Der erste Mundart-Bestseller

Zum 150. Geburtstag von Rudolf von Tavel erscheint jetzt das Buch «Noah und Napoleon. En Erinnerung us der Chinderstube». Mundartspezialist Pedro Lenz würdigt an dieser Stelle den Berner Mundartpionier.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Jahr 1866 schrieb Fjodor Dostojewski den Roman «Schuld und Sühne». In den USA wurde der Bürgerkrieg offiziell als beendet erklärt. In Vevey gründete der Apotheker Henri Nestlé eine Firma für Milchpulver, die sich später zum Weltkonzern entwickeln sollte. In der Schweiz wurde den Juden die Gleichstellung bezüglich Niederlassung zugesprochen, nicht aber das Wahl- oder das Stimmrecht.

Überdies war 1866 das Jahr, in dem an der Spitalgasse in Bern der spätere Erfolgsschriftsteller Rudolf von Tavel zur Welt kam.Von Tavel, der im konservativen, bildungsbürgerlichen Umfeld einer alten Berner Patrizierfamilie aufwuchs, besuchte die Schulen in seiner Heimatstadt und studierte anschliessend Rechtswissenschaft in Lausanne, Leipzig und Berlin. 1891 promovierte er in Heidelberg. Danach arbeitete der gläubige Protestant viele Jahre lang als Schriftleiter des «Berner Tagblatts». Für die Konservativ-Demokratische Partei sass er zehn Jahre im Berner Stadtparlament.

Bis in die 60er-Jahre populär

Schon während seiner Berliner Studienzeit suchte Rudolf von Tavel nach einer eigenen literarischen Ausdrucksform. Seine Versuche als Theaterautor waren jedoch nicht von nennenswertem Erfolg gekrönt. Erst mit seinem Prosadebüt «Jä gäll, so geit’s» schrieb sich von Tavel in die Herzen von Kritik und Publikum. «Jä gäll, so geit’s» war der erste Roman der Literaturgeschichte in berndeutscher Sprache. Das Werk bildete für von Tavel den Anfang einer sehr produktiven schriftstellerischen Tätigkeit.

Er widmete sich zunächst nebenberuflich und ab 1920 vollzeitlich dem literarischen Schreiben. Als er 1934 starb, hinterliess er eine Reihe von historischen Novellen und Romanen, die vorwiegend in der vornapoleonischen Zeit spielen. Trotz oder wegen seiner nicht selten idealisierten Sichtweise auf die Herrschaftsepoche des alten Bern war von Tavels Literatur bis weit in die 1960er-Jahre äusserst populär. Es gab kaum einen Stadtberner Haushalt, in dem die Bücher des Mundartautors gefehlt hätten.

Das Aufkommen einer modernen, experimentelleren Mundartliteratur von Autoren wie Ernst Eggimann, Kurt Marti oder Ernst Burren zu Beginn der 1970er-Jahre veränderte die Wahrnehmung von Rudolf von Tavel. Seine Zeit schien abgelaufen. Für die 68er-Generation war er zu konservativ. Den Liebhabern einfacher, bäuerlicher Er­innerungsliteratur in Mundart erschien von Tavels Sprache zu elaboriert. Diese Vorbehalte gegenüber seiner Literatur haben sich bis heute weitgehend gehalten. Das ist bedauerlich, gebührt ihm doch zumindest die Anerkennung, die Mundart zur Literatursprache gemacht zu haben.

In der Zeitung «Der Bund» begründete von Tavel 1928 seine Sprachwahl. Im Essay «Warum schreibe ich Mundart?» erklärt er: «Ich schreibe nicht Mundart, weil mir das Bärndütsch Spass macht, sondern weil die Mundart der wirksamste Ausdruck für das ist, was ich sagen möchte, und mir am besten hilft, aus meiner Erfindung ein echtes Kunstwerk zu machen.»

Zwei Zinnfiguren im Dialog

Dass sich der politisch konservative von Tavel in seinem freien Umgang mit der Sprache zuweilen progressiver gebärdete, als ihm vielleicht selber bewusst war, lässt sich im Einzelfall leicht nachweisen. In der Erzählung «Noah und Napoleon» lässt von Tavel zwei Spielzeugmännchen in einen amüsanten Dialog treten. Die Zinnfigur des Napoleon Bonaparte begegnet darin einer Papiermaché-Figur des biblischen Archebauers.

Während die Figur des Noah beteuert, nur der berndeutschen Sprache mächtig zu sein, weil er zwar in Nürnberg hergestellt worden sei, aber immer nur in Bern gelebt habe, spricht Napoleon erst Fran­zösisch und anschliessend in einem französisch eingefärbten Deutsch, mit den typischen ­Kasusfehlern des Fremdsprachigen. Herausgegeben wurde das kunstvoll illustrierte Buch zum 150. Geburtstag Rudolf von Tavels am vergangenen 21.Dezember von der Stiftung Rudolf von Tavel.

Die kurze Geschichte «Noah und Napoleon» trägt den Untertitel «En Erinnerung us der Chinderstube», was freilich nicht heisst, dass es sich um eine reine Kindergeschichte handelt. Zweifellos ist das lesenswerte Büchlein dazu geeignet, die Neugierde der heutigen Leserschaft auf den einstigen Bestsellerautor zu ­wecken.

Rudolf von Tavel: «Noah und Napoleon. En Erinnerung us der Chinderstube» mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser und einem Nachwort von Pedro Lenz, Edition Atelier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2017, 17:01 Uhr

Artikel zum Thema

Romantische Romane aus dem Frutigland

Frutigen Bereits zwei Bücher hat Renata Werthmüller herausgegeben, ein drittes folgt. Sie zählt zu den erfolgreichsten ungarischen Autorinnen auf dem E-Book-Markt. Mehr...

Bücher und Co. gibts neu auch am Sonntag

Herzogenbuchsee Die Gemeindebibliothek lanciert einen dreimonatigen Pilot: Sie öffnet neuerdings am siebten Tag der Woche und bietet diesen Service als erste im Kanton an. Mehr...

Leihen statt kaufen

Lesefutter muss man nicht zwingend kaufen. Selbst dann nicht, wenn man auf einem E-Reader lesen möchte. Wo man digitale Bücher leihen kann? Natürlich in der Bibliothek. Mehr...

Newsletter

Das Beste aus der Region.

Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Si und Dave, die Töfflibuben

Gartenblog Blütenlos schön

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...