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KlassikLieben, streiten, versöhnenmit Abstand

Konzert Theater Bern erwacht mit einem Sonderprogramm wieder zum Leben. Das Opernintermezzo «La Serva Padrona» ist kurzweilig und sehenswert.

Eine Mitarbeiterin des Stadttheaters Bern kontrolliert ein Ticket  am Abend der Premiere der Oper «La Serva Padrona».
Eine Mitarbeiterin des Stadttheaters Bern kontrolliert ein Ticket am Abend der Premiere der Oper «La Serva Padrona».
Foto: Keystone

Eins gleich vorneweg: Es wurde nicht gehustet. Kein einziges Mal. Normalerweise ist eine Opernvorstellung oder ein klassisches Konzert ohne Husten und geräuschvolles Suchen und Auspacken des Hustenbonbons ja undenkbar. Es gehört dazu wie das Cüpli in der Pause.

Überhaupt ist zurzeit im Stadttheater Bern vieles anders. Erstmals seit dem Ende des Lockdown wird die Bühne wieder bespielt, mit einem abgespeckten Corona-Sonderprogramm. Und bei aller Vorfreude darüber, dass Kultur endlich wieder möglich ist, schwingt eine gewisse Schwere mit. Die Folgen der Pandemie sind allgegenwärtig, auch hier. Beim Eingang steht Desinfektionsmittel, das rege benutzt wird.

Sämtliche Mitarbeitende tragen eine Maske, das Publikum mehrheitlich nicht. Der Schwatz mit der Garderobiere fällt aus – die Garderobe ist heute geschlossen. Den Mantel nimmt man mit in den Saal, Platz gibt es ja genug.

Am Boden im Foyer des Stadttheaters erinnert eine Markierung daran, Abstand zu halten.
Am Boden im Foyer des Stadttheaters erinnert eine Markierung daran, Abstand zu halten.
Foto: Keystone

Via Lautsprecherdurchsage wird das Publikum mehrmals gebeten, die Abstandsregeln einzuhalten und sich nur auf jenen Sessel zu setzen, dessen Nummer auf dem Ticket steht. Jede zweite Sitzreihe ist leer, zwischen zwei benutzten Sitzen liegen zwei unbenutzte.

Maximal 134 Personen bekommen bei dieser Bestuhlung Einlass, verkauft wurden an diesem Abend 117 Tickets. Platz gäbe es im Stadttheater unter normalen Umständen für rund 620 Kulturliebhaberinnen und -liebhaber.

Viele sind allein gekommen, einige zu zweit. Und wer hier ist, wird auch gesehen. Man winkt sich, grüsst aus der Ferne. Vom Parkett hoch zum ersten Rang, vom zweiten Rang runter in die Loge.

Im Zuschauerraum sind kurz vor Beginn der Aufführung viele sicherheitsbedingte Lücken zu sehen.
Im Zuschauerraum sind kurz vor Beginn der Aufführung viele sicherheitsbedingte Lücken zu sehen.
Foto: Keystone

Unterhaltung im Eilverfahren

Sobald die Saaltüren sich schliessen und das Licht erlischt, füllen sich die leeren Sitze um einen herum mit Dunkelheit und der Raum fühlt sich ein bisschen weniger leer an. Gut, verspricht die heutige Premiere Leichtigkeit.

Das Opernintermezzo «La Serva Padrona» von Giovanni Battista Pergolesi steht auf dem Programm. Das ist beste Unterhaltung im Eilverfahren: Ein Aufzug, 50 Minuten, drei Personen auf der Bühne, sechs im Bühnengraben.

Drei Personen auf der Bühne – das reicht für «La Serva Padrona». Zu sehen sind Philipp Mayer, Evgenia Grekova und Florian Marignol (von links).
Drei Personen auf der Bühne – das reicht für «La Serva Padrona». Zu sehen sind Philipp Mayer, Evgenia Grekova und Florian Marignol (von links).
Foto: Keystone

Mehr braucht es nicht, um die Geschichte von Uberto und Serpina zu erzählen. Der wohlsituierte Herr und seine vorlaute Magd sind ein ungleiches Gespann. Er gibt ihr Befehle, die sie nicht befolgt. Mehr noch, sie kommandiert ihn auch noch dreist herum.

