Der ganze Giacometti

Das Kunsthaus Zürich zeigt den Schweizer Plastiker Alberto Giacometti von einer neuen, sensibleren Seite.

Mehr als nur Bronze: Giacomettis Skulpturen im Kunsthaus Zürich.

Mehr als nur Bronze: Giacomettis Skulpturen im Kunsthaus Zürich.

(Bild: zvg)

Zürich wartet mit einer Superla­tive auf. 253 Werke Alberto Gia­comettis versprechen nicht we­niger, als dass wir dem wohl prominentesten Schweizer Künstler des letzten Jahrhunderts bei der Arbeit zusehen können.

Die Ausstellung verschwistert das Kunsthaus intensiver mit der Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris und macht den sensibelsten Giacometti-Fundus erstmals umfassend öffentlich: die Werke aus Gips, Ton, gelegentlich auch Plastilin, die jedem Bronzeguss in oft mehrfacher Ausführung ­vorausgegangen oder gefolgt sind.

Kollektiv verbinden wir Alberto Giacometti mit jenen Plastiken, die den Menschen in seiner existenziellen Verletzlichkeit zeigen. Hager sind die Stehenden und Gehenden, zerklüftet die Köpfe der Reifezeit. Giacomettis Bronzen erlangen heute Höchstpreise und nobilitieren jede Sammlung, die sich ernsthaft des Menschenbilds im 20. Jahrhundert annimmt.

Nicht nur Bronze

«Alberto Giacometti – Material und Vision» schliesst die Bronze nicht aus. Der grosse, chrono­logisch angelegte Parcours zeigt «den ganzen Giacometti». Gerade deshalb fokussiert er auf jene Materialien, die dem obsessiven Plastiker ein Leben lang keine Ruhe liessen. Denn wenn Giacometti eine Figur vorbereitet und für den Bronzeguss freigegeben hatte, konnte er zum Gips zurückkehren und das poröse Ma­terial erneut angreifen.

Im Anerkennen alles Vorläufigen, allen Probens und Variierens liegt die Leistung der grossen Zürcher Schau. Sie fusst im Kern auf jenen 75 Gipsfiguren, die aus familiärem Eigentum 2006 als Schenkung in die Alberto-Giacometti-Stiftung eingegangen sind. So wird etwa die «Tête qui regarde» (1956) in je einer Fassung aus gebranntem Ton, aus Gips, aus ­Marmor beziehungsweise aus Bronze vorgestellt. Solches ist einmalig, schon deshalb, weil die fragilen Materialien das Wandern der ganzen Schau nicht zulassen werden.

Die Suche als Konstante

Die Kammern, die den langen Saal im Obergeschoss gliedern und zur intimeren Kunstbegegnung einladen, haben Mass genommen an der Grösse von Giacomettis Atelier in Paris – jenem Schlupfwinkel, wo er bis wenige Wochen vor seinem Tod an der Verwirklichung seiner Vision arbeitete. Die Schau setzt an mit der Jugendzeit im bündnerischen Bergell, geht über zu frühen Köpfen und Bildnissen, mündet in die breit aufgefächerte surrealistische Phase.

Spätestens hier offenbart sich der Jahrhundertkünstler, der intensiv teilhat am künstlerischen Aufbruch im Paris der Zwischenkriegszeit. Irrationales Wissen um die Dinglichkeit der Welt sind in dreidimensionale Objekte gebannt.

Im «Atelier von Stampa» halten wir inne: Da steht der hölzerne Tisch, der schon dem Vater, Augusto Giacometti, als Arbeitsunterlage gedient hatte. Er trägt unabsichtliche Spuren – vielleicht, aber nicht ausschliesslich künstlerischen Tuns. Und wie schon am Anfang, wo eine höl­zerne Truhe aus dem Elternhaus zum Bildträger geworden ist, sind wir erinnert an das, was das Werk letztlich trägt: das Wissen um eine Herkunft, um ein Kommen und ein Gehen, dem das Standbild immer und immer wieder ­etwas Bleibendes abzuringen sucht.

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