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FortsetzungsromanLesen Sie die neuste Folge von «Knochenmann»

Werner Ryser erzählt in seinem historischen Roman «Geh, wilder Knochenmann!» vom bäuerlichen Leben im Emmental. Lesen Sie jeden Tag eine neue Folge.

Buchcover «Geh, wilder Knochenmann!» von Werner Ryser.
Buchcover «Geh, wilder Knochenmann!» von Werner Ryser.
Foto: zvg

Folge 33

Jakob war mehr als einmal dabei gewesen. Er hatte die Szene in einem seiner zahlreichen Bilder festgehalten: Die dunkle Bauernküche, in der die drei Geschwister und der Junge sitzen. Ruth Ramseyer mit einem Haufen Stangenbohnen vor sich, deren Spitzen sie abschneidet, ihre beiden Brüder, die kräftigen Arme verschränkt, die markanten Köpfe lauschend gesenkt, und Simon, das aufgeschlagene Buch vor sich. Er folgt dem Gedruckten mit dem Zeigefinger.

Simon las schlecht, holprig, bei Fremdwörtern setzte er zweimal an. Aber das störte niemanden. Die Lüthis hatten ja selber ihre liebe Mühe mit Geschriebenem. Manchmal legten sie missbilligend die Stirn in Falten oder nickten zustimmend, wenn mit dem Dichter Gotthelf der Geistliche Bitzius durchbrannte und dieser über Gott und die Welt, über Gut und Böse räsonierte.

Es war inzwischen dunkel geworden. Jakob zündete die Pe- trollampe an und fuhr mit seinem Brief an Herrn Lehmann, den Agenten des Barons von Fenzlau, fort: Ich verstehe mich nicht nur auf die Produktion aller Milchprodukte in einer Talkäserei, ich habe auch während vier Jahren als Hirte und als Zusenn auf der Lüderenalp mitgeholfen, eine Herde Simmentalerkühe zu sömmern und Alpkäse herzustellen.

Immer im Frühjahr, wenn die Sonne längst die Schattenhän- ge im Gohlgraben ausgeapert hatte und das frische Laub der Buchen und Eichen in anmutigem Kontrast zum dunklen Grün der hohen Tannen stand, stieg Benedict Lüthi zusammen mit Simon hinauf zur Lüderen, um in der Alphütte und den Hochweiden, die über den Winter verwaist gewesen waren, zum Rechten zu sehen. Während zweier Tage brachten sie in Ordnung, was in Ordnung gebracht werden musste, und kehrten dann auf den Ulmenhof zurück, wo die Heuernte anstand.

Ende Mai war es endlich so weit. Im Sonntagsstaat, sauber gewaschen und schön frisiert, brachen die beiden Alten und Simon mit dem am Vorabend gestriegelten Vieh, dem man Glocken umgehängt hatte, auf in die Sömmerung.

Was man an Hausrat, Werkzeugen und Gerätschaften für den Sennereibetrieb brauchte, hatte man sorgfältig in Kisten verpackt, die auf den Rücken der beiden Pferde festgeschnallt waren. Ruth stand in der Tür des Ulmenhofs und schaute dem Viehtrieb nach, bis der im nahen Wald verschwunden war.

Das Älplerleben ist kein Zuckerschlecken. Für die beiden Alten und Simon begann der Tag morgens um vier und dauerte bis acht Uhr abends, manchmal länger. Dazwischen wurde gemolken, gemistet, gezäunt, gekäst, gebuttert, gekocht und geputzt. Man lebte auf engstem Raum in einer primitiven Hütte, in welcher der Geruch von Rauch und durchsäuertem Käse hing, wo es ausserdem nach Kuhscheisse und nassem Hundehaar roch. Man wusch sich draussen am Brunnen mit eiskaltem Wasser und verrichtete seine Notdurft im Freien.

Manchmal rieb man sich aneinander, ging sich gehörig auf die Nerven. Dann schwieg man sich an, kopfte und machte gleichwohl seine Arbeit. Sechzig Kühe bedeuteten täglich rund sechshundert Liter Milch, die aus den Eutern gezogen und verarbeitet werden mussten.

Auf der Alp war man bei jedem Wetter draussen: schwitzend, wenn die Sonne gnadenlos vom Himmel brannte, bis auf die Haut durchnässt, wenn es wie aus Kübeln goss oder einem gar der Hagel ins Gesicht peitschte, und mit klammen Fingern, wenn ein früher Frost seine glitzernde Decke über die welkende Septemberweide ausbreitete. Trotzdem versah Simon am liebsten den Hirtendienst. Wenn die Stallarbeit erledigt war, trieb er die Herde hinaus auf die Weide, wachte in Gottes freier Natur über die Kühe, die wiederkäuend im Gras lagen, neben sich den hechelnden Hund, der ihm, anders als Benedict und Hieronymus, keine Befehle erteilte. Die Zeiten, in denen er mit einem Grashalm im Mund auf einem warmen Felsen lag, waren allerdings knapp bemessen. Ständig war er auf der Suche nach neuen Weidegrün- den, auf denen es Quellen oder einen Bach gab, denn Kühe sind unersättlich. Sie saufen täglich bis zu siebzig Liter Wasser und fressen gegen achtzig Kilogramm Gras.

Oben auf der Lüderen erfuhr Simon viel über das liebe Vieh. Es entging ihm nicht, wenn eine Kuh in die Vorbrunst kam, lange bevor sie bereit war, sich vom Stier bespringen zu lassen. Hieronymus brachte ihm bei, wie man, ein paar Wochen bevor sie abkalbt, eine Kuh trockenstellt. Zusammen mit Benedict wurde er zum Geburtshelfer, wenn sie ihr Junges zur Welt brachte. Er lernte, die Tiere zu beobachten, um zu erkennen, wenn sie krank waren. Er achtete auf Klauenprobleme, Blähungen, Euterentzündungen, Augenschäden. Auf der Alp musste man ohne den Viehdoktor auskommen.

Und so stand in der Hütte eine Kiste mit Salben, Tinkturen und Pülverchen. Auch eine Flasche Arnika- schnaps gab es, der nur zu Heilzwecken benutzt werden durfte. Ferner hatte man Verbandstoff dabei, um Wunden abzudecken, und natürlich fehlte auch die Filete nicht, mit der man, wenn bei einem Tier Panaritium festgestellt wurde, mit einem kleinen Schnitt das Blut zum Auslaufen brachte, damit der Druck der Schwellung nachliess. Mit der Zeit war Simon selber in der Lage, eine kranke oder verunfallte Kuh zu verarzten. Im Umgang mit den Tieren war er, ganz entgegen seiner ruppigen Art, fürsorglich und behutsam. Selbst seine Stimme wurde weich. Er sprach anders mit dem Vieh als mit seinen Mitmenschen.

Fortsetzung folgt.

Die vorherigen Folgen zum Nachlesen:

Folge 1

Die Geschwister

Nichts hatte darauf hingedeutet, dass Hannes Diepoldswiler, als er am Morgen aufgestanden war, den Abend dieses 20. Septembers 1859 nicht mehr erleben würde. Er war in den besten Jahren, kräftig und kerngesund. Am Vortag hatte er vier Tauner, die ihm zur Hand gingen, wenn Not am Mann war, aufgeboten, ihm zu helfen, das Gras einzubringen, das sie am Samstag geschnitten und seither zum Trocknen liegen gelassen hatten. Seit Tagen herrschte ungewöhnlich warmes Nachsommerwetter. Die Sonne brannte heiss auf die Rücken der Männer, während sie mit ihren Gabeln das Heu auf den Wagen luden, den Diepoldswiler, Fuhre um Fuhre, zum Auenhof brachte, wo es seine beiden Knechte auf den Haufen des dürren Grases aus der Juniernte schichteten, der jetzt bis unter den First des Tenns wuchs.

Im Lauf des Nachmittags hatte sich am westlichen Horizont eine mächtige schwarze Wolkenwand aufgetürmt, eine Front, die sich rasch näherte. Die Tauner drängten darauf, die Arbeit abzubrechen und das Heu in Gottes Namen ein zweites Mal trocknen zu lassen. Aber der Bauer, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, auch noch die letzten drei Fuhren einzubringen, wollte nichts davon wissen.

Und dann kam Wind auf. Innert Minuten war das weite Land mit seinen bewaldeten Hügeln in eine bleierne Düsternis gehüllt. Sintflutartig stürzte das Wasser vom Himmel. Als Hannes Diepoldswiler mit dem leeren Wagen vom Tenn zurückkam, entlud sich direkt über ihm ein Unwetter von apokalyptischen Ausmassen, ein wahres Inferno. Den Elementen trotzend stand er mit nacktem Oberkörper breitbeinig auf dem Wagen. Fluchend schlug er mit der Peitsche auf die Pferde ein. «Ho», schrie er und «vorwärts ihr Teufel!» Aber die Gäule, erschreckt vom grellen Licht der Blitze und den fast gleichzeitig krachenden Donnerschlägen, scheuten, bäumten sich in ihrem Geschirr auf, brachen aus und liefen in einen abgeernteten Rübenacker. Vergeblich versuchte Diepoldswiler, sie zum Stehen zu bringen. Der Wagen schwankte. Der Bauer stürzte von der Ladefläche. Es gelang ihm nicht, sich von den Zügeln zu befreien, die er um sein linkes Handgelenk geschlungen hatte. Verzweifelt klammerte er sich an der Deichsel fest, während seine Beine über den Boden schleiften. Das Gefährt kippte zur Seite. Sinnlos drehten sich zwei Räder in der Luft. Spürte er noch, wie ihn ein Huf eines der Tiere, das in seiner Panik auskeilte, an der Schläfe traf? Endlich blieben die Pferde stehen, zitternd vor Angst und Erschöpfung.

So rasch wie es gekommen war, zog das Gewitter weiter. Der Regen liess nach, und im Westen wurde ein heller Streifen sichtbar. Der Bauer bekam davon nichts mehr mit. Als die Tauner den Ort des Unglücks erreichten, war er bereits tot.

Als der elfjährige Simon Diepoldswiler am späten Nachmittag aus der Dorfschule nach Hause kam, war die Wohnstube des Auenhofs voller Menschen – Knechte, Mägde, Nachbarinnen, Nachbarn. Sie traten zur Seite und öffneten ihm eine Gasse, so wie sie es zuvor bereits bei Esther und Jakob, Simons älteren Geschwistern, getan hatten.

Der Vater lag auf dem Tisch. Seine Kleider zerrissen und schmutzig, sein zerschlagenes, blutverkrustetes Gesicht bleich. Simon wusste sofort, dass er tot war. Damals, vor zwei Jahren, als er vor der aufgebahrten Leiche seiner Mutter gestanden war, in deren Arm ein totes Kindlein lag, hatte er es nicht wahrhaben wollen. Ihre Reglosigkeit hatte ihn zwar geängstigt, aber zugleich hatte er gehofft, sie erwache wieder. Erst als man sie zusammen mit dem Brüderlein ins Grab versenkte und jemand ihn aufforderte, eine Handvoll Erde auf den Sarg zu werfen, der schwarz aus dem tiefen Schacht heraufdrohte, hatte er verstanden, dass er sie nie wiedersehen würde.

Lena, die alte Grossmagd, die bereits 1811 als Dreizehnjährige in den Dienst der Diepoldswilers getreten war, hatte in der Folge das Regiment im Haushalt übernommen. Das Essen stand auf dem Tisch wie immer, und sie sorgte dafür, dass die Kinder saubere Kleider hatten. Mehr konnte sie nicht tun in diesem Haus, das seiner Seele beraubt worden war.

Als Esther, wie sie es sich nach dem Tod der Mutter angewöhnt hatte, an diesem Abend die Kammer ihrer beiden Brüder betrat, um ihnen Gutenacht zu sagen, lag Simon bereits im Bett. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrte an die Balkendecke.

Jakob sass am Tisch und malte. Pfarrer Amsoldinger, bei dem er in den biblischen Unterricht ging, hatte dem zeichnerisch begabten Jungen vor einiger Zeit einen Malkasten geschenkt und ihn in die Technik des Aquarellierens eingeführt. Seither nutzte er jede freie Stunde, um das, was ihn beschäftigte, auf Papier oder Karton festzuhalten.

Esther schaute ihm über die Schultern und betrachtete das Bild, an dem er arbeitete. Vor dem Hintergrund eines nachtschwarzen Himmels stürzte ein in Flammen gehüllter Mann kopfvoran von einem mit vier geflügelten Rossen bespannten Streitwagen ins Bodenlose. Die Darstellung der Pferde, deren Proportionen nicht ganz stimmten, überforderte seine Fähigkeiten. Aber sein Talent war offensichtlich, und mit der entsprechenden Förderung würde er es später zu einer gewissen Meisterschaft bringen.

Folge 2

«Wer ist das?», fragte sie.

«Phaethon», sagte Jakob ohne den Kopf zu heben. Und da er annahm, dass die Schwester mit diesem Namen nichts anfangen konnte, erklärte er, Phaethon sei der Sohn des Sonnengottes Helios, von dem er die Gunst erbeten habe, für einen Tag den Sonnenwagen übers Firmament lenken zu dürfen.

Der Bruder malte, wie so oft, eine der Geschichten aus den Schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab. Das Buch, das offen auf dem Tisch lag, war ebenfalls ein Geschenk des Pfarrers.

«Er hat sich überschätzt. Die alten Griechen nannten das Hybris.» Jakob wandte der um zwei Jahre älteren Schwester sein von Sommersprossen übersätes Gesicht zu.

Hybris – auch so ein Wort, das er von Pfarrer Amsoldinger hat, dachte Esther und strich ihm das weiche, rote Haar aus der hohen Stirn. «Sich überschätzt? Wie der Vater?»

Jakob gab ihr keine Antwort und widmete sich wieder seiner Malerei. Er war aus der Art geschlagen. Einer, der seine Zeit mit Pinsel und Bücher vertue, sei kein rechter Diepoldswiler, hatte der Vater gezürnt und ihn mehr als einmal als Kuckuckskind bezeichnet. Seit dem Tod der Mutter war der Alte verbittert. Er hatte seine Launen oft an Jakob ausgelassen, der ihm, wenn immer möglich, aus dem Weg ging – gegangen war.

Esther setzte sich ans Bett von Simon, der, anders als sein feingliedriger Bruder, ein kräftiger, kleiner Bursche war.

«Mein kleiner Stier» hatte ihn der Vater genannt. Nicht nur, weil Simon in diesem Sternzeichen zur Welt gekommen war, sondern weil man schon jetzt sehen konnte, dass er einmal breiter, muskulöser und kräftiger werden würde als Jakob – eben: ein Stier. «Und du – wo bist du mit deinen Gedanken?», fragte sie.

Der Junge schaute die Schwester aus seinen dunklen Augen an. «Jetzt ist er tot», sagte er, «und ich brauche keine Angst mehr zu haben, dass er sich wieder verheiratet.»

«Hast du davor Angst gehabt?» Simon nickte.

«Aber weshalb denn?»

«Dann hätten wir noch Geschwister bekommen, vielleicht einen jüngeren Bruder.»

«Und darüber hättest du dich nicht gefreut?»

«Nein.» Noch immer lag der Junge, ohne sich zu rühren, auf dem Rücken mit den Händen unter dem Kopf. «Ich bin auch froh, dass der Bub, der Mutter umgebracht hat, tot ist.» Mehr als einmal hatte Esther gehört, wie der Vater sagte, es sei ein Glück, dass man im Kanton Bern lebe, wo nach geltendem Recht der Betrieb einmal ungeteilt an den jüngsten Sohn gehe. Ein Träumer wie Jakob würde den Hof gewiss herunterwirtschaften.

«Du wirst den Auenhof nie erben.» Jakob unterbrach seine Arbeit und wandte sich im Stuhl halb um. «Sie werden ihn verkaufen.»

Simon setzte sich auf. «Jetzt, wo Vater tot ist, gehört er mir. Niemand darf ihn mir wegnehmen!»

Jakob zuckte mit den Schultern und begann wieder zu malen.

«Sag, dass das nicht wahr ist!» Der Kleine packte die Schwester am Arm.

Esther presste die Lippen aufeinander. «Wir sind jetzt Waisen», sagte sie schliesslich. «Du wirst noch früh genug erfahren, was das bedeutet.» Sie küsste ihn auf die Stirn und verliess den Raum.

Der Auenhof war seit mehr als hundertfünfzig Jahren im Besitz der Familie. Er lag unterhalb von Langnau am Südrand der Schwemmebene, welche die Ilfis im Lauf von Jahrtausenden geschaffen hatte. Er war eines jener stattlichen Emmentaler Gehöfte, dessen mächtiges, mit roten Ziegeln bedecktes Walmdach Wohnhaus, Stall, Speicher und Tenn beschirmte. Besonders prächtig war die nach Südwesten ausgerichtete Giebelfassade mit ihren beiden übereinanderliegenden Reihen von je zehn Fenstern, die durch eine grau gefasste, mit Schnitzereien verzierte Gadenbrüstung getrennt waren. Davor lag der Blumengarten. Den Pflanzplätz hatte man hinter dem Haus angelegt.

Die fünfundzwanzig Jucharten Land, die zum Betrieb gehörten, wurden teils für Viehwirtschaft, teils für den Anbau von Getreide, Rüben, Kartoffeln und Obst benutzt. Was man nicht für den Eigenbedarf brauchte, verkaufte man auf dem Markt. Die Diepoldswiler galten als reich. Sie besassen auch ein Stück Wald, drüben auf der Dürsrüti. Ausserdem betrieben sie an der Ilfis eine Mühle, wohin die Bauern aus den umliegenden Höfen ihr Korn zum Mahlen brachten.

Auch auf dem benachbarten Lindenhof, der auf halber Höhe des Ilfisstalden lag, lebte eine Familie Diepoldswiler. Es gab einen gemeinsamen Ahnherrn, Gottlieb, der in jungen Jahren am Bauernkrieg von 1653 teilgenommen hatte. Dessen Jüngster, Niklaus, hatte den väterlichen Hof geerbt, während sein Bruder Rudolf, von dem Hannes in direkter Linie abstammte, sich auf dem Erbe seiner Frau, Ursula Jacob, unten, am Rand der Schwemmebene, eingerichtet hatte.

Die Auenhof- und die Lindenhof-Diepoldswiler, wie man sie in der Gegend nannte, verkehrten kaum miteinander. Man neidete sich die Butter auf dem Brot, schaute scheel auf den Besitz der jeweils anderen. Die Väter rangelten um Einfluss im Dorf und übernahmen, nur um den Verwandten oben am Ilfisstalden oder unten in der Ebene zu ärgern, Ämter in der Gemeinde. Zurzeit sass der Besitzer des Lindenhofs, Moritz Diepoldswiler, im Gemeinderat, wo er fürs Fürsorge- und Vormundschaftswesen zuständig war. Ausserdem war er Mitglied des Kirchenvorstands. Er und sein Vetter stritten sich seit Jahr und Tag um ein Stück Ackerland.

Folge 3

Die Kosten, die ihnen durch ihr endloses Prozessieren entstanden waren, hatten den Wert der Parzelle längst um ein Mehrfaches überstiegen. Aber keiner der beiden war bereit nachzugeben. Mit dem Tod von Hannes war wohl auch der Rechtsstreit entschieden, denn wer sollte dem Lindenhof-Bauern jetzt noch den Acker streitig machen, zumal er als Waisenvogt Vormund von Esther, Jakob und Simon werden würde.

In den drei Tagen, in denen Hannes Diepoldswiler bei geöffnetem Fenster aufgebahrt in seiner Kammer lag, kamen Leute aus der ganzen Umgebung, um einen letzten Blick auf den reichen Bauern zu werfen. Am Freitag, unmittelbar nachdem man seinen Vetter auf dem Gottsacker neben seiner Frau Anna Maria zur letzten Ruhe gebettet hatte, erschien, noch immer in Trauerkleidung, Moritz Diepoldswiler auf dem Auenhof. Er war ein stattlicher Mensch von etwa fünfzig Jahren. In seinem vollen, dunklen Haar war noch keine graue Strähne zu sehen. Ein sorgfältig gestutzter Schnurrbart verdeckte die Oberlippe. Ohne anzuklopfen, betrat er die Wohnstube, wo die Kinder des Verstorbenen und das Gesinde beim Mittagessen sassen. Er legte seinen Zylinder ab und nahm unaufgefordert am oberen Ende des Tisches Platz, dort, wo immer der Vater gesessen war. Ob er mithalten dürfe, fragte er und musterte die kleine Gesellschaft, während ihm Lena einen Teller mit Bohnen, Kartoffeln und Speck auftischte und eine Karaffe mit Wein vor ihn hinstellte. Er gab sich freundlich, tätschelte Esthers Oberarm, fuhr den beiden Buben durchs Haar. Seine schmalen Augen schienen zu lächeln, und dass er den Freuden einer gedeckten Tafel nicht abgeneigt war, bezeugte ein respektabler Bauch, der die Knöpfe seiner Weste zu sprengen drohte. Er senkte den Kopf und faltete die Hände zum stummen Gebet. Dann zog er seinen Rock aus, hängte ihn über die Stuhllehne und lockerte die schwarze Halsbinde, die er unter den Kragenspitzen zu einer kunstvollen Schleife gebunden hatte.

Während er ass, beobachteten ihn die Kinder. Sie wussten, dass er und ihr Vater zerstritten gewesen waren, und fragten sich, was der Onkel, den man bis heute gemieden hatte, von ihnen wollte.

Endlich legte Moritz Diepoldswiler Messer und Gabel neben den Teller und erklärte, jetzt, nach dem Tod seines Vetters, sei er als Waisenvogt zum Vormund der drei vater- und mutterlosen Kinder, deren Rechte und Wohlergehen ihm am Herzen lägen, bestellt worden. Ab morgen werde sein Sohn Viktor auf dem Hof zum Rechten sehen. Dessen Anweisungen – er fasste Baschi, den Karrer, und Dölf, den Melker, scharf ins Auge – sei Folge zu leisten. Ob jemand Fragen habe?

Viktor war das jüngere Ebenbild des Alten: dunkelhaarig, gross, mit einer Neigung zur Korpulenz und einem Schnurrbart, den er hingebungsvoll pflegte. Auch in seiner Art war er bemüht, sich an das Vorbild des Erzeugers zu halten. Er gab sich freundlich und jovial, war aber darauf bedacht, dass man ihm mit Respekt
begegnete. Auf Widerspruch
reagierte er mit dem Heben der rechten Braue, steckte die Daumen in die Ärmelöffnungen seiner Weste und drückte die Brust heraus.

Frühmorgens, wenn die Kühe gemolken und auf die Herbstweide getrieben worden waren und man sich in der Wohnstube zum Frühstück an den grossen Tisch setzte, wo Lena heisse Milch, Brot, Butter, Käse und eine Rösti mit Spiegeleiern aufgetischt hatte, las er zuerst einen Text aus der Schrift und sprach ein Gebet, bevor man zu Messer und Gabel greifen durfte. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen, hatte er bereits am ersten Tag aus dem Buch Josua zitiert und hinzugefügt, solange er das Sagen habe, werde man sich hier – genau gleich wie auf dem Lindenhof – benehmen, wie es sich für Christenmenschen gehöre. Vor dem Essen werde gebetet, vor jedem Essen, und am Sonntag gehe man gemeinsam zur Predigt. Schliesslich sei sein Vater Mitglied des Kirchgemeinderats.

Für die Kinder waren die frommen Bräuche neu. Zwar hatte auch die Mutter zu Lebzeiten abends mit ihnen vor dem Einschlafen am Bett gebetet, aber seit ihrem Tod fragte man auf dem Auenhof dem lieben Gott, dem der Vater zürnte, nicht mehr viel nach. An Weihnachten, an Ostern und an Pfingsten ging man nach Langnau in die Kirche. Mehr nicht. Einzig Jakob, der bei Pfarrer Amsoldinger den Unterricht besuchte, kannte biblische Geschichten, die ihn aber vor allem als Vorlagen für seine vielen Zeichnungen interessierten.

Moritz Diepoldswiler erschien häufig. Oft begleitete ihn ein anderer Grossbauer aus der Gegend. Gemeinsam gingen sie in den Stall und über die Felder. Dann verhandelten sie in der Wohnstube hinter verschlossenen Türen. Lena musste ihn und seine Besucher mit saurem Most, Brot und kaltem Fleisch bewirten.

Von den Gesprächen, die der Lindenhof-Bauer in der Wohnstube führte, bekam sie dieses und jenes mit. Sie reimte sich zusammen, dass der Waisenvogt beabsichtigte, einen Teil des Landes, aber auch des Viehs, das Hannes Diepoldswiler gehört hatte, weit unter dem Wert zu verschachern. Die Erkenntnis erfüllte sie mit ohnmächtigem Zorn. Oft genug hatte Lena schon erlebt, wie beim Tod eines Bauern dessen minderjährige Kinder von den Mächtigen im Dorf schamlos um ihr Erbe betrogen worden waren.

Inzwischen hatte der Herbst endgültig Einzug gehalten. Am letzten Sonntag im Oktober waren Esther, Jakob und Simon mit Viktor Diepoldswiler und dessen Vater, wie das neuerdings der Brauch war, in der Kirche gewesen.

Folge 4

Esther hatte auf der Frauenseite Platz genommen und sich bemüht, der Predigt Pfarrer Amsoldingers zu folgen. Ihre beiden Brüder, die jenseits des Mittelgangs, zur Linken und zur Rechten von Viktor Diepoldswiler sassen, schienen sich zu langweilen. Während sich Jakob in die Malereien an den Kirchenfenstern vertiefte, legte Simon seinen Kopf in den Nacken und betrachtete die Decke. Möglicherweise zählte er die einzelnen Felder der Täfelung. Ganz gewiss hörte keiner von beiden auf das, was der Geistliche zu sagen hatte. Dabei legte der einen Text aus dem Buch Zacharias aus, der, wie Esther begriff, auch sie betraf: Fügt den Witwen, Waisen, Fremden und Armen kein Unrecht zu. Und schmiedet keine bösen Pläne gegeneinander.

