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FortsetzungsromanLesen Sie die neue Folge von «Blutlauenen»

Christof Gassers Krimi spielt in einem todbringenden Chalet im Berner Oberland. Das packt. Wir veröffentlichen täglich eine Folge.

 Christof Gasser: «Blutlauenen», Emons-Verlag 2019, 316 Seiten, ca. 19 Fr.
Christof Gasser: «Blutlauenen», Emons-Verlag 2019, 316 Seiten, ca. 19 Fr.

Folge 23

23 In der Aura des Kerzenscheins ging sie hinüber zum Kleinen Salon. Der Kopf einer Grant-Gazelle starrte sie eigentümlich an, als das flackernde Licht ihn im Vorbeigehen streifte. «Schau mich nicht so an», murmelte Cora. «Tut mir ja auch leid, dass du hier hängen musst. Ich kann nichts dafür.»

Auf der Anrichte stand kein Wasserkocher, dafür zwei Thermosflaschen mit heissem Wasser und ein Brotkorb mit einer reichhaltigen Auswahl an Teebeuteln. Cora entschied sich für Kamille. Das Wasser hatte gerade die richtige Temperatur. Mit einer vollen Tasse setzte sie sich an den Tisch. Draussen jagte der Sturm unvermindert Regen- und Graupelschauer durch die nächtliche Landschaft. Es verhiess für den nächsten Tag nichts Gutes.

Sie liess sich in einen Sessel sinken. Ihr Blick wanderte zu dem Tischchen mit der Glashaube. Das schummrige Licht trieb sein Spiel mit den Facetten der Rubine. Cora sah ihm gebannt zu, während sie ihren Tee langsam trank. Als sie die Tasse für den letzten Schluck zu den Lippen führte, hielt sie abrupt inne. Einen Augenblick lang machte es den Anschein, der Stein wäre lebendig. Im Rubinrot lag eine Bewegung, wie Blut, das durch Adern floss. Cora stand auf und hielt die Kerze näher an die Glasglocke. Die Rubine funkelten dunkelrot in ihrer Starrheit. Ihre vorherige Sitzposition und das Lichtspiel hatten ihr etwas vorgegaukelt. Cora atmete auf. Gleichzeitig legte sich ein beklemmender Druck auf ihr Gemüt. Die Intensität dieses Stück Berges strahlte dessen ganze Energie aus. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr wohlgesinnt war. «Zeit, ins Bett zu gehen», murmelte sie und zwang sich aufzustehen.

Im Vestibül spürte sie einen kühlen Lufthauch an der Wange. Aus der Richtung der Küche drang ein Lichtschimmer zu ihr, und sie glaubte, einen vorbeihuschenden Schatten zu sehen. «Ist da jemand – Chantal?» Wer sonst hätte um diese Zeit hier etwas zu suchen gehabt? Die Antwort war Stille. Das Quartier der Haushälterin lag in diesem Bereich des Hauses. Wahrscheinlich hatte sie der Toilette einen Besuch abgestattet.

Nachdem sie den Schlüssel im Schloss gedreht hatte, atmete sie erleichtert auf. Bevor sie zurück ins Bett stieg, sah sie ein letztes Mal zum Fenster hinaus.

Es hatte angefangen zu schneien.


FÜNF

Die leise Hoffnung, die Auswirkungen des Unwetters würden sich als weniger schlimm erweisen als befürchtet, machte der nächste Morgen brutal zunichte. Im Gegenteil: Der Sturm tobte mit unverminderter Kraft. Der Schneefall hatte sich intensiviert. Die am Vortag schneefreien Bergweiden lagen unter einer mehrere Zentimeter dicken weissen Schicht. In absehbarer Zeit sah es nicht nach einer Wetterbesserung aus.

Das Schneegestöber und eine dichte Nebelwand beschränkten die Sicht bis auf wenige Meter. Ein Helikopter konnte bei solchen Verhältnissen unmöglich sicher landen.

Im Zimmer war es kühl. Cora legte eine Hand auf die Heizkörper der Elektroheizung. Sie waren kalt, eine Folge des nächtlichen Stromausfalls. In der Zimmerecke neben der Tür stand ein kleiner Holzofen. Der Brennholzkorb daneben war leer. Cora würde sich einen Vorrat besorgen.


Chantal hatte mit Schwizgebels Hilfe ein üppiges Frühstück mit Ei in drei Variationen zubereitet. Dazu gab es gebratenen Speck, Aufschnitt und Käse. Für diejenigen, die mit Cholesterolbomben nichts anfangen konnten, stand eine reiche Auswahl an Cerealien, Müesli, Joghurt und selbst gebackenem Brot mit Butter und Konfitüre zur Verfügung. Ludivine schien keinen Aufwand zu scheuen, ihren Gästen, trotz aller Widrigkeit, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

«Hat jemand Netz?» Ludivine blickte von ihrem Handy auf.

Wie auf Kommando zogen alle bis auf Cora ihre Geräte hervor. Sie war bereits vor dem Frühstück vergeblich mit erhobenem Handy im Zimmer und auf dem Korridor herumgelaufen. Es gab keine Verbindung zur Aussenwelt. Das schmerzte Cora, wegen der Kinder. Sie sehnte sich danach, Milas Stimme zu hören.

«Der Sturm muss einen oder mehrere Funkmaste beschädigt haben», sagte Gamper.

«Gibt’s hier Festnetz?», fragte Cora.

«Nicht mehr», antwortete Ludivine. «Ich habe den Vertrag vor einem Jahr gekündigt, tut mir leid.»

«Letzte Nacht war der Strom weg, ist er wieder da?», fragte Cora weiter.

Ludivine verneinte auch das. «Etwas da draussen muss furchtbar schiefgegangen sein. Fredi versucht gerade, den Generator in Gang zu setzen. Es dürfte schwierig sein, das altersschwache Ding zum Leben zu erwecken. Ohne Strom werden wir gezwungen sein, mit Holz zu heizen. Jedes von euren Zimmern verfügt über einen Holzofen. Fredi wird euch Brennholz hineinlegen. Für das Licht ist ein grosser Kerzenvorrat vorhanden.»

«Kein Strom und kein Telefon», sagte Cora. «Wir haben keine Möglichkeit, die Behörden über den Todesfall zu unterrichten, geschweige denn Matteos Leichnam evakuieren zu lassen. Im schlimmsten Fall können wir nicht mal einen Notruf absetzen.»

«Bei dem Wetter fliegt auch kein Helikopter», sagte Alexander.

