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Ausgerechnet der Corona-KanzlerKurz spaziert ohne Maske durch Menschenmenge

Noch vor zwei Monaten verhängte Sebastian Kurz ein hartes Corona-Regime. Jetzt spaziert der Kanzler durch ein österreichisches Dorf, in dem man vom Abstand-Halten nicht viel hält.

Ohne Maske in Vorarlberg: Ein Besuch bei Fans bringt Sebastian Kurz Kritik ein.
Video: ARD/BR

Die Freude, ach was, das Frohlocken war gross, als Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz nun das Kleinwalsertal in Vorarlberg besuchte. Die Menschen schwenkten rot-weiss-rote Fähnchen. Es war ein grosses Geklatsche und Gedränge ob dieser Kanzlererscheinung. Und von den wenigen Leuten, die Masken trugen, liessen die meisten sie sogleich fallen. Sebastian Kurz lächelte und staunte, und schliesslich sagte er: «Ihr seids ein bisserl eng beinand.»

Es war die erste Reise des Kanzlers nach zehn Wochen Wiener Krisenarbeit im Kampf gegen das Coronavirus. Der Ausflug in Österreichs fernen Westen sollte auch als Signal verstanden werden, dass die schweren Zeiten wieder leichter werden. Dies jedoch ändert nichts daran, dass in Österreich weiterhin für alle vom Kanzler abwärts und seitwärts die regierungsamtlich verordneten Abstandsregeln gelten – und diese wurden im Kleinwalsertal doch recht grob missachtet, wie auf einem Video zu sehen ist, das die «Vorarlberger Nachrichten» ins Netz stellten.

Gleich mehrmals sprach der Kanzler, den man in Wien nur noch hinter Plexiglas sieht, den fehlenden Abstand an. «Wir haben alle Zeit der Welt», warb er, nachdem er sich den Weg durchs Empfangskomitee hatte bahnen müssen. «Bitte auseinandergehen», forderte Kurz. «Ich bitte euch alle, a bissl an Abstand zu halten, so gut als möglich.» Die Reaktion darauf: ein paar laut vernehmbare Lacher.

Den Ernst der Lage musste schliesslich das Kanzleramt hinterher noch in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur Apa unterstreichen: «Egal ob man den Bundeskanzler oder Freunde auf der Strasse trifft: Der Abstand ist einzuhalten.» Da war es allerdings schon zu spät. Im Netz verbreiteten sich Spott und Wut angesichts der missglückten Inszenierung.

Ein veröffentlichtes Video zeigt, wie sich Kurz ohne Maske einen Weg durch die Menschenmassen bahnt und für ein paar Fotos posiert. Der in Österreich geltende 1-Meter-Abstand war aber auch bei den Selfies nur schwer einzuhalten.

«Wir haben in Österreich schneller und restriktiver reagiert als in anderen Ländern, deshalb haben wir jetzt die Möglichkeit, schneller aus dieser Krise herauszukommen», hatte Sebastian Kurz Anfang April gesagt.
«Wir haben in Österreich schneller und restriktiver reagiert als in anderen Ländern, deshalb haben wir jetzt die Möglichkeit, schneller aus dieser Krise herauszukommen», hatte Sebastian Kurz Anfang April gesagt.
Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images

Bei einer kurzen Ansprache gesteht der Kanzler dann ein: «Wir improvisieren da jetzt ein bisschen. Jetzt sind viele Leute da. Ich bitte euch alle, ein bisserl einen Abstand zu halten – so gut wie möglich.» Einige der anwesenden Zuschauer lachen.

Die Aufnahmen sorgen angesichts der strengen Corona-Regeln in Österreich für Unverständnis in den Sozialen Medien. Die Partei Neos kündigten gar an, den Kanzler wegen der Menschenansammlung anzeigen zu wollen. (Lesen Sie auch: Restaurants öffnen, das Personal trägt Masken)

In diesem ganzen Getöse ging fast unter, dass Kurz, der als erster Kanzler seit Bruno Kreisky anno 1973 das Kleinwalsertal besuchte, tatsächlich eine frohe Botschaft mitgebracht hatte. Schliesslich wurden die rund 5000 Einwohnern durch die Corona-bedingten Grenzschliessungen Mitte März weitgehend von der Aussenwelt abgeschnitten, weil die einzigen Strassen ins Tal über Deutschland führen. Kurz konnte nun «einige Erleichterungen» und den kompletten Wegfall der Grenzkontrollen zum 15. Juni zu verkünden.

Bis dahin allerdings sind es noch mehr als vier Wochen, und die Schlagbäume sind noch unten. Der Kanzler musste trotzdem nicht vom Himmel hoch einschweben. Er hatte sich vom bayerischen Innenministerium ganz profan eine Transitgenehmigung besorgt.