Der helle Wahnsinn

Forscher zeigen auf, welches Ausmass die Umweltverschmutzung durch Licht angenommen hat. In Städten wie Singapur ist es so hell, dass die Augen der Einwohner gar nicht mehr auf Dunkelheit umschalten können.

Die Lichtverschmutzung in der Schweiz: Wer einen wirklich dunkeln Nachthimmel will, muss in die Alpen.

Die Lichtverschmutzung in der Schweiz: Wer einen wirklich dunkeln Nachthimmel will, muss in die Alpen.

(Bild: Screenshot Cires)

Die Lichtverschmutzung, also die Umweltverschmutzung durch Licht, wird weltweit immer mehr zum Problem. Ein internationales Forscherteam legt jetzt einen Atlas mit aktuellem Daten- und Kartenmaterial vor, der dokumentiert, wie sehr wir die Nacht zum Tage machen. «Dieser Atlas zeigt, dass mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung und mehr als 99 Prozent der Bevölkerung Europas und der USA unter einem lichtverschmutzten Himmel leben», resümiert Fabio ­Falchi vom Wissenschafts- und Technologieinstitut für Licht­verschmutzung Istil in Thiene, Italien.

Schon seit Jahren schlagen Astronomen, Biologen und Mediziner angesichts des weltweit zunehmenden Lichtsmogs Alarm. Unsere Städte sind eingehüllt in gigantische Lichtglocken: Grelle Leuchtreklamen, Skybeamer, angestrahlte Bauwerke, endlos brennende Solarlampen, hell ­erleuchtete Bürogebäude, weit streuende Strassenbeleuchtungen – selbst Berggipfel werden inzwischen künstlich angestrahlt.

Diesen hellen Wahnsinn führt der aktuelle Atlas der Lichtverschmutzung vor Augen, in den nicht nur die neuesten Satellitenbilder und Daten eingeflossen sind, sondern auch das Datenmaterial, das an 21'000 Orten auf der ganzen Welt ermittelt wurde. «Ein Drittel der Menschheit kann die Milchstrasse nicht mehr sehen», erläutert Falchi, «darunter 60 Prozent der Europäer und 80 Prozent der Nordamerikaner.»

Dunkles Afrika

Am schlimmsten lichtverschmutzt ist Singapur. Dort «lebt die gesamte Bevölkerung unter einem Nachthimmel, der so hell ist, dass die Augen gar nicht mehr vollständig auf Dunkelheit umschalten». Auch in vielen anderen Ländern muss ein Grossteil der Menschen mit einer taghellen Nacht zurechtkommen: In Kuwait sind das 98 Prozent der Bevölkerung, in den Vereinigten Arabischen Emiraten 93 Prozent, in Saudiarabien 83 Prozent und in Israel 61 Prozent.

Im Gegensatz dazu leben laut den Forschern in Zentralafrika und auf Madagaskar drei Viertel der Menschen noch unter einem natürlichen Nachthimmel. Kleinere Regionen, die vom hellen Wahn bisher verschont geblieben sind, gibt es aber auch in den dichter besiedelten Ländern.

Erhöhtes Krebsrisiko

So wie bisher kann es mit der Umweltverschmutzung durch Licht nicht weitergehen – diese Meinung vertreten vor allem Astronomen, Biologen und Mediziner sicher. Während die Astronomen den Nachthimmel schlicht und einfach nicht mehr beobachten können, gehen Mediziner wie Richard Stevens von der Universität Connecticut unter anderem von einem erhöhten Krebsrisiko aus. Dies, weil das Schlafhormon Melatonin, das das Tumorwachstum hemmt, nur in der Dunkelheit ausgeschüttet wird.

Biologen beklagen indes die negativen Auswirkungen auf die Natur. Unzählige Insekten sterben in den Lampen, Zugvögel werden von Skybeamern abgelenkt, frisch geschlüpfte Wasserschildkröten von Lichtern so sehr irritiert, dass sie den Weg ins Meer nicht mehr finden.

Initiativen gegen Licht

Trotz alledem gibt es aber Hoffnung. Vielerorts engagiert man sich schon jetzt für den dunklen Nachthimmel, und so manche Stadt oder Gemeinde geht mit gutem Beispiel voran. Andreas Hänel von Dark Sky, einer Vereinigung für Sternenfreunde, appelliert an die Konsumenten: «Es kommt darauf an, das Licht nicht nur energiesparend, sondern auch bedarfsorientiert einzusetzen.»

Mit der Umstellung auf eine warmweisse LED-Beleuchtung mit möglichst geringem Blau­anteil biete sich eine Chance, der Lichtverschmutzung Einhalt zu gebieten. Abgeschirmte Leuchten könnten das nach oben und zur Seite gelenkte Licht reduzieren, und auch Blendungen würden sich so vermeiden lassen. «Da das Licht dorthin gelenkt wird, wo es wirklich benötigt wird, nutzen solche Leuchten auch das Licht und damit die Energie am effizientesten aus.»

Berner Zeitung

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