«Wir haben keinen Grund zur Besorgnis», sagte Ludivine. «Das Unwetter kann nicht ewig dauern. Spätestens am Dienstagnachmittag wird uns der Helikopter abholen. Im schlimmsten Fall, wenn es nicht klappt, wird Air-Glaciers versuchen, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Doch bis dahin bessert sich das Wetter ganz sicher.»

Fortsetzung folgt

Folge 1

Old sins cast long shadows.

Alle Verfehlungen werfen lange Schatten.

Dame Agatha Christie

(1890–1976)

Prolog

Die Vibramsohlen der Bergschuhe schlitterten über den glatten Felsen. Sie fanden keinen Griff, der ihr zeitlupengleiches Abgleiten in die Schlucht aufhielt.

Die Schlinge um ihren Hals zog sich stetig zu. Wie durch Watte drang das unaufhörliche Grollen des Wasserfalles zu ihr. Es vermischte sich mit dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren.

Sie lag mit dem Rücken zur Wand. Mehrmals versuchte sie, sich umzudrehen und einen Felsvorsprung oder ein Stück Wurzelwerk im Steilhang zu finden, an dem sie sich festhalten konnte.

Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, wurde es schwärzer und enger um sie. Am Rand ihres Gesichtsfeldes zuckten sternförmige Blitze. Die Gesichter ihrer Kinder schwebten an ihrem geistigen Auge vorbei. Sie hätte der Tochter noch so viel sagen wollen: wie sehr sie sie liebte und wie stolz sie auf sie war.

Der Mann, von dem sie nicht wusste, wie sie ihn lieben sollte, lächelte ihr vor ihrem geistigen Auge zu. Sie hatte ihm ihre Gefühle nie offenbart. Das Bedauern darüber kam zu spät.

War es das gewesen? Hatte es einen Zweck, gegen das Schicksal anzukämpfen? Loslassen war der Preis, den sie bezahlen musste, damit die Last ihrer Mitschuld an dieser Katastrophe von ihren Schultern fiel. Ihr ganzes Leben bis zu den Ereignissen der letzten Tage zog in Bildern an ihr vorbei und hinaus ins Nichts.

EINS

«Mila, bist du so weit? Wir müssen uns beeilen, wenn …» Cora blieb im Türrahmen stehen. Milas vorwurfsvolle Miene sagte alles: Ihre Mutter hatte sich wieder mal nicht an die strikte Regel gehalten, anzuklopfen. Cora lenkte ab, indem sie auf das Kopfkissen zeigte, unter das Mila ein Foto geschoben hatte, als Cora eintrat. «Was ist das?»

«Was ist was? Du hast nicht angeklopft.»

«Tut mir leid, kommt nicht mehr vor. Was ist auf dem Bild unter deinem Kissen?»

«Welches Bild?»

«Trage ich einen Blindenstock? Das war ein Foto. Zeigst du’s mir?»

Mit strengem Blick verschränkte Mila die Arme. «Sobald du noch mal rausgegangen bist und angeklopft hast.»

«Im Ernst? Wir haben keine Zeit für so was. Der Zug zum Flughafen wartet nicht.»

«Abmachung ist Abmachung. Du sagst selber, Anstand kennt keine Zeit.»

Hauskater Van Helsing hatte einen Satz von Milas Bett auf den Boden gemacht, als Cora eingetreten war, und setzte sich demonstrativ vor sie. Beide starrten Cora auffordernd an. Sobald Mila eingezogen war, hatten sich die beiden auf Anhieb gegenseitig ins Herz geschlossen und waren eine Art Freundschaftspakt eingegangen. Van Helsing betrachtete Milas Zimmer als ureigenes Territorium, dessen Herrschaft er sich mit Mila teilte. Lediglich in der Frage, welches Mitglied der Familie Johannis ihm sein Futter kredenzen durfte, war er weniger wählerisch.

Cora seufzte ergeben. Mittlerweile wusste sie, wann ihre Tochter sie mit den eigenen Argumenten schlug, wenn sie obendrein von der Katze sekundiert wurde. «Also gut.» Sie ging zur Tür hinaus und wartete einige Sekunden, bevor sie zweimal klopfte.

«Ja bitte!», flötete es aus dem Inneren des Zimmers.

Cora verdrehte genervt die Augen und öffnete die Tür. Van Helsing sass wie ein Torwächter auf Milas Bett. Seine grünen Augen fixierten Cora missbilligend. Das reichte: Sie erwiderte den stechenden Blick und klatschte zweimal in die Hände. Van Helsing erkannte, dass die Zeit zum Rückzug gekommen war. Er sprang vom Bett, strich einmal um Coras Beine und machte sich davon. «Also, was ist jetzt?», fragte Cora, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. «Zeigst du es mir?»

Mila zog das Foto unter dem Kissen hervor. Cora betrachtete es lange. Es war ein Gruppenbild. «Das ist ja uralt, woher hast du das?»

«Gefunden, zwischen den Seiten eines der Bücher, die ich für dich ausmisten sollte.» Mila tippte auf eine Person mit lockigen schwarzen Haaren und engen Shorts. «Das bist du, nicht wahr? Siehst megageil aus. Wenn ich daran denke, was du mir vorpredigst, wenn ich mal kurze Hosen und ein bauchfreies Shirt anziehen will.»

«Moment mal, Fräulein, du bist gerade mal vierzehn.»

«Fünfzehn, in zwei Monaten.»

«Na schön.» Cora tippte mit dem Zeigefinger auf das Foto. «Hierdrauf bin ich achtzehn.»

«So what? Drei Jahre Differenz.»

«Mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass ich mit achtzehn volljährig war.» Cora spekulierte, Mila würde das nicht nachprüfen. In der Schweiz galt Volljährigkeit ab achtzehn erst seit 1996. Das Foto war acht Jahre zuvor im August gemacht worden, wie der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite klarstellte.

Mila musterte ihre Mutter misstrauisch. Cora atmete innerlich auf, als die Aufmerksamkeit ihrer Tochter von ihrem damaligen Outfit abdriftete. «Wer sind die anderen?»

«Das war die ’Clique’.»

«Die ’Clique’?»

«So nannten wir uns. Wir waren sieben Freunde. Wir gingen zusammen in die Bezirksschule und später an die Kanti. In der Freizeit sind wir ständig zusammen abgehängt, wie man heute sagt.»

«Und?»

«Und was?»

«Welcher von den Typen war dein Freund?»

«Wir waren alle Freunde», sagte Cora mit dem überzeugendsten Unschuldsblick, den sie aufbringen konnte.

Folge 2

Mila grinste. «Ja, sicher. Du weisst genau, was ich meine. Mit welchem von den Jungs hast du …?» Sie tippte mit dem Finger auf den Zweiten von links in der stehenden Reihe. «Der hätte gut zu dir gepasst.»