Der schlanke, hochgewachsene Mann, der trotz schwarzem Talar und weissem Beffchen mit seinen ausgezehrten Gesichtszügen, dem kurz geschnittenen, grauen Haar und dem gestutzten Bart eher an einen Asketen erinnerte als an einen reformierten Pastor, wandte sich immer wieder seinen Vorgesetzten zu, den Mitgliedern des Kirchgemeinderats, zu denen auch Moritz Diepoldswiler gehörte. Sie alle sassen in ihrem schwarzen Sonntagsstaat im geschnitzten Chorgestühl den Gläubigen gegenüber. Ihre Gesichter blieben reglos. Nur der Lindenhof-Bauer runzelte die Stirn, als der Geistliche den Herrn anflehte, die Herzen jener, die in der Gemeinde das Sagen hatten, zu erweichen und sie barmherzig werden zu lassen gegen die, welche ihrer Hilfe bedurften.

Moritz Diepoldswiler hatte angekündigt, dass er heute den drei Kindern seines Vetters eröffnen wolle, wie es für sie nach dem Tod ihres Vaters weitergehen würde. Stumm schritten sie nach dem Gottesdienst auf der Strasse von Langnau Richtung Auenhof hinter dem Onkel her, der über ihr künftiges Schicksal bereits entschieden hatte.

Er wolle sich kurzfassen, sagte er, als sie endlich in der Stube des Auenhofes sassen. Für sie als Waisen sei von nun an die Gemeinde zuständig. Er als ihr Vormund habe die Beschlüsse des Gemeinderats nach Treu und Glauben umzusetzen. Als Erstes habe man entschieden, den Auenhof zu verkaufen, damit für Kost, Erziehung und Ausbildung der drei Minderjährigen genügend Geld vorhanden sei. Haus, Stall, Speicher und Scheune, die Hälfte des Landes und des Viehbestands habe er selber erworben. Bis er das gesamte Erbe antrete, werde Viktor als Pächter den Betrieb weiterführen und ihm, dem Vater, zinsen. Alles andere habe man an Bauern aus der Gegend verkaufen müssen. Bereits morgen Montag würde ihnen das Vieh übergeben, ebenso das Land, das abzutreten man gezwungen gewesen sei. «Ihr dürft Vaters Hof nicht verkaufen, Onkel», sagte Simon mit schriller Stimme. «Er hat mir versprochen, dass ich ihn einmal erben werde.»

Der Alte drehte langsam den Kopf und musterte den Elfjährigen, der seinem kalten Blick unerschrocken standhielt. Im Raum wurde es totenstill. Esther und Jakob waren erstarrt, und auch Viktor, der neben seinem Vater sass, rührte sich nicht. Und dann schlug der Lindenhof-Bauer den Jungen links und rechts ins Gesicht. «Du wirst mir nie mehr sagen, was ich tun darf und was nicht!», donnerte er.

Simon, dessen Wangen sich röteten, biss sich auf die Lippen. Seine Augen füllten sich mit Tränen, aber er gab keinen Laut von sich. «Ihr dürft den Hof nicht verkaufen», wiederholte er.

Diepoldswiler lehnte sich in seinem Stuhl zurück. «Ich fasse es nicht. Nun, wer nicht hören will, muss fühlen. Sperr den Flegel bis zum Abend in den Keller!», befahl er seinem Sohn. «Vielleicht kommt er dort zur Besinnung.»

Viktor stand auf, packte den sich heftig sträubenden Jungen am Genick und zerrte ihn aus der Stube. Esther begann zu weinen, Jakob sah den Onkel an, als wolle er sich den Ausdruck seines Gesichts für Zeit und Ewigkeit einprägen. Niemand sagte ein Wort.

Erst als Viktor zurückkam und dem Vater zunickte, fuhr der fort, als sei nichts geschehen. Er wandte sich Jakob zu.

«Du hast Glück. Dich will Pfarrer Amsoldinger zu sich in Pflege nehmen. Du sollst bei ihm wohnen, und wenn du im nächsten Herbst die Schule beendet hast, will er dich bei Giger in die Lehre geben.»

Wie ein schüchterner Sonnenstrahl huschte ein Lächeln über das Gesicht des Jungen. Ferdinand Giger war ein bekannter Landschaftsmaler. Jakob, der nie hatte Bauer werden wollen, würde bei ihm das Malerhandwerk von Grund auf lernen. Dazu kam, dass der Pfarrer und seine Frau, deren Ehe kinderlos geblieben war, ihn mochten.

«Hör auf zu flennen, Mädchen», fuhr Diepoldswiler Esther an, der noch immer Tränen über die Wangen liefen.

«Für dich wird sich nicht viel ändern. Du bleibst hier, als Jungmagd.» Er hob die Stimme: «Hast du verstanden?»

Esther nickte schluchzend. Sie wusste, dass sie, wie jede Bauerntochter in ihrem Alter, ohnehin auf einem Hof als Magd zu dienen hatte, bis jemand sie heiraten würde.

Was mit Simon geschehen werde, wagte sie zu fragen.

«Mit dem? Der wird verdingt. Wir werden ihn bei einem Bauern unterbringen, der ihm seine Flausen austreiben wird.» Diepoldswiler erhob sich. Es sei alles gesagt, was es zu sagen gebe. Er wolle jetzt gehen. Zuhause warte das Mittagessen auf ihn.

Der Kalte Markt, der in diesem Jahr auf den 2. November fiel, war der fünfte der sechs Langnauer Jahrmärkte. Aus der ganzen Umgebung strömten die Leute auf den Bärenplatz zwischen der Kirche, der Kramlaube und den beiden Tavernen. Bauern boten ihre Erzeugnisse an, aber auch Hafner, Lismer, Kessler und Scherenschleifer hatten ihre Stände aufgestellt.

Folge 5

Zwei Tage zuvor hatte man im Emmenthaler Blatt lesen können, dass die Gemeinde vier Heranwachsende im Rahmen einer öffentlichen Absteigerung jenen Familien übergeben werde, die für sie das geringste Kostgeld verlangten. Das Interesse unter den anwesenden Bauern war gross. Mit etwas Glück kam man nicht nur zu einem kleinen Nebeneinkommen; noch wichtiger war, dass man für Jahre eine Arbeitskraft erhielt, der man keinen Lohn bezahlen musste.

Eigentlich waren solche Mindeststeigerungen, in denen Kinder feilgeboten wurden, mit dem Armengesetz von 1847 verboten worden. In Langnau und manch anderen Gemeinden des Kantons kümmerte man sich nicht darum und führte eine Bettlergemeinde nach altem Brauch durch.

Die Menge drängte sich neugierig um die Kiste, auf welche die Unglücklichen, einer nach dem andern, steigen mussten. Der Gemeindeschreiber pries sie an wie ein Viehhändler. Anstellig seien sie, folgsam und gewohnt zu arbeiten, schrie er. Die ersten drei, ein Junge und zwei Mädchen, belasteten die Fürsorgekasse kaum. Sie gingen fast gratis weg, denn man konnte davon ausgehen, dass sie die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Kleider mehr als kompen- sieren würden. Als die Reihe an Simon Diepoldswiler kam, standen sie mit gesenkten Köpfen vor dem Löwen und warteten auf ihre neuen Meister, die das Geschäft in der Gaststube bei einem Schoppen Rotwein feierten.

Der Elfjährige stieg zögernd auf das Podest und bedeckte dann mit seinem rechten Arm die Augen, als könne er so den Gesichtern entrinnen, die ihn anstarrten. Die Bauern hatten ihn zuvor prüfend betastet, ihn in die Wangen und in seine nackten Beine gekniffen. Sie hatten die Muskeln seiner Oberarme gedrückt, und einer hatte sogar seine Zähne sehen wollen. Andere hatten auch das Bündel mit seinen Kleidern, die ihm Esther am Vorabend eingepackt hatte, durchstöbert, um zu sehen, ob er Dinge von Wert mitbringe. Ein paar hatten über ihn gelacht. Er sei ja nur eine halbe Portion, und es werde wohl ein Sündengeld kosten, ihn so weit aufzufüttern, dass er im Stall oder auf dem Feld zu gebrauchen sei.

Ein Verdingmarkt war ein Spektakel, das sich niemand entgehen lassen wollte. Kopf an Kopf standen die Gaffer. Sie feuerten die Bietenden an und quittierten die Behauptung des Gemeindeschreibers, aus Simon werde einmal ein tüchtiger Melker oder Karrer, der die Kosten, die man vorerst für ihn aufbringen müsse, schon bald abgearbeitet haben würde, mit hämischem Gelächter. Auch Kinder waren unter den Neugierigen, Kameraden aus der Dorfschule, die schadenfroh kommentierten, dass aus dem Sohn des reichen Auenhof-Bauern, der die Nase stets hoch getragen habe, ein Verdingbub geworden war. Einer, aus dem bestenfalls einmal ein Knecht würde, vielleicht aber auch ein Vagant, ein Schelm oder noch Schlimmeres.

Auch Jakob war da. Er hatte sich aus dem Pfarrhaus, wo er seit drei Tagen lebte, davongestohlen. Er hatte sich in die vorderste Reihe gedrängt, von wo er zu seinem Bruder hinaufstarrte. «Simon!», rief er laut.

Der Jüngere liess den Arm sinken. Ihre Blicke trafen sich. Seit er am Sonntagabend von Viktor Diepoldswiler aus dem Keller befreit worden war, hatte er mit niemandem mehr gesprochen. Selbst als Esther sich vor dem Schlafengehen an sein Bett setzte, hatte er sich abrupt gegen die Wand gedreht.

Unverwandt schauten sich die Brüder an. Jakob, der Simons Verzweiflung und Einsamkeit spürte, liefen Tränen über die Wangen. Er ballte die Fäuste. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Es war der Pfarrer, der sich durch die Menge gedrängt hatte. «Du solltest nicht hier sein», sagte er leise. «Das ist nichts für Kinder.»

Ohne den Blick von Simon abzuwenden, zeigte Jakob auf den Bruder. «Er sollte nicht hier sein!». Er schrie es beinahe.

«Kein Kind sollte auf diesem Podest stehen müssen.» Lukas Amsoldinger schwieg. Er legte den Arm um die Schultern seines Pflegesohns und wurde mit ihm Zeuge, wie Simon Anton Reist zugeschlagen wurde, der im Gohlgraben einen Hof, Hollerbüelhus, besass. Sein Angebot, den Jungen für ein monatliches Kostgeld von fünfundzwanzig Franken zu sich zu nehmen, wurde von niemandem mehr unterboten. Der Pfarrer, der das Schicksal von Verdingkindern bei den Emmentaler Bauern kannte, wusste, was Simon bevorstand. Anton Reist, der jetzt nach Recht und Gesetz dessen Pflegevater war, würde ihn bis zu seiner Volljährigkeit als Leibeigenen behandeln, als unbezahlten Knecht, aus dem es galt, einen möglichst hohen Profit zu schlagen. Und der Waisenvogt, Moritz Diepoldswiler, würde nichts dagegen unternehmen. Er und ein paar andere mächtige Grossbauern der Gemeinde hatten den Auenhof zu einem Spottpreis unter sich aufgeteilt. Das Geld war in die Fürsorgekasse einbezahlt worden. Der Pfarrer hatte für Jakob, den er an Kindes statt zu er ziehen und zu fördern gedachte, kein Geld verlangt. Esther würde für das, was sie zum Leben brauchte, als Magd dienen. So wurde die Gemeinde für die Versorgung der Geschwister Diepoldswiler lediglich mit fünfundzwanzig Franken pro Monat belastet. Das entsprach etwa dem Gegenwert von einem Sack Kartoffeln.

Auch Esther hatte zugeschaut. Als die Versteigerung begann, war sie vom Stand an der Marktstrasse, wo sie zusammen mit Lena Gemüse und Obst vom Auenhof verkaufte, davongelaufen. Sie war die Treppe zum Hügel hochgerannt, auf dem die Kirche stand.

Ausser Atem hatte sie sich, halb versteckt vom Geäst einer grossen Trauerweide, auf das Mäuerchen gesetzt, das den Kirchhof umfriedete. Von dort beobachtete sie, wie unten auf dem Platz ihr kleiner Bruder feilgeboten wurde.

Folge 6

Als schliesslich Anton Reist den Zuschlag erhalten hatte, Simon mit hartem Griff am Arm nahm und zum Fuhrwerk führte, mit dem er nach Langnau gekommen war, glaubte sie, ihr Herz müsse brechen. Sie spürte, wie ihr Kinn zu zittern begann. Esther presste beide Fäuste vor den Mund, um nicht laut loszuschreien.

WEITER NACH DER WERBUNGInzwischen hatte Reist seinem Verdingbuben befohlen, auf den Leiterwagen zu steigen, vor den ein Pferd gespannt war. Simon sass mit angezogenen Beinen, um die er seine Arme geschlungen hatte, mit dem Rücken zu seinem Meister. Neben ihm lag das Bündelchen mit seinen Kleidern. Er schaute zurück zum Bärenplatz und zum Kirchenhügel, wo Esther auf dem Mäuerchen stand und mit beiden Armen winkte. Wollte sie ihn trösten? Simon rührte sich nicht. Er starrte die Schwester an, bis sie seinem Blick entschwand.

Gegen fünfzig Seiten- und Quertäler gehören zum Gemeindebann von Langnau. Der Gohlgraben ist eines von ihnen. Er grenzt im Westen an den Oberfrittenbachgraben, zu dem auch die Dürsrüti gehört, wo Simons Vater ein Stück Wald besessen hatte, das inzwischen Eigentum von Moritz Diepoldswiler war und von dessen Sohn Viktor bewirtschaftet wurde. An den bewaldeten Hängen zu beiden Seiten des Talbodens, durch den die Gohl, ein von Buschwerk bestandener Bach fliesst, gab es zahlreiche Einzelhöfe. Einer von ihnen war Hollerbüelhus. Das dreihundert Jahre alte Gehöft mit seinem für die Gegend typischen Krüppelwalmdach, dessen Balkenwände im Lauf der Zeit schwarz geworden waren, lag auf halber Höhe zum Hohgrat. Frühere Generationen hatten hier den Wald gerodet. Jetzt lebten Anton Reist, seine Frau, der achtzehnjährige Michel, die um drei Jahre jüngeren Zwillinge, Olga und Frieda, und der Nachzügler, der vierjäh- rige Christian, auf Hollerbüelhus.

Sie waren keine glückliche Familie. Der Bauer, ein grosser, magerer Mensch, war schweigsam und verbittert. Er war verschuldet und litt darunter, dass er es auf keinen grünen Zweig brachte. Gemessen an Grossbauern wie Simons zu Tode gekommener Vater war Reist ein armer Schlucker. Ausser einer prächtigen Aussicht auf die Alpenkette gab sein Land nicht viel her. Der Pflanzplätz und die beiden Äckerchen lagen am Hang und waren mühsam zu bearbeiten. Das Gras der zu Hollerbüelhus gehörenden Wiesen reichte als Winterfutter knapp für seine sieben Kühe und das Pferd. Auf dem Hof mussten alle mithelfen. Was man erarbeitete, war für den Eigengebrauch bestimmt. Überschüsse, die man auf dem Markt hätte verkaufen können, gab es nicht. Reist konnte sich auch kein Gesinde leisten. Höchstens einen Verdingbuben wie Simon, der einmal Michels Aufgaben übernehmen sollte, sobald dieser von zu Hause fortziehen würde. Damit war früher oder später zu rechnen, denn mit der Geburt Christians hatte der Älteste seine Hoffnung, den väterlichen Betrieb zu erben, begraben müssen. Er war ein in sich gekehrter junger Mann, der mit seinem Schicksal haderte. Das galt auch für die Meisterin, eine vergrämte, kleine Frau, die, obwohl erst vierzig, vorzeitig gealtert war. Sie besorgte mit ihren beiden rotwangigen, bezopften Töchtern, die ständig die Köpfe zusammensteckten, den Haushalt und war für das Kleinvieh und den Pflanzgarten zuständig.

Seit drei Tagen schneite es ununterbrochen. Im Flockenwir- bel, der wie ein Vorhang aus grob gewobenem Halbleinen über dem Land lag, konnte Simon die hohen, dunklen Tannen am Waldrand hinter dem Hof nur schemenhaft erkennen. Das Fenster der Wohnstube war hell erleuchtet. Es war Heiligabend. Der Bauer und seine Familie feierten drinnen im Haus bei Kartoffeln, Kraut, Gesottenem und Gesalzenem. Zur Nachspeise würde es mit Zimt gewürzte Chüechli geben. Später würden sie die Kerzen am Baum anzünden, die Weihnachtsgeschichte lesen und Lieder singen.

Simon stand draussen. Ein langer Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Wie immer hatte er warten müssen, bis Res Röthlisberger von der Genossenschaftskäserei in Gohl die Milch aus den beiden Kannen, die er jeden Abend auf einem Handkarren ins Tal hinunterschaffte, in Empfang genommen und gewogen hatte. Es war nicht so, dass die Ersten, die in der Käserei eintrafen, zuerst an die Reihe kamen. Röthlisberger, ein vierschrötiger, rotgesichtiger Kerl mit feistem Nacken, wartete vor dem Zugang zu seinem Reich, bis die Schar der Milchbuben beisammen war. Dann reihte er sie ein, wie es der gottgewollten Ordnung entsprach: Zuvorderst die Söhne der vermögenden Bauern, die mit Ross und Fuhrwerk gekommen waren, dann jene, die einen kräftigen Dürrbächler, einen Berner Sennenhund, vor ihren Wagen gespannt hatten, hinter ihnen solche wie Simon, die ihren Karren selber zogen, und schliesslich die Kinder von Taunern, arme Tröpfe, welche die paar Liter Milch, die vom Vater einer mageren Kuh abgepresst worden waren, in einer Brente den langen Weg durch den Gohlgraben hinuntergetragen hatten.

Simon, der weit hinten in der Reihe stand, wartete ergeben, während sich der Schnee auf seine Schultern und den mit einer Wollmütze bedeckten Kopf setzte. Endlich konnte er seine beiden Milchkannen auf die Waage stellen.

«Reist Anton, sechsundneunzig Kilo!», rief Röthlisberger. Armin Aregger, der Dorfschulmeister notierte das Gewicht. Anders als der gedrungene Käser war Aregger lang und schmal. Sein kurzgeschnittenes, schwarzes Haar, die tiefliegenden, dunklen Augen und die scharfen Falten zu beiden Seiten seines dünnen Lippenpaares gaben ihm ein strenges, verbittertes Aussehen. Verbittert war er in der Tat.

Folge 7

Seine Stelle war ihm nach Abschluss des Lehrerseminars Hofwil von der Obrigkeit zugewiesen worden. Er mochte von Höherem geträumt haben, von einer Anstellung in Bern vielleicht, allenfalls in Langnau, aber gewiss nicht im Gohlgraben, wo er sich und seine Familie mit seinem Jahreslohn von hundertvierzig Franken nur über Wasser halten konnte, wenn er die Bücher Röthlisbergers, der keinen geraden Satz zustande brachte, als dessen Gehilfe führte. Er hob den Kopf, musterte Simon mit kaltem Blick und übergab ihm die Quittung für die gelieferte Milch. Dann, mit einer Geste, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, bedeutete er dem Jungen zu verschwinden.

Simon hatte seinen Karren gepackt und sich auf den Rückweg gemacht. Nach einem langen, mühsamen Aufstieg im Schneegestöber durch den winterlichen Wald stand er nun am Brunnen. Zitternd vor Kälte wusch er mit steifen Fingern die beiden Kannen aus. Er trocknete sie mit einem Lappen und trug sie in den Stall zurück. Im Schein der La- terne kontrollierte er, ob sie auch glänzten, so dass der Bauer am nächsten Morgen keinen Anlass haben würde, ihn zu schlagen. Im Stall war es warm. Manchmal, wenn ihn sein Elend zu überwältigen drohte, legte sich der Junge zwischen die Vorderbeine einer Kuh und liess sich von ihr ablecken. Ihm war dann, als wolle ihn das Tier trösten. Es war bereits das zweite Weihnachtsfest, das Simon auf Hollerbüelhus erlebte. Er gehörte nicht zur Familie. Man wollte ihn nicht dabeihaben, wenn es etwas zu feiern gab. Die Meisterin stellte ihm bei solchen Gelegenheiten jeweils einen Teller, der etwas reichlicher gefüllt war als sonst, auf den Tisch in der Küche. Wenn er mit dem Essen fertig war, erwartete man, dass er in seine Kammer ging und die Familie nicht störte.

Julia, die Leitkuh, hob den Schwanz und pisste. Der Junge hielt seine klammen Hände in den warmen Strahl. Mit einem Wisch Heu trocknete er sie ab und trat vors Haus. Durchs Fenster versuchte er einen Blick in die Stube zu erhaschen, wo die Reists um den Christbaum sassen. Sie sangen. O du fröhliche, o du selige … Bilder von Weihnachten auf dem Auenhof stiegen vor ihm auf. Feste mit Mutter, Vater und den Geschwistern. Auch das Gesinde war dabei gewesen. Anders als hier, wo er vom Zusammensein ausgeschlossen war.

Später, nachdem er sein Essen, das in der Küche für ihn bereitstand, verschlungen hatte, stieg er hinauf in den Gaden, in seine Kammer, die nicht viel mehr war als ein Bretterver- schlag. Eine Pritsche, eine Truhe für die wenigen Habseligkeiten, die er besass, ein alter Tisch und ein wackliger Stuhl. Es war bitterkalt. Er zündete eine Kerze an. In der Winterluft, die durch die Ritzen unter der Dachschräge drang, flackerte die Flamme. Sein Atem bildete Wölkchen, die sich verflüchtigten. Das kleine Fenster war mit Eisblumen beschlagen. Simon zog seine schweren, mit einer Holzsohle ausgestatteten Schuhe und die vom Schnee durchnässte Drillichjoppe aus und schlüpfte in den Kleidern zwischen die beiden alten Pferdedecken, die ihm auf der mit Stroh gefüllten Matratze als Leintücher dienten. Er zog seine Knie zum Kinn und presste die Arme gegen die Brust.

Er werde noch früh genug erfahren, was es heisse, eine Waise zu sein, hatte ihm Esther prophezeit. Inzwischen hatte Simon begriffen, dass das vor allem eines bedeutete: zu arbeiten. Tag für Tag. Von früh bis spät. Anton Reist behandelte ihn als Knecht und verlangte mehr von ihm, als ein Zwölfjähriger zu leisten im Stand war.

Um halb fünf musste er aufstehen, um im Stall beim Mel- ken zu helfen, und dann ging es weiter, bis er am Abend, nachdem er aus der Käserei in Gohl zurückgekehrt war, die Milchkannen ausgewaschen hatte. Auf dem Hof gab es immer viel zu tun: Im Frühjahr waren die beiden Äcker zu bestellen, im Sommer wurde dreimal das Gras eingebracht, und im Herbst mussten Obst und Getreide geerntet werden. Von Oktober bis April ging er zwar in die Schule. Aber bevor er sich auf den Weg hinunter nach Gohl machte und so- bald er von dort zurückkehrte, galt es, auf dem Hof mitzuhelfen. Endlos hatte er Holz zu spalten, das man brauchte, um den Kachelofen in der Stube zu heizen. Ferner hiess man ihn Pfosten für die Viehzäune anzuspitzen, aus Weidenruten Körbe zu flechten, und wenn das alles erledigt war, ging er der Meisterin und ihren Töchtern in der Küche zur Hand. Wenn es im Wald zu tun gab, liess ihn Reist nicht in die Schule. Simon musste die Bäume, die der Bauer und sein Ältester fällten, entasten und die Rinde schälen. Einer wie er, aus dem ohnehin nichts werde, mache sich besser nützlich, als faul in der Schulstube zu hocken, meinte der Meister in solchen Fällen. Wenn er mit ihm nicht zufrieden war, musste Simon die Hosen bis zu den Kniekehlen
hinunterziehen. Dann versohlte ihm der Bauer, der im Zorn zu Gewalttätigkeiten neigte, mit harter Hand den nackten Hintern. Olga und Frieda schauten zu, tuschelten miteinander und kicherten. Simon biss die Zähne zusammen, liess keinen Laut über seine Lippen kommen. Immerhin schlug ihn der Meister nie ohne Anlass. Wenn es nichts auszusetzen gab, schwieg er und liess ihn in Ruhe.

Man nannte ihn nie bei seinem Namen. Für die Reists war er lediglich «der Bub». Manchmal fragte er sich, ob sie wussten, dass er Simon hiess. Man begegnete ihm mit Gleichgültigkeit und sprach mit ihm nur, um ihm Anweisungen zu geben oder um ihn herabzusetzen. Das bekam er auch bei den Mahlzeiten zu spüren. Er wurde selten satt. Die Meisterin schöpfte ihm jeweils einen Teller voll. Nicht mehr.

Folge 8

Anders als für Michel, die Zwillinge und Christian gab es für ihn keinen Nachschlag. «Wenn du mehr essen willst», hiess es, «kannst du bei deinem Onkel, dem Waisenvogt, dafür sorgen, dass das Pflegegeld, das die Gemeinde für dich bezahlt, erhöht wird». Dabei hatten die Reists sich nicht zu beklagen. Nicht einmal für Simons Kleider mussten sie aufkommen. Er trug die Sachen, aus denen sein Bruder Jakob, der im Pfarrhaus von Langnau in Pflege war, herausgewachsen war. Jeweils im Frühling und im Herbst übergab ihm die Pfarrfrau Hemden, Hosen, Strümpfe, Joppen und Schuhe.