Während eines Streits kündigt Uberto an, sich eine Frau zu suchen, doch Serpina fordert, dass er sie heiraten solle. Als Uberto sich weigert, präsentiert ihm Serpina wenig später ihren vermeintlichen Verlobten, der aber nur der verkleidete Diener Vespone ist. Der billige Trick funktioniert, Uberto wird eifersüchtig, entdeckt seine fürsorgliche Seite und sieht schliesslich ein, dass nur seine Magd als Ehefrau infrage kommt.

Sopranistin Evgenia Grekova ist eine wunderbare Serpina. Sinnlich-strahlend ihr Gesang, feurig und schalkhaft ihr Spiel. Wie sie Uberto an der Nase herumführt und schliesslich bekommt, was sie will: Man schaut und hört ihr gerne zu.

Evgenia Grekova wird für die Hauptprobe der Oper geschminkt.
Evgenia Grekova wird für die Hauptprobe der Oper geschminkt.
Foto: Keystone

Philipp Mayer als Uberto ist ihr ein ebenbürtiger Partner. Sein erdiger und warmer Bariton, seine erstaunliche stimmliche Wendigkeit und Bühnenpräsenz machen das bekannte Opernintermezzo – 1733 uraufgeführt und inhaltlich an die Commedia dell’arte angelehnt – zum kurzweiligen Vergnügen.

Florian Marignol als Diener Vespone spricht und singt nicht, seine Komik ist nonverbal. Schweigend putzt er den Salon, gestikulierend lässt er sich von Serpina instrumentalisieren, grunzend fordert er als falscher Verlobter Uberto heraus.

Orchester in Kleinstformation

Das Berner Symphonieorchester wirkt unter der Leitung von Hans Christoph Bünger, der auch das Cembalo spielt, in Kleinstformation. Die beschwingten Klänge von Pergolesi präsentiert es temporeich, wendig und spielfreudig.

Das Orchester spielt sich vor der Hauptprobe ein.
Das Orchester spielt sich vor der Hauptprobe ein.
Foto: Keystone

Auch Alexander Kreuselberg (Regie), Junda Dietze (Bühne) und Emma Hoffmann (Kostüme) haben mit wenig einiges gemacht: Das Zimmer von Uberto gleicht einem Urwald, mit vielen Pflanzen, einer Giraffe, einem Eisbär und einem Rasenmäher. Die skurrile, unwirkliche Umgebung passt zur Situationskomik im Stück.

Und ja, auch Corona wird spielerisch eingebaut: Vespone trägt während der ganzen Aufführung eine Maske. Akribisch desinfiziert er Türklinken, den Rasenmäher, Eisbär und Giraffe. Evgenia Grekova und Philipp Mayer halten den Abstand zu jeder Zeit ein. Doch das fällt gar nicht gross auf. In der Oper kann man sich mit zwei Metern Abstand verlieben, streiten, bekriegen, versöhnen und keinem kommt dies komisch vor.

Sogar auf der Bühne steht ein Desinfektionsspray.
Sogar auf der Bühne steht ein Desinfektionsspray.
Bild: Keystone

Am Ende fällt der Applaus kräftig und beherzt aus. Vorhang auf, Vorhang zu, noch ein letztes Mal applaudieren, danach geht alles wieder zügig und unter Einhaltung sämtlicher Hygieneregeln vonstatten. Jacken unter die Arme klemmen, Hände beim Ausgang desinfizieren und raus gehts in die noch junge Nacht. Gehustet wird später.

Weitere Vorstellungen: 11. und 12. Juni, 19.30 Uhr, Stadttheater Bern. Für beide Vorstellungen sind noch Tickets verfügbar: www.konzerttheaterbern.ch