«René Gamper?» Cora lachte und hoffte, dabei nicht zu erröten. «Du irrst dich, meine Liebe. Das war Ludivines Freund.» Sie zeigte auf die Blondine neben René. «Sie war zwanzig und dachte schon ans Heiraten.»

«Haben sie?»

«Was?»

«Geheiratet?»

Cora schüttelte den Kopf. «Daraus wurde nichts. Ludivine ging kurzerhand in die Staaten. Sie wollte dort studieren. Nicht lange danach hat sich die Clique in alle Winde zerstreut. Seither ist der Kontakt abgebrochen, mindestens soweit es mich betrifft.»

Sie gab Mila das Foto zurück.

«Darf ich es behalten?»

Cora zuckte mit den Achseln. «Wenn du willst.» Ihr Blick fiel auf die Auslegeordnung auf dem Fussboden. Mila hatte mehrere Badeanzüge, Jeans, T‑Shirts, Unterwäsche, Schuhe, Sonnenbrillen, Toilettenartikel, Girlie-Magazine und Comicbücher in Stapel aufgeteilt. Die Menge an Utensilien übertraf die Kapazität des Rollkoffers bei Weitem, den ihr Cora für die Reise ausgeliehen hatte. «Es geht nur mit, was in den Koffer passt. In einer Stunde müssen wir zum Bahnhof, wenn wir den Zug rechtzeitig erreichen wollen.»

«Ich habe massenhaft Zeit. Wir kommen zwei Stunden vor dem Abflug in Kloten an, dort hänge ich bloss rum.»

«Nur, wenn wir den Zug in Solothurn rechtzeitig erwischen. Ausserdem muss ich dich zum vereinbarten Zeitpunkt beim Check‑in im Flughafen an deine Begleitperson übergeben.»

«Das ist echt uncool, Cora, ich fliege nicht zum ersten Mal.»

«Allein schon, beeil dich!»

Mila hielt ein knappes Bikinihöschen mit passendem Oberteil in die Höhe. «Was hältst du davon?»

Cora nahm die spärlichen Teile, die sie nie zuvor gesehen hatte, in die Hand. «Fast so viel, wie Stoff dafür verwendet wurde. Du willst nicht allen Ernstes mit diesem Ding in Argentinien herumlaufen? Woher hast du das überhaupt?»

«Hat mir Patty geschenkt.»

Cora musste mit ihrer besten Freundin und Milas Patentante Patrizia Egger ein ernsthaftes Wort reden. Sie wollte sich deshalb nicht mit Mila streiten. Sollte sich Matthias die nächsten zwei Wochen mit der gemeinsamen Tochter herumschlagen, wenn er sie schon eingeladen hatte, ihre Frühlingsferien bei ihm in Argentinien zu verbringen. Cora war nicht ganz wohl dabei. Mila wohnte erst knapp ein Jahr bei ihr, nachdem Matthias mit seiner zweiten Frau Grazyna nach Südamerika gezogen war, wo er für fünf Jahre die Bauleitung einer Windkraftanlage in Patagonien übernommen hatte.

Vorher wohnte Mila bei ihrem Vater und verbrachte alternierende Wochenenden oder Ferienwochen bei ihrer Mutter und ihrem sieben Jahre älteren Halbbruder Julian. Nach Matthias’ Übersiedlung nach Südamerika zog Mila zu ihnen nach Nennigkofen. Die ersten Monate des dauerhaften Zusammenlebens waren für Mutter und Tochter schwierig gewesen, bis ein dramatisches Erlebnis die beiden zusammengeschweisst hatte. Cora befürchtete insgeheim, die zwei Wochen bei Milas nach wie vor heiss geliebtem «Daddy» könnten die erreichten Fortschritte zunichtemachen. Sie war ehrlich genug zuzugeben, dass diese Gedanken mehr ihrer Eifersucht entsprangen als echter Sorge um Milas Zuneigung. Matthias war ein verantwortungsvoller Mann und Vater. Er hatte nie versucht, die beiden gegeneinander auszuspielen. Cora hatte Mühe, das anzuerkennen. Matthias’ zweite Ehe mit der ehemaligen polnischen Assistentin eines baltischen Kunden hielt seit acht Jahren, und Cora empfand sie heute noch als ihr persönliches Waterloo.

Sie legte den Bikini zurück auf das Bett. «Ich empfehle dir, deinen einteiligen Badeanzug mitzunehmen. In dem spärlichen Ding läufst du dort am Strand nicht lange rum.»

«Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?»

«Darfst du. Die Antwort kannst du selber googeln. April und Mai sind die ungünstigsten Monate, um in Playas Doradas Urlaub zu machen. Pack dir auf jeden Fall einen Pullover mit ein, wie den da …» Cora betrachtete das altrosafarbene Sweatshirt. «Sag mal, das Teil suche ich seit Tagen. Wie kommt das zu dir?»

Wenn sie von Mila Schuldbewusstsein erwartete, lag sie falsch. «Mach jetzt deswegen keinen Aufstand. Du hast gerade gesagt, ich soll mich drüben warm anziehen.»

«Na hör mal», Cora zeigte auf einen der Wäschestapel, «du hast ja wohl genug Pullover.»

«Alles Kleinmädchenkram. Meinst du, ich gehe in solchen Klamotten aus? Die guten Stücke sind in der Wäsche. Du bist ja so beschäftigt. Du hast nicht mal Zeit, auf den Knopf zu drücken.»

«Wenn ich mein allergnädigstes Fräulein Tochter daran erinnern dürfte, dass ich nebenbei arbeite. Ausserdem weisst du so gut wie ich, wie die Maschine funktioniert.»

Mila schnitt eine abschätzige Grimasse. «Arbeiten? Wenn du dich endlich entscheiden könntest, mit deinem Daniel was anzufangen, hättest du’s nicht mehr nötig. Der ist schon lange heiss auf dich.»

Cora hielt für einen Moment die Luft an. Zielsicher, wie sie war, hatte Mila ihren wunden Punkt getroffen.

«Du hörst mal wieder das Gras wachsen, was? Zwischen Daniel und mir ist nichts, und es wird nie was sein.»

Mila rollte mit den Augen. «Und ich glaube an den Osterhasen.»

Cora sah auf die Uhr. «Ende der Diskussion. In zwanzig Minuten fahren wir zum Bahnhof – mit oder ohne Gepäck.»

«Kann ich deinen Pulli haben oder nicht?»

Folge 3

Cora zuckte mit den Achseln. «Meinetwegen, aber falls du mir den nicht exakt in dem Zustand zurückbringst, wie du ihn mitnimmst, solltest du schon mal einplanen, dein Sackgeld der nächsten Monate beiseitezulegen.»