Von unten aus der warmen Stube, wo die Reists die Geburt Christi feierten, drang Gesang in Simons Kammer. Er hörte die hellen Stimmen der Zwillinge: O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter und Als ich bei meinen Schafen wacht, ein Engel mir die Botschaft bracht. Simon kannte die Texte und Melodien. Er hatte die Lieder einst selber gesungen. Für ihn stammten sie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Er tastete unter das Kopfende des Strohsacks, der ihm als Matratze diente. Die Rauchwurst, die er sich für Heiligabend aufgespart hatte, war noch da. Er holte sie hervor und biss hinein. Esther hatte sie ihm, zusammen mit anderen guten Dingen, am vergangenen Sonntag nach der Predigt in die Hand gedrückt, heimlich, denn keiner durfte wissen, dass sie zu Hause auf dem Auenhof, wo sie jetzt als Magd diente, für ihren kleinen Bruder Esswaren aus der Speisekammer entwendete. «Erzähl niemandem etwas davon», hatte sie das erste Mal gesagt, als sie ihm am Grab von Vater und Mutter auf dem Gottesacker hinter der Kirche ein kleines Esspaket zugesteckt hatte. Er hatte begriffen. Viktor Diepoldswiler, der jetzt ihr Meister war, würde sie bestrafen, wenn er davon wüsste. «Erzähl niemandem etwas davon», beschwor sie ihn Sonntag für Sonntag, wenn er ihre Liebesgabe, die ihm im Verlauf der Woche half, seinen Hunger zu stillen, unter seiner Joppe verschwinden liess.

Zum Glück hielt es Anton Reist für seine Christenpflicht, den Tag des Herrn zu heiligen, wie er zu sagen pflegte, wenn er das Pferd vor den Leiterwagen spannte und mit den Seinen und dem Verdingbuben nach Langnau in die Kirche fuhr. Simon bekam dadurch Gelegenheit, einmal in der Woche seine Geschwister zu sehen.

Nach dem Gottesdienst durfte er jeweils mit Jakob ins Pfarrhaus, wo er zum Mittagessen eingeladen war. Mit verschlossenem Gesicht war er anfänglich am vornehm gedeckten Tisch gesessen, wusste nicht recht mit Gabel und Messer umzugehen und wagte kaum zu sprechen. Der Bruder hatte ihn auffordern müssen, sich den Teller ein zweites Mal füllen zu lassen. Inzwischen schöpfte ihm Lydia Amsoldinger nach, ohne dass er sie darum bitten musste.

Anders als die meist kräftig gebauten Bäuerinnen der Gegend war die Pfarrfrau eine vornehme Dame, ein zartes Wesen, blass und feingliedrig. Ihr einst blondes Haar war von grauen Strähnen durchsetzt. Sie war eine geborene Willading und stammte aus einer reichen, ehemals
regimentsfähigen Berner Familie. Nach dem Essen setzte sie sich manchmal ans Klavier und sang dazu mit ihrem empfindsamen, dunklen Alt romantische Lieder. Manchmal wurde sie von Hustenkrämpfen geschüttelt. Sie hielt ein Spitzentüchlein vor den Mund und sagte «Excusez», wenn der Anfall vorbei war. Ihr Mann betrachtete sie sorgenvoll und legte schweigend seine Hand auf ihre Schulter, während sie sich an seine Brust lehnte. Sie habe Schwindsucht und werde wohl früh sterben, hatte Jakob Simon einmal erklärt. Nach dem Essen verbrachten die Brüder zwei Stunden draussen im Garten, wenn es das Wetter zuliess, sonst in Jakobs Zimmer. Meistens setzte sich der Ältere hinter die Staffelei, die ihm Lukas Amsoldinger, der an sein Talent glaubte, gekauft hatte. Simon sah ihm zu, wie er malte: Immer wieder Porträts der Pflegemutter, an denen der Bruder erkannte, was Jakob meinte, wenn er sagte, sie sei vom Tod gezeichnet. Unter seinen Bildern gab es auch jenes einer Frau, auf deren Scheitel anstelle von Haaren Schlangen wuchsen, deren Gesicht mit Drachenschuppen bedeckt war und deren Zähne im weit aufgerissenen Mund den Hauern von Ebern glichen. Das sei das Haupt der Medusa, erklärte Jakob, dessen Anblick jeden Betrachter in Stein verwandle. Und dann erzählte er dem Bruder die Sage von Perseus, dem Sohn des Göttervaters Zeus, der Medusa den Kopf abgeschlagen und mit dieser grässlichen Trophäe später Tod und Verderben über seine Feinde gebracht hatte.

Für Simon waren die Sonntage eine Unterbrechung seines leidvollen Daseins im Gohlgraben. Aus der Zuwendung seiner Geschwister schöpfte er die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten.

Um halb vier musste er aufbrechen. Mit Esthers Paket an der Brust stieg er den Dorfberg hinauf und gelangte dann durch den Wald zum Pfad, der ihn über den Hohgrat zu Reists Hof führte. Meistens lief er, denn wenn er nicht pünktlich zum Melken in Hollerbüelhus war, setzte es Schläge.

Da die Kinder, die in den Einzelhöfen und Streusiedlungen des Gohlgrabens lebten, in den Sommermonaten auf dem Feld und im Stall gebraucht wurden, fand der Schulunterricht nur im Winterhalbjahr statt. Fünfundsiebzig Mädchen und Buben zwischen sieben und zwölf Jahren drängten sich in eine viel zu enge Stube in einem alten baufälligen Haus in Matten, unweit der Käserei. Dort versuchte Armin Aregger lustlos seinen Zöglingen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Folge 9

Auch zur Schule musste Simon meist rennen, denn Anton Reist liess ihn erst gehen, wenn er seine Arbeit erledigt hatte. Der Weg von Hollerbüelhus ins Tal hinunter war in knapp zwanzig Minuten zu schaffen, wenn Schnee lag, dauerte es länger. Wer zu spät kam, wurde bestraft, denn Aregger hielt auf Zucht und Ordnung. Er liess seinen pädagogischen Furor an allen aus, die sich etwas gegen seine Regeln zuschulden kommen liessen: am Siebenjährigen wie am Sechstklässler, an Jungen wie an Mädchen – an allen ausser jenen, deren Väter reich waren und für sein karges Gehalt aufkamen und ihm zusätzlich ab und zu durch ihre Sprösslinge eine halbe Speckseite, Würste oder Laiblein Käse zukommen liessen und damit den schmalen Speisezettel des Lehrerhaushaltes bereicherten. So traf es immer dieselben: Kinder von Taunern und Tagelöhnern oder Verdingte wie Simon. Seit er von Anton Reist ersteigert worden war und im Gohlgraben zur Schule ging, gehörte auch er zu jenen, welche die Zähne zusammenbissen, um nicht zum Ergötzen der andern heulen und wehklagen zu müssen, wenn Areggers Rute auf die offenen Handflächen klatschte, die man ihm hinhalten musste, oder wenn man, schlimmer noch, auf dem Tisch des Lehrers lag, das Gesicht der Klasse zugewandt, während der Rohrstock zwölfmal auf den Hintern des armen Sünders sauste. Zwölfmal – nicht mehr und nicht weniger.

Simon lehnte sich gegen Aregger auf, stumm und verbissen. Sein wortloser Widerstand entging dem Lehrer nicht. Er rief den Verdingbuben von Hollbüelhus mehr auf als andere, achtete genauer darauf, dass er seine Gesetze einhielt, nahm jeden Anlass wahr, ihn zu bestrafen. Wollte er ihn brechen? Welche seltsame Befriedigung gab es diesem verbitterten Schulmeister, das ins Elend verstossene Kind eines Grossbauern zu kujonieren?

Simon liess sich nicht brechen. Weder von Armin Aregger noch von Anton Reist. Er setzte den beiden Quälgeistern, die aus seinem Leben einen Dreiklang aus Lieblosigkeit, Demütigungen und Schlägen machten, den unstillbaren Hass entgegen, der in ihm brannte und der auch Moritz und Viktor Diepoldswiler galt, die ihn aus seiner Heimat verbannt hatten. Manchmal wünschte er sich, er wäre Perseus und besässe das Haupt der Medusa. Er stellte sich vor, wie er den Bauern, den Lehrer und die beiden Diepoldswiler in grauen Stein verwandeln würde.

Unten in der Stube war es still geworden. Die Reists waren zu Bett gegangen. Unterdessen hatte Simons Körper so viel Wärme abgegeben, dass er sich zwischen seinen beiden Decken wohlfühlte. Morgen würde auch er Weihnachten feiern können. Die Amsoldingers hatten ihn und Esther zum Essen eingeladen. Er würde sich den Bauch mit Chüechli vollschlagen können, mit Hasenöhrli, Rosenchüechli und Ver- habni, den in Butter gebackenen Leckereien, die man in allen Emmentaler Haushalten bei festlichen Anlässen auf den Tisch stellte und von denen man auch Tagelöhnern und Bettlern mit nach Hause gab. Selbst ihm hatte die Meisterin heute Abend zwei Strübli neben den Teller gelegt, allerdings ohne Schlagrahm, der seinerzeit auf dem Auenhof dazugehört hatte. Wenn er jetzt in der Dunkelheit seiner elenden Kammer daran dachte, dass er morgen im Pfarrhaus ein paar Stunden mit seinen Geschwistern verbringen durfte, dass man ihm vielleicht sogar ein Geschenk machen würde, empfand er eine fast unsinnige Vorfreude. Simon gab seine embryonale Stellung auf und glitt unmerklich in jenen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf, in dem sich Phantasie und Träume vermengen.

Viktor Diepoldswiler strahlte eine satte Zufriedenheit aus. Nach vollbrachtem Tagewerk sass er im Auenhof am Kopf- ende des Tisches. Zu seiner Linken hatten Lena, die Gross- magd, und Esther auf der einen Längsseite Platz genommen, der junge Dölf und der alte Baschi, die beiden Knechte, sassen ihnen gegenüber.

Er bewirtschaftete den Hof nun schon seit über einem Jahr. Später einmal, wenn sich sein Vater aufs Altenteil setzte, würde man ihn mit dem Lindenhof zusammenlegen, und er würde Besitzer eines der grössten Bauerngüter im Tal werden. An Ostern hatte er sich mit Marlis Bieri, der Tochter eines reichen Bauern aus Trubschachen, verlobt. An Weih- nachten würde er heiraten. Er würde Nachkommen zeugen und Stammvater eines neuen Zweigs von Diepoldswilers werden.

Das Wetter schien es in diesem Frühjahr 1861 gut mit den Bauern zu meinen. Oben in den Voralpen hatte die Schnee- schmelze früh eingesetzt, und nun liessen Sonnentage und warme Regengüsse das Getreide und die übrige Feldfrucht wachsen. Das Gras stand bereits kniehoch. Bald würde man mit der ersten Heuernte beginnen und etwas später das Vieh zur Sömmerung auf die Lüderenalp treiben.

Viktor dankte dem Herrgott für Speise und Trank und kam gleich auf den Mordfall zu sprechen, der in jenem Frühjahr im ganzen Emmental für Gesprächsstoff sorgte. Er fühlte sich dazu besonders berufen, hatte ihm doch sein Vater, der Geschworener am Assisengericht von Burgdorf war, das über das Verbrechen zu urteilen hatte, den Fall in allen Einzelheiten geschildert.

Andreas Schlatter, der Schafberg-Resli aus Signau, ein siebenundvierzigjähriger Hagestolz, war am 15. Februar auf seinem Hof erschlagen worden. Sein Untermieter, der Schuhmacher Jakob Wyssler, der mit seiner Familie auf dessen Hof lebte, meldete der Polizei, die Leiche des Bauern liege auf dem Boden des Tenns. Offenbar sei er von der Heubühne gestürzt.

Folge 10

Die Ärzte wollten allerdings nicht an einen Unfall glauben, denn der Schädel des Toten war vollständig zertrümmert. Da man wusste, dass sie mit Schlatter heillos zerstritten waren, wurden Wyssler und sein Freund, Samuel Krähenbühl, der als Knecht beim benachbarten Bauern Jakob Stucki arbeitete, in Haft genommen. Während zweier Monate leugneten die beiden die Tat, bis sie zermürbt von den endlosen Verhören und dem Aufenthalt im Dämmerlicht der engen Gefängniszelle gestanden, dass sie den Mord gemeinsam mit Krähenbühls Meister und Wysslers Frau Verena geplant und begangen hatten.

Während er sich langsam, Bissen um Bissen, mit Milch und Mehl weichgekochtes Gemüse, Kartoffeln, Speck und dazwischen einen gedörrten Birnenschnitz in den Mund schob, kaute und hinunterschluckte, berichtete Viktor, weshalb und wie der Schafberg-Resli umgebracht worden war. Ein paar Tage vor der Tat hatten Stucki und sein Knecht im Wald des Nachbarn eine Tanne gefällt und auf den eigenen Hof geschafft. Schlatter, dem der Holzfrevel nicht entgangen war, drohte mit einer Strafanzeige. Die beiden Sünder liessen sich von den Wysslers, die bei ihrem Vermieter hoch verschuldet waren, überzeugen, dass allen Beteiligten gedient wäre, wenn man den Geizkragen umbringen würde. Gegen das Versprechen, von der erhofften Beute zweihundert Franken zu bekommen, erklärte sich Samuel Krähenbühl bereit, die Tat auszuführen.

Am 15. Februar traf man sich in Wysslers Wohnung und trank sich Mut an. Dann gingen die drei Männer in den Stall, wo Krähenbühl Schlatter mit einer Eisenstange mehrmals auf den Kopf schlug. Als sich der Bauer blutüberströmt wieder aufrappelte, packten Stucki und Wyssler den Schwerverletzten, schleppten ihn hinauf auf die Heubühne und warfen ihn kopfüber hinunter auf den Boden des Tenns. Anschliessend durchsuchten sie Schlatters Wohnung, fanden aber nicht mehr als ein paar Franken.

«Als sie zurück ins Tenn kamen», schloss Viktor seinen Bericht, «bewegte sich der Totgeglaubte noch immer, worauf ihm Verena mit dem Schuhmacherhammer ihres Mannes das Lebenslicht endgültig ausblies.»

Das Gesinde schwieg beeindruckt, während sich der Meis- ter Milch nachschenkte.

«Da haben sie den alten Mann einfach totgeschlagen wie einen räudigen Hund und zu allem Elend war es ein Weib, das ihm den Rest gegeben hat», sagte Dölf endlich. Es klang beinahe anerkennend, und so fügte er schnell hinzu: «Das hat er nicht verdient, der Schafberg-Resli. Ich hoffe, sie wird ihre gerechte Strafe erhalten.» Esther fragte sich, ob Dölf, der sich viel auf seine Männlichkeit zugutetat, es nicht in Ordnung fand, dass Schlatter letztlich von Frauenhand hatte sterben müssen. «Die drei Männer haben sich ebenso schuldig gemacht wie Verena Wyssler», empörte sie sich.

Der Melker gab sich nicht geschlagen. «Ihr Mann, Stucki und Krähenbühl haben lediglich versucht, ihn umzubringen. Ermordet hat ihn das Weibervolk», trumpfte er auf. «Das ist doch vor dem Gesetz ein Unterschied, nicht wahr, Meister?» Viktor mochte es, wenn ihn das Gesinde bei Differenzen nach seiner Meinung befragte. Das gab ihm das Gefühl, auch in Dingen jenseits der täglichen Arbeit auf dem Hof die letzte Instanz zu sein. Er lehnte sich im Stuhl zurück und legte die Stirn in Falten. «De jure mag das, was Dölf sagt, korrekt sein, de facto hat aber zweifellos Esther recht.» Er machte eine Pause und schielte zu seiner hübschen Base. Realisierte sie, dass ihm lateinische Begriffe wie de jure und de facto ganz natürlich über die Lippen flossen? Obwohl er bald heiraten würde, gefielen ihm die fraulichen Rundungen der inzwischen siebzehnjährigen Verwandten, die auch seine Jungmagd war. «Mein Vater meint, dass sie alle dieselbe Strafe bekommen werden.» Er fuhr mit der Kante der rechten Hand über seine Kehle.

«Rübe ab!», kommentierte Baschi, der Karrer, der sich bis dahin ausschliesslich dem Essen gewidmet hatte.

«Auge um Auge, Zahn um Zahn», bestätigte der Meister.

«Jesses», entsetzte sich Lena, «vier Leben für eines!»

«Die irdische Gerechtigkeit muss dem göttlichen Gesetz Genüge tun.» Viktor geriet ins Moralisieren. «Angefangen hat alles mit Gier und Neid. Die Wysslers, diese Hungerleider, wollten Schlatters Geld. Stucki und Krähenbühl stahlen ihm Holz. Jede böse Tat bringt eine neue hervor, und am Schluss stehen Mord und Totschlag.» Er schaute Esther bedeutungsvoll an. «Du sollst nicht stehlen, spricht der Herr.» Sie erwiderte seinen Blick und fragte sich, ob der Vetter wusste, dass sie Woche für Woche einen Raubzug in die Speisekammer unternahm, um das, was sie entwendete, ihrem kleinen Bruder zuzustecken.

Anders als für Simon hatte sich Esthers Leben nach dem Tod des Vaters nicht wesentlich verändert. Gewiss, sie diente jetzt als Magd auf dem Auenhof – aber war sie das, bei rechtem Lichte besehen, nicht schon vorher gewesen? Hatte sie nicht schon früher in der Küche und auf dem Pflanzplätz mithelfen und das Kleinvieh besorgen müssen? Sie bewohnte weiterhin ihre Kammer, niemand missgönnte ihr das Essen und für Lena war sie nach wie vor die Tochter des alten Meisters, der nun eben, Gott sei’s geklagt, gestorben war

Am Pfingstsonntag, der in diesem Jahr auf den 19. Mai fiel, ging Esther zusammen mit dem Gesinde vom Auenhof, ein paar Schritte hinter Viktor, durch die Marktstrasse zur Kirche. In ihrer Sonntagstracht mit dem schwarzen Mieder über dem gestärkten, weissen Hemd, der weissen Schürze, dem grauen, gestreiften Rock, unter dem zwei weissbestrumpfte Knöchel hervorblitzten, und dem Strohhut, der keck auf ihrem zu einem Zopf gebundenen braunen Haar sass, war Esther eine aparte Erscheinung.

Folge 11

Es war unübersehbar: Das schlanke und grossgewachsene junge Mädchen stand an der Schwelle zum Frausein. Wenn sie sich im Dorf sehen liess, zog sie nicht nur die begehrlichen Blicke stössiger Burschen auf sich. Realisierte sie, dass ihr Anblick so manches Männerherz, auch jenes ihres Vetters, in Aufruhr versetzte?

Nach der Predigt traf sich Esther wie üblich hinter der Kirche mit Simon am Grab der Eltern. Sie umarmte den Bruder. Die grosse Schwester war die einzige, der er solche Zärtlichkeiten erlaubte. Der Junge schnupperte. Sie roch nach Frühling. Lydia Amsoldinger, Jakobs Pflegemutter, hatte ihr zu Weihnachten ein Fläschchen mit Maiglöckchenessenz geschenkt und ihr gesagt, die Jungfern in der Stadt Bern würden damit bei festlichen Gelegenheiten Handgelenke und Ohrläppchen betupfen. Offenbar war Pfingsten ein solcher Anlass.

Jenseits der Mauer, die den Gottesacker umfriedete, lag das Pfarrhaus mit seinem Garten, wo Jakobs Staffelei stand. Vielleicht wollte der Bruder am Nachmittag die Schrattenfluh malen, die im Südosten den Horizont abschloss. Ihre schwarzen Felsen hoben sich vom blauen Himmel ab, über den Schönwetterwolken zogen.

Als sie unter ihrer Schürze die in ein Tuch eingeschlagenen Esswaren hervorzog, um sie Simon zu geben, legte sich schwer eine Hand auf ihre Schulter. Erschreckt fuhr sie herum. Hinter ihr stand Viktor Diepoldswiler. Von den Geschwistern unbemerkt, war er ihnen nach dem Gottesdienst hierher gefolgt und hatte sie beobachtet. Ruhig nahm er Esther das Paket aus den Händen, öffnete es und betrachtete, die rechte Braue hochgezogen, die beiden Dauerwürste, das grosse Stück Käse, den Streifen Speck und die gedörrten Apfelringe, die aus der Speisekammer des Auenhofs stammten. «Deine Schwester verschenkt anderer Leute Eigentum», sagte er zu Simon, der ihn unerschrocken anstarrte. «Du magst es behalten, als Gabe von deinem Vetter – Hungerleider!» Er warf ihm alles vor die Füsse.

Während der Junge auf allen vieren seine Schätze barg, packte Viktor Esther am Oberarm und zerrte sie über den Friedhof, an der Kirche vorbei und die Treppe hinunter zum Bärenplatz. Obwohl sie sich heftig sträubte und laut zeterte, lockerte er auch in der Marktstrasse, wo die Leute stehen blieben und ihnen verwundert nachstarrten, seinen Griff nicht. Er führte sie wie eine Gefangene über die Brücke der Ilfis hinunter in die Schwemmebene, vorbei an den Schachenhäusern zum Auenhof, und liess sie erst los, nachdem er sie in seine Kammer gestossen und die Tür hinter sich verschlossen hatte.

Es war das Zimmer von Esthers Eltern. Hier war sie vor siebzehn Jahren zur Welt gekommen. Hier war die Mutter bei der Geburt ihres vierten Kindes gestorben, das, als sie es aus ihrem Schoss gepresst hatte, bereits tot war. Hier, auf demselben Bett, hatte man vor zwei Jahren die Leiche Hannes Diepoldswilers aufgebahrt. Hier stand der schwere Tisch aus Eichenholz, an dem der Vater Einnahmen und Ausgaben ins grosse Haushaltbuch eingetragen hatte. Und hier, vor diesem Tisch, hatte sie jeweils Rede und Antwort stehen müssen, wenn sie gegen eines seiner Gebote verstossen hatte.

So wie jetzt. Viktor hatte Platz genommen und musterte die Base aus zusammengekniffenen Augen, während sie mit puterrotem Gesicht vor ihm stand, mühsam gegen Tränen der Wut und der Scham kämpfend.

«Du hast mich bestohlen, Mädchen», sagte er jetzt. Mädchen – als sei sie ein unartiges Kind. «Seit einiger Zeit beobachte ich, wie du meine Speisekammer plünderst. Weisst du, was man hierzulande mit Dieben macht?»

Esther biss sich auf die Lippen und starrte trotzig zu Boden.

«Eine wie dich sperrt man ins Gefängnis, und wenn du end- lich wieder freikommst, findest du keine Stelle mehr. Wer will schon eine, die sich an fremdem Besitz vergreift? Auch einen anständigen Mann wirst du nicht finden», fuhr er fort, «höchstens einen Vaganten oder Landstreicher, einen, der auch im Loch gewesen ist. Ihr werdet weiter betrügen und stehlen, irgendeinmal werdet ihr jemanden totschlagen, um ihn zu berauben, so wie die vier Mörder von Signau, und schliesslich werdet ihr im Zuchthaus oder auf dem Schafott enden.»

Wenn Viktor geschrien hätte oder getobt, wie seinerzeit der Vater, wäre alles weniger schlimm gewesen. Aber er sprach ganz ruhig, sagte ihr ein Schicksal voraus, das unausweichlich schien, ein Schicksal als Verworfene. Esther fiel die Mutter ein, die fromm gewesen war und die sie stets angehalten hatte, nicht vom rechten Pfad abzuweichen. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

«Heulen nützt auch nichts», meinte Viktor. «Ich werde dich dem Landjäger übergeben müssen, du wirst die heutige Nacht in der Zelle im Gemeindehaus verbringen, morgen kommst du dann ins Gefängnis nach Burgdorf.»

«Nein», schluchzte Esther, «nicht ins Gefängnis. Ich habe ja nichts für mich genommen. Es war alles für Simon, der bei seinem Meister Hunger leiden muss.»

«Du hast gestohlen», sagte Viktor unbarmherzig. Er legte zwei Finger seiner linken Hand unter ihr Kinn. «Schau mich an, Mädchen.» Durch einen Tränenschleier nahm sie wahr, dass seine Augen seltsam glänzten.

«Du weisst, dass du Unrecht getan hast, dass du eine Diebin bist und dass du bestraft werden musst?»

«Ja», schniefte sie, «aber bring mich nicht ins Gefängnis.» Obwohl es ihr unangenehm war, dass er sie anfasste, wagte sie nicht, sich zu bewegen.

Folge 12

«Du möchtest lieber, dass ich dich bestrafe, als dich der Polizei zu übergeben?» Seine Stimme klang jetzt heiser. Er hatte sich vom Stuhl erhoben. Gross und massig stand er vor ihr. Er zwang sie, den Kopf in den Nacken zu legen und ihm ins Gesicht zu schauen.

«Ja.» Esther schrie es beinahe. «Alles, nur nicht ins Gefängnis.»

«Nun, du hast es gewollt. Beug dich über den Tisch.»

Sie glaubte nicht recht gehört zu haben. Als Kind war sie auf diese demütigende Weise vom Vater gezüchtigt worden. Später hatte es nur noch Maulschellen abgesetzt, wenn sie ihm Anlass zum Zorn gab.

«Wird’s bald?», knurrte der Vetter. «Oder soll ich dich auf die Gemeinde bringen?»

Esther legte den Oberkörper auf die Tischplatte. Mit den Händen klammerte sie sich an der Kante fest. Entsetzt realisierte sie, dass Viktor, was der Vater nie gemacht hatte, ihr Rock und Unterrock über die Hüfte hochschlug, so dass sie ihm den nackten Hintern präsentierte. Sie presste die Beine zusammen und biss sich auf die Unterlippe. Er sollte sie nicht schreien hören. In Erwartung des Schmerzes spannte sie alle Muskeln an. Würde er sie mit einem Stock schlagen oder mit einem Riemen?

Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen hörte sie das Geräusch raschelnder Kleider, hörte, wie der Vetter schwer atmete, spürte, wie er sich über sie beugte, wie er seinen Fuss zwischen ihre Knöchel schob, wie er sie zwang, die Beine breitzumachen. Sie starrte über den Tisch hinweg aus dem Fenster hinüber zur Dürsrüti, wo, wie ihr seltsamerweise einfiel, die schönsten Weisstannen weit und breit wuchsen. Ein Teil des Waldes, der jetzt im Besitz Viktors war, hatte ihrer Familie gehört, so wie der Auenhof mit seinen Feldern, Äckern und dem Weideland.

