Der Wiederentdeckte

Der Berner Künstler Rudolf Häsler war einst mächtiger Staatsmann auf Kuba. Und einer der frühen Fotorealisten. Trotzdem sagt sein Name den meisten nichts. Dieses Jahr entdeckt ihn das Publikum wieder – aktuell durch einen Dokfilm und eine Ausstellung in Roggwil.

Rudolf Häsler in seinem Atelier in Barcelona.

Rudolf Häsler in seinem Atelier in Barcelona. Bild: zvg

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Gerhard Richter. Franz Gertsch. Rudolf Häsler. Rudolf wer? Der 1927 in Interlaken geborene Künstler war einer der ersten fotorealistischen Maler, doch erinnert sich heute kaum jemand an seinen Namen. Das ist gleich doppelt merkwürdig.

Zum einen, weil er mit seinen farbintensiven Gemälden von Hausfassaden oder Monumenten ein beeindruckendes Œuvre schuf. Zum anderen, weil Häsler nach der Revolution in Kuba das Amt des Direktors für Kunstgewerbe innehatte und somit als ranghöchste Ausländer galt – nach dem Argentinier Che Guevara, versteht sich.

Karriere auf Kuba

Eigentlich wollten Häsler und seine frisch angetraute Frau, die Kubanerin María Dolores Soler, nur zwei Wochen im Karibikstaat verbringen, doch wurden 12 Jahre daraus. Kennen gelernt hatte der ausgebildete Lehrer Soler in Granada, Spanien. Zuvor hatte der Weltenreisende unter anderem mehrere Monate in der Sahara verbracht. Auf Kuba schloss er sich der Revolutionsbewegung an.

Einmal im Amt des Kunstgewerbe-Direktors, umfasste sein Departement bald über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daneben realisierte Häsler Kunst-am-Bau-Projekte und arbeitete an seinen eigenen Bildern. Schwarzer Kaffee sei sein Doping gewesen, verriet er 1992 im «NZZ Folio».

Die Karriere Häslers nahm ein jähes Ende: Da er sich infolge der Annäherung Kubas mit der So­wjetunion gegen verschiedene totalitäre Massnahmen sträubte, fiel er bei Staatsoberhaupt Fidel Castro in Ungnade. Er wurde der Spionage bezichtigt und entlassen.

Nachdem Ausreisegesuche erst abgelehnt wurden, konnte die mittlerweile sechsköpfige Familie Soler Häsler 1969 ausreisen und sich in der Nähe von Barcelona niederlassen. «Hasta siempre, Rudolf Häsler» – entsprechende Banner sucht man vergebens in kubanischen Strassenzügen.

Wiederentdeckt

Als kubanischer Staatsmann vergessen, als Maler nie wirklich gross rausgekommen – nicht zuletzt aufgrund Häslers eigenwilliger Art. «Er verstand nicht, warum ein Galerist so viel Geld ­kassieren sollte», sagt der Berner ­Kurator und Häsler-Experte Christian Herren. So wurden Anfang der Siebzigerjahre zwar einige seiner Bilder in Nordamerika gehandelt, einer Wiege des Fotorealismus – doch immer wieder entzog sich Häsler dem Markt.

Nun, 17 Jahre nach Häslers Tod, wird er dem kunstinteressierten Publikum wieder bekannt gemacht: letzten Frühling mit einer Gemäldeausstellung im Kunsthaus Interlaken, ab diesem Wochenende mit einer Retrospektive inklusive Grafiken, Fotografien und Texten in der Bromer Art Collection in Roggwil.

Herren hat Häslers Kunst vor einigen Jahren zufällig entdeckt, zu Hause beim Immobilienhändler René Brogli, dessen Museum, die Bromer Art Collection, Herren 2013 leitete. Das Bild einer Barszene liess den Kuratoren nicht mehr los, und so begann er zu recherchieren. Brogli, der einst ähnlich zufällig über Häsler gestolpert war, besitzt rund ein Drittel des Gesamtwerks, das er meist direkt bei Häslers Familie erworben hat.

Aus diesem reichen Fundus konnte Herren schöpfen, und bald keimte bei ihm und Brogli die Idee für ein Filmprojekt auf. Da der Künstler 1999 verstorben war, tauschte sich Herren mit der Familie aus – und reiste im März 2016 für einen Dokumentarfilm nach Kuba. Zusammen mit Daniel Bleuer realisierte er die 50-minütige Doku «Coca-Castro», die am Wochenende in Roggwil Premiere feiert.

Sicht auf das Licht

In wundervollen, pastelltönigen Filmaufnahmen versuchen die beiden Regisseure, Häslers Geschichte nachzuzeichnen. Ehemalige kubanische Revolutionäre kommen ebenso zu Wort wie die Witwe und Schweizer Freunde des Künstlers. Als roter Faden dienen die Ausführungen einer fiktiven Ausstellungsführerin (Schauspielerin Irene Godel). Äusserst didaktisch kommen diese daher– und stehen im Kontrast zur teils gewagten, eher assozia­tiven Erzählweise des Films.

Überraschend ungreifbar bleibt Häsler selbst, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass es wenig brauchbare Video- und Fotoaufnahmen des Künstlers gibt. Einblick in seine Gedanken liefern Notizen, die der Berner Schauspieler Marcus Signer im Off-Kommentar vorträgt: «Als Kind mir das Schönste waren die Fahrten mit meinem Vater, dem Himmel so nah. Er war Postautochauffeur und der erste Mensch, der mir die Schönheiten dieser Welt zeigen wollte. Früh begriff ich, dass ich es bin, der die Sicht bestimmt.»

Häsler, der seine Sujets oft fotografierte, ehe er sich an die Leinwand machte, richtete seinen Blick immer wieder auf Details – eine Fleischbank in New York, eine Tür in Kuba, ein Schaufenster in Tokio, auf dem Neonlichter reflektieren. So realistisch, als wäre es nicht ein Bild an der Wand, sondern ein Fenster zur Welt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.11.2016, 11:15 Uhr

Film und Ausstellung

Die Bromer Art Collection in Roggwil zeigt von 13. November bis 19. März 2017 eine Retrospektive zu Rudolf Häsler mit Werken aus der eigenen Sammlung. Im Rahmen der nicht öffentlichen Vernissage findet am Samstag die Filmpremiere zu «Coca-Castro» statt. Der Film ist auch in der Ausstellung zu sehen. 2017 wird ein Werkkatalog zu Rudolf Häsler erscheinen (Autor: Christian Herren). Im Gegensatz zum Film soll mit der wissenschaftlichen Publikation ein Fachpublikum angesprochen werden. stc

Foto­realistisch: «Grosser Fleischerstand» (1984) von Rudolf Häsler.

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