«Danke, Cora.» Freudig umarmte Mila sie. Körperliche Zärtlichkeitsbezeugungen ihrer Tochter waren für Cora immer noch ungewohnt. Erst seit jener furchtbaren Nacht, als sie beide den Tod vor Augen hatten, liess Mila diese Nähe zu.

Verstohlen wischte sie sich mit einer Hand über die Augen, während sie mit dem Daumen zärtlich Milas Schläfe streichelte. Ein schmaler weisser Striemen in den blonden Strähnen zeigte den Verlauf des Projektils, das Mila fast das Leben gekostet hatte. Die Verletzung hatte die Pigmentierung an dieser Stelle zerstört.

Mila merkte, was in ihrer Mutter vorging. Sie küsste sie auf die Wange. «Keine Angst, Cora, ich komme wieder heim.»

Cora schluckte leer. «Sicher?»

«Versprochen. Glaubst du etwa, ich lasse dich vom Haken, jetzt, wo ich endlich meine Mutter gefunden habe?»

Die Clique – August 1988

Richard kämpft verbissen mit dem Stativ, dessen ausziehbare Aluminiumbeine sich nicht fixieren lassen wollen.

«Versuch’s mal mit gut zureden, Richi», ruft Sibylle, die sich neben Magdalena auf den Boden setzt. Alle lachen. Richard schwitzt. Die Wirkung des Alkohols, welcher, der herrschenden Hitze geschuldet, reichlich fliesst, ist spürbar. Die Freunde witzeln und foppen einander, während er sich mit dem störrischen Gestänge abmüht, das er sich mit seinem in den Sommerferien erarbeiteten Geld zusammen mit der neuen Spiegelreflexkamera angeschafft hat.

Sibylle hat von allen am meisten getankt. Magdalena kneift sie in die Seite. «Schalt einen Gang runter und reit nicht ständig auf Richards Ausrüstung herum. Er muss sich halt erst an sie gewöhnen.»

Sibylle wirft ihr einen neckenden Seitenblick zu. «Entschuldige, Mägi, ich wollte deinem Schätzli nicht zu nahe treten.»

«Richard ist nicht mein …» Beleidigt wendet sich Magdalena von Sibylle ab. Sie dreht sich nach den anderen um, die hinter ihr stehen. Matteo schenkt ihr ein aufmunterndes Lächeln. «Lass dir von dem Lästermaul nicht die Sommerlaune verderben.»

René stellt sich neben Matteo hin. Wo der wohl herkommt, fragt sich Richard. Er war plötzlich weg, verschwunden im Wald. Ludivine musste ihn suchen gehen. Anschliessend haben sich die beiden gestritten. Anscheinend haben sie sich wieder versöhnt. Ludivine legt ihren Arm um Renés Hals und küsst ihn auf den Nacken.

Mittlerweile ist es Richard gelungen, das widerspenstige Stativ zu zähmen und die Kamera einzustellen. «Sind alle da? – Ludivine, könntest du René für ein paar Minuten loslassen? Der läuft dir nicht davon. Setz dich neben Sibylle auf den Boden.»

«Dann stimmt die Aufstellung nicht mehr. Cora fehlt. Die sollte unten sitzen. Und du musst ebenfalls in die untere Reihe, in die Mitte.»

Wo steckt Cora überhaupt? Ihr Verschwinden ist Richard als Einzigem aufgefallen. Sie hat die Gruppe kurz nach René verlassen und sich in die Büsche geschlagen. Ludivine hat es nicht bemerkt, sonst würde sie weniger glücklich dreinschauen.

«Weiss einer, wo Cora steckt?», fragt Sibylle.

«Ich gehe sie suchen», ruft Magdalena.

«Bleib sitzen», sagt Richard. «Ich gehe.»

«Nicht nötig, bin schon da», ertönt es hinter ihm. Cora steht neben ihm. Sie zupft an ihren ultrakurzen Shorts und dem über dem Bauchnabel zusammengeknoteten Hemd, dessen oberste Knöpfe offen sind und den Ansatz eines Paares sonnengebräunter Rundungen anpreisen.

«Wo bist du gewesen?», fragt Richard vorwurfsvoll, ohne sich von den ihm gewährten Einblicken beeindrucken zu lassen. «Du weisst genau, dass wir unser Jahresfoto machen wollen.»

«Spazieren, habe ich ja gesagt», antwortet Cora schnippisch. «Weiss nicht, was du hast, anscheinend hab ich nichts verpasst.» Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie ihre lockige schwarze Mähne zurechtschüttelt und mit betontem Hüftschwung zu dem ihr zugewiesenen Platz geht.

René stösst einen Pfiff aus, was ihm und Cora einen vorwurfsvollen Blick von Ludivine einträgt. «Setz dich hin, Cora, bevor jemand auf falsche Gedanken kommt.»

«Keine Sorge, Lüdi, René hat nur Augen für dich.»

Bevor sich Cora neben Sibylle auf den Boden setzt, versetzt diese ihr einen Klaps auf den Hintern. «Hast du keine Angst, in dem Aufzug im Wald herumzurennen? Wenn dir ein Perverser über den Weg läuft, bist du für den ein gefundenes Fressen.»

«Oder er für mich.»

Sibylle kichert. «Du bist ein schamloses Miststück, weisst du das?»

«Ich muss sehen, wo ich bleibe.» Cora wirft Richard eine Kusshand zu.

«Mach vorwärts, Richard, Schatz. Ich habe einen Bärenhunger, und das Feuer ist noch nicht einmal an.»

René kickt sie mit dem Fuss von hinten an. Auch das entgeht Ludivine. Die Gruppe ist endlich so aufgestellt, wie Richard sie haben will. «Habt ihr eure Getränke?»

Alle heben ihre Bierflaschen in die Höhe, bis auf Ludivine, die Weisswein aus einem Plastikbecher trinkt, und Cora, die mit leeren Händen dasitzt. «Scheisse, ich habe noch keins.»

«Was wärst du ohne deine Freunde?», sagt Magdalena lachend. Sie reicht Cora eine volle Bierflasche.

«Na dann.» Richard stellt den Selbstauslöser ein. «So bleiben. Ich zähle bis zehn, und dann rufen alle ’Best Friends forever!’.»

Folge 4

Zwei

Der Blick, mit dem Daniel vom Staal sie beobachtete, wie sie von der Toilette kommend den Raum durchquerte, brachte Cora in Verlegenheit.

Sie strich mit beiden Händen ihr Kleid an den Hüften glatt und warf einen prüfenden Blick über ihre Schulter auf ihr einziges Paar hochhackiger Schuhe, die sie speziell für den Abend angezogen hatte. «Was ist? Schleife ich einen Meter Toilettenpapier hinter mir her?»