Ein Schmerz, der sie zu zerreissen drohte, liess Esther aufschreien. Aufschluchzend trommelte sie mit den Fäusten auf die Tischplatte, als sie spürte, wie warmes Blut ihre Oberschenkel nässte und die Beine hinunterlief.

Endlich liess Viktor von ihr ab. Benommen richtete sie sich auf, bedeckte mit fahrigen Bewegungen ihre Blösse, ballte die Fäuste.

«Schau dir an, was du angerichtet hast», fuhr sie der Vetter an, der sich die Hose zuknöpfte. Auf dem Boden glänzte eine Blutlache. «Du holst jetzt eine Bürste und einen Eimer und bringst die Sauerei in Ordnung!»

Esther taumelte aus der Kammer. Ihr Unterleib schmerzte. Jeder Schritt tat ihr weh. Nach einer Weile kam sie zurück, liess sich auf die Knie nieder und begann die Tannenbohlen zu schruppen.

Viktor stand vor ihr, schaute auf sie hinunter. Seine zwei von schwarzem Tuch umhüllten Beine standen wie Säulen vor ihr. Der Boden war längst sauber. Sie schruppte weiter, bewegte die Bürste, die sie immer wieder in den Eimer tauchte, hin und her, als könne sie so ungeschehen machen, was geschehen war, als könne sie sich von ihrer Befleckung reinigen.

«Es genügt. Du kannst jetzt aufhören.»

Abrupt hielt sie inne. Sie blieb auf den Knien. Senkte den Kopf, schloss die Augen und versuchte vergeblich, ihren Vergewaltiger aus ihrer Welt zu verbannen. Seine Stimme drang durch die unsichtbare Mauer, die sie um sich zu errichteten versuchte.

«Ich will anerkennen», sagte er, «dass du nur für deinen kleinen Bruder, diesen Tunichtgut, zur Diebin geworden bist, und ich bin, unter gewissen Bedingungen, bereit, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.»

Erschreckt hob sie den Kopf.

«Erstens musst du über das, was heute zwischen dir und mir geschehen ist, schweigen. Zweitens», fuhr er fort, «wirst du mir versprechen, mich nie mehr zu bestehlen. In diesem Fall darfst du bis zum Ende dieses Jahres auf dem Auenhof bleiben. Dann wirst du eine neue Stelle suchen müssen. Denn eine wie dich möchte ich meiner künftigen Frau als Magd nicht zumuten. Hast du mich verstanden?»

Esther hatte sich inzwischen hochgerappelt und starrte den Vetter, der, die Daumen in den Ärmellöchern seiner Weste, drohend vor ihr stand, aus verquollenen Augen verständnislos an.

«Hast du das begriffen, Mädchen, oder soll ich dafür sorgen, dass du ins Gefängnis kommst?», herrschte er sie an.

«Nein», flüsterte sie entsetzt. «Ich werde mich an alles halten. Ich verspreche es.»

«Siehst du, ich wusste, dass wir uns verstehen», meinte er.

«Und nun pack dich fort!»

In ihrem Zimmer warf sich Esther aufs Bett. Sie barg ihr Gesicht in der rechten Ellenbeuge. Ihre Gedanken kreisten endlos um das Wort «geschändet», das sich mit den Schmerzen in ihrem Unterleib zur Gewissheit verband, sie sei für immer beschmutzt, sei nicht mehr wert als ein Stück Vieh, über das der Vetter verfügen konnte.

Nach einer halben Ewigkeit hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde und jemand ihre Kammer betrat. Sie verkrampfte sich. War er zurückgekommen? Wollte er seine böse Lust erneut an ihr stillen? Erleichtert realisierte sie, dass es die alte Lena war, die an ihrem Bettrand stand und mit ihren schwieligen Händen ihren Rücken streichelte.

Zwei Stunden zuvor hatte die Grossmagd aus dem Küchenfenster beobachtet, wie der Meister Esther, die sich verzweifelt gegen seinen harten Griff zur Wehr setzte, hinter sich her über den Hof ins Wohnhaus gezogen hatte. Als sie hörte, dass er sie hinauf in sein Zimmer schaffte, war sie leise die Treppe hochgestiegen. Sie hatte nicht alles verstanden, was hinter der geschlossenen Tür gesprochen wurde, aber sehr wohl geahnt, was Viktor drinnen mit der jungen Frau anstellte.

Folge 13

Lena selber war vor einem halben Jahrhundert als Dreizehnjährige von ihren Eltern auf den Auenhof verdingt worden. Zwei Jahre später hatte sich der alte Diepoldswiler, Esthers Grossvater, zum ersten Mal an ihr vergriffen. Er hatte sie immer wieder missbraucht. Schliesslich war sie schwanger geworden. Die Meisterin hatte nicht danach gefragt, wer der Vater des Jungen war, den sie auf dem Hof zur Welt bringen durfte. Nach der Geburt wurde das Kind vom Waisenvogt abgeholt. Ein Ehepaar aus Bern wolle es adoptieren, hatte man ihr gesagt. Er werde es dort gut haben, die Leute seien reich. Sie hatte ihren Sohn nie wiedergesehen. Falls er noch lebte, war er inzwischen achtundvierzig Jahre alt, ein Mann. Im Übrigen hatte sie Glück gehabt. Da die Meisterin fast gleichzeitig Mutter eines Mädchens geworden war, das sie selbst nicht stillen konnte, behielt man Lena auf dem Hof, damit sie als Amme das Kind mit jener Milch ernährte, die für ihren Jungen bestimmt gewesen wäre.

WEITER NACH DER WERBUNGIhr Schicksal war nicht ungewöhnlich. Weder damals noch heute. Jetzt hatte es eben Esther getroffen. Die Dinge wiederholten sich, würden sich wohl nie ändern. Wenn eine Magd jung und hübsch war und niemanden hatte, der sich um sie kümmerte, so galt sie für viele Bauern im Tal als Freiwild. Lena war wieder in die Küche hinuntergegangen. Nein, sie hatte nicht eingegriffen. Wie auch? Der junge Diepoldswiler hätte sie vom Hof gejagt und sie mit ihren dreiundsechzig Jahren dem Elend des Strassenbettels preisgegeben. Später, als er endlich in der Stube erschien und am grossen Tisch Platz nahm, hatte sie ihm die Mahlzeit aufgetragen, die er nach einem kurzen Tischgebet schweigend in sich hineinschaufelte. Als er fertig war, hatte er seinen Hut genommen und erklärt, er besuche seine Braut.

Sie hatte ihm nachgeschaut, als er über den Hof schritt. Er war ein stattliches Mannsbild, gross und breitschultrig, mit einem Hang zur Korpulenz. Auch wenn er nur der Pächter seines Vaters war, schien es Lena, als sei Viktor um Zentimeter gewachsen, seit er auf dem Auenhof das Sagen hatte. Lena setzte sich auf Esthers Bett. «Er hat dir Gewalt angetan, nicht wahr?», sagte sie leise, und als sie spürte, wie sich die junge Frau versteifte: «Und er hat dir verboten, darüber zu sprechen.»

WEITER NACH DER WERBUNG«Es tut so weh», wimmerte Esther, die sich nicht umdrehte.

«Ich habe dir etwas mitgebracht, das deine Schmerzen lindert.» Lena kramte einen Tiegel aus ihrer Schürze. «Es ist eine Kamillensalbe. Trag sie auf die wunde Stelle auf, sie wird sie heilen.»

«Nichts wird mich heilen», flüsterte Esther, «nichts wird wieder gut werden. Nie mehr.»

Noch immer streichelte Lena ihren Rücken. «Du wirst es überwinden, glaub mir.»

«Was weisst du davon?», stiess Esther verzweifelt hervor.

«Ich bin gezeichnet fürs Leben.»

«Frauenschicksal», sagte Lena. «Ich weiss von diesen Dingen mehr, als du ahnst. Du bist nicht die Erste, der man Gewalt angetan hat, und du wirst nicht die Letzte sein. Solange es der Meister ist, der sich an einer Jungmagd vergreift, wird im Tal kein Hahn danach krähen. Dein Vater, Gott hab ihn selig, der dich vor ihm hätte schützen können, liegt auf dem Gottesacker. Du tust gut daran, die ganze Sache tief in deinem Herzen zu begraben und weiterzuleben wie bisher.»

«Das kann ich nicht!» Esther setzte sich auf und schaute Lena verzweifelt an.

«Glaub mir, du kannst es. Es bleibt dir gar nichts anderes übrig.»

In den folgenden Tagen machte sich Esther in der Küche und im Haushalt nützlich, sie pflegte den Pflanzgarten und besorgte das Kleinvieh, und wenn man sie brauchte, half sie bei der Feldarbeit.

Aber nichts war mehr wie bisher. Ihre Fröhlichkeit und Zuversicht waren dahin. Ebenso wie die Drohung des Vetters, sie allenfalls als Diebin der Polizei zu übergeben, verstörte sie die Erkenntnis der eigenen Versehrbarkeit. Auch litt sie unter der Vorstellung, den Auenhof, wo sie aufgewachsen war, in ein paar Monaten verlassen zu müssen. Die Zukunft türmte sich wie eine dunkle Wolkenwand vor ihr auf.

Viktor erwähnte mit keinem Wort, was geschehen war. Er redete überhaupt kaum mit ihr, und wenn doch, so sprach er die Base nicht mehr mit ihrem Namen an. Sie war für ihn nur noch «das Mädchen». Sie nahm es ohne Widerspruch hin. Von Simon hatte sie gehört, dass man ihn bei den Reists «Bub» nannte. Das Mädchen und der Bub. Ohne dass sie es in Worte hätte fassen können, begriff Esther, dass sie als Geschändete verdingt, zum Ding entwürdigt worden war. Genau gleich wie Simon.

Am schwersten zu ertragen waren die Mahlzeiten. Wenn der Vetter am Morgen vor dem Frühstück mit bedeutungsschwerer Stimme einen Text aus der Bibel vorlas, starrte sie vor sich hin. Wenn beim anschliessenden Gebet die anderen die Hände falteten, den Kopf senkten und die Augen schlossen, beobachtete sie ihn verstohlen und voller Abscheu.

Durch ihn hasste sie jenen Gott, dessen Segen er Tag für Tag auf den Auenhof herabflehte. Später beim Essen stocherte sie lustlos in ihrem Teller herum, gab, wenn man sie etwas fragte, nur einsilbig Antwort und war erleichtert, wenn sie wieder an ihre Arbeit gehen konnte.

Den Ekel, den der Vetter bei ihr auslöste, empfand sie auch vor Baschi und Dölf, den beiden Knechten. Sie hielt sich von ihnen fern und wich ihnen wenn immer möglich aus. Nur mit Lena sprach sie noch. Allerdings nur über alltägliche Dinge. Es war ihr unmöglich, über die Geschehnisse von Pfingsten zu reden.

Folge 14

Doch nachts, wenn sie im Bett lag, quälten sie die Bilder, die immer wieder aufs Neue aus ihrem Innern aufstiegen. Sie lauschte angstvoll in die Dunkelheit, ob der Vetter erneut kommen und ihr Gewalt antun würde. Wenn sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, schreckte sie beim kleinsten Geräusch hoch, hielt den Atem an, spürte ihr Herz rasen. Manchmal versuchte sie zu beten, dann fiel ihr ein, dass sie nichts mit jenem Gott zu tun haben wollte, mit dem Viktor offenbar auf vertrautem Fuss stand.

Als Simon am Sonntag nach Pfingsten in der Kirche neben Jakob Platz genommen hatte, versuchte er vergeblich einen Blick von Esther zu erhaschen. Sie sass drüben auf der Frauenseite neben Lena. Sie war blass und starrte, als ginge sie das, was um sie herum geschah, nichts an, auf einen imaginären Punkt im Chor. Simon beobachtete, wie Lena der Schwester einen Stoss in die Seite gab, wenn es galt, sich zu erheben, und wie sie sie am Ärmel zupfte, damit sie nicht stehen blieb, wenn sich die Gläubigen wieder auf die harten Bänke niederliessen. Esthers Verhalten verwirrte ihn. Sie schloss sich vom Gottesdienst aus – weder faltete sie die Hände, wenn Pfarrer Amsoldinger betete, noch beteiligte sie sich am Gemeindegesang. Während der vergangenen Woche hatte er sich oft gefragt, wie es ihr wohl ergangen war, nachdem Viktor sie dabei erwischt hatte, als sie ihm Esswaren zugesteckt hatte. Der Vetter hatte sie wie ein störrisches Schaf, das man dem Metzger zuführt, über den Gottesacker gezerrt. Ob sie geschlagen worden war, so wie er selber auf Hollerbüelhus geschlagen wurde? Nun, er würde es nach der Predigt wohl von ihr erfahren.

Als er aber endlich am Grab der Eltern stand, wartete er vergeblich auf sie. Stattdessen erschien sein Onkel, Moritz Diepoldswiler, der Lindenhofbauer.

«Wenn du glaubst, deine Schwester habe wieder die Speisekammer meines Sohnes geplündert, damit du dir mit Speck und Würsten den Bauch vollschlagen kannst, Bürschchen, so täuscht du dich.» Er nahm den Jungen am Ohr und drehte es, so dass der einen Schmerzenslaut nicht unterdrücken konnte.

«Solange sie als Magd auf dem Auenhof dient, wirst du mit ihr keinen Kontakt mehr haben. Hast du verstanden?» Er liess ihn los.

Simon starrte den Vormund, den er von ganzem Herzen und aus ganzer Seele hasste, entgeistert an. Der Onkel, der ihn am Verdingmarkt an Anton Reist verschachert hatte, wollte ihm verbieten, mit Esther zu sprechen.

Diepoldswiler packte ihn am Oberarm und schüttelte ihn.

«Ob du verstanden hast, habe ich gefragt», schrie er.

«Würdet Ihr bitte Simon in Ruhe lassen!» Die energische Frauenstimme gehörte Lydia Amsoldinger. Sie und Jakob waren unterwegs zum Pfarrhaus, das jenseits der Hecke am Ostende des Friedhofs stand.

Der Waisenvogt liess von seinem Mündel ab. Er schaute die vornehme Frau, die als einzige im Dorf städtische Kleidung trug, aus schmalen Augen an. «Ihr tätet besser daran, Euch nicht in Dinge einzumischen, die Euch nichts angehen», sagte er drohend.

Sie liess sich von ihm nicht einschüchtern, erwiderte unerschrocken seinen Blick. «Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn Ihr glaubt, einen Gast unseres Hauses misshandeln zu dürfen.»

«Ein Gast Eures Hauses!», höhnte Diepoldswiler. «Einer, der sich von seiner Schwester mit gestohlenen Esswaren vom Hof meines Sohnes mästen lässt.»

«Mir will scheinen, da wäre noch viel zu mästen.» Die Ironie in der Stimme der Pfarrfrau war nicht zu überhören. Ihr Blick schweifte von der wohlgenährten Gestalt des Lindenhofbauern hinüber zum mageren Jungen. «Als sein Vormund müsstet Ihr dafür sorgen, dass er dort, wo Ihr ihn in Pflege gegeben habt, genügend zu essen bekommt.»

«Sagt mir nicht, was wir zu tun haben», grollte Diepoldswiler. «Sein Meister erhält von der Gemeinde Pflegegeld.»

«Fünfundzwanzig Franken im Monat, ich weiss. Dafür arbeitet er wie seine Schwester ohne Lohn zehn Stunden am Tag für fremde Leute.» Lydia Amsoldinger funkelte den Waisenvogt an. Alles in ihr empörte sich über das Fürsorgewesen in den Gemeinden, das zuliess, dass Kinder auf Bauernhöfen wie Leibeigene gehalten wurden. «Ich möchte gern wissen, was mit dem vielen Geld geschehen ist, das die Gemeinde für den Verkauf des Erbes der drei Kinder Eures verstorbenen Vetters gelöst hat.»

«Ihr solltet besser Eure Zunge hüten.» Erneut versuchte der Bauer die Pfarrfrau mit seinem Blick niederzuringen.

Sie gab kein Jota nach. «Und Ihr solltet Euch gut überlegen, wie Ihr Euch für Euer Tun rechtfertigt, wenn Ihr eines Tages vor Gottes Thron tretet. Kommt, Buben!» Sie wandte sich den Brüdern zu, die sich vom Dialog kein Wort hatten entgehen lassen. «Das Mittagessen wartet auf uns.» Sie legte den beiden die Arme um die Schultern und liess Moritz Diepoldswiler stehen.

«Und jetzt verrätst du uns, worum es in der Geschichte mit der Speisekammer geht, die den Waisenvogt derart in Rage gebracht hat», forderte Pfarrer Amsoldinger Simon auf, nachdem seine Frau die Begegnung mit dem Lindenhofbauern geschildert hatte. Man sass am gedeckten Tisch und wartete, bis die Magd, die man in der Küche rumoren hörte, das Essen auftragen würde. Stockend gestand der Junge, dass ihn die Schwester bis vergangene Woche Sonntag für Sonntag mit guten Gaben vom Auenhof versorgt hatte.

«Seine Meistersleute im Gohlgraben missgönnen ihm jeden Bissen», warf Lydia Amsoldinger ein. «Ohne Esthers Hilfe müsste der arme Bub Hunger leiden.»

Folge 15

Der Pfarrer überging ihren Einwand. «Hast du gewusst, dass das, was dir Esther gegeben hat, gestohlen war?»

«Sie hat nichts gestohlen, was nicht uns gehören würde.» Das war Jakob. Er war erregt. «Sie haben uns um unser Erbe betrogen, haben Esther zur Magd gemacht und Simon zum Knecht …» Er verstummte.

Lukas Amsoldinger hob überrascht den Kopf. Es kam selten vor, dass sich sein fünfzehnjähriger Pflegesohn in eine Diskussion einmischte. In der Regel hörte Jakob zu, beobachtete, versuchte zu ergründen, was zwischen den Zeilen gesprochen wurde. Was er dachte, gab er bestenfalls in den Bildern, die er malte, preis.

Während die Magd das Essen auftischte, dachte der Pfarrer nach. Sein asketisches Gesicht nahm einen kummervollen Ausdruck an. Obwohl man seit bald sechzig Jahren in einer Demokratie lebte, verstanden sich im Emmental Grossbauern wie Moritz Diepoldswiler als Angehörige einer Art ländlicher Aristokratie, die in ihren Gemeinden das Regiment nach eigenem Gusto führten. Die Armen – und es gab viele von ihnen, allein in Langnau musste jeder Vierte von der Fürsorge unterstützt werden – waren ihrer Willkür preisgegeben. So wie die Kinder des verstorbenen Hannes Diepoldswiler, dessen Besitz sie unter sich aufgeteilt hatten, während ein
elternloser Junge wie Simon darben musste. «Es geht hier nicht um den Waisenvogt, sondern um das, was Esther getan hat», sagte er schliesslich. «Auch wenn sie es gut gemeint hat – sie hat Dinge gestohlen, die ihr nicht gehören. Wenn ihr Meister sie anzeigt, wird man sie bestrafen.»

Jakob und Simon starrten den Pfarrer fassungslos an. Auch seine Frau war schockiert. «Er könnte sie anzeigen?», erregte sie sich. «Dieser aufgeblasene Kerl, der sich auf Kosten der drei Kinder bereichert, könnte das liebe Mädchen, das sich um seinen kleinen Bruder kümmert, anzeigen? Du weisst, dass das nicht gerecht ist.» Ihr Mann hob mit einer hilflosen Geste die Arme. «Gerechtigkeit und Recht sind zwei verschiedene Dinge. Anders als Esther, die gestohlen hat, handelte der Gemeinderat, der für das Fürsorgewesen zuständig ist, rechtens, auch wenn er Unrecht getan haben mag.»

«Getan haben mag …» Lydia Amsoldingers Stimme wurde schrill. «Diese kleinen, gierigen Dorfkönige haben Unrecht getan, sie haben sich gegen Gott und die drei Kinder versündigt. Ich habe so genug von diesem verlogenen Pack, das sonntags in der Kirche beim Gebet fromm die Hände faltet und unter der Woche die Armen, Witwen und Waisen ins Elend stösst.» Sie unterbrach sich, zog ein blütenweisses Taschentuch aus dem Ärmel und presste es gegen den Mund, während sie hustend um Atem rang. Als der Anfall endlich vorbei war, lehnte sie sich erschöpft im Stuhl zurück und betrachtete erschrocken das Tüchlein das sich rot verfärbt hatte. «Blut», flüsterte sie entsetzt und schaute ihren Mann aus grossen Augen an. Sie erhob sich: «Bring mich in unser Zimmer.»

Er war ebenfalls aufgestanden. «Esst ohne uns, Buben», sagte er, während er sie aus dem Raum führte. «Wir müssen eine Weile allein sein.»

«Ich mag auch nichts.» Jakob faltete seine Serviette zusammen. «Iss so viel du kannst», forderte er den Bruder auf.

«Du brauchst es. Wenn du fertig bist, findest du mich in meinem Zimmer.» Simon blieb allein zurück. Vor ihm auf dem Tisch stand, wie er sich das in der vergangenen Woche, wenn er ans Mittagsmahl im Pfarrhaus dachte, oft ausgemalt hatte, eine Platte mit einem Schmorbraten, ferner Schüsseln mit Dörrbohnen, Kartoffeln und Birnenschnitzen. Einen Augenblick lang kämpfte er mit sich, ob er dem Bruder folgen sollte, dann stieg ihm der Duft des Essens in die Nase. Hinter ihm lagen sieben magere Tage, an denen er kaum satt geworden war. Er schob den Gedanken an Esther und die Pfarrfrau beiseite und schöpfte sich den Teller voll.

Später sass er bei Jakob, der mit einem Kohlenstift ein Bild skizzierte. Eine Frau, fast noch ein Mädchen, war mit schweren Ketten an einen Felsen geschmiedet, der hoch aus dem wildschäumenden Meer ragte. Ihr Haar flatterte im Wind. Ihr Blick war auf ein grässliches Ungeheuer gerichtet, das aus den Wellen auftauchte. Simon erkannte sofort, dass der Bruder eine Szene aus der Perseus-Sage zeichnete. Die Unglückliche war Andromeda, die von ihren Eltern dem Nereus geopfert werden musste, weil sich ihre Mutter über die Töchter des Meeresgottes erhoben hatte.

Gebannt schaute er zu, wie Jakob der Jungfrau die Gesichtszüge Esthers verlieh, deren Augen panisch geweitet waren.

«Wo ist Perseus?», fragte Simon, der wusste, dass der Held das Ungeheuer besiegt und die Jungfrau geheiratet hatte.

«Ich stelle mir vor, dass er nicht gekommen ist und Andro- meda sterben musste.» Jakob legte das Blatt in die grosse Mappe, in der er seine Bilder aufbewahrte. «Aber in der Geschichte hat Perseus sie befreit.»

«Ja, in der Geschichte. Aber wer sagt, dass die Geschichte stimmt?»

Simon schwieg verwirrt. Wieder einmal konnte er den Gedankengängen des Bruders, dessen Talent er neidlos bewunderte, nicht folgen. Eine Sage einfach zu verändern, erschien ihm irgendwie unrecht. Hinzu kam, dass der Bruder Andromeda nach dem Vorbild Esthers gemalt hatte. Weshalb hatte er das getan?

Folge 16

Drüben im Salon wurde Klavier gespielt. Offenbar hatte sich Lydia Amsoldinger von ihrem Anfall erholt. «Es geht ihr wieder besser», stellte Simon fest.

Jakobs lauschte konzentriert. «Weisst du, was sie spielt?» Er öffnete leise die Tür und
beobachtete die Pflegemutter, die mit halb geschlossenen Augen Der Tod und das Mädchen von Franz Schubert interpretierte, eine melancholische Weise in Moll, zu der sich der Komponist, wie sie ihm einmal erzählt hatte, von einem Gedicht von Matthias Claudius hatte inspirieren lassen.

«Nein, sie hat das noch nie gespielt, wenn ich da war.»

«Es geht um ein Mädchen, das den Tod, der zu ihr kommt, anfleht:

Vorüber! Ach, vorüber!

Geh, wilder Knochenmann!

Ich bin noch jung, geh, Lieber!

Und rühre mich nicht an.»

«Und», wollte Simon wissen, «verschont er sie?» Der Vers löste eine Beklommenheit in ihm aus, die ihn ängstigte. Er musste an Esther denken, die heute bleich und seltsam abwesend in der Kirchenbank neben Lena gesessen war.

Jakob hatte seinerzeit die Pflegemutter gebeten, ihm das ganze Gedicht vorzulesen, aber sie hatte sich geweigert. Heute sang sie den Text nicht, sondern beschränkte sich allein auf die Melodie. Er kannte und hasste jeden Ton dieses Totentanzes, der für ihn zur Begleitmusik der Schwindsucht geworden war, die seine Pflegemutter von innen her auffrass. Das Schubertlied war inzwischen zu einem Ohrwurm geworden, der sich in seinem Kopf eingenistet hatte.

«Ich weiss nicht, wie es weitergeht», antwortete er dem Bruder in einem Ton, der jede weitere Frage ausschloss.

Nach einer Weile brach das Klavierspiel ab. Aus dem Salon hörten sie, ohne zu verstehen, was gesprochen wurde, die Stimmen der Eheleute. Als die Glocken der Kirche vier Uhr schlugen, kam Lydia Amsoldinger in Jakobs Zimmer. «Du musst zurück nach Hollerbüelhus», sagte sie zu Simon und drückte ihm ein Paket in die Hand. «Jetzt, wo deine Schwester nicht mehr für dich sorgen kann, werden wir dir jeweils Proviant für die Woche mitgeben.» Sie schaute ihn mitleidig an und berührte mit zwei Fingern seine Wange.

Simon stammelte einen unbeholfenen Dank und stürmte grusslos aus dem Zimmer. Erst oben auf dem Dorfberg, nachdem er die letzten Häuser von Langnau hinter sich gelassen hatte, setzte er sich unter eine Linde und weinte, als müsse er sich von allen Tränen, die sich in den letzten beiden Jahren aufgestaut hatten, auf einmal erleichtern.

