Ein musikalisches Festessen

Die Polster­gruppe lud zum Liegekonzert in die Berner Dampfzentrale. Die neue Formation um Stephan Eicher und Schlagzeuger Simon Baumann ist mehr als eine Band.

Will das Publikum mit Zuneigung überhäufen. Die Polstergruppe rund um Stephan Eicher (l.).

(Bild: Iris Andermatt)

Nie sei man einer Grauzone-Reunion so nah gewesen, meint Stephan Eicher und wirft einen Blick hinüber zu Marco Repetto, der hinter seinen elektronischen Gerätschaften steht: Ganz in Schwarz, wie alle fünf Männer auf der Bühne und der Espresso, den Barista Adrian Iten von Adrianos Bar & Café ihnen und dem Publikum serviert.Grauzone, das waren die Berner Techno-Pop-Pioniere mit dem Kulthit «Eisbär», der die Achtzigerjahre vertonte wie kaum ein anderes Lied. Marco Repetto spielte damals Schlagzeug, Stephan Eicher den Synthie – der Song stammte von Eichers Bruder Martin.

Zeichen der Zuneigung

Es geht definitiv nicht um Nostalgie an diesem Samstagabend, zu dem die neue Formation Polstergruppe eingeladen hat. Doch es gibt Parallelen: Wie Grauzone pflegt auch die Polstergruppe einen cineastischen Zugang zur Musik und stürzt sich lustvoll in elektronische Experimente. Das Publikum soll sich dazu entspannen. Polstergruppe-Konzerte werden in der Horizontalen genossen, und so sind die Leute in der Dampfzentrale mit Liegematten und Kissen erschienen.

«Wir wollen das Publikum mit Zuneigung überhäufen», sagt Simon Baumann, der zusammen mit Stephan Eicher der Impulsgeber der Polstergruppe ist. «Und das meine ich nicht ironisch. Wir wissen es zu schätzen, wenn die Leute sich für unsere Musik interessieren, das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.»

Baumann, der mit Eicher durch Europa tourte und ein viel beschäftigter Drummer ist, spricht aus eigener Erfahrung. Eine gewisse Ernüchterung habe sich im Musikgeschäft eingestellt, räumt er ein. Mit der Polstergruppe wolle er nun erforschen, wie es sich dereinst in zwanzig Jahren anfühlen könnte als Musiker.

Die Polstergruppe ist keine eigentliche Band, die Besetzung ist offen, die Organisation autonom, der Anspruch mehr als musikalisch. Ausser beim Kino lässt man sich etwa bei der Kulina­rik inspirieren. «Polstergruppe-Konzerte sind wie ein mehrgän­giges Essen mit Freunden, einer bringt das Apérogebäck, ein anderer das Dessert», sagt Baumann.

Entstanden ist das Projekt, als Eicher und Baumann ihr gemeinsames Flair für «absurde akustische Erlebnisse» entdeckten und solche mit dem Rekorder festhielten. Später folgten Mixtapes und schliesslich ein erstes Konzert. Mittlerweile hat sich ein erweitertes Team herauskristallisiert: Neben Eicher und Baumann sind der kanadische Songwriter und Gitarrist Martin Gallop und der Moondog-Jünger Stefan Lakatos aus Schweden mit von der Partie. Der «Wikinger» spielt auf seiner Trimba die vertracktesten Rhythmen mit stoischer Ruhe.

Dazu werden bei jedem Auftritt Gäste eingeladen – diesmal ist die Wahl auf Marco Repetto gefallen. Die Stimmung in der schummrig ausgeleuchteten Dampfzentrale ist konzentriert, beinah meditativ, auf der Bühne und im Saal. In der stündigen Performance wird nichts dem Zufall überlassen. Die meist rein instrumentalen Klangpatterns gehen nahtlos ineinander über, die Musiker spielen sich wortlos die Bälle zu, jeder Akteur hat kleine Solospots.

Dichte Atmosphären

Schön, dass die Ambient-Installationen immer wieder mit (selbst)ironischen Zwischentönen gebrochen werden, etwa wenn die Musiker und der Barista einen Kanon anstimmen. «Wir sind wie verschiedene Charaktere eines Films», meint Baumann. In der Tat: Die Polstergruppe ist eine Art Cinéma Copain ohne Bilder und schafft mit wenigen Tönen dichte Atmosphären. Als Zugabe gibt es in der Dampfzentrale eine Suppe. Sie könnte auch der erste Gang einer wunderbaren Freundschaft sein.

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