«Wie kommst du darauf? Du bist wunderschön in diesem Kleid. Du solltest so was öfter tragen.»

Cora hatte mit sich gerungen, das knielange, schulterfreie Cocktailkleid anzuziehen. In ihren üblichen Jeans und einem Baumwollhemd wäre ihr wohler gewesen.

Nur wäre sie damit für den Abend im Restaurant «Vue» des Berner Hotels «Bellevue Palace» eindeutig underdressed gewesen. Nach der Rückkehr vom Flughafen, wo sie Mila der Flugbetreuerin übergeben hatte, war sie knapp dran gewesen. Trotzdem hatte sie sich Zeit genommen, sich herauszuputzen.

Das Kleid hatte sie vor zwei Jahren auf Pattys hartnäckiges Zureden hin für einen denkwürdigen und sinnlich aufregenden Madeira-Urlaub gekauft. Wenn sie ihrem Spiegelbild Glauben schenken durfte, sass es, ungeachtet der unaufhaltsam näher rückenden Vollendung ihrer fünften Lebensdekade, nach wie vor tadellos. Die Hüftkurven zeigten, obwohl gefühlt breiter geworden, weder Ausbeulungen noch Verflachungen an Stellen, wo solche nicht erwünscht waren.

Das Dekolleté, bei dem sie gefürchtet hatte, es würde konsequente textile Unterstützung benötigen, konnte sich zu ihrer Erleichterung notfalls ohne sehen lassen. Trotzdem trug sie den schwarzen Push‑up‑BH mit Spitzen, zu dessen Kauf sie ihre Tochter gedrängt hatte. Die junge Cora vor dreissig Jahren und die Mila von heute hatten vieles gemeinsam, wenn es darum ging, ihre Reize zur Geltung zu bringen.

Sie liess sich von vom Staal in den Stuhl helfen. Die anachronistische Geste im Zeitalter der Gleichberechtigung schmeichelte ihr fast gegen ihren Willen. «Komplimente von dir machen mich nervös», sagte sie. «Was gibt’s zum Dessert?»

Das Bedienungspersonal musste über telepathische Fähigkeiten verfügen. Ein paar Sekunden nach dem halblaut ausgesprochenen Satz reichte ihr ein Kellner diskret die Dessertkarte.

Cora sah sich im Raum um. Es war ihr erster Besuch im Restaurant des exklusivsten Stadtberner Hotels. Das «Bellevue» lag auf einer Terrasse hoch über der Aare, die eine grosse grüne Schlaufe um die Altstadt zog. Unmittelbar daneben überragte das Bundeshaus die alten Häuser und engen Gassen des Marziliquartiers.

Von diesem Standort hatten Hotelgäste wie regierende eidgenössische Magistraten die Botschaften und Residenzen der ausländischen Diplomaten im Kirchenfeldquartier jenseits des Flusses im Blick. An klaren Tagen war die Bundesterrasse ein imposanter Aussichtspunkt für Einheimische und Touristen auf die prominentesten Berner Alpengipfel: Eiger, Mönch und Jungfrau.

Bei einer früheren Gelegenheit war Cora aus beruflichen Gründen während eines Empfangs lediglich im Foyer des Hotels gewesen, mit dessen Geschichte sie sich im Vorfeld vertraut gemacht hatte. Das Haus existierte seit 1865 und wurde 1913 nach einer Komplettrenovation neu eröffnet. Seit jeher prägte es die politische Geschichte der Schweiz mit. Im Ersten Weltkrieg wurde das Hotel als Hauptquartier der schweizerischen Armee zweckentfremdet.

Noch heute spielt es eine informelle Rolle als Erweiterung des Bundeshauses. Bei Staatsbesuchen nutzen es ausländische Staats- und Regierungschefs als Residenz. Während der Sessionen der eidgenössischen Räte dient es als vorübergehender Wohnsitz für Parlamentarier aus entfernten Landesgegenden.

Alle vier Jahre, anfangs Dezember, wenn die Vereinigte Bundesversammlung nach den eidgenössischen Parlamentswahlen den Bundesrat neu bestellt, werden Foyer, Bar und einige Hinterzimmer am Vorabend der Wahl Schauplatz der «Nacht der langen Messer». Dann wird abgerechnet, und es werden letzte Absprachen getroffen, wer in die Landesregierung portiert und wer daraus verschwinden sollte.

Die Abwahl eines Bundesrates durch das Parlament ist das politische Ereignis in der Schweiz, welches einem Staatsstreich am nächsten kommt. Seit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 hatte sich eine derartige Ungeheuerlichkeit viermal zugetragen. Im Zug von Coras Recherchen zu ihrem Lieblingsthema Flüchtlinge und Migration hatte die jüngere Schweizer Geschichte ihr Interesse geweckt.

In den wechselvollen Perioden der beiden Weltkriege und während des Kalten Krieges diente das Land als internationale Drehscheibe und Verhandlungsort rivalisierender Mächte. Das Schicksal Hunderttausender, wenn nicht von Millionen Menschen war in diesen ehrwürdigen holzgetäfelten Räumen bei Kaffee, Cognac und Zigarren mit gedämpfter Stimme besiegelt worden.

Nicht immer hatten alle einen Vorteil daraus gezogen, am wenigsten die Betroffenen selbst. Die Schweiz wusste ihre Politik der Guten Dienste im Umgang mit Monarchen, Diktatoren, Revolutionären, Nazis oder Kommunisten für sich zu nutzen. Sie hatte das Land nie ärmer gemacht, im Gegenteil.

Folge 5

Cora wurde in diesem Land geboren und besass seit ihrer Jugend den roten Pass. Trotzdem wurde sie teilweise noch heute als «Papierlischwizerin» angesehen, nur auf dem Papier eine Schweizerin. Sie gehörte nicht zu den Ursprünglichen, die sich Eidgenossinnen nennen durften, weil ihre Stammbäume seit Generationen in schweizerischem Boden und schweizerischer Kultur verwurzelt waren. Möglicherweise hatte sie sich deshalb nie berufen gefühlt, in ihren Reportagen explizit zur Rolle ihrer Wahlheimat in internationalen Konflikten Stellung zu beziehen und zu be- oder zu verurteilen. In den sechziger Jahren mussten ihre Eltern aus Rumänien flüchten, das damals von Nicolae Ceausescu mit harter Hand regiert wurde. Die Schweiz hatte sie ohne Wenn und Aber aufgenommen. Cora verdankte dem Land ihren Beruf, den sie liebte, und dass ihre Kinder in Sicherheit mit intakten Zukunftsaussichten aufwachsen konnten.