Unmerklich war der Lenz zum Frühsommer geworden. Der strahlend blaue Himmel versprach eine Reihe schöner Tage, so dass Viktor Diepoldswiler mit der Heuernte beginnen konnte. Er und Baschi sowie drei Tauner, die aufgeboten worden waren, machten sich am 13. Juni in aller Herrgottsfrühe an die Arbeit.

Ausgerüstet mit Sensen, deren Sichelblatt man am Vor- abend am Dengelambos geschärft hatte, schritten die fünf Männer nebeneinander durch die Wiese und mähten mit gleichmässigem, weit ausholendem Schwung das kniehohe Gras. Viktor gab das Tempo vor, nach dem sich die anderen zu richten hatten. Er war der Jüngste und Kräftigste von allen, und es war für jeden Einzelnen eine Frage der Ehre, nicht aus dem Glied zu fallen und zurückzubleiben. Alle waren froh, wenn der Meister innehielt, damit man die Sense mit dem Wetzstein, den man am Gürtel trug, nachschärfen konnte. Als die Sonne zwei Handbreit über dem östlichen Horizont stand, brachte Esther einen Korb mit dem Frühstück, das Lena in der Küche bereitet hatte: Brot, Käse, Fleisch, eine Kanne Kaffee und einen Krug Most. Die Mäher unterbrachen ihre Arbeit und rasteten im Schatten eines Apfelbaums.

Inzwischen musste die Jungmagd, die zuvor Dölf im Stall zur Hand gegangen war, mit einer Gabel die Mahd ausbreiten, damit das Gras an der Sonne trocknen konnte. Im Laufe der nächsten Tage würde sie, zusammen mit der Frau eines Tagelöhners, das Heu noch mehrmals zetten müssen und es jeweils abends zum Schutz vor der Taufeuchtigkeit zu Nachtschwaden zusammenrechen. Wenn das Wetter warm und trocken blieb, konnte man das Gras nach ein paar Tagen in die Scheune einfahren.
Am Abend des zweiten Tages der Heuernte erschien Moritz Diepoldswiler auf dem Auenhof. Man war beim Essen. Er setzte sich an die untere Schmalseite des Tisches, gegenüber von Viktor. Während Lena ihm Wein einschenkte, musterte Esther ihn verstohlen. Sie hatte die Ähnlichkeit von Vater und Sohn immer als etwas Gegebenes betrachtet. Seit sie aber der bösen Lust des Vetters ausgeliefert war, graute ihr auch vor dem Alten, der sie erahnen liess, wie Viktor in drei Jahrzehnten aussehen würde: Ein Fleischkoloss mit Wülsten im Nacken, grobporiger Haut, dem lächerlichen Schnurrbärtchen über der Oberlippe und den kleinen, verkniffenen Äuglein, von denen sich nur jene täuschen liessen, die nicht erkannten, dass sich dahinter ein selbstbewusster Tyrann verbarg, dessen Wünsche man tunlichst als Befehl zu verstehen hatte. Sie schauderte bei der Vorstellung, sie müsse sich auch vor ihm über die Tischplatte beugen, damit er sie, wie sein Sohn, schänden könne.

Folge 17

Er komme von Burgdorf, wohin man ihn als Geschworenen ans Assisengericht aufgeboten habe, sagte jetzt der Alte gewichtig. Er machte eine Pause und trank einen Schluck aus dem mit den drei Tannen des Langnauer Wappens verzierten Zinnbecher. Man habe heute Jakob Wyssler und seine Frau Verena sowie Jakob Stucki und dessen Knecht, Sämi Krähenbühl, die den Schafberg-Resli im Februar erschlagen hätten, zum Tode verurteilt. Er schaute bedeutungsvoll in die Runde. «Einstimmig», fügte er dann hinzu. «Einzelne der Geschworenen, und ich gehöre auch zu ihnen», fuhr er fort, «haben bedauert, dass im Kanton Bern seit drei Jahrzehnten Hinrichtungen nur noch mit dem Schwert erfolgen. Kurz und gnädig.» Er lachte verächtlich. Früher, als man Mörder aufs Rad geflochten, Ketzer ersäuft und Diebe aufgehängt habe, sei der Respekt vor der Obrigkeit grösser gewesen als heute.

«Kopf ab.» Viktor nickte und schaute in die Runde. Sein Blick suchte Esther. «So geht es jenen, die ihre Meister betrügen und bestehlen und schliesslich sogar Hand an sie legen.»

Hatte sie ihn gehört? Lena
beobachtete das Mädchen aus den Augenwinkeln. Ihr schien schon lange, Esther lebe unter einer Glocke aus Glas, aus der sie nicht herauskommen, in die aber auch niemand hineingelangen konnte. Auch sie nicht. Obwohl sie die Tochter des verstorbenen Meisters vor siebzehn Jahren auf ihrem Schoss geschaukelt und ihr den Schoppen gegeben hatte, sie später bei ihren kindlichen Kümmernissen getröstet und zuletzt versucht hatte, ihr die früh verstorbene Mutter zu ersetzen. Das Kind hatte es schwer, besonders jetzt, wo der Bauer sie gegen ihren Willen und viel zu früh zur Frau gemacht hatte. In den vergangenen Wochen hatte sie zwei- oder dreimal Geräusche aus Esthers Kammer gehört, von denen sie nichts wissen durfte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, aus ihrem Dienst gejagt zu werden. Lena sprach mit niemandem über die bösen Dinge, die sich auf dem Auenhof zutrugen. Auch nicht zu Frau Pfarrer Amsoldinger, die sie kürzlich in der Kramlaube gefragt hatte, ob sie wisse, weshalb Esther, das gute Kind, derart verstört sei. Die alte Magd hatte nur stumm den Kopf geschüttelt.

«Wann findet die Hinrichtung statt?», unterbrach Viktor Lenas Gedankengänge. «Ich denke, dass ich mit meinen Leuten hingehen werde, nicht aus Neugierde, sondern damit sie sehen können, dass an jenen, welche das Leben und Ei gentum anderer gefährden, ein Exempel statuiert wird.» Wieder warf er Esther einen Blick zu.

Das sei eine gute Idee, fand sein Vater. Als Waisenvogt werde er Anton Reist empfehlen, mit dem kleinen Bruder von Esther hinzugehen. Das werde dem ungezogenen Bengel, der weder Zucht noch Ordnung kenne, guttun. Er streckte Lena den leeren Becher hin und liess sich von ihr Wein nachschenken. Was den Zeitpunkt des Vollzugs der Todesstrafe betreffe, meinte er dann, müsse man noch den Entscheid des Grossen Rates abwarten. «Jetzt, wo die Kanaillen realisieren, dass es ans Lebendige geht, werden sie um Gnade winseln. Die Herren in Bern müssen wohl oder übel das Gesuch behandeln. Sie werden es ablehnen. Wie üblich.»

In diesen Tagen sprach man im ganzen Tal über das Urteil von Burgdorf. In den Dörfern und auf den Einödhöfen in den Seitentälern, auf den Feldern und selbst auf den Hochweiden erhitzte die bevorstehende Hinrichtung die Gemüter. Dass vier Köpfe am selben Tag abgeschlagen werden sollten, war unerhört. Das hatte es seit undenklichen Zeiten nicht mehr gegeben. Niemand wollte sich das Spektakel entgehen las- sen. Auf dem Markt, im Bären, im Löwen und in der Kramlaube werweissten die Langnauer darüber, wann und vor allem wo das blutige Schauspiel stattfinden würde. In Signau, wo die ruchlose Tat geschehen war, oder in Langnau, am Sitz des Regierungsstatthalters?

Es gab Gerüchte. Bereits am Donnerstag, dem 4. Juli, kamen Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung scharenweise ins Dorf, weil sie glaubten, die Exekution würde an diesem Tag stattfinden.

Am folgenden Sonntag regnete es. Erst gegen Abend brach die Sonne durch die dunklen Wolken und malte einen prächtigen Regenbogen über Langnau. Lena betrachtete ihn durch das Küchenfenster. Sie deutete ihn als Gnadenzeichen Gottes für die von der weltlichen Gerichtbarkeit zum Tode Verurteilten. Esther, die neben ihr stand, schaute sie verständnislos an.

Dölf, der seinen Wochenverdienst wie üblich im Bären vertrunken hatte, berichtete beim Abendessen, vor dem Amtshaus habe sich eine riesige Menschenmenge eingefunden. Man sei von weither gekommen: zu Fuss, im Einspänner, in überfüllten Leiterwagen. Die Geistlichkeit aus der ganzen Umgebung sei dagewesen, als der Herr Regierungsstatthalter den vier Mördern eröffnete, was man tags zuvor im Bund, dem Intelligenzblatt der Stadt Bern, habe lesen können: Die Obrigkeit hatte mit siebzig gegen dreissig Stimmen ihr Gnadengesuch abgelehnt. Morgen Montag in aller Frühe werde man den Übeltätern auf dem Richtplatz, im Ramserengraben bei Bärau, die Köpfe abschlagen. Viktor erklärte, man werde um drei Uhr aufbrechen. «Alle!» Er fixierte Esther. Dann schickte er das Gesinde in ihre Kammern.

Der Regierungsstatthalter hatte befohlen, die vier Verurteilten in der Nacht vor ihrer Hinrichtung getrennt voneinander im Amtshaus in je einem von Landjägern bewachten Raum unterzubringen. Allen wurde ein Pfarrer zugewiesen, denn im Kanton Bern wollte man niemanden zu Tode bringen, ohne ihm zuvor den angemessenen geistlichen Trost zu spenden.

Folge 18

Lukas Amsoldinger sass bei Verena Wyssler und betrachtete die Frau, die dem Opfer mit dem Schuhmacherhammer ihres Mannes endgültig den Schädel zertrümmert hatte. Sie hockte in einer Ecke, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und starrte vor sich hin. Die schmutzigen Kleider schlotterten um den abgemagerten Leib. Ihr strähniges Haar, das man im Nacken geschoren hatte, um dem Scharfrichter die Arbeit zu erleichtern, hing ihr unordentlich in die Stirn.

Ob sie mit ihm beten wolle, fragte der Pfarrer nach einer Weile. Er hatte auf dem einzigen Stuhl im Raum Platz genommen und sass ihr gegenüber.

Unendlich langsam hob sie den Kopf. «Beten? Wozu?» Dann versank sie erneut in Schweigen.

«Vielleicht möchtet Ihr bereuen.»

Sie gab ihm keine Antwort, starrte vor sich hin. Bewegungslos.

Amsoldinger bohrte weiter: «Wollt Ihr Euch nicht mit Gott versöhnen, vor dessen Thron Ihr morgen treten werdet, um Rechenschaft darüber abzulegen, was Ihr aus dem Leben, das er Euch geschenkt hat, gemacht habt?»

Sie schwieg lange. Hatte sie ihm überhaupt zugehört? Dann endlich: «Bereuen? Versöhnen? Rechenschaft? Wisst Ihr überhaupt, wovon Ihr sprecht, Pfarrer?» Pause. Dann:

«Euer Herrgott hat nicht nur mir das Leben geschenkt, sondern auch jenen, die es mir und den Meinen zur Hölle gemacht haben.» Nein, sie bereue nichts. Schlatter, sie spuckte den Namen des Ermordeten förmlich aus, habe den Tod mehr als verdient. Sie und ihre Familie seien ihm ausgeliefert gewesen und hätten das Geld, das er ihnen ausgeliehen habe, abarbeiten müssen, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen. Ein Geizhals sei er gewesen, der auch am Essen gespart und ihren Kindern jeden Bissen missgönnt habe. Sie hob den Kopf und schaute Amsoldinger aus Augen an, in denen er nur noch Hoffnungslosigkeit und Resignation erkannte. «Er hat uns bevogtet, drangsaliert und verhöhnt», sagte sie tonlos. «Kein Mädchen im Tal hätte ihn geheiratet. Bei all seinem Geld nicht. Um keinen Preis. Er war ein Grüsel.» Immer wieder habe der Unflat versucht, ihr an den Hintern zu greifen und an die Brüste, habe ihr gedroht, wenn sie ihm nicht zu Willen sei, die Familie aus dem Haus zu jagen. Sie könne dann als Bettelweib schauen, wie sie ihre Brut ernähren wolle. «Meine Brut. Vier Kinder. Drei von Jakob und eines aus erster Ehe.» Sie verstummte, barg das Gesicht in den Händen.

«Und jetzt, wo man Euch dem Scharfrichter übergibt», fragte der Pfarrer, «was meint Ihr, was mit Euren Kindern geschieht?» «Was soll schon mit ihnen geschehen? Man hat sie verdingt, verschachert an einen dieser reichen Bauern, der wenig Pflegegeld für sie verlangt und sie dann über ihre Kräfte hinaus arbeiten lässt und ihnen keine Liebe schenken wird. Sie werden dasselbe erleiden, wie mein Mann und ich in unserer Kindheit erlitten haben. Leute unserer Art kommen nie aus dem Dreck.»

Der Pfarrer sagte nichts. Er dachte an Simon und Esther, die man auch verdingt hatte und die sich nicht mehr sehen durften. Sein Versuch, Viktor Diepoldswiler zu bewegen, das Verbot aufzuheben, war gescheitert. Die Base, welche ihm die Gemeinde in Obhut gegeben habe, sei eine Diebin und ihr Bruder ein widerborstiger Tunichtgut, der sie zum Stehlen verführe, hatte er erklärt. Er wolle nicht, dass die beiden miteinander Umgang pflegten.

Dem Pfarrer war aufgefallen, dass der Jungbauer seinem Blick auswich. Steckte mehr hinter der ganzen Geschichte als die paar Würste, die aus der Speisekammer des Auenhofes entwendet worden waren? Seine Frau war davon überzeugt. Lena, die sie in der Kramlaube darauf angesprochen habe, wisse von Dingen, über die sie nicht reden wolle. Sie hatte ihren Mann bedrängt, die alte Magd und Esther in den nächsten Tagen ins Gebet zu nehmen. Er hatte es ihr versprochen. Ungern, denn sich mit Viktor Diepoldswiler anzulegen bedeutete, auch einen Streit mit dessen Vater, der ein mächtiger Mann und als Kirchenvorstand sein Vorgesetzter war, vom Zaun zu brechen.

Seufzend wandte sich der Pfarrer wieder Verena Wyssler zu. «Und das göttliche Gericht?», fragte er. Er betrachtete es als seine Pflicht, dieses unselige Weibsbild vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Verena Wyssler schaute ihn an, als sei er nicht bei Trost.

«Ich werde morgen früh für meine Tat büssen. Euer Herrgott braucht da nicht mehr nachzudoppeln. Und jetzt lasst mich in Ruhe, Pfarrer. Ich möchte meine letzten Stunden nicht mit unnützem Geschwätz vertun.»

«Versündigt Euch nicht, Frau, er ist auch Euer Herrgott.»

Sie umfasste wieder ihre Knie, liess den Kopf sinken und wiegte den Oberkörper hin und her wie ein verlassenes Kind. Mit ihrer ganzen Haltung brachte sie zum Ausdruck, dass sie nichts mehr von ihm hören, nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Noch ein paar Mal versuchte der Pfarrer, sie anzusprechen. Vergeblich. Sie gab ihm keine Antwort mehr. Sie sass da, regungslos, schweigend, getrennt von der Welt, die sie ausgestossen hatte. Schliesslich gab er es auf. Er faltete die Hände und betete lautlos für die zum Tod Verurteilte.

Während sich Lukas Amsoldinger ohne rechte Überzeugung bemühte, die verstockte Seele Verena Wysslers der Gnade Gottes anzuempfehlen, lag Esther wach in ihrem Bett. Viktor hatte den Schlüssel zu ihrer Kammer an sich genommen. Wenn ihm der Sinn danach stand, kam er. Ohne Vorankündigung, mitten in der Nacht. Hatte sie sich an seine Besuche gewöhnt? Sie verabscheute den schweren Mann, der sich schwitzend auf sie legte und irgendeinmal mit einem befriedigten Grunzen von ihr liess und wortlos in sein eigenes Zimmer verschwand.

Folge 19

Der Gedanke an die Vorstellung, er könnte ihr ein Kind machen, bereitete ihr Übelkeit bis zum Erbrechen.

Esther horchte in die Stille des Hauses. Von der Kirche schlug es elf, dann zwölf. Sie entspannte sich. Diese Nacht würde er sie wohl in Ruhe lassen. Noch drei Stunden blieben ihr. Sie fiel in einen leichten Schlummer, bereit, jederzeit hochzuschrecken. Am schlimmsten zu ertragen war es, wenn er sie im Schlaf überraschte.

Am 8. Juli 1861, in der Dunkelheit des frühen Montagmorgens, führte man Jakob Wyssler, seine Frau Verena, Jakob Stucki und dessen Knecht, Samuel Krähenbühl, ins Freie.

Zuvor war ihnen vom Regierungsstatthalter das Todesurteil verlesen worden. Jetzt standen sie, mit auf dem Rücken ver- schnürten Armen, im dämmrigen Licht der Gaslaternen auf dem Platz vor dem Amtshaus. Hinter den Schranken, die am Vorabend aufgestellt worden waren, hatte sich eine riesige Menschenmenge eingefunden. Ein Raunen ging durch die Reihen, als Franz Josef Mengis, der Scharfrichter, den man eigens aus dem aargauischen Rheinfelden hatte kommen lassen, sein Pferd bestieg. Er stammte aus einem Geschlecht von Henkern, die in der ganzen Schweiz gerufen wurden, wenn es galt, einem Delinquenten den Kopf abzuschlagen oder ihm, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall gewesen war, Schlimmeres anzutun. Obwohl bereits sechzigjährig, war er gross und kräftig. Nur sein einst schwarzes Haar und der buschige Bart, der fächerartig Hals und Kragen bedeckte, waren grau. Als er seinen Umhang zurückschlug, sah man das Richtschwert, mit dem er das Urteil vollstrecken würde. Mengis lenkte sein Pferd neben jenes des Landjägerwachtmeisters. Hinter den beiden bestiegen der Statthalter, der Amtsschreiber und zwei Weibel in den schwarzroten Berner Standesfarben eine wartende Kutsche. Umringt von sechs Dragonern, zweiundfünfzig Infanteristen und dreiundzwanzig Gendarmen folgten die Verurteilten, die von je zwei Geistlichen begleitet wurden. Der Zug bewegte sich Richtung Ramserengraben, einem kleinen Tal auf dem Gebiet des Langnauer Ortsteils Bärau am linken Ufer der Ilfis. Die Leute schlossen sich an. Viktor und sein Gesinde waren auch dabei. Lena hatte ihren Arm teils schützend, teils sich auf sie stützend um Esthers Schulter gelegt. Das Mädchen war nur widerwillig mitgekommen. Ihr graute vor dem blutigen Schauspiel. Sie war wohl die einzige. Auf dem Weg, der zu Fuss in einer Dreiviertelstunde zurückzulegen war, stiessen immer mehr Neugierige zur Menge, die zum Strom anwuchs, der sich wie eine Naturgewalt zur Richtstätte wälzte. Man hatte am Strassenrand gewartet, in der Hoffnung, einen Blick auf den Scharfrichter und die vier Verurteilten werfen zu können. In den oberen Stockwerken der Häuser machte man sich die Plätze an den Fenstern streitig. Man drängelte sich nach vorn, trat einander auf die Füsse, rammte sich Ellenbogen in die Seite, zischte sich an, fluchte, schimpfte, lachte, schrie durcheinander. Der Anlass wurde zum Volksfest, zum Ereignis, von dem man noch nach Jahren prahlen würde, man sei dabei gewesen.

In den Dörfern und Einzelhöfen im Gohlgraben war man bereits zwei Stunden nach Mitternacht aufgebrochen, um rechtzeitig dort zu sein, wenn hinter Bärau die Köpfe rollen würden. Auch Anton Reist, seine Frau, die Zwillinge Olga und Frieda und der sechsjährige Christian waren unterwegs. Michel, der Älteste, der sich am Sonntag mit andern Jungmännern in Langnau herumgetrieben hatte, war im Dorf geblieben, wo man die bevorstehende Hinrichtung in den Tavernen mit einer Freinacht feierte. Simon musste an diesem Morgen die Stallarbeiten allein besorgen. Ihn hatte man in Hollerbüelhus zurückgelassen. Er glaube nicht, dass der Lümmel aus der Exekution der vier Schelme eine Lehre zu ziehen vermöge, hatte Reist dem Waisenvogt beschieden, als er von ihm aufgefordert worden war, seinen Verdingbuben mitzunehmen. In Tat und Wahrheit mochte es der Bauer seinem Knechtlein, das ihm trotzigen Widerstand leistete und das weder Schläge noch Demütigungen zu brechen vermochten, nicht gönnen, dabei zu sein, wenn er sich und den Seinen einmal einen schönen Tag machte.

So kam es, dass Simon die Kühe melken und den Stall ausmisten musste, während die feierliche Prozession den Ramserengraben erreichte, wo man die Todgeweihten voneinander getrennt zur Seite führte.

Das Schafott, das zwei Tage zuvor aus vorgefertigten Brettern zusammengestellt worden war, stand im Talgrund. An den Hängen zu beiden Seiten drängte sich, Kopf an Kopf, eine Masse von – wie später die Zeitungen berichteten – zehn- bis zwölftausend Menschen, die von weither gekommen waren, begierig, Blut, das im Namen der Gerechtigkeit vergossen werden sollte, fliessen zu sehen. Väter hoben Kinder auf ihre Schultern, und Jugendliche waren auf Bäume geklettert, wo sie von ihren Hochsitzen aus freie Sicht aufs Blutgerüst hatten.

Es war sechs Uhr, und die Sonne hatte sich bereits über den östlichen Horizont erhoben, als Meister Mengis das Podest bestieg. Die aufgeregten Stimmen verstummten. Der Henker liess sich von einem seiner beiden Knechte den Umhang abnehmen, stützte sich breitbeinig auf sein Schwert und musterte die Zuschauer. Er fasste einen jungen, rothaarigen Burschen ins Auge, der in unmittelbarer Nähe des Schafotts stand. Er hatte einen Zeichenblock in der Hand und erwiderte seinen Blick aus hellen Augen. Es schien, als versuche er, sich die Gesichtszüge des Scharfrichters einzuprägen.

Folge 20

Manchmal bearbeitete er mit raschen Bewegungen das Papier mit einem Reissblei. Dann hob er den Kopf wieder, kniff die Augen zusammen, ja und einmal nahm er, den Bleistift senkrecht in der Hand, mit ausgestrecktem Arm Mass. Über der Nase von Franz Josef Mengis, der es gewohnt war, dass sein Anblick Angst und Schrecken verbreitete, erschienen zwei scharfe Falten. Was bildete sich dieser Bengel ein, der ihn ungeniert betrachtete? Ihn, der sich als die Geissel Gottes empfand, als Herrn über Leben und Tod. Was masste sich der Laffe an, ihn auf Papier zu bannen, als sei er irgendein gewöhnliches Subjekt?

Jakob Diepoldswiler registrierte den Unwillen des Henkers. Er liess ihn kalt. Für ihn war Mengis einer, der sich einem ehrlosen Handwerk verschrieben hatte und ausserhalb der menschlichen Gemeinschaft stand. Mit ein paar Strichen versuchte er, auch dem Zorn des Mannes Ausdruck zu verleihen.

Jakob hatte das Pfarrhaus bereits kurz nach Mitternacht verlassen, um dieses archaische Strafgericht, das auf uralten Ritualen gründete, mitzuerleben und festzuhalten. Er war überzeugt, dadurch dem Geheimnis des Menschen, das sich ihm bisher nur in Sagen und Legenden erschlossen hatte, einen Schritt näherzukommen.

Die Stille, die über dem Richtplatz lag, wurde jetzt von aufgeregten Rufen durchbrochen. Mengis löste seinen Blick von Jakob und schaute zum Waldrand hinüber, von wo sich die gefesselte Verena Wyssler näherte, umringt von vier Gendarmen.

«Mörderin», schrie jemand, «Hure», ein anderer. Immer mehr Schmähungen wurden laut. Hoch erhobenen Hauptes schritt die Frau durch das feindselige Gebrüll, direkt auf die beiden Henkersknechte zu, die sie am Fuss des Schafotts erwarteten und über eine Treppe hinauf aufs Podest zerrten, wo der Scharfrichter stand. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Dann, auf ein Zeichen von Mengis, drückten seine Knechte die Frau auf den für die Verurteilten bestimmten Stuhl. Sie banden ihr ein schwarzes Tuch um die Augen. Der Henker trat hinter sie. Als er das Schwert hob und mit der Klinge an ihrem Hals, ohne ihn zu berühren, Mass nahm, verstummte das Geschrei. Totenstille senkte sich über den Ramserengraben. Verena Wyssler bewegte sich nicht. Mengis holte weit aus. Es schien, als stehe die Zeit still. Überdeutlich nahm Jakob die Gebärde des Scharfrichters wahr: die kräftigen, breit gespreizten Beine, die Drehung des muskulösen Oberkörpers, die sehnigen Arme, den in den Nacken geworfenen Kopf mit dem Bart, der waagrecht zum Boden in die Luft stach. Der Stift des Burschen flog über das Papier.

Dann ein Schrei aus Tausenden von Kehlen, der in den Morgenhimmel stieg, verhallte und sich in ein Stimmengewirr auflöste, das sich mitteilen, kommentieren, urteilen wollte – wie etwa Dölf, der Melker vom Auenhof, der sich gedrängt fühlte, seinem Meister zu sagen, das sei, verdammt nochmal, schon etwas anderes, als wenn man eine Sau absteche. Sachverständig nickend gab ihm Diepoldswiler recht.

