Zum Hauptinhalt springen

Der Gin und seine Auswüchse

Alles gab es schon aus dem Bündnerland, alles ausser einem Gin. Dank einem Zürcher Banker und einem Basler Wirtschaftsjuristen hat sich das geändert.

Drei Männer und ihr Brennkessel (v.l.): Gustav Inglin und Beat Sidler lassen ihren Breil Pur Gin bei Gion Candinas in Surrein brennen.
Drei Männer und ihr Brennkessel (v.l.): Gustav Inglin und Beat Sidler lassen ihren Breil Pur Gin bei Gion Candinas in Surrein brennen.
Jakob Menolfi

Diese Geschichte beginnt wie ein Witz: Ein Banker und ein Wirtschaftsjurist Anfang 50 spielen zusammen Golf. Beide haben sie ein ähnliches Handicap. Beide sind erfolgreich in ihrem Beruf. Beide haben in der Nähe des Golfplatzes im Bündnerischen Brigels ein Ferienhaus. Hierher kommen sie, um sich zu entspannen und um nachzudenken. Anfang 2013 sitzen die beiden nach einer Runde Golf beim Bier. Beide in ähnlicher Stimmung. Beide denken: «Da fehlt doch noch was.»

Der Banker will von seinem Job nichts mehr wissen, der Wirtschaftsjurist arbeitet noch im Konsumgütersektor. Der Banker will reisen gehen, mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, die Volkshochschule besuchen und mehr Sport machen. Der Wirtschaftsjurist will: «Endlich eine eigene Marke.»

Drei Jahre später haben beide ihre alten Jobs nicht mehr.

Von Hand

Der Banker heisst Gustav Inglin, Jahrgang 1962, der Wirtschaftsjurist Beat Sidler, Jahrgang 1963. Sie sitzen auf dem Vorplatz der Destilleria Candinas in Surrein, wenige Kilometer entfernt von Brigels. Während sie über ihre letzten drei Jahre sprechen, wandert der Blick immer wieder hinauf zu den Hügeln der Surselva. Die beiden wirken gelassen, ausgeglichen, geradezu entspannt. Die Arbeit ist vorläufig getan. Am Vortag haben sie 650 Flaschen mit Breil Pur, London Dry Gin, abgefüllt – alles von Hand.

Am Vortag haben sie 650 Flaschen mit Breil Pur, London Dry Gin, abgefüllt – alles von Hand.

Aus der Idee beim Bier ist ein einträgliches Geschäft geworden. Ein Qualitäts-Gin, der heute etwa im Schweizerhof und Hotel Bellevue in Bern, im Hotel Widder in Zürich, im Trois Rois in Basel ausgeschenkt wird, der im gehobenen Fachhandel wie Loeb im Regal steht, der in Deutschland, Irland, den Beneluxländern und Kolumbien getrunken wird. Das ging schnell, aber nicht reibungslos. Am Anfang standen viele Fragen.

Alles gibt es schon

Die beiden könnten jetzt genauso gut vor einer Käserei oder einer Brauerei sitzen. Aber nein, es ist die Lohnbrennerei der Familie Candinas, wo sie ihre Beine ausstrecken. Die Destilleria Candinas gehört zum hiesigen Tal wie die rätoromanische Sprache zum Bündnerland. Seit sechs Generationen kommen die Bauern der ganzen Gegend hier vorbei, um ihr Obst in Schnaps verwandeln zu lassen. Und seit 2014 brennen Candinas in einem zweiten Ofen eben auch Gin.

Was sich Inglin und Sidler an jenem Abend beim Bier ausgedacht hatten, war Folgendes: «Wir wollten ein eigenes, hochstehendes Produkt für Geniesser. Und weil wir uns in Brigels kennen gelernt haben, etwas aus der Region», sagt Sidler. So stand am Anfang eine Liste mit Produkten aus Graubünden. Dann bereisten die beiden die Region. Nach ein paar Wochen die ernüchternde Erkenntnis: «Es gibt schon alles.» Käse, Gewürze, Kosmetik, alles.