Aus diesem Grund hatte sie ihrem Freund, Chefredaktor Wagner vom «Solothurner Tagblatt», bisher nicht zugesagt. Er wollte sie für eine Reportage über die Goldgeschäfte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gewinnen. Die zweifelhaften Deals, welche die damalige Regierung mit den Nazis gemacht hatte, um das Land vor einer Invasion zu bewahren, interessierten sie nicht. Ein grosser Teil des Goldes, das vielleicht noch heute in den Kellern der Nationalbank oder anderswo im Land lagerte, hatte ursprünglich vor allem jüdischen Familien gehört. Zu Millionen wurden sie von den Nazis zuerst aus ihrer Heimat vertrieben und schliesslich exekutiert oder in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Treblinka oder Majdanek ermordet.

Die Schweiz hatte mit dem Vermögen der Opfer des Naziterrors ihren Schnitt gemacht, bis ein eifriger amerikanischer Staatsanwalt in den neunziger Jahren den Finanzgnomen in der Zürcher Bahnhofstrasse und der Genfer Rue du Rhône sowie ihrem Bankgeheimnis zum ersten Mal den Garaus machte.

Der Wink mit dem Flüchtlingszaunpfahl vermochte Cora dennoch nicht zu motivieren. Allerdings konnte sie es sich nicht versagen, vom Staal darauf anzusprechen, sobald das Dessert serviert worden war.

«Was weisst du über Raubgold?», fragte sie, bevor sie einen Löffel mit kandierter Citron de Menton in Sabayon in den Mund schob.

«Wie bitte?» Vom Staal sah von seinem Nachtisch, einer Selektion erlesener Käse mit Feigensenf und Früchtebrot, auf.

«Was weisst du über das Gold, das die Nazis im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz bunkerten?»

«Warum interessiert dich das?» Cora erzählte es ihm.

«Wozu will Wagner diese alten Gamellen aufwärmen?», fragte vom Staal. «Die Geschichte ist seit Ende der neunziger Jahre aufgearbeitet und trägt mittlerweile einen langen weissen Bart. Damit lockst du nicht mal mehr einen greisen Nazijäger hinter dem Ofen hervor.»

«Etwas muss dran sein, wenn er eine Reportage für sein ’WP&G’-Magazin machen will – mehrere Seiten mit Fotostrecke.» Cora schrieb freischaffend für «Wirtschaft, Politik und Gesellschaft». Sie galt gewissermassen als Hausjournalistin der Publikation. Nachdem vom Staal ihre Nachforschungen zum Verschwinden seiner Frau äusserst grosszügig honoriert hatte, konnte sie sich ihre Jobs mehr oder weniger aussuchen.

Vom Staal legte Messer und Gabel zur Seite und trank einen Schluck des Rotweins, bei dem er seit dem Hauptgang geblieben war. Cora hatte sich vom Kellner zu einem Glas Champagner verleiten lassen und verzichtete dafür auf den Kaffee nach dem Dessert.

«Die Schweiz war in beiden Weltkriegen neutral.»

«Das waren die Belgier und Holländer auch, geholfen hat es ihnen nicht.» Coras Ton wurde eindringlicher. Sie hasste Ausflüchte. Vom Staal liess die Bemerkung stehen.

«Stimmt, wir hatten das Glück, für Hitler als Produktions- und Finanzierungsbasis für seine Feldzüge zu wertvoll zu sein, als dass er das Land als Durchmarschroute für seine Armeen missbrauchen wollte. Vermutlich war es für ihn eine Frage der Zeit, bis er uns ’heim ins Reich’ holen konnte. Zumindest herrschte diese Idee in den ersten Kriegsjahren vor.»

«Im Gegenzug wurde hier das Gold gehortet, das er sich in den eroberten Gebieten zusammengestohlen hatte.»

«Als neutrales Land hat die Schweiz mit allen Staaten regen Handel betrieben. Deutschland war im Krieg unser wichtigster Handelspartner und ist es noch heute. Die Goldtransfers der Reichsbank an die Nationalbank sollten einerseits die Guthaben der Schweiz in Deutschland decken, andererseits dienten sie zur Währungssicherung, damit die Inflation niedrig gehalten werden konnte.»

«Das allein kann es nicht gewesen sein», sagte Cora. «Mir ist nicht bewusst, dass Hitler sich je um Verpflichtungen scherte.» «Da liegst du richtig. Die Nazis deckten sich unter Umgehung der Wirtschaftssanktionen der Alliierten und über Schweizer Mittelsmänner weltweit mit kriegswichtigen Gütern ein. Zudem lieferten wir ihnen wichtige Rüstungsgüter, die sie mit Rohstoffen, vor allem mit Kohle und mit Erdöl aus dem Heimatland deiner Eltern, bezahlten. Das wurde von den Alliierten moniert, die gegen Ende des Krieges deswegen den Bundesrat massiv unter Druck setzten.»

«Die Schweizer Exportwirtschaft und der Finanzplatz waren demnach die grossen Profiteure des Krieges?»

«Wenn du so willst. Die Nationalbank war jedoch nicht nur das Golddepot der Deutschen. Die Goldtransaktionen der Alliierten mit der Schweiz waren insgesamt umfangreicher als diejenigen mit der Reichsbank. Praktisch jede europäische Zentralbank hinterlegte ihren Goldvorrat im Keller der Nationalbank drüben unter dem Bundesplatz.»

Folge 6

«Wie? Hatten die ihre Kellerabteile wie in Mietshäusern – jedem Mieter sein eigener Verschlag?»

«So in etwa darfst du dir das vorstellen, einfach besser gesichert.»

«Und das Gold der, sagen wir, der Franzosen oder Engländer, lag einträchtig neben demjenigen der Nazis?»

«Korrekt, bewacht von den Schweizern, koordiniert und kontrolliert von der BIZ.»

«BIZ?»

«Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sie wurde 1930 als Bank der Zentralbanken mit dem Ziel gegründet, die deutschen Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg abzuwickeln. Sie existiert in ihrer Koordinations- und Regulierungsfunktion bis heute an ihrem ursprünglichen Sitz in Basel. Zwischen 1939 und 1945 überwachte sie die Goldtransaktionen. Sie verfügt über einen exterritorialen Status, das heisst, die Schweizer Behörden haben nur beschränkt Zugriff.»

«Wie die UNO», sagte Cora.

«Genau. Während des Krieges arbeiteten Menschen aus aller Herren Länder in Basel.»

«Wie? Auch Deutsche?»

«Viele Deutsche arbeiteten dort, aber auch Amerikaner, Franzosen, Engländer, Skandinavier und natürlich Schweizer.»

