In der Hochhausfalle

Erfolgreiche Thrillerware vom Reissbrett: J. P. De­laneys «The Girl Before».

«Domestic Noir» oder «Atlantic» nennt sich das, was da seit einiger Zeit das angestammte Krimigenre gehörig aufmischt – und ziemlich verändert. Bücher, in welchen das Grauen in der ­Doppelhaushälfte, im schicken Eigenheim an der Bahnstrecke lauert. Oder – wie im Fall des soeben mit mächtigem Werbegetöse in die Buchhandlungen gelangten Thrillers «The Girl Before» – im ultracoolen, ultramodernen Londoner Wohnkomplex eines geheimnisvollen Stararchi­tekten.

Der klassische Ermittlerkrimi hat vorerst ausgespielt. Stattdessen berichten junge, gut gestellte Ehepaare oder junge urbane Frauen von ihren Albträumen, die sich in ebenjenen neuzeit­lichen Wohngefängnishöllen ereignen. Gillan Flynns Megaseller «Gone Girl» machte den Anfang, «Girl on the Train» von Paula Hawkins war die Folge. Und nun also J. P. Delaneys «The Girl Be­fore» – ein Buch wie am Reissbrett ersonnen, weil versetzt mit all jenen Erfolg versprechenden Ingredienzien, nach denen das grosse Publikum giert.

Mächtig Dampf

Wie schon die «Girl»-Vorgängerthriller macht auch Delaney in seinem Buch von der ersten Zeile an mächtig Dampf. Und tatsächlich entfaltet seine Geschichte der jungen Jane, die nach längerer Wohnungssuche glücklich im hochmodernen Wohngebäude des Stararchitekten Edward Monckford landet, einen starken Sog. Doch schon der Untertitel des Thrillers «Sie war wie du.

Und jetzt ist sie tot» zeigt an, auf was Delaney mit seiner Story hinauswill: auf die Geschichte des junge Frauen verschlingenden Hauses, in dem nun die ahnungslose Jane an der Reihe ist, um von dem sinistren Monckford gefressen zu werden. Also erzählt uns Delaney in knappen, aufeinanderfolgenden Kapiteln auch Emmas Geschichte, ihrer Vorgängerin, von deren mysteriösem Ableben Jane irgendwann erfährt – und woraufhin sie Nachforschungen anzustellen beginnt.

Dunkle, gefahrvolle Dinge kommen ins Rollen – und wer «Gone Girl» schätzte und «Girl on the Train» liebte, der wird auch in «The Girl Before» sein kurzweiliges Leseglück finden. Denn J. P. Delaney versteht es gekonnt, Szenen aus Jim Sheridans thematisch sehr ähnlichem Kinofilm «Dream House» von 2011 mit Motiven aus J. G. Ballards Roman «High-Rise» zu verschmelzen, in welchem eine Riege gut ­situierter Bewohner eines hochmodernen Luxuskomplexes finstere Exzesse aus Drogen und Gewalt zelebrieren. Die Szenen rauschen an einem vorbei. Schnell und zeitgemäss knapp getaktet.

Gedrucktes Thrillerkino

Die Richtung kann nur lauten: Bestsellerliste. Das spricht nicht gegen das Buch. Denn liest man an dem ganzen Werbegetöse, das um dieses Buch bereits vorab entfacht wurde, vorbei, so erwarten einen zwei Stunden gedrucktes, gut gemachtes Thrillerkino.

«Wunderschön», sage ich. Von innen ist das Haus elegant und durchgestylt wie eine Galerie. «Einfach wunderschön», sagt Jane, als sie das erste Mal nichts ahnend in Monckfords luxuriöser Hausfalle steht. Und tatsächlich wird sie dort ihre Wunder erleben. Doch die sind am Ende dunkelblau – und alles andere als schön.

J. P. Delaney: «The Girl Before», ­Penguin-Verlag, 398 Seiten.

Berner Zeitung

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