Und während einer der Henkersknechte unter dem Johlen des Mobs grinsend Verena Wysslers Kopf, den er am Haarschopf gepackt hatte, den lüsternen Blicken der Gaffer präsentierte und ihn dann geschickt in den Korbwagen warf, der unter dem Schafott stand, lag der verstümmelte, entseelte Körper der Mörderin auf den Brettern des Gerüsts. Allmählich versiegte die Fontäne, die aus der grässlichen Wunde in die Höhe geschossen war, und wurde zum Rinnsal, das die Blutlache vergrösserte. Jetzt packten die beiden Knechte zum Gaudium der Zuschauer den kopflosen Körper an Armen und Beinen, schwangen ihn, eins, zwei, drei, hin und her und warfen ihn ebenfalls in den Wagen, der von der Universität Bern bestellt worden war. Sie hatte sich ausbedun- gen, die Leichen der vier Hingerichteten in der Anatomie zur Belehrung der Medizinstudenten sezieren und ausweiden zu dürfen.

Indessen hatte Franz Josef Mengis sein Richtschwert mit einem Tuch gereinigt und war bereit, sein nächstes Opfer in die Hölle oder, wenn der Herr Jesus Gnade walten lassen würde, ins Himmelreich zu befördern.

Esther, die mit Lena inmitten der erregten Menge stand, war es gelungen, sich auf ihre Art dem grausamen Spektakel zu verweigern. Sie hatte ihren Bruder neben dem Blutgerüst entdeckt und ihren Blick nicht mehr von ihm gelöst. Sie wusste um die Leidenschaft Jakobs, was immer ihn beschäftigte, zu zeichnen oder zu malen. Dass seine Passion auch vor einer Hinrichtung nicht Halt machte, war ihr in diesem Moment gleichgültig. Der Anblick Jakobs, der scheinbar unberührt vom Geschehen dastand und skizzierte, gab ihr die Kraft, die Exekution zu überstehen. Jetzt, nachdem die erste von vier Enthauptungen vorbei war, schaute sie in die Runde und versuchte, ihren zweiten Bruder irgendwo unter diesen weissen, gierigen Gesichtern, die nach noch mehr Blut lechzten, auszumachen. Sie konnte nicht wissen, dass man ihm den Besuch des Schauspiels vorenthalten hatte.

Nach Verena Wyssler schleiften die Henkersknechte ihren Mann aufs Schafott, dann Samuel Krähenbüel und schliesslich dessen Meister, Jakob Stucki. Noch dreimal wurde es still, wenn Mengis mit seinem Richtschwert ausholte. Noch dreimal stieg der Schrei der gnadenlosen Menge in den Morgenhimmel, noch dreimal wurde deren Gier nach dem Grauen gestillt, indem man ihr die abgeschlagenen Köpfe der Hingerichteten präsentierte, noch dreimal begleitete ihr ausgelassenes Johlen die enthaupteten Körper, die mit Schwung vom Blutgerüst in den Korbwagen fielen. Dann, um sieben Uhr, war alles vorbei.

Folge 21

Esther und Lena mieden die Landstrasse, über welche die erregte Menge, als hätte sie soeben ein Fest erlebt, nach Hause zurückstrebte. Sie folgten einem Feldweg am linken Ufer der Ilfis. Nach einer Weile bat das Mädchen, eine Rast einzulegen. Und während sich die alte Magd auf einen Baumstrunk setzte, liess sich Esther auf die Knie sinken und erbrach sich. Als ihr Körper sämtliche Nahrung der letzten Tage von sich gegeben hatte, schaute sie Lena mit einem derart jammervollen Blick an, dass die Alte erschrak.

Esther hatte in den vergangenen Wochen oft über Übelkeit geklagt. Jetzt fasste sich die Grossmagd ein Herz und stellte die Frage, die sie schon seit einiger Zeit quälte: «Wann hast du zum letzten Mal deine Sache gehabt?»

In Esthers Augen, die im bleichen, abgemagerten Gesicht unnatürlich gross erschienen, stand die nackte Verzweiflung.

«Seit ich ihm zu Willen sein muss, nicht mehr», schluchzte sie.

«Guter Herr Jesus!» Die Alte schloss das Mädchen in die Arme. «Du bist schwanger.»

Nachdem geschehen war, wovor sie sich während Wochen gefürchtet hatte, gesellte sich zum Ekel, den Esther ihrem Vetter gegenüber empfand, Erbitterung und Zorn. Als Viktor in der Nacht nach der Hinrichtung in ihre Kammer kam und sie aufforderte, die Beine breitzumachen, verweigerte sie sich ihm. Als er versuchte, sie mit Gewalt zu nehmen, wurde sie zur Furie. Sie trat nach ihm, fuhr ihm mit den Fingernägeln ins Gesicht, versuchte gar, ihn zu beissen, und schrie, sie lasse sich nie mehr von ihm berühren.

«Sei still!», zischte er und gab ihr eine Maulschelle, dass sie rückwärts aufs Bett taumelte. «Du weckst ja das ganze Haus. Was zwischen uns ist, geht niemanden etwas an.»

Sie griff sich an die Wange und starrte ihn hasserfüllt an.

«Das möchtest du», fauchte sie, «aber es wird sich nicht län- ger verbergen lassen, was du für ein Schwein bist. Ich bin schwanger.» Und dann schreiend: «Schwanger, schwanger, schwanger!»

Er warf sich über sie und würgte sie. Wollte er sie umbringen? Esther rang nach Luft. Endlich liess er sie los. «Schwan- ger?», fragte er ungläubig.

«Schwanger», keuchte sie. «Und wenn du mich jetzt wegen der paar Würste, die ich genommen habe, ins Gefängnis steckst, werde ich das Kind dort zur Welt bringen und das ganze Dorf wird es erfahren. Und auch in Trubschachen, wo deine Braut wohnt, wird man davon hören. Und wenn du mich tötest, wird man wissen, wer der Mörder war, und Meister Mengis wird auch dir den Kopf vor die Füsse legen.» Viktor schloss einen Moment lang die Augen. Er stellte sich vor, wie man sich im ganzen Tal das Maul über ihn zerreissen würde, dass vielleicht seine Heirat nicht zustande käme und ihn möglicherweise sogar der Vater verstiesse, wenn es ihm nicht irgendwie gelang, die Sache aus der Welt zu schaffen. Ohne ein Wort zu sagen, verliess er Esthers Kammer. Im Korridor hörte er, wie die Tür zu Lenas Zimmer leise geschlossen wurde. Hatte sie gelauscht? Wie viel wusste sie von der Sache?

Esther trat ans Fenster und betrachtete die dunklen Konturen der bewaldeten Hügel auf der anderen Talseite. Sie konnte sich nicht beruhigen. In ihr loderte ein Hass, von dem sie glaubte, er müsse sie verbrennen. Ein Hass nicht allein auf den Vetter, der sie immer wieder missbraucht und geschändet hatte, sondern auch auf die Frucht, die er in ihren Bauch gepflanzt hatte, dieses kleine Monster, das sich von ihrem Blut ernährte, das wuchs und neun Monate nach der Zeugung hinauswollte in eine Welt, für die sie als Mutter eines unehelichen Kindes als Hure galt. Sie hasste dieses Kind seines Vaters wegen. «Ich will es nicht haben», sagte sie zu ihrem Ebenbild, das sich im Fenster spiegelte.

«Was willst du nicht haben?» Lena stand in der Tür. Das dünne, graue Haar, das sie für die Nacht gelöst hatte, fiel auf ihre Schultern. Sie war im Hemd. In der Hand hielt sie eine Kerze, deren flackernder Schein Licht und Schatten über ihr welkes Gesicht tanzen liess. «Was willst du nicht haben?», wiederholte sie.

Esther drehte sich zu ihr. «Ich will kein Kind von diesem geilen Bock», sagte sie und funkelte die Alte an. «Ich werde zu Josiane gehen.»

Lenas Augen weiteten sich. Mit zitternden Händen stellte sie die Kerze auf den Tisch. «Das darfst du nicht tun, das wäre eine Sünde.»

Josiane war vor ein paar Jahren mit einer Gruppe von Jenischen nach Langnau gekommen, und als ihre Leute weiterzogen, beim Korbmacher und Hausierer Luzi Kilian geblieben, der in einem der Schachenhäuser am Rande der Schwemmebene wohnte - als Magd, wie sie jedem versicherte, dem die Vorstellung, die beiden lebten in wilder Ehe, ein Ärgernis war. Lange brauchte niemand daran Anstoss zu nehmen, denn Luzi war bereits nach wenigen Monaten im Suff in die Ilfis gefallen und ertrunken. Josiane nahm es gelassen. Sie richtete sich häuslich ein und bestritt, zum Missvergnügen der ansässigen Ärzte, ihren Lebensunterhalt aus dem Verkauf von Salben, Tränken, Ölen und Tinkturen, welche sie aus Kräutern, die sie in ihrem Gärtchen zog, herzustellen wusste und von denen es hiess, sie vermöchten Krankheiten bei Mensch und Tier zu heilen.

Wenn Josiane durch die Marktstrasse ging, schauten ihr die Männer nach. Das war wenig verwunderlich, denn sie war eine Frau im besten Alter, ausgestattet mit erfreulichen Rundungen, rabenschwarzem Haar und feurigen Augen. Gegen geringes Entgelt war sie bereit, das Begehren von so manch bravem Bürger zu stillen, wenn sich das Tier in seinen Lenden regte.

Folge 22

Dabei war es ihr einerlei, ob der Mann verheiratet war oder nicht. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, sie bessere ihren Verdienst ausserdem damit auf, dass sie allzu hitzigen Jüngferchen, in deren Leib sich etwas Unerwünschtes eingenistet hatte, aus der Verlegenheit helfe.

Kurz und gut: Josiane stand im Ruf, zugleich Hexe, Hure und Engelmacherin zu sein. Ausserdem war sie, anders als im Emmental üblich, katholisch. Noch vor zweihundert Jahren hätte eine wie sie auf dem Scheiterhaufen brennen müssen. Aber diese Zeiten waren Gott sei Dank vorbei. Sie galt zwar nicht als respektables Mitglied der Dorfgemeinschaft, aber solange sie ihr Gewerbe diskret und im Verborgenen betrieb und der Fürsorgekasse nicht zur Last fiel, wurde sie von der Obrigkeit geduldet.

«Du darfst nicht zu dieser schlechten Frau gehen!» Lenas Stimme klang schrill. «Ich verbiete es dir.»

«In dieser Sache hat mir niemand etwas zu verbieten.» Esthers Gesicht nahm einen störrischen Ausdruck an. «Ende Jahr werde ich vor die Tür gesetzt. Glaubst du, ich finde neue Meistersleute, wenn ich mit einem dicken Bauch eine Stelle suche?»

«Aber du darfst ein Kind, ein Gottesgeschenk, nicht töten», jammerte die Alte. «Ein Gottesgeschenk?» Esther lachte spöttisch.

«Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an; du bist mein Gott von meiner Mutter Schoss an», zitierte Lena händeringend aus dem zweiundzwanzigsten Psalm.

«Komm mir jetzt nicht mit deinen frommen Sprüchen!» Das Mädchen ballte die Fäuste. «Wo war dein Gott, als der Unflat mich immer wieder vergewaltigte? Und wo warst du? Niemand hat mir geholfen. Niemand!» Sie schaute die Alte böse an.

Lena versuchte, den Arm um sie zu legen. Esther stiess sie weg. «Du hast mich im Stich gelassen. Geh, ich will nichts mehr von dir wissen.»

Am Morgen sass Viktor wortkarg beim Frühstück. Er beobachtete Esther verstohlen, als suche er in ihrem Gesicht eine Antwort auf Fragen, die ihn in der Nacht bedrängt hatten. Als er das Gesinde für das Tagwerk einteilte, nannte er sie bei ihrem Namen - Esther, nicht mehr Mädchen. Sie registrierte es. Sollte er ein schlechtes Gewissen haben, oder hatte er schlicht Angst vor den Folgen seiner Tat, Angst vor ihr, dem Opfer seiner bösen Lust? Fühlte er sich ihr ausgeliefert? Sollte sie Macht über ihn haben? Ein nie gekanntes Triumphgefühl durchströmte sie.

Den ganzen Vormittag über drückte er sich in ihrer Nähe herum, folgte ihr mit seinen Blicken, wagte aber nicht, sie anzusprechen. Sie tat, als bemerke sie es nicht, liess ihn schmoren, zeigte ihm die kalte Schulter. Erst gegen Abend, als er ins Haus wollte, stellte sie ihn beim Brunnen auf dem Hof.

«Ich brauche Geld», sagte sie und schaute ihm fordernd ins Gesicht. Sie war bisher nicht bezahlt worden, hatte für ihr Es- sen und für Gotteslohn gearbeitet, hatte Lena bitten müssen, ihr, wenn sie neue Kleider oder Wäsche brauchte, aus der Haushaltkasse etwas zu geben, und hatte anschliessend dem Vetter auf Franken und Rappen genau Rechenschaft abzulegen.

Viktor wich ihrem Blick aus. «Geld? Wozu?», fragte er gepresst.

Sie hatte sich die Antwort im Laufe des Tages zurechtgelegt: «Damit ich dein Kind wegmachen kann.» Dein Kind. Nicht mein Kind. Schon gar nicht unser Kind.

«Wie viel?»

Atmete er auf? Hoffte er, sich freikaufen zu können? Auch über die Höhe des Betrags hatte sich Esther Gedanken gemacht. Sie hatte keine Ahnung, was Josiane verlangen würde. Unter den heranwachsenden Mädchen des Dorfes wurde mit wohligem Schaudern über die Engelmacherin und ihr Gewerbe geredet. Es gab Gerüchte, Mutmassungen, aber nichts Genaues.

«Dreihundert Franken», sagte sie. Das war für ihre Begriffe eine ungeheure Summe. Sie entsprach dem, was die Gemeinde jährlich für die Verköstigung Simons auf Hollerbüelhus bezahlte.

«Dreihundert Franken?» Viktor schaute sie fassungslos an. «So viel?»

Er schien nicht grundsätzlich an der Höhe des Betrags zu zweifeln.

Esther liess sich ihre Erleichterung nicht anmerken. «Es ist günstiger für dich, als die Folgen für das zu tragen, was du angerichtet hast. Oder willst du, dass dir dein Vater, der Waisenvogt, sagt, wie viel Unterhalt du für deinen Balg bezahlen musst?» Auch diese Antwort hatte sie sich überlegt. Sie wusste, dass man auf der Gemeinde, wenn es galt, die Fürsorgekasse zu entlasten, gegenüber Vätern von ausserehelichen Kindern keine Gnade kannte.

«Wer sagt überhaupt, dass das Kind von mir ist?», protestierte der Vetter.

Einen Moment lang war Esther sprachlos. Dann brach es aus ihr heraus. «Du gemeiner, schäbiger Kerl!», schrie sie.

«Zuerst fällst du während Wochen über ein wehrloses Mädchen her, und dann willst du es nicht gewesen sein. Glaub ja nicht, dass man dich nicht gehört hat, wenn du nachts in meine Kammer gekommen bist.»

«Sei still!» Viktor schaute besorgt zum offenen Küchenfenster, hinter dem Lena hantierte. Belauschte sie ihr Gespräch? Würde sie gegen ihn zeugen, wenn es zu einer Vaterschaftsklage kam? Er traute es der alten Magd zu. Sein ohnehin schwacher Widerstand brach zusammen. «Wann brauchst du das Geld?»

Folge 23

Am nächsten Tag klopfte Esther an Josianes Tür. Der kurze Gang vom Auenhof zu ihr war ihr nicht leichtgefallen. Die Eltern hatten die Bewohner der Schachenhäuser, von denen viele armengenössig waren, verachtet, und auch Viktor sprach nur von Gesindel und Lumpenpack, wenn die Rede auf die Leute kam, die an der Ilfis unten hausten. Wenn man ihnen begegnete, nahm man ihren Gruss mit einem knappen Kopfnicken ab. Liederliche Frauenzimmer wie Josiane übersah man. Das war jetzt, als sie die Tür öffnete und Esther neugierig musterte, nicht mehr möglich.

Sie war ihr unheimlich. Das unter einer Schicht Puder gebleichte Gesicht, die dunklen, dank Lidschatten unnatürlich vergrösserten Augen, die karmesinrot geschminkten Lippen, das schwarze Haar, das ihr offen auf die Schultern fiel, ferner die goldenen Ohrringe und die bunten Farben ihres Rockes machten sie in den Augen des Mädchens zur Zigeunerin – oder zur Hexe. Was für sie dasselbe war.

Josiane, der Esthers Erschrecken nicht verborgen blieb, schaute sie amüsiert an. «Was willst du?» Der welsche Akzent in ihrem Berndeutsch war unüberhörbar.

«Ich brauche Hilfe», stotterte Esther, und als die Frau fragend die Brauen hob, ungeschickt: «Ich kann bezahlen.» Sie waren weiss Gott nichts Neues für Josiane, diese jungen Dinger, die Hilfe brauchten. Die meisten, die sich an sie wandten, kannte sie vom Sehen, wusste, wer sie waren und woher sie kamen. Solange ihr Jungfernhäutchen intakt war, ignorierten sie sie, aber wenn sie ihre Unschuld verloren hatten und Verdruss und Schande drohten, standen sie hilfeheischend da, so wie jetzt dieses Mädchen. «Du bist schwanger.» Keine Frage, eine Feststellung.

Esther errötete. Sie nickte.

«Und du möchtest, dass ich das Kind wegmache?»

«Ja», hauchte sie und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.

«Und seit wann bist du schwanger?»

«Seit Pfingsten.» Esther trat von einem Fuss auf den andern.

«Seit Pfingsten?», wiederholte Josiane. Dann: «Du kommst vom Auenhof, nicht wahr?» Ihr Gewerbe brachte es mit sich, dass sie viele Leute kannte. Auch Viktor Diepoldswiler gehörte zu ihnen. Er nahm regelmässig ihre Dienste in Anspruch. Mindestens einmal im Monat. Allerdings war er seit einiger Zeit nicht mehr vor ihrer Tür gestanden. War es mög- lich, dass er sich stattdessen gratis mit der Kleinen, die nicht wagte, sie anzusehen, verlustiert hatte? «Hast du es mit deinem Meister getrieben?», fragte sie schärfer als beabsichtigt. Esther begann zu weinen. «Er hat mich vergewaltigt», schluchzte sie, «immer wieder, und jetzt habe ich ein Kind von ihm im Bauch.»

Josiane wusste: Diepoldswiler war ein Tier – von sich selbst eingenommen, lieblos, brutal. Sie selber konnte sich gegen Männer seiner Art wehren. Aber dieses Mädchen, das gewiss nicht älter als siebzehn war? Einen Moment lang stellte sie sich vor, wie er sich auf sie gelegt haben, in sie eingedrungen sein mochte. Angewidert schob sie den Gedanken beiseite.

«Ich habe dreihundert Franken», sagte Esther, die Josianes Zögern missdeutete.

Die Frau verzog keine Miene. Was ihr das Mädchen anbot, war viel zu viel.

Normalerweise verlangte sie für einen Eingriff nicht einmal die Hälfte dieser Summe. Vermutlich kam das Geld von Diepoldswiler. Das würde passen. Wenn es darum ging, ihre Schandtaten zu verwischen, wurden knausrige Kerle wie er plötzlich grosszügig. Nun, sie würde es nehmen.

«Reicht es?», fragte Esther ängstlich. «Sonst kann ich Euch noch die silberne Kette geben, die ich von meiner Mutter geerbt habe.»

«Es reicht.» Josiane verzog keine Miene. «Komm morgen Abend, wenn es dunkel wird hierher. Dann bringen wir die Sache hinter uns.» Sie fasste das Mädchen scharf ins Auge und zwang sie, sie anzusehen. «Und zu niemandem ein Wort! Was wir machen, ist verboten und kann uns beide ins Gefängnis bringen. Hast du mich verstanden?»


Für Esther war dieser Donnerstag, der 11. Juli 1861, an dem sie ihr unwillkommenes Früchtlein loswerden sollte, kein guter Tag. Sie war nervös und mürrisch, verrichtete ihre Arbeit nachlässig und wich Lenas fragenden Blicken aus. Seit ihrer Auseinandersetzung vor zwei Tagen hatte sie nicht mehr mit ihr gesprochen. Am späten Nachmittag forderte sie Viktor auf, ihr das versprochene Geld auszuhändigen.

Er überhörte ihren patzigen Ton. Wahrscheinlich war er einfach froh, dass die Sache vorwärtsging. Jedenfalls übergab er ihr schweigend einen Beutel, den er offenbar bereitgehalten hatte. «Das sind sechzig Fünfliber», sagte er und fügte drohend hinzu: «Wenn du über die Sache nicht schweigst …»

«Wenn du mich in Zukunft in Ruhe lässt», fauchte sie und starrte ihn wütend an.

Nach dem Abendbrot ging sie in ihre Kammer und setzte sich ans offene Fenster. Sie hatte von hier aus einen weiten Blick übers Land: von der Moosegg im Westen über die Dürsrüti bis zum Dorfberg oberhalb von Langnau. Direkt vor ihr breitete sich die Schwemmebene aus, wo ihr
Vater einst jenes Ackerland bearbeitet hatte, das jetzt Viktor gehörte.

Linker Hand, am Rand der Schachenhäuser, gab es ein Auenwäldchen, das sich dem Ufer der Ilfis entlang bis zu deren Zusammenfluss mit der Emme erstreckte. Der Himmel war bedeckt.

Esther fühlte sich allein. Sie hatte niemanden, dem sie sich in ihrer Not anvertrauen konnte. Sie dachte an ihre Mutter.

Folge 24

Als Lena die Leiche Anna Maria Diepoldswilers vor vier Jahren für die Beerdigung hergerichtete hatte, zog sie ihr ein Paar feste Schuhe an. Das mache es der Toten möglich, falls es nötig sein sollte, auf den Auenhof zurückzukehren, um ihnen beizustehen, hatte die alte Magd den Geschwistern flüsternd erklärt. Die Vorstellung, dass die Mutter, die eine fromme Frau gewesen war, heute Nacht kommen würde, liess Esther frösteln. Sie war sich sicher, dass sie von ihr verlangen würde, das Kind auszutragen und ihr Kreuz auf sich zu nehmen.

Eine Schar Saatkrähen liess sich lärmend im Geäst ihres Schlafbaumes nieder, einer alten Pappel in unmittelbarer Nähe des Hofes. In ihrem schwarzen Federkleid erinnerten sie Esther an ein Kollegium gestrenger Geistlicher, die über sie zu Gericht sassen und sie wegen ihrer grossen Sünde zum ewigen Höllenfeuer verurteilen würden.

Die Glocken der Kirche von Langnau zeigten die neunte Abendstunde an. Im Haus war es still. Der Meister und das Gesinde waren in ihren Kammern. Die Dämmerung legte ihren Schleier übers Tal. Es wurde allmählich Zeit aufzubrechen. Esther verliess den Hof und ging über den Weg, der ins Fahrsträsschen mündete, das zu den Schachenhäusern führte. Im Erlenbruch an der Ilfis schrie ein Waldkauz. Obwohl ihr sein Ruf vertraut war, nahm sie ihn heute als schlechtes Omen. Totenvogel, nannte ihn Lena und behauptete, sein «Kjuwitt» bedeute «Komm mit».

Josiane stand am Fenster und erwartete sie. Sie öffnete die Tür und zog Esther, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie von niemandem beobachtet wurden, rasch über die Schwelle in den Wohnraum, der von einer Petroleumlampe spärlich erleuchtet wurde. Die Einrichtung war armselig: ein Tisch mit vier Stühlen, eine Anrichte, die schon bessere Tage gesehen hatte, und ein altes Sofa. Die Frau forderte das Mädchen auf, Platz zu nehmen. Sie blieb vor ihr stehen. «Hast du das Geld?» Esther reichte ihr den Beutel, den sie von Viktor erhalten hatte. Josiane nickte befriedigt und legte ihn auf die Anrichte. Dann füllte sie aus einer Flasche, die auf dem Tisch stand, einen Kelch aus geschliffenem Glas randvoll mit einer giftgrünen Flüssigkeit.

«Was ist das?» Esther betrachtete misstrauisch den Trank, der im Schein der Lampe funkelte.

«Das ist der Geist der grünen Fee.»

«Die grüne Fee?»

Josiane wies auf einen Druck, der an die Wand geheftet war: «Die griechische Göttin Artemis, die Hüterin der Frauen, geht heute in der Gestalt der grünen Fee durch die Wälder der Juraberge», erklärte sie. «In diesem Getränk ist ihr Geist.» Das Bild entsprach nicht jenen, die man im Auenhof aufgehängt hatte: Landschaften von Ferdinand Giger oder den Heiland und seine Jünger beim Ährenlesen. Hier war eine Frau dargestellt. Sie hatte ein hauchdünnes, grünes Flügelpaar auf dem Rücken. Auch ihre Haut war grün, ebenso ihr Haar, das um ihren Kopf flatterte, und grün, wie bei einer Katze, glühten die lüsternen Augen. Sie war nackt. Allein ihr Schoss war notdürftig mit dem Zipfel eines Tuches bedeckt. Sie sass nachlässig zurückgelehnt auf einer Ottomane und hielt dem Betrachter ein Glas entgegen, aus dem ein Räuchlein aufstieg. Darüber stand in blassen, verschnörkelten Buchstaben Absinthe. Esther, die nicht wusste, wer Artemis war, nahm sich vor, wenn das alles vorbei war, Jakob zu befragen. «Und was heisst Absinthe?», wollte sie wissen. Da sie nie Französisch gelernt hatte, sagte sie es so, wie sie es las.

«Absinthe», Josiane sprach das Wort korrekt aus, «ist ein altes Heilelixier aus Wermut, Anis, Fenchel und anderen Kräutern.» Sie senkte die Stimme. «Frauen wie ich kennen es schon lange und wissen, wie man es herstellt. Du musst es langsam trinken, in kleinen Schlucken. Du wirst dann Dinge sehen, die du noch nie gesehen hast, später wirst du Krämpfe bekommen, deine Gebärmutter wird sich zusammenziehen und das Ungeborene vor seiner Zeit ausstossen.» Sie sah sie auffordernd an, genau gleich wie die nackte Frau auf dem Bild, und reichte ihr den Kelch.