«Die sassen und arbeiteten dort friedlich zusammen, während sich ihre Landsleute auf den Schlachtfeldern gegenseitig die Köpfe einschlugen?»

«Geld hat seine eigenen Regeln, im Frieden wie im Krieg. Das gilt ebenso für Gold.» Vom Staal nickte einem Kellner zu, um einen Espresso zu bestellen. «Selbstverständlich kannst du davon ausgehen, dass in Basel auch andere Dinge vor sich gingen. Wie die übrige Schweiz war die Stadt ein Tummelplatz der Spione aller Mächte. Der BIZ-Anwalt Allen W. Dulles beispielsweise war gleichzeitig Gesandter für die Schweiz im amerikanischen Geheimdienst OSS, dem ’Office of Strategic Services’, der Vorgängerorganisation der heutigen CIA. Sicher wurde unter anderem auch mit Gold gemauschelt. Ich bin nicht der Spezialist dafür, aber ich kann mich schlaumachen, wenn du willst.»

Cora schüttelte den Kopf. «Sollte ich was brauchen, bin ich froh, wenn ich auf dein Wissen zurückgreifen darf.» Sie leerte ihr Glas.

«Lust auf einen Schlummertrunk?», fragte er. In seinen Augen erkannte Cora ein hoffnungsvolles Leuchten.

«Musst du nicht fahren?»

Sie hatten sich in Bern getroffen, weil er von einer Besprechung in Lausanne gekommen war. Am nächsten Morgen musste er wieder dort sein. Trotz seiner Proteste und des Angebotes, sie abholen zu lassen, hatte Cora es vorgezogen, mit der Bahn von Solothurn anzureisen.

«Ich habe eine Limousine mit Fahrer gechartert», antwortete vom Staal.

«Hast du was gegen die Bahn?»

«Ich nichts, aber sie gegen mich. Wenn ich mich in letzter Zeit entscheide, den Zug zu nehmen, hat er einen Ausfall. Angesichts unserer heutigen Verabredung wollte ich dieses Risiko nicht eingehen. Mittlerweile sind die Staus auf den Autobahnen in ihrer Permanenz berechenbarer als unsere Bundesbahn. Wie steht’s? Schlummertrunk, ja oder nein?» Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach: «Wenn du möchtest … ich habe vorsorglich für heute Nacht ein Zimmer reserviert.»

Sie sah ihn verdattert an. «Hier?»

«Es ist eine Suite – mit zwei Schlafzimmern –, Frühstück inbegriffen.»

Cora gab sich Mühe, sich ihre Erregung nicht anmerken zu lassen. Der Blick seiner klaren blauen Augen war so eindringlich wie einladend. Vom Staal, der Alkohol oder beides gleichzeitig verdrehte ihr den Kopf. Andererseits verspürte sie keine Lust, einsam zu Hause zu hocken. Ausser einem mürrischen Kater, der seiner verreisten jungen Herrin nachtrauerte, wartete dort niemand auf sie. Für Van Helsing war Cora lediglich eine zweibeinige Bedienstete, zuständig für regelmässige Futterabgabe und gelegentliche Verabreichungen von Streicheleinheiten. Julian war auf einer Studienreise in Italien. Niemand würde sie vermissen, wenn sie es sich für eine Nacht im Fünf-Sterne-Hotel gut gehen liess.

***

Die ersten Strahlen der Frühlingssonne vermochten die Terrasse des «Bellevue» noch nicht zu erwärmen, obwohl die Wettervorhersage einen warmen Tag prophezeite. Cora schlang den Pashminaschal enger um die Schultern, während sie an ihrem Cappuccino nippte und an die letzte Nacht und den Morgen dachte.

Vom Staal hatte sie überrascht. Da sie nicht damit gerechnet hatte, in Bern zu übernachten, hatte sie ausser dem Cocktailkleid und einem leichten Frühlingsmantel keine Wechselkleidung dabei. Ausgelegt auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer der Suite hatte sie gefunden, was sie für den nächsten Tag brauchte: ein Paar Designer-Jeans, eine Seidenbluse, einen Kaschmirpullover und den Pashminaschal. Vom Staal hatte den Hotelconcierge mit Instruktionen versorgt, die Sachen zu besorgen, während sie beim Essen waren. Woher er ihre Grösse wusste, war Cora ein Rätsel. Jedenfalls passte alles perfekt.

Sie hatte die Kleider erst nicht annehmen wollen und bestand zumindest darauf, sie zu bezahlen. Vom Staal hatte seinen ganzen Charme und sein Durchsetzungsvermögen aufbringen müssen, sie davon abzubringen. «Du lässt mir keine andere Möglichkeit, dir meine Zuneigung zu zeigen. Tu mir den Gefallen und akzeptiere wenigstens das.»

«Ich komme mir vor wie die blutjunge Geliebte eines Sugardaddys, wenn du so was tust. Das ist meinem Selbstbewusstsein wenig zuträglich.»

Folge 7

Vom Staal hatte gelacht. «Über dieses Stadium dürften wir beide hinaus sein. Ausserdem habe ich bis jetzt nichts erlebt, was dein Selbstbewusstsein erschüttern konnte. Daran werden die Jeans und ein Kaschmirpullover nichts ändern. Ist ja mein Fehler, ich hätte dich wegen der Übernachtung vorwarnen sollen.»

«Wenn ich nicht hier schlafen würde, hättest du es umsonst gekauft.»

«Für mich ist bei dir nie etwas umsonst, Cora.» Er hatte sie freundschaftlich geküsst, bevor er in seinem Zimmer verschwunden war. Damit hatte er ihr erspart, sich zu überschwänglichen Dankesbezeugungen verpflichtet zu fühlen.

Das Frühstück war kurz ausgefallen, da vom Staal fahren musste, bevor sie aufwachte. Er hatte die Suite mit spätem Checkout gebucht und bereits bezahlt. Sie stand Cora bis achtzehn Uhr zur Verfügung.

Nach einem Besuch in der hoteleigenen Sauna im Wellnessbereich hatte sie sich mit zwei Tageszeitungen und einem Cappuccino auf die Terrasse gesetzt. Sie konnte sich nicht entschliessen, ob sie später durch die Lauben der Berner Altstadt schlendern oder bereits am frühen Nachmittag den erstbesten Zug zurück nach Solothurn nehmen wollte. Ihr graute vor dem leeren Haus in Nennigkofen.

Sie werweisste, einen zweiten Cappuccino zu bestellen, als sie eine Stimme von hinten ansprach: «Cora? Cora Johannis?»