«Wir wollten ein eigenes, hochstehendes Produkt für Geniesser. Und weil wir uns in Brigels kennen gelernt haben, etwas aus der Region»

Beat Sidler

Einige Wochen danach erhielt Beat Sidler eine Einladung zu einer Gin-Degustation in Basel. Auf der Einladung waren Kräuter abgebildet. «Auch auf unserer Liste hatten wir Kräuter aufgeschrieben», sagt Inglin. «Und da war uns klar: Alles gibt es schon aus dem Bündnerland, nur einen Gin nicht.» Also besuchten sie diese Degustation. Dort erkundigten sie sich beim Organisator nach dem Markt. Der sagte: «Oh ja, den gibt es», und dazu nannte er ihnen einen Namen: Dr. David Clutton, auch Dr. Gin genannt, die Koryphäe in England, was Gin-Rezepte angeht.

Dr. David Clutton – Dr. Gin

Und dann sollte es losgehen. Aber wie? Vorher waren es sich die beiden gewohnt, Hunderte von Angestellten zu haben. Für jedes Problem gab es eine zuständige Person, gar eine ganze Abteilung. «Plötzlich musste ich die Agenda selber führen», sagt Inglin. «Plötzlich gibt es nicht einfach eine Telefonnummer, wenn der Drucker kaputt ist.» Beat Sidler fast zusammen: «Plötzlich musst du dich um jeden Mist kümmern.» Und noch eine Hürde gab es: Sie hatten keine Ahnung von Gin. So liessen sie sich erst mal bei Gastro Suisse zu Spirituosen-Sommeliers ausbilden.

Danach war einiges klar. Sie wollten: «Einen Bio-Gin aus Bündner Quellwasser, mit Weizen-Alkohol, Alpenwacholder, Alpenrosenblüten und Schokoladenminze», sagt Sidler und hebt die Augenbrauen. Diese Rezeptur schlugen sie auch Dr. David Clutton vor. Und dem gefiel, was er da las. Gin aus Alpenwacholder gab es noch nicht. Er begann zu tüfteln. Monatelang flogen Päckchen mit Gin-Proben nach England und zurück, bis Clutton eines Tages schrieb: «Das Produkt ist fertig – es ist einzigartig.»

Und nun? Wie schafft man es, dass der eigene Gin auch in die Bars und in die Regale der Läden kommt? Ganz einfach. Man «putzt Klinken». Man geht vorbei und lässt die Verantwortlichen probieren. Man geht an Messen, knüpft Kontakte. Einzig: «Unser Gin soll nur dort erhältlich sein, wo es auch Beratung gibt. Keine Onlineshops», betont Beat Sidler.

Die dritte Kreation: Old Tom Gin. Bild: zvg
Die dritte Kreation: Old Tom Gin. Bild: zvg

Heute, im dritten Jahr ihres neuen Lebens, ist die Produktion einträglich, «die Rechnung geht auf», sagt Beat Sidler und will mehr nicht verraten. Vor kurzem haben der Banker und der Wirtschaftsjurist nach einem Sloe Gin nun bereits ihre dritte Kreation auf den Markt gebracht. Einen Old Tom Gin mit Bienenhonig.

Selbst ist der Gin-Produzent

Einträglich ist es also, das neue Leben. Und erträglich auch? «Vorher hatte ich 60-Stunden-Wochen», sagt Inglin. «Sitzung nach Sitzung», jetzt sei die Natur der Chef. Und die gibt auch zu tun. Denn jetzt machen sie eben alles selber. Und das heisst, wirklich alles.

Sie suchen die richtige Flasche aus, die Etikette, machen Werbung und reden mit der Presse. Sie füllen jede Flasche von Hand ab, kleben jede Etikette selber auf, schreiben sie selber an und liefern die Bestellung selber aus. Es gibt keine PR-Abteilung, keine Marketing-Leute, keine Buchhalter, nichts.

«Wochen hat es gedauert, bis wir überhaupt wussten, wie man ein Produkt exportiert.»

Beat Sidler

«Wochen hat es gedauert, bis wir überhaupt wussten, wie man ein Produkt exportiert», seufzt Sidler. Die einzelnen Zutaten sind übrigens handgepflückt. Den Alpenwacholder sammelt ein 80-jähriger Mann namens Kräuter-Harry in Pontresina. Die Schokoladenminze wird aus dem Tessin angeliefert.

Und die Alpenrosenblüten? Diese Geschichte endet wie ein Witz. Ein ehemaliger Banker und ein Ex-Wirtschaftsjurist wandern mit ihren Ehefrauen durch die Bündner Alpen und sammeln Alpenrosenblüten. Viele Blüten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch