«079»: Wie weit darf ein Song gehen?

Sie hält ihre Telefonnummer zurück – und er lässt trotzdem nicht locker. Ist der Text von «079» des Berner Duos Lo & Leduc problematisch?

«Sie will es auch»: Stalker-Songs sind weit verbreitet.

(Bild: iStock/Montage BZ)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Das versetzt jeder Fanseele einen Stich: Ein geliebtes Lied wird aufgrund fragwürdigen Inhalts angeprangert. Eben geschehen im Fall von «079» des Berner Duos Lo & Leduc – ein Song, der auch bekannt ist als «grösster Schweizer Hit aller Zeiten». Juso-Präsidentin Tamara Funiciello kritisierte in einem Beitrag des Berner Regionalsenders TeleBärn den Text des Radioohrwurms, um den dieser Tage kaum jemand herumkommt.

Der Überhit «079» von Lo & Leduc. Quelle: youtube.com

Dieser sei sexistisch, weil der besungene Mann das «Nein» seiner Angebeteten nicht anerkenne. Ob sexistisch oder nicht: Tatsächlich belästigt er die Mitarbeiter des telefo­nischen Auskunftsdiensts: «De gäbs nume no 10 Millione Kom­binatione, ja. U weni nächär pro Minute drü vo de Nummere usprobier – de chönns maximau nume sächsehaub Jahr lang ga, bisi ihri fing.»

«079» ist in bester Gesellschaft, denn viele Lovesongs thematisieren eigentlich hartnäckiges bis kriminelles Balzen. Der wohl berühmteste Stalker-Song aller Zeiten ist «Every Breath You Take» von The Police. Wer das Video unten anschaut, sollte spätestens beim Betrachten von Stings stechendem Blick erkennen, dass es sich hierbei nicht um einen harmlosen Schmusesong handelt.

«Every Breath You Take» von The Police. Quelle: youtube.com

«Bei jedem Atemzug, bei jeder Bewegung, bei jedem gebrochenen Versprechen, bei jedem Schritt: Ich werde dich beobachten» – weder der Refrain noch die britische Band selbst machten je ein Geheimnis daraus, dass es im 1983 veröffentlichten Song um einen Verfolger geht.

Und auch «I Will Possess Your Heart» (2008) der US-Band Death Cab for Cutie klingt nur beim flüchtigen Hinhören nach einem idealen Antrags-Soundtrack.

Death Cab for Cutie mit «I Will Possess Your Heart». Quelle: youtube.com

Denn Textstellen wie «Es gibt Tage, an denen sehe ich vor deinem Fenster meine Reflexion vorbeiziehen» zeigen, dass es sich um einseitiges Interesse handelt. Ach ja, und der Titel: «Ich will dein Herz besitzen.»

Hinter dem einen oder anderen Stalker-Song stecken persön­liche Erfahrungen. Die kanadische Sängerin Sarah McLachlan hat 1993 mit «Possession» (Be­sessenheit) ihre Erfahrungen mit einem aufdringlichen Fan in romantisch-schwelgerischen Tönen verarbeitet.

Sarah McLachlan singt «Possession». Quelle: youtube.com

Derweil schreit sich Blondie-Sängerin Debbie Harry in «One Way Or Another» (1978) ihre Erfahrungen mit einem «durchgeknallten» Ex-Freund aus dem Leib.

«One Way Or Another» von Blondie. Quelle: youtube.com

Und schlüpft in seine Haut: «Ich werde an deinem Haus vorbeifahren. Und wenn die Lichter alle aus sind, werde ich schauen, wer da ist. Auf dem einen oder dem anderen Weg: Ich werde dich kriegen, kriegen, kriegen, kriegen!» Im besten Fall führen Erfahrungen mit Stalkern zu Kunst.

Dann gibt es natürlich auch jene Songs, in denen Künstler Aufdringlichkeit mit Engagement verwechseln. Klar, manchmal ist Hartnäckigkeit tatsächlich geboten und romantisch. Aber klingt das wirklich so wie in Sidos «Nein» (2008)? «Ich weiss, sie will es auch, sie ist bestimmt ne wilde Sau!»

Der Deutsche Rapper Sido mit «Nein». Quelle: youtube.com

Zu Unrecht heisst es in solchen Fällen schnell: Das ist Ironie! Oder: Kunst darf alles! Doch das wäre zu einfach. Schliesslich ist es eine der Hauptaufgaben von Kultur, sich Gesellschaftsdis­kursen zu stellen – beispielsweise über das Verhalten zwischen den Geschlechtern. Und in Zeiten, in denen Männer in der ­Genfer Altstadt Frauen krankenhausreif prügeln, ist eine solche Debatte alles andere als über­flüssig.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Romantisiert «079» einen Stalker? Kaum. Seine Schöpfer lassen ihn am Ende sterben – nicht als tragischen Helden, sondern als Trottel, der vors Tram läuft.

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