Der Schwerarbeiter der leichten Muse ist tot

Sei es für Kinder oder Erwachsene: Stets spielte und schrieb er mit Leib und Seele. Mit unverändertem Engagement arbeitete er bis wenige Monate vor seinem Tod. Am Samstag starb der Komiker, Schauspieler und Autor Jörg Schneider 80-jährig.

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Er bat höflich um ein Interview und kam auf die Redaktion dieser Zeitung. In den Neunzigerjahren war das. Jörg Schneider warb für eines seiner Gastspiel im Berner Käfigturm-Theater. Einer der bekanntesten Schweizer Volksschauspieler war sich nicht zu schade, für sich und sein Ensemble bei den Medien Klinken zu putzen. Bei diesem Gespräch war er aufmerksam, aber zurückhaltend, «nein, zur Politik äussere ich mich nicht».

Die Erinnerungen älterer Zeitgenossen gehen noch viel weiter zurück. Man lachte über ihn in den Sechzigerjahren in der frühen TV-Serie «Polizischt Wäckerli». Schneider spielte einen Reisenden für Hüftgürtel, für «Hügüs». In den Siebzigern waren die Tonbandkassetten mit Schneiders Kasperli ein begehrter Zeitvertreib in ungezählten Kinderzimmern und auf langen Autofahrten. Irgendwann ärgerte Schneiders «Tra tra trallalla». Aber am Kasperli-Überdruss war nicht er schuld, sondern die Sprösslinge, die von den Zipfelmützenerlebnissen nie genug bekommen konnten.

Auch ernste Rollen

Der Kasperli-Erfolg nervte nicht bloss Eltern – sondern auch Jörg Schneider selber. Er schämte sich zwar nicht, wehrte sich aber, wenn man ihn aufs Trallalla reduzierte. Immerhin freute er sich stets, für Kinder zu spielen und zu schreiben. Er verfasste vierzig Pumuckl-Geschichten und für die Zürcher Märchenbühne viele Dialektstücke.

Nach 1980 gelang es ihm allmählich, das Kasperli-Image abzulegen. Seine Reputation stieg vor allem, weil er sich auch in ernsten Rollen bewährte. Seinen grössten Erfolg in diesem Fach hatte er als Wladimir in Becketts «Warten auf Godot», wo er mit Ruedi Walter brillierte. Viel Popularität brachte ihm die Mitarbeit bei Schweizer TV-Serien ein. Nach der «Polizischt Wäckerli»-Reihe spielte er ab 1984 in «Motel» mit und war zwanzig Jahre später bei «Lüthi und Blanc» dabei.

Letzte Tournee abgebrochen

Sei es auf der Bühne, im Film oder beim TV: Schneiders Statur setzte Schranken. Eigentlich hätte er gerne mehr ernste Rollen übernommen. Doch ein kleiner, rundlicher, wohl genährter Mann war als Held und Liebhaber nur schwer vorstellbar. Immerhin verabschiedete sich Schneider in den Sechzigern von der Schweizer Komikerszene und arbeitete während zweier Spielzeiten an der Städtischen Bühne Heidelberg.

Jörg Schneider, geboren 1935 in Zürich, war seit 1963 verheiratet. Seine Frau Romy und er hatten einen Sohn, der als 46-Jähriger nach einem Herzstillstand starb. Solange es ihm seine Krankheit erlaubte, pflegte Schneider in der gemeinsamen Wohnung im zürcherischen Wetzikon seine Ehegattin, die nach einer Rückenoperation 2013 querschnittgelähmt war.

Bei den letzten Arbeiten litt er unter seiner zunehmend schlechten körperlichen Verfassung. Den Film «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker, der im Januar 2015 in die Kinos kam, drehte er zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Mathias Gnädinger. Noch ohne zu wissen, dass er selbst schwer krank war, spielte Schneider einen Lebensmüden. «Usfahrt Oerlike» ist bislang der mit Abstand erfolgreichste Schweizer Film des Jahres. Bei der letzten Bühnentournee kam es Anfang Oktober 2014 zum Zusammenbruch. Ausgerechnet die Tournee mit dem Stück «Häppi Änd» musste er unwiderruflich aufgeben.

Zum letzten Mal an die Öffentlichkeit trat er im März, als er unter dem Titel «Äxgüsi» sein Buch mit Lebenserinnerungen vorstellte. Schneider starb am Samstag an Leberkrebs mit Metastasen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.08.2015, 06:09 Uhr

O-Ton

«Alles Gute, lieber Jörg. Wir werden dich nicht vergessen! Birreschnitz und Haselnuss, leider isch jetzt für immer uus und schlussdibuss...»
Comedian Claudio Zuccolini (Facebook)

«Der letzte Kinofilm ‹Usfahrt Oerlike› ist Schneiders Vermächtnis geworden. Darin spielte er seine erste ernste Filmrolle überhaupt.»
Ivo Kummer, Filmchef Bundesamt für Kultur (sda)

«Jörg war total ehrlich und herzlich, er brachte immer eine gute Laune mit. Als Schauspieler war er ganz nah an den Leuten dran. Er hatte diese Volksnähe, er war nie peinlich, dafür stets pointensicher.»
Beat Schlatter, Komiker und Schauspieler (blick.ch)

«Jörg Schneider war nicht nur auf der Bühne humorvoll und lustig, sondern auch im privaten Rahmen. (...) Er hatte bis zum Schluss den Humor nie verloren, auch wenn er sehr leiden musste.»
Vincenzo Biagi, Freund und Schauspielkollege (sda)

«So spielen nun Chasperli und Köbeli-Kurtli im Himmel
wieder zusammen ihre Streiche.»
Die Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin (Twitter)

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