Esther nahm ihn, führte ihn an die Lippen und kostete von der grünen Flüssigkeit. «Es schmeckt bitter und brennt wie Schnaps in der Kehle.» Sie verzog das Gesicht.

«Es ist kein Branntwein, es ist Medizin, trink mehr!»

Gehorsam nahm Esther einen weiteren Schluck, dann noch einen. Es kühlte und wärmte sie zugleich, machte sie, wie ihr schien, hellwach, liess sie, je mehr sie trank, unmerklich in eine andere Welt gleiten, in eine Welt die in gelblich- grüne Farbtöne gehüllt war. Ihr war, als fliesse sie dahin, schwebe – und mit einem Mal realisierte sie, dass sie auf einer mit Kalksteinfelsen übersäten Bergweide stand. Sie hatte einen weiten Blick über ein Land, das mit endlosen Wäldern bedeckt war, die sich ihr zu Füssen wie Wellen ausbreiteten und in der Ferne im Himmelsblau verloren. Sie hörte Töne wie von einer Blockflöte, nur weicher, sehnsuchtsvoller, lockender.

Esther war verzaubert. Sie folgte der Melodie, die aus dem nahen Wald zu kommen schien, ging leichtfüssig zwischen den Stämmen hoher, kerzengerader Fichten hindurch. Manchmal blieb sie stehen, lauschte, ging dann weiter. Einmal, als ein goldener Sonnenstrahl durch das Dämmerlicht des Forstes brach, glaubte sie, zwischen den Bäumen den Musikanten zu sehen, einen bärtigen Gesellen mit zwei kleinen Hörnern auf dem Kopf. Seine Beine waren behaart, an- stelle der Füsse hatte er Hufe. Er blies auf einem Instrument, wie sie es noch nie gesehen hatte. Es bestand aus einigen nebeneinander aufgereihten Röhren von unterschiedlicher Grösse. Verwundert blieb sie stehen, aber schon hatte sich die Gestalt aufgelöst. War es ein Trugbild, das sie narrte? Aber noch immer lockten die süssen Töne. Sie musste ihnen folgen, immer tiefer hinein in den Wald.

Folge 25

Mit einem Mal brach die Melodie ab. Es war totenstill.

Esther schaute um sich. Sie befand sich in einer Schlucht. Über einen hellen, ausgewaschenen Felsen stürzte sich wild schäumend ein Bach in ein natürliches Becken. An seinem Rand sass die grüne Fee. Sie sah aus wie Josiane, nur schöner, verführerischer, uralt und ganz jung zugleich. Sie bedeutete dem Mädchen, näher zu treten und sich auf ein Bett aus Beifuss zu legen, das sie ihr bereitet hatte. Dann kniete sie sich neben sie, stützte mit der linken Hand ihren Kopf, küsste sie zart auf die Stirn und gab ihr aus einem silbernen Becher, mit dem sie Wasser aus dem Becken geschöpft hatte, zu trinken.

Josiane betrachtete Esther besorgt. Sie hatte das Mädchen, das inzwischen sturzbetrunken war, in ihre Kammer geschafft, aufs Bett gelegt und wartete jetzt darauf, dass endlich jene Krämpfe einsetzten, die den Abort einleiten würden. Um den Vorgang zu beschleunigen hatte sie einen Stängel Beifuss – sie nannte ihn Jungfernkraut – unter das Kopfkissen gelegt. Die Minuten zogen sich in die Länge, wurden zu einer Viertel-, dann einer halben und schliesslich einer ganzen Stunde. Nichts geschah. Esther reagierte nicht, wenn sie sie ansprach, auch nicht, wenn sie sie in den Arm kniff. Ihre Muskeln waren schlaff. Josiane fragte sich, ob sie dem dummen Ding mehr Absinth eingeflösst hatte, als es ertragen konnte.

Sie spürte, wie Panik in ihr hochstieg. Heute Abend war Viktor Diepoldswiler, dieser Hurenbock, da gewesen. Er hatte sie gewarnt. Er werde dafür sorgen, dass sie die nächsten Jahre im Zuchthaus verbringen müsse, falls sie das Geschwür – Geschwür hatte er es genannt – seiner Jungmagd nicht wegmache. Und zwar sauber und diskret. Sie hatte Angst vor ihm, wusste, dass er, dessen Vater ein mächtiger Mann war, seine Drohung wahrmachen konnte.

Inzwischen war Mitternacht vorbei. Esthers Atmung war schwach, ihr Körper unterkühlt. Die grüne Fee hatte ihren Dienst verweigert. Josiane würde zum letzten Mittel greifen müssen, wenn sie nicht wollte, dass die Diepoldswilers sie ins Unglück stürzten. Sie würde das Ungeborene von aussen her erstechen. Der Körper der Schwangeren, der nichts Totes in sich duldete, würde den Rest besorgen und es ausstossen. Ihr graute vor dem Eingriff. Sie stand auf und holte aus dem Wohnzimmer die Petrol- lampe und eine Stricknadel, ausserdem Verbandstoff und ein Fläschchen mit einer blutstillenden Tinktur, die sie selber aus Weingeist und Eichenrinde, deren Heilkraft von vielen unterschätzt wird, hergestellt hatte.

Dann schlug sie Esthers Rock über die Hüfte und kniete sich neben das Bett. Im Schein der Lampe, die sie in der linken Hand über ihrem Kopf hielt, erkannte sie jedes Detail des Geschlechts des Mädchens. Vorsichtig führte sie die Nadel ein. Sie verfügte nur über vage anatomische Kenntnisse und musste sich auf das verlassen, was sie vom Hörensagen wusste: dass hinter der Scheide der Muttermund liege, von dem aus eine Art Kanal in den Uterus führe, wo sich das Ungeborene eingenistet habe. Millimeter um Millimeter schob sie die Nadel vorwärts, endlich spürte sie Widerstand. Sie stupfte behutsam dagegen, versuchte abzutasten, was es war. Auf Josianes Stirn standen Schweisstropfen. Sie schloss die Augen, sandte ein Stossgebet zur Muttergottes, presste die Lippen zusammen und stach zu.

Esther stiess einen gellenden Schrei aus. Ohne sie in ihrer Trunkenheit zu erkennen, starrte sie aus glasigen Augen die Frau an, die ihr derartige Höllenqualen zufügte. Sie krümmte sich vor Schmerz. Erneut schrie sie, versuchte lallend etwas zu sagen. Auf dem Bett breitete sich ein Blutfleck aus, wurde grösser.

Mit zitternden Händen tastete Josiane zwischen die Beine des Mädchens, suchte den ausgestossenen Fötus, fand nichts, spürte lediglich die Nässe des Blutes, das nicht aufhören wollte zu fliessen. Sie faltete den Verbandstoff zu mehreren Schichten zusammen, benetzte ihn mit der Eichenrindentinktur und presste das Paket zwischen Esthers Beine. «Es ist jetzt alles gut», versuchte sie sie zu beruhigen. «Ich bring dich jetzt nach Hause. Dort kannst du schlafen. Morgen wird alles gut sein.»

Josiane war verzweifelt. Sie wusste, dass ihr Eingriff misslungen war. Sie musste das Mädchen loswerden und dann fliehen, bevor Viktor Diepoldswiler ihr die Polizei auf den Hals hetzen konnte. Sie zwang Esther aufzustehen und sich den Verband mit der linken Hand selber auf die blutende Wunde zu pressen. Dann führte sie die Verletzte, die in ihrem Rausch nicht wusste, wie ihr geschah, aus dem Haus. Das Mädchen stützte sich schwer auf Josiane, die sie keuchend über den Fahrweg zerrte. Hundert Meter vor dem Ziel liess sie sie los. «Den Rest des Wegs kannst du selber gehen», sagte sie. Sie gab Esther einen Stoss und sah der kleinen, gekrümmten Gestalt nach, die schwankend versuchte, den nahen Auenhof, der sich dunkel und mächtig vor dem Nachthimmel abhob, zu erreichen.

Seit Jahr und Tag stand Lena kurz vor Sonnenaufgang auf, um in der Küche den Herd einzuheizen und für die Leute vom Auenhof das Frühstück zuzubereiten. An diesem Freitagmorgen beobachtete sie, wie die Krähen, die auf der alten Pappel genächtigt hatten, nicht wie üblich davonflogen, sondern laut krächzend über etwas Grossem, Dunklem flatterten, das auf dem Zufahrtsweg zur Hofstatt lag. Die aufgeregte, schwarze Schar wirbelte durcheinander wie Russflocken im Wind und verdeckte der alten Magd die Sicht auf den Gegenstand, der die Neugierde der Rabenvögel geweckt hatte. Lena kniff die Augen zusammen. Als sie endlich erkannte, was es war, griff sie sich ans Herz und schrie so laut, dass Viktor, der eben in die Küche eintreten wollte, stehenblieb.

Folge 26

«Was hast du denn?», fragte er erschrocken.

Lena machte mit weit aufgerissenen Augen eine Kopfbewegung Richtung Weg. «Da liegt Esther», sagte sie tonlos.

Der Bauer machte auf dem Absatz kehrt und eilte hinaus. Die Grossmagd folgte ihm. Fassungslos betrachteten sie das gekrümmte Menschenkind, das mit schmerzverzerrtem Gesicht dalag. In der linken Hand hielt sie einen blutigen, mehrfach gefalteten Verband.

«Sie wird doch nicht …» Lena sprach den Satz nicht zu Ende.

Viktor kniete sich neben das Mädchen, legte die Hand auf seine Stirn. «Sie fühlt sich ganz kalt an», meinte er und runzelte die Stirn.

Inzwischen waren auch Baschi und Dölf gekommen. «Sie ist tot», sagte der Melker. «Das sieht ein Blinder.»

Die Saatkrähen, die gehofft haben mochten, sich an der Leiche gütlich zu tun, flogen schimpfend auf ihre Pappel zurück und beobachteten misstrauisch das weitere Geschehen.

Lena schlug die Schürze vors Gesicht und begann zu weinen.

Der Bauer, der wieder aufgestanden war, klopfte sich den Schmutz von den Knien. «Du gehst ins Dorf und holst Doktor Felber», befahl er Dölf. «Wenn sie tot ist, muss er den Totenschein ausstellen, falls sie noch lebt, kann er vielleicht helfen. Mach schon», fuhr er den Knecht an, als der zögerte, «und vertrödle keine Zeit!» Und zu Baschi: «Wir tragen das Mädchen in seine Kammer und legen es aufs Bett.»


Sie sei zweimal gestorben, erfuhr Viktor Diepoldswiler eine Stunde später vom Arzt, der die Leiche gründlich untersucht hatte. Zum einen sei sie verblutet, zum anderen müsse sie, wenn er seiner Nase vertrauen wolle, Unmengen Absinth eingenommen haben, mehr als der stärkste Mann ertrage.

Das wundere ihn, meinte der Jungbauer. Seine Base habe sich nie etwas aus Alkohol gemacht. Ab und zu ein Glas Wein oder sauren Most. Gebranntes Wasser allerdings habe sie gemieden.

Sie sassen im Wohnzimmer. Lena hatte ihnen Kaffee, Brot und Käse aufgetischt. Sie war unter der Türe stehengeblieben und hörte dem Gespräch zu.

Der Doktor sah Viktor sonderbar an. Ob er denn nicht gewusst habe, dass Esther schwanger gewesen sei. Er stelle sich vor, das dumme Ding habe das Ungeborene abtreiben wollen. Zuerst habe sie es mit der grünen Fee probiert, einem Wermutgesöff, das Krämpfe im Uterus und damit eine Frühgeburt auslösen könne. Offenbar habe das nicht funktioniert. Darauf habe jemand mit einer spitzen Nadel versucht, den Fötus zu töten, dabei das Ziel verfehlt und die Gebärmutter so schwer verletzt, dass die Blutung nicht mehr zu stillen gewesen sei. «Ich bin sicher, dass man das nachweisen könnte, wenn man die Leiche sezieren würde.» Und dann brach es aus ihm heraus: «Ich kann mir auch vorstellen, bei wem sie dafür Hilfe gesucht hat.» Es sei eine Schande, lärmte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass der Gemeinderat Josiane, dieser Hure und Engelmacherin, nicht längst das Handwerk gelegt habe. Er selber sei schon mehrmals deswegen vorstellig geworden. «Aber die Herren Grossbauern», er sah Viktor giftig an, «die das Sagen im Dorf haben, halten ihre Hand schützend über diese Kurpfuscherin, die ihnen Salben und Tränke andreht, die zwar günstiger sind als das, was der Apotheker verkauft, dafür aber mehr schaden als nützen.»

«Schwanger, sagt Ihr?» fragte Viktor, «Mit wem mag sie sich wohl eingelassen haben?»

«Das müsstet Ihr besser wissen als ich. Schliesslich lebte sie auf Eurem Hof.»

«Ich habe keine Ahnung.» Der Jungbauer wandte sich an Lena, die noch immer in der Türe stand. «Weisst du etwas? Ihr hattet ja einen vertrauten Umgang miteinander.»

Die Magd wich dem Blick des Meisters aus. «Ich weiss von nichts», sagte sie leise und entfernte sich.

Der Doktor erhob sich. «Ich muss die Sache der Polizei melden. Schliesslich liegt ein Verbrechen vor. Dieses Weib hat nicht nur ein Ungeborenes getötet, sondern auch dessen Mutter. Schade, dass Meister Mengis wieder abgereist ist. Er hätte ihr sonst auch gleich den Kopf abschlagen können, so wie vor einer Woche Verena Wyssler und ihren sauberen Kumpanen.»


Erst am Sonntag, zwei Tage nach Esthers Tod, erfuhr Simon, dass seine Schwester gestorben war. Jakob erwartete ihn an der steinernen Pforte, durch die man den Platz vor dem Gotteshaus betrat. «Ich muss dir etwas sagen», flüsterte er ihm ins Ohr. Er zog ihn am Ärmel unter die grosse Trauerweide und nötigte ihn, auf dem Mäuerchen, das den Kirchhof umschloss, Platz zu nehmen. Die Brüder, aber das war ihnen nicht bewusst, sassen am selben Ort, von dem aus ihre Schwester, zwei Jahre zuvor, hatte miterleben müssen, wie unten auf dem Bärenplatz Simon versteigert worden war.

Jakob holte tief Luft. «Esther ist tot», sagte er dann. «Esther ist tot», wiederholte er und barg sein Gesicht an der Schulter des Bruders.

«Tot?», fragte Simon. Sein Verstand weigerte sich, die Nachricht zu akzeptieren.

«Tot», schluchzte Jakob, der am ganzen Körper bebte. Der Jüngere strich ihm mechanisch über den Rücken.

Nur allmählich drang die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass die Schwester, die ihm nach dem Mass ihrer Kräfte die Mutter ersetzt hatte, nicht mehr war. Nie mehr sein würde. Aber anders als der Bruder konnte er nicht weinen. Da war nichts, einfach nichts. Kein Schmerz, keine Trauer, keine Wut – nichts.

Folge 27

Er war wie betäubt, hörte nicht, was ihm Jakob, von Weinkrämpfen geschüttelt, zu schildern versuchte: Esthers Schwangerschaft und die Abtreibung, die zu ihrem Tod geführt hatte. Einzelne Wörter drangen in sein Bewusstsein: Ungeborenes, Abort, verblutet, vergiftet. Er verstand sie nicht, schob sie beiseite, suchte sie im grauen Nebel verschwinden zu lassen, der sich über ihn legte, ihn umfing und ihn schützte vor einer Welt, die für ihn aus Hass bestand, aus Gemeinheit, aus Lieblosigkeit, aus Tod und Verderben.

Die Glocken läuteten. Die Brüder standen auf und gingen zum Kirchenportal. Simon legte Jakob den Arm um die Schulter, als müsse er, der Jüngere, den Älteren, der noch immer weinte, beschützen. Er selber hielt sich sehr aufrecht, übersah die mitleidigen und neugierigen Blicke der Gläubigen, die ihnen eine Gasse öffneten, ging an Lydia Amsoldinger vorbei, die in der Kirchentür stand, die Hand erhoben, um ihm über den Kopf zu fahren. Als sie die abgrundtiefe Verzweiflung in Simons Augen sah und seine Unfähigkeit spürte, Trost anzunehmen, wagte sie nicht, den Jungen zu berühren. Die Brüder setzten sich, Schulter an Schulter, in die vorderste Bank, direkt unter die Kanzel. Die Plätze neben ihnen blieben frei. Das Orgelspiel setzte ein. Simon merkte es nicht einmal.

Lukas Amsoldinger legte das Jesuswort Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie aus. Er sprach über Esther. In den vergangenen zwei Tagen war in Langnau von nichts anderem die Rede gewesen als von ihrem Tod und den Umständen, die dazu geführt hatten. Die Nachricht vom Mord am Kind im Mutterleib hatte sich in Windeseile verbreitet, und unter den Frommen der Gemeinde gab es nicht wenige, die es als Zeichen göttlicher Gerechtigkeit empfanden, dass Esther unter der Hand Josianes, dieser Hure, hatte sterben müssen.

«Ich weiss», rief Pfarrer Amsoldinger von der Kanzel, «dass manche, die heute hier versammelt sind, den Stab über das arme Mädchen brechen und über die Fremde, die unter uns lebte und deren Dienste viele beansprucht haben. Aber bedenkt, dass die Engelmacherin, die jetzt auf der Flucht vor den Folgen ihrer bösen Tat ist, früher oder später die ganze Härte der irdischen Gerechtigkeit erfahren wird.» Er schöpfte Atem. Dann setzte er leise hinzu: «Und was Esther Diepoldswiler betrifft, die ein herzensgutes Menschenkind gewesen ist, so frage ich jene, die ihr unter vorgehaltener Hand vorwerfen, sie sei ein verworfenes, unzüchtiges Ding gewesen, was sie in ihrem Urteil so sicher macht?» Sein Blick schweifte über die Gemeinde und blieb auf einer Gruppe Jungbauern haften, die breitbeinig im schwarzen Sonntagsstaat dasassen, die Röcke geöffnet, so dass man die schweren, silbernen Uhrenketten, die ihre Westen zierten, sehen konnte. Unter ihnen war auch Viktor Diepoldswiler. «Es gibt in dieser schrecklichen Tragödie einen Dritten, über den man nicht spricht», fuhr er fort. «Die Frucht im Leib der Toten stammt von einem Mann. Wir wissen nicht, wer es ist. Hat er der Jungfrau Gewalt angetan? Oder hat er sie geliebt? Hat sie sich ihm aus freien Stücken hingegeben? Und wenn ja, weshalb steht er nicht auf und bekennt: Ich bin es gewesen?»

Nach dem Mittagessen setzte sich Lydia Amsoldinger ans Klavier und sang das traurige Schubert-Lied vom Tod und dem Mädchen. Erstmals hörte Jakob auch die zweite Stro phe, die ihm zu sagen, sie sich bisher stets geweigert hatte:

Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!

Bin Freund und komme nicht zu strafen.

Sei guten Muts! Ich bin nicht wild,

Sollst sanft in meinen Armen schlafen.

Dann klappte sie den Deckel des Instruments zu und forderte die Brüder auf, sie zu begleiten, um von der Schwester Abschied zu nehmen. Der Weg zum Auenhof war in einer Viertelstunde bequem zurückzulegen. Heute benötigten sie mehr als doppelt so viel.

Immer wieder blieb die Pfarrfrau, von Hustenanfällen geschüttelt, stehen und rang nach Atem. Viktor war nicht da. An seiner Stelle wurden sie von Lena empfangen, die sie in Esthers Kammer führte.

Sie hatte die Tote, die auf ihrem Bett lag, hergerichtet, hatte ihr die Augen zugedrückt, das dunkle, stets zu einem Zopf gebundene Haar gelöst, so dass es sich auf beiden Seiten ihres schmalen, bleichen Gesichts auf dem Kissen ausbreitete, und schliesslich hatte sie eine rote Rose, die sie im Blumengarten vor dem Haus gebrochen hatte, in die über der Brust gefalteten Hände gelegt. Lydia Amsoldinger senkte den Kopf und sprach gemeinsam mit Jakob und Lena ein Vaterunser. Simon stand schweigend daneben und betrachtete die Schwester, die ihn, so empfand er es, im Stich gelassen hatte. Das war nicht mehr Esther, die sich während Jahren um ihn gekümmert, ihm ihre Zuneigung geschenkt hatte. Das war nur noch die Hülle eines schönen Mädchens, dessen Seele in ein Land jenseits von Elend und Schmerzen entflohen war. Zum ersten Mal an diesem Tag spürte er, wie ein Kloss in seinem Hals aufstieg, der ihn zu ersticken drohte. Er biss die Zähne zusammen.

Als sie ihre Andacht beendet hatte, wandte sich Lydia Amsoldinger an Lena. Ob sie jetzt angesichts der Toten und ihrer trauernden Brüder nicht ihr Gewissen erleichtern und sagen möchte, was sie wisse.

«Ich weiss von nichts», die alte Magd rang die Hände.

«Weshalb quält Ihr mich?»

Als sie auf dem Heimweg die Brücke über die Ilfis überquerten, fragte Jakob die Pflegemutter, ob sie glaube, Lena verschweige etwas.

Sie blieb stehen, schaute ihn an, blieb ihm aber die Antwort schuldig.

Folge 28

Als Simon am späten Nachmittag auf Hollerbüelhus eintraf, sassen die Reists bei Kaffee und Kuchen um den Tisch in der Wohnstube. Er grüsste kurz und wollte hinauf in den Gaden, um sich für die Arbeit im Stall umzuziehen. Aber Olga hielt ihn zurück und fragte, ob man wisse, mit wem seine Schwester herumgehurt habe.

Er blieb stehen. Das Blut schoss ihm in den Kopf. «Esther war keine Hure!», schrie er. «Nimm das sofort zurück!».

«Natürlich war sie ein Luder», kam Frieda der Zwillings- schwester zu Hilfe. «Eine läufige Hündin war sie, sonst hätte sie sich ja wohl keinen Braten in den Ofen schieben lassen.» Sie stiess einen langgezogenen Heulton aus. Die andern lachten.

Simon starrte die beiden Mädchen zornig an. Sie waren vier Jahre älter als er, gleich alt wie Esther. Warum hatte seine Schwester sterben müssen und diese beiden dicken und gefrässigen Geschöpfe durften leben? Er hasste alles an ihnen: ihre blonden Zöpfe, ihre wasserblauen, leicht hervorquellende Augen, ihre rosigen Wangen, ihre gesunden Zähne.

«Dein Schwesterchen war eine Hure, die sich von jedem besteigen liess, wenn er nur wollte», keifte Olga.

Simon ballte die Fäuste. «Selber Hure!», zischte er.

Verena Reist, die Bäuerin, liess klirrend die Kuchengabel fallen. «Hüte deine Zunge, Bub, wenn du nicht willst, dass ich dir das Maul mit Seife auswasche!»

«Was ist eine Hure, Müeti», fragte der sechsjährige Chris- tian, der mit offenem Mund dem Disput gefolgt war.

«Das geht dich nichts an», wies ihn die Mutter zurecht.

«Dafür bist du noch zu jung.»

Jetzt mischte sich auch der Meister ins Gespräch: «Deine saubere Schwester hat sich schwängern lassen, also ist sie eine Hure», höhnte er. «Sie hat ihr ungeborenes Kind abgetrieben, also ist sie eine Mörderin, und wie wir vom Waisenvogt wissen, hat sie ihren Meister bestohlen, also ist sie eine Diebin. Und du bist keinen Deut besser: Ein Taugenichts bist du, ein Lump, einer, aus dem nie etwas Rechtes wird», redete er sich in Rage.

«Ein Zuchthäusler», bekräftigte Frieda.

«Ein Galgenvogel», übertrumpfte sie Olga.

Simon schossen Tränen in die Augen. Zwar war es nicht das erste Mal, dass ihn die Reists fertigmachten; er hatte gelernt, sich dagegen zu verhärten. Aber jetzt, kaum zwei Stunden nachdem er von seiner toten Schwester Abschied genommen hatte, fiel es ihm schwer, ihre Gemeinheiten zu ignorieren. Er senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnten, was in ihm vorging.

«Lasst den Jungen doch in Ruhe. Das ist doch keine Art, so mit jemandem umzugehen, der eben seine Schwester verloren hat, egal, was sie gewesen sein mag», sagte schliesslich Michel, der Älteste, der bisher geschwiegen hatte. «Und du», wandte er sich an Simon, «machst besser, dass du in den Stall kommst, statt hier Maulaffen feilzuhalten. Die Kühe müssen gemolken werden.»

Nach dem Nachtessen, einem Teller mit kalter Rösti und Kraut, das er wie üblich allein in der Küche eingenommen hatte, stieg Simon hinauf auf den Hohgrat. Es gab da oben eine Stelle, wohin er sich zurückzog, wenn er über etwas nachzudenken hatte, einen Stein, der wie ein Thron mitten auf einer kleinen Lichtung im Wald stand, von wo aus man einen weiten Blick hatte bis zu dem von ewigem Schnee bedeckten Alpenwall, der sich hinter der dunklen Wand der Schrattenfluh himmelwärts türmte. Im Licht der Abendsonne leuchteten die Gipfel golden. Er erkannte Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Namen der anderen Berge wusste er nicht.

Jakob, sein kluger Bruder, hätte wohl jeden einzelnen von ihnen gekannt. Ihm fiel ein Psalm ein, den einst Pfarrer Amsoldinger zitiert hatte: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Wie es weiterging, war ihm entfallen. Es war auch unwichtig. Manchmal träumte er davon, dass er später einmal sein Glück jenseits der mächtigen Berge am Horizont finden würde, in einem Land, wo die Menschen, anders als im Emmental, auch zu solchen freundlich waren, die wie er niemanden hatten, der sich für sie einsetzte.

