Der Herr der Stühle

Er hat Möbelklassiker wie den Litfasssäulenschrank, den Saffa- oder den Expo-Stuhl entworfen, die noch heute modern wirken. Nach dem Schweizer Grand Prix Design wird der Berner Hans Eichenberger nun auch mit einer Ausstellung geehrt.

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Ob er wohl die Sportlichkeit seiner Besucher testen will? Wer ­Zutritt zu Hans Eichenbergers Atelier in der Halen-Siedlung in Herrenschwanden will, muss zuerst über einen Golfabspielplatz schreiten und den Eingang durch das Auffangnetz finden. Dahinter, inmitten seiner kühnen Entwürfe und Prototypen, die er während seines langen Arbeitslebens kreierte, steht sein Arbeitstisch, wo er Gäste empfängt.

Der Name Hans Eichenberger mag bei weniger designaffinen Menschen ein Stirnrunzeln auslösen, gesessen sind aber wohl die meisten schon einmal auf einem seiner Stühle oder zumindest in den SBB-Waggons mit dem blau-roten Stoff. Auch wenn er wahrscheinlich lebhaft ab­winken würde, ist der Begriff «Herr der Stühle» nicht zu weit hergeholt.

Etwas müde wirkt er an diesem sonnigen Herbstnachmittag. Seit er dieses Frühjahr die Aus­zeichnung Schweizer Grand Prix Design des Bundesamtes für Kultur erhalten habe, sei immer etwas los gewesen, erzählt er mit leiser, brüchiger Stimme. Er wühlt in den Papieren, die auf dem Arbeitspult liegen. Dutzende von Unterlagen und Berichten habe er hervorkramen müssen, dann Interviews geben, «wo ich doch überhaupt kein Redner bin». Und nun noch die von Joan Billing und Samuel Eberli kuratierte Ausstellung im Architekturforum Zürich sowie ein Buch über sein Schaffen. All diese Ehre freut ihn sehr, aber lieber hätte er sie etwas früher erhalten. «Es hätte besser gepasst», findet der 90-Jährige.

Findiger Tüftler

Auch wenn er noch fast jeden Tag im Atelier irgendetwas «ume­nuusche», ist er doch im eigent­lichen Sinn nicht mehr kreativ ­tätig. «Wenn mir etwas Geniales in den Sinn käme, dann würde ich mich vielleicht nochmals daransetzen», meint er mit einem schalkhaften Lächeln. Es wäre noch alles da, der Zeichentisch im oberen Stock ist noch voll einsatzbereit.

Doch man mag es dem Gestalter und findigen Tüftler gönnen, sich allmählich zurückzuziehen. Zumal seine Objekte nichts von ihrer modernen Aura verloren haben. Der Saffa-Stuhl für Dietiker aus dem Jahr 1955 ­etwa. Oder der Expo-Klappstuhl von 1964. Und ebenso der Rundschrank in Form einer Litfass­säule, sein jüngstes Objekt aus dem Jahr 1994 für Wogg.

Eichenbergers Möbel scheinen in ihrer DNA ein Gen zu haben, das die Menschheit immer noch vergeblich sucht: das Gen, nie zu altern. Er lacht und weiss auch kein Rezept dazu. «Ich hatte einfach das Gspüri.» Die reduzierte Form, das klare Profil, die Ver­einfachung – sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Entwürfe. Gradlinig, schnörkellos, konsequent. Deshalb lehnte er auch die Veränderung an seinen Möbeln konsequent ab – ausser es sei aus Materialgründen. «Schliesslich habe ich mir damals auch etwas dazu überlegt.»

«Man hat mehrere ‹Goofe›, aber man hat sie alle gleich gern.»Hans Eichenberger über seine Stühle

Auf welches Objekt er am meisten stolz sei, beantwortet er mit: «Man hat mehrere ‹Goofe›, aber man hat sie alle gleich gern.» Sie seien ja auch nicht vergleichbar miteinander. Natürlich freut es ihn, dass sie auch heute noch gefragt sind. «Vor zwei Jahren kaufte die ETH fünfzig Saffa-Stühle, das ist schon ein Kompliment.» Und Design + Design macht in Kooperation mit Teo Jakob und De Sede eine Jubiläumsedition des Sessels HE 113 aus dem Jahr 1956. Dabei sind gerade Sitz­möbel die schwerste Disziplin. Und genau ihrer hat sich der Berner in besonderem Mass angenommen. «Der Stuhl ist einem am nächsten, man sitzt darauf und hat direkten Kontakt.»

Da kam Eichenberger sein Erstberuf als Schreiner zugute. Aber er war auch ein guter Möbelzeichner. Eichenberger selbst bezeichnet sich ganz bescheiden als Autodidakt und spielt fast entschuldigend auf seine schmale Schulbildung an. Während andere an Hochschulen studierten, holte er sich in Paris bei Marcel Gascoin sein Rüstzeug. Und er beobachtete genau, was andere grosse Gestalter entwarfen – Le Corbusier etwa oder Marcel Breuer.

Nicht nur aus Holz

Sein Schaffen beschränkte sich nicht allein auf das Entwerfen von Möbeln. Schon gar nicht nur aus Holz; er arbeitete oft mit Metall, Leder oder Kunststoff. Als passionierter Sportler entwickelte er auch Skibindungen – und die Ski gleich dazu. Sie hängen in seinem Atelier, sie wirken so modern und zeitlos, als hätte er sie eben erst entworfen. Oder die verstellbare Stehleuchte, die er Mitte der 1950er-Jahre für seine Frau Maria entworfen hatte, eines der berühmtesten Werke seines Schaffens.

Und da ist auch seine Zusammenarbeit mit dem Atelier 5, die über 35 Jahre dauerte. Für das Berner Architekturbüro ge­staltete er Inneneinrichtungen. Wie diejenige für die Muster­wohnungen in der Halen-Siedlung, wo er selbst wohnt und sein Atelier hat. Obwohl zwischen 1957 und 1960 erbaut, gilt Halen noch heute als Meilenstein ­moderner Siedlungsarchitektur. Stolz führt er erst durch sein Atelier, wo man auf jedem Zenti­meter Fotos, Pläne oder Zeichnungen findet, dann durch das darüber liegende Haus. Auch das Café im Berner Kunstmuseum aus dem Jahr 1983 trägt seine Handschrift. Eine Überarbeitung braucht auch dieses nicht. Es ist zeitlos modern – wie alles von Hans Eichenberger.

Hans EichenbergerAusstellung im Architekturforum Zürich, bis 3. Dezember, Brauerstrasse 16, Sonntagsmatinee mit Führungen am 27. November. Buch:«Hans Eichenberger. Protagonist der Schweizer ­Wohnkultur», Scheidegger & Spiess, ca. 50 Fr. www.hanseichenberger.ch

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