühmtesten WG-Bewohner Deutschlands und hat mehrere Bücher über das gemeinschaftliche Wohnen geschrieben. Seit mehr als zwanzig Jahren wohnt der 78-Jährige mit Freunden und Bekannten zu­sammen, aktuell mit sieben Mitbewohnenden. Auf drei Stöcken haben Scherf und Konsorten in der Innenstadt von Bremen ab­getrennte Wohneinheiten mit Gemeinschaftsräumen erstellen lassen.

Seit 1987 leben sie das, was in modernen Überbauungen wie der Zürcher Kalkbreite gern als Clusterwohnungen verkauft wird: etwas mehr Privatsphäre, etwas teurer, WGs für Erwachsene quasi. «Unser Ziel war es, selbstbestimmt in einer selbst gewählten Gemeinschaft zu leben», schreibt Henning Scherf. Er hegt keine Zweifel: «Die Wohngemeinschaft ist das Modell der ­Zukunft.»

Und was ist mit Kindern?

Nach zehn Jahren stimme ich dem Bremer zu. Wenn ich zurückblicke auf die WG-Dekade, auf Hochs und Tiefs, Vor- und Nachteile, dann ist für mich klar, wieso es immer mehr Wohngemeinschaften gibt.

Wenn man nach Hause kommt, ist jemand da. Wenn man mit jemandem sprechen will, braucht es keinen Anruf und kein Treffen. Die erwachsene WG ist eine Mischung aus Familienleben und Singlewohnung. Allein sein, wenn man will, aber nie allein sein ­müssen – das ist ein bestechendes Argument in einer Zeit, in der zunehmender Individualismus mit Vereinsamung bezahlt wird.

Bleibt also nur eine Hürde auf dem Weg zum ewigen WG-Leben: Was ist mit Kindern? Führt nicht der Nachwuchs automatisch zur eigenen Wohnung?

Auch darüber haben wir schon gesprochen in unserer WG. Vielleicht würden wir versuchen, mit Kindern zusammenzuleben. Vielleicht in einer Wohngemeinschaft, vielleicht auch in einer Clusterwohnung oder einer Hausgemeinschaft. Ob es klappen würde, wüssten wir nicht. Aber das wussten wir noch nie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.10.2016, 09:00 Uhr

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