Als Simon vor einer Stunde im Stall auf seinem Melkschemel gesessen war, die Stirn gegen die warme Flanke von Julia, der Leitkuh, gepresst, hatte er plötzlich gespürt, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Es war Michel gewesen, der einzige der Reists, der ihn nicht quälte, ihm sogar jenes gleichgültige Wohlwollen entgegenbrachte, mit dem er auch dem lieben Vieh begegnete. «Ende Monat werde ich Hollerbüelhus verlassen», hatte er gesagt. «Ich habe ein kleines Gütlein hinten in Wasen bei Sumiswald gepachtet. Der Alte tobt. Er verliert einen Knecht, der für ihn schuftet und dem er keinen Lohn zahlen muss. Einen andern kann er sich nicht leisten. Er ist beim reichen Diepoldswiler, deinem Vormund, hoch verschuldet.»

Simon hatte sich nicht gerührt. Er war sich nicht im Klaren gewesen, was das alles für ihn bedeutete.

Als ob er seine Gedanken erraten hätte, fuhr Michel fort: «Olga kommt mit mir und besorgt mir den Haushalt. Frieda wird sich auf irgendeinem Hof als Jungmagd verdingen müssen, um dem Vater nicht länger auf der Tasche zu liegen. Er wird auf dich angewiesen sein. Mehr denn je. Mach ihm klar, dass du ihm nichts nützt, wenn er dich schlägt oder hungern lässt. Das habe ich dir sagen wollen.» Der Sohn des Meisters hatte dem Jungen die Schulter gedrückt, dann war er gegangen.

Folge 29

Auf seinem Stein, hoch oben über dem Gohlgraben, versuchte Simon nun Ordnung in die Gedanken zu bringen, die durch seinen Kopf wirbelten. Er würde allein mit dem Meister, der Meisterin und dem kleinen Christian auf Hollerbüelhus leben. War das gut oder war das schlecht? Er wusste es nicht. War er stark genug, sich gegen die Reists zu wehren, ihnen klarzumachen, dass sie ihn anständig behandeln müssten, wenn er ihnen, wie Michel gesagt hatte, nützen sollte?

Simon war erst dreizehn Jahre alt. Aber die vergangenen zwei Jahre hatten ihn nicht gebrochen, sondern hart gemacht. Man hatte ihn gedemütigt, ihn geschlagen, ihn hungern lassen. Auch Armin Aregger, sein Lehrer, schikanierte ihn. Sein Vormund hatte ihn um sein Erbe betrogen, hatte Teile des väterlichen Hofs an andere Grossbauern verschachert und den Löwenanteil für sich behalten, um ihn seinem Sohn Viktor zu schenken. Simon hatte seine Eltern verloren und jetzt auch noch die Schwester. Er ballte die Fäuste.

«Aber ich hab’s überlebt», sagte er halblaut. «Und einmal werde ich es allen zeigen.» Es waren zwei Sätze, die er sich immer wieder vorbetete.

Die Brüder

An einem kalten Februarmorgen im Jahr 1866 stürmte Simon in das Atelier von Ferdinand Giger und hielt Jakob ein Inserat unter die Nase, das er aus dem Emmenthaler Blatt herausgerissen hatte.

Jakob stand kurz vor dem Abschluss seiner Lehre als Landschaftsmaler. Dass ihn der Bruder bei der Arbeit störte, war ihm nicht unwillkommen, denn die serienmässige Produktion von Landschaftsbildern langweilte ihn. Er nahm ihm das Inserat aus der Hand. «Baron Vitus von Fenzlau sucht für sein Gut Eben-Ezer in Grusinien einen Obersenn, welcher sich für wenigstens zehn Jahre zur Führung einer Käserei und Überwachung eines grösseren Viehbestandes entschliessen könnte. Die Reisekosten werden bei Ankunft zurückerstattet», las er laut.

«Weiter», drängte Simon, der vor dem Zeichnungstisch des Bruders stand.

«Ordentlichen und intelligenten jungen Fachleuten umgänglichen Charakters», fuhr der Ältere fort, «bietet sich nach Ersparung eines kleinen Kapitals die Möglichkeit, sich entweder in Grusinien zu etablieren oder in die Heimat zurückzukehren. Interessenten werden aufgefordert, ihre Zeugnisabschriften dem Agenten des Barons, Herrn Lehmann, Oberdiessbach, einzureichen.» Jakob liess das Inserat sinken. «Weisst du überhaupt, wo Grusinien ist?», fragte er vorsichtig. «Irgendwo in Russland.»

«Aha, irgendwo in Russland. Also wenn du es genau wissen willst: Grusinien ist der russische Name für Georgien. Das Land liegt im Süden, zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Und dort möchtest du mit deinen achtzehn Jahren beim Herrn Baron Obersenn werden und dich nach Ersparung eines kleinen Kapitals etablieren, viel- leicht gar selber Gutsbesitzer werden?»

Simon, dem der Sinn für die Ironie des Bruders stets fremd geblieben war, nickte. «Entwirfst du die Bewerbung für mich?», fragte er. «Du weisst, ich habe in der Schule im Gohlgraben nie richtig schreiben gelernt.»

Jakob betrachtete ihn. Er ist ein Mann geworden, dachte er. Vielleicht hatte ihr verstorbener Vater etwa so ausgesehen, als er jung gewesen war.

Simon war fast einen Kopf grösser als er, ausserdem breitschultriger und kräftiger. Tatsächlich sah er gut aus mit seinem dunkel gewellten, akkurat gescheitelten Haar und der hohen Stirn, unter der ein unerschrockenes Augenpaar jedermann signalisierte, dass er es, womit auch immer, ernst meinte. Simon schien sich seiner selbst und seiner Fähigkeiten so sicher, dass ihm das Eingeständnis seiner Schreibschwäche nichts ausmachte. «Du willst also wirklich fort von hier?», fragte Jakob schliesslich.

«Weshalb soll ich nicht versuchen, mein Glück in der Fremde zu machen? Es gibt nichts, was mich zurückhält.» Ganz sachlich zählte er auf: «Den Auenhof, den ich einmal erben sollte, haben die Verwandten gestohlen, unsere Eltern sind tot, Esther ist tot, und du bist ein Künstler und hast an- dere Dinge im Kopf. Du brauchst mich nicht.» Jakob schluckte. Falsch, dachte er, du brauchst mich nicht, es sei denn, ich soll dir einen Gefallen tun, so wie jetzt. «Komm morgen nach der Arbeit zu mir ins Pfarrhaus», sag te er. «Du kannst dann dein Bewerbungsschreiben abholen.»


Am Abend sass Jakob in seinem Zimmer. Vor ihm lag ein Blatt Papier, das darauf wartete, beschrieben zu werden. Endlich tunkte er die Stahlfeder, die auf dem hölzernen Federhalter steckte, ins Tintenfass und begann: Geehrter Herr, hiermit bewerbe ich mich um die Stelle als Obersenn auf dem Gut Eben-Ezer des Barons von Fenzlau. Ich bin gelernter Käser …

Jakob hielt inne. Gelernter Käser! Dass einer, den man als Elfjährigen auf dem Verdingmarkt feilgeboten hatte, einen Beruf erlernen durfte, war höchst ungewöhnlich. Ohne die Katastrophe, die im Spätsommer 1861, kurz nach Esthers Tod, über Simons Meisterleute hereingebrochen war, würde auch der Bruder noch immer als ausgebeutetes und verachtetes Knechtlein auf Hollerbüelhus dienen.


Angefangen hatte es damit, dass die Schleimhäute in Nase und Maul der Leitkuh Julia entzündet waren. Da das Tier ausserdem unter heftigem Durchfall litt, wurde der Tierarzt gerufen. Dieser kam zum Schluss, es handle sich um einen Fall von Rinderpest, und ordnete an, zum Schutz des Viehs der umliegenden Höfe seien alle sieben Kühe von Anton Reist zu keulen und die Kadaver zu verbrennen.

Folge 30

Für den Bauern, dessen Tiere nicht versichert waren, bedeutete das Urteil des Veterinärs das endgültige Aus. Moritz Diepoldswiler, bei dem Reist hoch verschuldet war, kündigte ihm das Darlehen, worauf das Unheil seinen vorhersehbaren Gang nahm: Hollerbüelhus wurde vergantet.

Mit finsterem Gesicht stand der Bauer neben seiner Frau und Frieda, die anders als ihre Zwillingsschwester noch zu Hause lebte, als Benz Scheidegger den Hof mit der gesamten Fahrhabe versteigerte, auch den Gaul, die Hühner und selbst den Hund.

Simon stand etwas abseits und beobachtete, wie unter dem Hammer des Gemeindeschreibers die Existenz der Leute, die sein Dasein auf Hollerbüelhus zur Hölle gemacht hatten, sich Stück für Stück auflöste. Er sah die ver- heulten Augen der Frauen, aber sein Gesicht blieb unbewegt. Nur sein Herz war erfüllt von einer wilden Freude.

Das hier war noch besser als Perseus’ Rache, der mit dem Haupt der Medusa seine Feinde in Stein verwandelt hatte. Den Reists würde die fühllose Erstarrung versagt bleiben. Sie würden mit ihrer Schande weiterleben müssen. Und noch hatten sie den bitteren Kelch nicht bis zur Neige geleert. Nachdem bereits Michel mit Olga von zu Hause weggezogen waren, wurde die Familie nun vollends auseinandergerissen.

Simon hatte erfahren, dass der Bauer seinem Gläubiger als schlecht bezahlter Knecht dienen würde. Seine Frau und Frieda würden anstelle von Esther und der alten Lena, der Viktor Diepoldswiler gekündigt hatte, ihr Leben als Mägde auf dem Auenhof weiterführen.

Christian, den Jüngsten, wollte ihr neuer Meister nicht auf seinem Hof haben. Der Bub würde seine Mutter und Schwester nur von der Arbeit abhalten, behauptete er. Und so hatte der alte Diepoldswiler, kraft seines Amtes als Waisenvogt, den Sechsjährigen auf einen Hof in der Nähe von Gysenstein verdingt.

Lydia Amsoldinger und ihr Bruder, Albrecht Willading, der Advokat in Bern war, hatten von ihren verstorbenen Eltern den Ulmenhof geerbt. Das Anwesen, das sich seit mehr als zweihundert Jahren im Besitz ihrer Familie befand, lag weit hinten im Gohlgraben auf der linken Talseite inmitten ausgedehnter Waldweiden. Zurzeit war es an die Brüder Benedict und Hieronymus Lüthi verpachtet.

Deren jüngere, früh verwitwete Schwester, Ruth Ramseyer, besorgte ihnen den Haushalt. Von Mitte Mai bis Michaelis sömmerten sie ihr Vieh, rund sechzig Kühe und Rinder, auf der Lüderen, wo die Willadings Alprechte besassen. Der Pachtvertrag, der alle fünf Jahre erneuert wurde, regelte Nutzung und Unterhalt von Hof, Weideland und Alp, von Brennholz und Heu, von Sennereigeräten, Brunnentrögen und Wasserleitungen.

Ein Teil ihres Zinses, der je hälftig den Geschwistern Willading zustand, entrichteten die Pächter in Naturalien: Käse, Butter und Fleisch.

Da Simon nicht länger auf Hollerbüelhus bleiben konnte, hatte Lydia Amsoldinger ihren Ehemann bedrängt, sich dafür einzusetzen, dass man den Jungen auf den Ulmenhof in eine Käserlehre gebe, damit aus ihm etwas Rechtes werde.

Der Pfarrer war konsterniert: «Ausgerechnet diese Säulenheiligen sollen aus Simon etwas Rechtes machen?»

Er hatte Mühe mit den Brüdern, die nie zur Predigt in die Kirche kamen, sondern es vorzogen, gemeinsam mit ihren mennonitischen Glaubensgenossen in Hauskreisen Gott auf ihre Art zu verehren.

Säulenheilige! Jakob kannte die beiden. Er hatte zwei oder drei Mal die Pflegemutter begleitet, wenn sie mit der Chaise ihres Mannes in den Gohlgraben fuhr, um dieses oder jenes mit ihren Pächtern zu besprechen. Es waren eindrucksvolle Gestalten: hochgewachsene, hagere Männer mit grauem Haar, das über die Ohren und auf den Kragen fiel.

Sie hatten Rundbärte, das heisst, ihre Oberlippen waren, wie bei Taufgesinnten üblich, glatt rasiert. Beide hatten tiefliegende Augen, mit denen sie ihr Gegenüber musterten, als wollten sie ihm in die Tiefe seiner Seele schauen.

Überhaupt hatten sich ihre Gesichtszüge in den langen Jahren, in denen sie unbeweibt zusammen auf ihrem Hof hausten, einander so sehr angeglichen, dass Jakob sie kaum unterscheiden konnte. Benedict und Hieronymus waren auch gleich gekleidet: Joppe, Weste und Hose aus schwarzem Wollstoff, darunter ein blaues halb- leinenes Hemd. Und stets trugen sie einen runden Hut auf dem Kopf.

Nach seinem ersten Besuch auf dem Ulmenhof hatte er sie aus dem Gedächtnis skizziert – als Apostel. Der Pfarrer hatte die Blätter amüsiert betrachtet und den Mund zu einem schiefen Lächeln verzogen. «Heilige», hatte er gesagt und dann süffisant: «Säulenheilige.» Dabei war es geblieben.

«Säulenheilige? Willst du sie nicht lieber gleich Ketzer nennen?», hatte die Pfarrfrau spitz gefragt.

Tatsächlich waren die Täufer im Emmental während fast dreihundert Jahren ihres Glaubens wegen gnadenlos verfolgt worden. Man hatte sie enthauptet, ertränkt und eingesperrt, enteignet, auf die Galeeren geschickt und aus dem Kanton verbannt. Erst die von Napoleon diktierte Helvetische Verfassung von 1798 hatte ihnen die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert. Aber die protestantische Geistlichkeit stand ihnen noch immer misstrauisch gegenüber.

Er hätte es einfach lieber gesehen, wenn Simon in einer anständigen reformierten Familie untergekommen wäre, hatte sich Lukas Amsoldinger verteidigt.

Folge 31

«Bei solchen Christenmenschen wie Vater und Sohn Diepoldswiler oder Anton Reist?» Wie immer, wenn sie erregt war, hatte die Pfarrfrau einen Hustenanfall bekommen.

«Benedict und Hieronymus Lüthi werden den Bub nicht dar- ben lassen und ihn auch nicht halb totschlagen», sagte sie, als sie sich erholt hatte. «Im Übrigen werde ich dafür sorgen, dass sie ihn am Sonntag in die Kirche schicken und dass er den Konfirmationsunterricht besucht.»

Der Pfarrer, der sich stets schuldig fühlte, wenn seine Frau hustete, hatte eingelenkt, und es war ihm gelungen, Moritz Diepoldswiler zu überzeugen, Simon auf den Ulmenhof zu geben. Der Entschluss war dem Waisenvogt umso leichter gefallen, als Lydia Amsoldinger erklärt hatte, aus ihrem eigenen Vermögen das Kostgeld des Buben zu über- nehmen. Damit war die Fürsorgekasse von sämtlichen weiteren Verpflichtungen gegenüber den Kindern des verstorbenen Hannes Diepoldswiler entbunden. Alles in allem hatte man während der vergangenen zwei Jahre sechshundert Franken Pflegegeld an die Reists bezahlt. Was darüber hinaus aus der Versteigerung des Auenhofes eingenommen worden war, blieb bei der Gemeinde.

Jakob ballte seine Fäuste in ohnmächtiger Wut. Er wusste keinen Fluch, welcher der Gier und Bösartigkeit der Gemeindeväter, allen voran jener seines Onkels angemessen gewesen wäre.

Noch einmal las er den letzten Satz des Bewerbungsschreibens, das er im Namen Simons verfasste. Ich bin gelernter Käser, hatte er in seiner kunstvollen Schönschrift aufs Papier gemalt, und ich verstehe es, sämtliche
Käsereiprodukte herzustellen, schrieb er weiter. Die Details wollen Sie dem beigefügten Zeugnis entnehmen. Er seufzte. Wie Simon, der mit vierzehn Jahren seine Schulpflicht beendet hatte und schriftlich keinen geraden Satz zustande brachte, war es weder Benedict noch Hieronymus Lüthi gegeben, ein Attest auszustellen. Auch das würde Jakob selber machen und dann von den Brüdern unterschreiben lassen müssen.

Ähnlich wie Hollerbüelhus war der Ulmenhof, seit Herbst 1861 Simons neue Heimat, ein Einzelgehöft. Allerdings war er grösser. Behäbig hockte er auf einer Art Terrasse mitten im sanft abfallenden Hang zwischen Stäcken-grat und Talboden. Die beiden übereinanderliegenden Fensterreihen waren nach Westen ausgerichtet und glänzten in der Abendsonne wie lauteres Gold. Zwischen ihnen lag eine geschnitzte, mit leuchtend roten Geranien geschmückte Brüstung. Wohnhaus, Speicher und Tenn duckten sich unter das im Emmental übliche Walmdach. Auf der anderen Seite der mit zuge- hauenen Feldsteinen gepflästerten Hofstatt, wo aus dem Brunnenstock frisches Quellwasser in einen langen, steinernen Trog plätscherte, lag der Stall. Dahinter ragten die Kronen zweier mächtiger Bergulmen in den Himmel. Sie waren noch älter als das Anwesen, dem sie seinen Namen gegeben hatten. Den Pflanzplätz und zwei kleine Äcker für Getreide und Kartoffeln, die lediglich der Selbstversorgung dienten, hatte man etwas abseits angelegt.

Seit er bei den Lüthis lebte, hatte Simon keinen Grund mehr, sich zu beklagen. Die Tage, in denen er Hunger leiden musste, waren endgültig vorbei. Mit gutmütigem Spott bezeichnete Ruth Ramseyer, eine resolute Mittvierzigerin, die in ihrer kurzen Ehe kinderlos geblieben war, das magere Bürschchen als halbe Portion. Ein Käser brauche Kraft, meinte sie und nötigte ihn bei Tisch, zuzulangen und sich den Teller ein zweites Mal füllen zu lassen. Ihre beiden Brüder, die maulfaul waren, nickten.

Auf dem Ulmenhof begann der Tag in der Morgendämmerung mit dem Melken. Nach dem Frühstück, wenn das Vieh auf die Weide getrieben war, ging Simon den beiden Alten im Käsekeller zur Hand. Die Arbeit war anstrengend: Um einen Laib Emmentaler herzustellen, benötigte man rund neunhundert Liter Milch. Sie musste im Käsekessel während zwanzig Minuten erwärmt werden.

Dann wurde Kälberlab beigegeben, bis die handwarme Milch zu einer puddingartigen Masse gerann. Anschliessend musste man während fünfundvierzig Minuten mit der Käseharfe rühren, damit sich die Käsekörner von der wässrigen Molke trenn- ten, die man später mit Essig versetzte, um daraus Ziger zu machen.

Die Käsekörner mussten unter ständigem Rühren erhitzt werden, bis sie fester und trockener wurden. Die Käsequalität hing vom richtigen Augenblick ab, in dem dieser Prozess, der rund fünfundsiebzig Minuten dauerte, beendet war. Mit einem Tuch, das entlang des Kesselbodens unter dem abgesunkenen Käsebruch durchgezogen wurde und dessen vier Enden an einem Flaschenzug befestigt waren, hob man die heisse Masse aus der Molke und bettete sie ins Järb, einen achtzehn Zentimeter hohen Holzreifen.

Der Käse musste zwischen zwei Holzdeckeln gepresst und im Laufe des Tages drei- bis fünfmal gewendet werden. Wenn er ein bis zwei Tage später ausgekühlt war, konnte man ihn ins Salzbad legen, in dem sich die Rinde bildete.

Später legte man den hundert Kilogramm schweren Laib für fünf bis neun Monate in den Lagerkeller, wo er vorerst täglich, später seltener abgetrocknet, mit Salz eingerieben und gewendet wurde.

Nach einem Monat schaffte man den Käse aus dem kühlen Reifekeller in den deutlich wärmeren Gärkeller, wo dann die für den Emmentaler typischen Löcher entstanden.

Folge 32

Simon war ein gelehriger und ehrgeiziger Schüler. Bereits im ersten Jahr gelang es ihm, die schweren Käselaibe zu wenden. Wenn es aber galt, sie aufs Gestell zu wuchten, so musste er diese Arbeit zu seinem Ärger einem der beiden Alten überlassen, die sie, ein schiefes Lächeln im Gesicht, mit Schwung an ihren Platz beförderten. Als es Simon mit sechzehn Jahren zum ersten Mal gelang, ohne fremde Hilfe einen Emmentaler hochzustemmen, klopften sie ihm anerkennend auf die Schultern und meinten, jetzt sei er ein richtiger Käser.
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Auch wenn sich ihr Verkehr mit den Menschen im Tal lediglich aufs Notwendigste beschränkte, galten die Lüthis als rechtschaffene Leute. Sie standen im Ruf grosser Frömmigkeit, obwohl sie sich von der in ihren Augen obrigkeitsabhängigen Landeskirche distanzierten. Ihre Familie gehörte seit Generationen zur Täufergemeinde. Einer ihrer Vorfahren, Caspar Lüthi, war anno 1693 als siebzigjähriger Greis auf Schloss Trachselwald unter der Folter gestorben, weil er sich geweigert hatte, seinem Glauben abzuschwören. Benedict, Hieronymus und Ruth trafen sich am Sonntag auf abgelegenen Höfen mit ihren Glaubensbrüdern und -schwestern zur gemeinsamen Auslegung der Schrift, zu Gesang und Gebet. Anders als vor Zeiten war ihre Gemeinschaft, welche die Säuglingstaufe verweigerte und den Militärdienst ebenso ablehnte wie die Todesstrafe, inzwischen geduldet.

Auf dem Ulmenhof gab es nur zwei Bücher: Einen Nachdruck der Foliobibel, wie sie zur Zeit der Reformation in der Offizin Froschauer in Zürich hergestellt worden war, und den Märtyrerspiegel, in dem der Opfertod von Gläubigen, angefangen bei den Urchristen bis hin zu den täuferischen Blutzeugen des sechzehnten Jahrhunderts, geschildert wurde.

Simon hatte das tausendseitige, mit Stichen illustrierte Werk mehr als einmal durchgeblättert und die Bilder von Täufern angeschaut, die sich lieber foltern und töten liessen, als ihrem Glauben abzuschwören.
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Besonders beschäftigte ihn ein gewisser Dirk Willems, dem es 1569 gelungen war, aus dem Gefängnis zu fliehen und der einen Häscher, der ihn verfolgte, rettete, als dieser bei der Überquerung eines gefrorenen Flusses durchs Eis brach. Der Büttel nahm Willems anschliessend fest, worauf dieser anderntags auf dem Schei- terhaufen elend zugrunde ging. Simon hielt den Mann für einen Dummkopf und wollte partout nicht einsehen, dass dessen Handlungsweise, wie ihm die beiden Alten zu erklären versuchten, in höchstem Masse christlich sei. «Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde», zitierte Hieronymus eine bekannte Stelle aus der Heiligen Schrift.

Er solle also den Waisenvogt und dessen Sohn lieben, erkundigte sich der Junge, der wohl niemanden mehr hasste als Moritz und Viktor Diepoldswiler.

Hieronymus nickte bedeutungsvoll: «Segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen», beendete er den vierundvierzigsten Vers aus dem fünften Kapitel des
Matthäusevangeliums. Das könne kein Mensch von ihm verlangen, erklärte Simon kategorisch.

«Er ist eben noch nicht erweckt worden», sagte Benedict zu seinem Bruder. «Vielleicht wird der Bub irgendeinmal der Gnade Christi teilhaftig.»

Sie drängten nicht weiter in ihn. Als Mennoniten waren sie überzeugt, dass die Zuwendung zu Gott, deren äusseres Zeichen die Taufe war, die Einsicht und den freien Willen eines mündigen Menschen voraussetze. Wie sie es Lydia Amsoldinger versprochen hatten, schickten sie ihn sonntags nach Langnau zur Predigt, später auch in den Konfirmationsunterricht.

Am Abend, wenn die Arbeit im Stall erledigt war, sassen sich die Brüder in der Wohnstube am grossen Tisch gegenüber und lasen beim Schein der Petrollampe: Benedict in der Bibel, Hieronymus im Märtyrerspiegel, oder umgekehrt.

Simon hockte meistens in der Küche bei Ruth und sah ihr zu, wie sie Kartoffeln schälte, Gemüse rüstete oder gedörrte Apfelschnitze auffädelte. Auf die Dauer wurde ihm das aber langweilig. Eines Sonntags beklagte er sich bei Lydia Amsoldinger. Sie drückte ihm ein Buch in die Hand. «Hier hast du etwas zum Lesen. Es wird dir gefallen. Es heisst Die schwarze Spinne. Es ist die Geschichte von einer gnadenlosen Seuche, mit der Gott unser Tal vor langer Zeit heimsuchte und die nur durch die Tat einer Unschuldigen, die sich opferte, beendet werden konnte.» Verfasser der Novelle, fügte sie hinzu, sei der vor wenigen Jahren verstorbene Pfarrer von Lützelflüh, Albert Bitzius, der sich, wenn er schriftstellerte, Jeremias Gotthelf genannt habe.

Als Simon noch am selben Abend in der Küche die Lektüre in Angriff nahm, wollte Ruth von ihm wissen, was er da lese. Und als er es ihr sagte, befahl sie: «Lies laut.» Dabei blieb es. Abend für Abend verlangte sie: «Lies mir etwas von Gotthelf vor.»

Lydia Amsoldinger sorgte für Nachschub. Und so hielten Ueli und Vreneli Einzug in den Ulmenhof. Später auch Anne Bäbi Jowäger und ihr Sohn Jakobli, dann Bartli, der Korber, und Dursli, der Branntweinsäufer, ferner Elsi, die seltsame Magd, und mit ihnen zahlreiche andere Kopfgeburten des Pfarrer-Dichters.

Mit der Zeit gesellten sich Hieronymus und Benedict zu Ruth und Simon in die Küche, um den Geschichten des Prädikanten, an den sie sich noch erinnerten, zuzuhören.