Liesse sich das Internet abschalten?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Glasfaserkabel in einem Serverraum. (Zürich, 4. Juli 2017)

Glasfaserkabel in einem Serverraum. (Zürich, 4. Juli 2017)

(Bild: Keystone)

Matthias Schüssler@MrClicko

Viele würden widersprechen und darauf pochen, dass das Internet unzerstörbar ist: Das Internet wurde von Anfang an als robustes Netz konzipiert. Die Informationsübertragung erfolgt mittels kleiner Datenpakete. Die suchen sich automatisch ihren Weg durchs Netz. Und wenn irgendwo eine Leitung unterbrochen ist, dann finden sie automatisch eine Ausweichstrecke. Ganz ohne dass jemand eingreifen und eine Umleitung ausschildern müsste.

Das US-Militär hat den Vorläufer des Internets erfunden. Von diesem Arpanet wird gesagt, dass es sogar einen Atomkrieg hätte überstehen können. Das ist übertrieben: Das Arpanet konnte grosse Ausfälle verkraften, aber die mehr oder weniger vollständige Zerstörung der Infrastruktur hätte es nicht auffangen können.

Auch das Internet heute ist auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen. Mauretanien war im April 2018 für zwei Tage offline, nachdem ein Unterseekabel durchtrennt worden war. Natürlich, die meisten Länder hängen nicht an einem einzigen Kabel. Bei denen führen Pannen allenfalls zu Datenstaus, aber nicht zu Komplettausfällen. Und selbst Attacken auf wichtige Netzwerkknoten dürften verkraftbar sein.

Aber es gibt auch andere Angriffspunkte. Das DNS-System zum Beispiel. Es verwandelt den Namen einer Website in die IP-Adresse des Servers, über die die Kommunikation dann stattfindet. Wenn jemand es schaffen würde, dieses zentrale System anzugreifen und zu übernehmen, dann wäre er in der Lage, zumindest das World Wide Web zu manipulieren oder sogar zum Erliegen zu bringen.

Wie verwundbar das Netz ist, zeigt sich tagtäglich in China, wo das Internet streng zensuriert ist. Ägypten hatte während der öffentlichen Proteste im Januar 2011 das Internet fast vollständig abgeschaltet, und auch in anderen Ländern brachte der Arabische Frühling Internetengpässe. Russland seinerseits baut seine Netzwerkstruktur im Moment so um, dass sich der Datenverkehr zwischen dem In- und Ausland lückenlos kontrollieren und auch abschalten lässt. Damit könnte die Regierung Cyberangriffe parieren, begründet die russische Regierung diesen Eingriff. China Telecom war 2017 für einen seltsamen Fehler verantwortlich: Für fast eine Woche wurde ein Grossteil des inländischen Datenverkehrs der USA durch China geleitet. Schuld war eine Fehlkonfiguration beim Border Gateway Protocol (BGP), das die internationalen Datenströme steuert. Und selbst wenn man glaubt, dass das ein harmloses Versehen war, dann gab es auch schon erfolgreiche Versuche, das BGP zu kriminellen oder politischen Zwecken zu manipulieren.

Danny Hillis, der am MIT einer der ersten Nutzer des Internets überhaupt war, beschreibt es in einem Ted-Talk so: «Das Internet hat eine Eigendynamik entwickelt, so wie das Finanzsystem. Und auch wenn wir alle Teile selbst entwickelt haben, so versteht heute niemand mehr, wie es funktioniert.» Und niemand weiss, welche Erschütterungen es aushält – und welche Banalitäten es zum Einsturz bringen könnten.

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