Irritiert drehte sie sich in ihrem Stuhl um und musterte die gross gewachsene blonde Frau, die wenig älter als sie sein mochte. Ein dezentes Make‑up betonte einen blassen Teint und zart gemeisselte hohe Wangenknochen unter einem Paar graublauer Augen. Vereinzelte silbrige Strähnen durchzogen ihr aschblondes Haar. Die Frau rückte ein teures Versace-Seidenfoulard zurecht, das sie um ihren Hals geschlungen hatte.

Eine diffuse Erinnerung kroch aus Coras Unterbewusstsein hervor und verfestigte sich zu einem klaren Bild, bis ihr Gedächtnis den passenden Namen zum Gesicht hervorgegraben hatte. «Ludivine? Sie sind … du bist Ludivine Spiegelberg. Das gibt’s nicht!» Sie stand auf, um die Frau zu umarmen.

«Ich heisse jetzt Giroud», sagte diese, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten. «Ausserdem nanntest du mich immer nur ’Lüdi’, erinnerst du dich nicht mehr?»

«Ludivine hatte damals einen unmöglichen Klang für uns.»

«Das habt ihr immer dann betont, wenn ihr mich ärgern wolltet.»

Beide lachten herzlich. Cora bot ihr an, sich an ihren Tisch zu setzen. Ludivine schlug vor, das Wiedersehen mit einem Glas Prosecco zu feiern.

«Was machst du so?», fragte Cora.

«Ich pendle zwischen der Schweiz und Südafrika hin und her. Meine Mutter wohnt in der Nähe von Kapstadt. Erinnerst du dich an sie?»

«Ich bin ihr nicht oft begegnet, aber wie könnte man Césarine Spiegelberg vergessen?», erwiderte Cora. «Die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich auf sie traf, beeindruckte sie mich mit ihrer selten starken Persönlichkeit. Wenn ich mich nicht täusche, bist du ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.»

«Das sagen viele, ja. Ihre Haare waren dunkler als meine. Inzwischen sind sie weiss geworden. Sie feiert dieses Jahr ihren Achtzigsten.»

«Sie lebte damals allein mit dir in Solothurn, nicht wahr?»

«Ja, es hielt sie nichts mehr auf der Alp, nachdem Vater …» Ludivine räusperte sich. «Als der Berg ihn behielt.»

Cora erinnerte sich. Die sterblichen Überreste von Leopold Spiegelberg wurden Jahre nach seinem Verschwinden im Wildhorngebiet geborgen. Es passierte in den späten sechziger Jahren, bevor Cora geboren war.
Césarine Spiegelberg, eine geborene Rettenmund, war daraufhin mit ihrer knapp einjährigen Tochter Ludivine in ihre Heimatstadt Solothurn zurückgekehrt.

«Du hast deinen Vater nie gekannt?»

Ludivine verneinte. «Er war dreiundzwanzig Jahre älter als meine Mutter. Im Nachhinein habe ich nie verstanden, warum sie einen so viel älteren Mann geheiratet hatte.»

«Möglicherweise hatte er andere Qualitäten.»

«Mag sein, sie hat nie gross über ihn gesprochen.»

«Sie hatte ihn nicht geliebt, meinst du?»

«Ich glaube schon, es war halt eine schwierige Zeit. Kurz bevor Vater verschwand, sind ihre beste Freundin und ihr Baby von deren Ehemann brutal erschlagen worden. Das und Vaters Verschwinden waren die Auslöser, weg von der Tungelalp und zurück nach Solothurn zu gehen.»

«Tungelalp? Steht euer Jagdhaus mit diesem unheimlichen Namen noch dort?»

«’Blutlauenen’, ja. Es ist im Besitz unserer Familie geblieben.»

Heute wie damals fragte sich Cora, wie man einem Haus einen solchen Namen geben konnte, selbst wenn es ein Jagdhaus war. Ludivine hatte ihr erklärt, dass der Name nicht mit Blut im eigentlichen Sinn zu tun hatte. Das althochdeutsche «bluete» oder «blüete» bezog sich auf etwas, das unter grossen Mühen oder Kosten entstand. Man musste «dafür bluten». Der Ausdruck gehörte noch heute zur Umgangssprache.

«Mutter will, dass ich ’Blutlauenen’ verkaufe, sofern sich für den Kasten ein Käufer finden lässt. Sie ist nicht gut zu Fuss und wird Südafrika wohl nicht mehr verlassen.»

«Vielleicht findet sich jemand, der es als Hotel oder Gasthaus führen will», sagte Cora.

«Das dürfte schwierig werden. Es gibt weder eine vernünftige Strasse, noch besteht die Möglichkeit, dort etwas hinzubauen, eine Seilbahn für Touristen oder so was. Abgesehen von einer Materialbahn für die Sennereien dort gibt es nichts. Seit Ende der vierziger Jahre gilt das gesamte Lauenental als Naturschutzgebiet.»

Folge 8

«Was ist mit Touristentransport auf Esel- oder Maultierrücken wie früher? Pionierromantik in den Alpen soll en vogue sein.»

Ludivine nickte anerkennend. «Deine kreativen Ideen sind dir offenbar nicht ausgegangen – wie in alten Zeiten. Über die möglichen Verwendungszwecke des Gemäuers sollen sich potenzielle Käufer den Kopf zerbrechen. Ich bin froh, wenn ich es los bin und …» Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. «Ist schon ein Zufall, dass wir uns ausgerechnet heute begegnen. Ich habe ein paarmal versucht, dich über deine Redaktion ausfindig zu machen. Es ist schwierig, dich zu erreichen.»

«Das war mir nicht bewusst.» Cora war in keinem Telefonbuch gelistet, auch ihre private Mailadresse fand sich in keinem öffentlichen Verzeichnis.

«Ich bekomme demnächst die gefürchtete Fünf auf die zweite Dezimalstelle meiner Altersangabe. Das will gefeiert werden. Diese Begegnung mit dir heute ist wirklich ein verrückter Zufall.»

«Inwiefern?»

«Ich will unsere alte Clique ein letztes Mal zusammenkommen lassen – Erinnerungen an unsere wilden Zeiten, verstehst du?»Cora war nicht sicher, ob sie nach all den Jahren an alles erinnert werden wollte, was sie damals erlebt hatten. Ihr Gedächtnis hatte nicht nur rosige Momente gespeichert.

«Ist das nicht Schicksal?», plauderte Ludivine weiter. «Ich konnte die ganze Clique lokalisieren, bis auf dich. Und siehe da: Wir laufen uns über den Weg. Du musst mitkommen. Morgen Freitag geht es los. Bis Dienstag feiern, spielen und diskutieren wir. Wer will, kann spazieren gehen oder herumhocken. Es wird genug zu essen und zu trinken geben. Ich habe die Vorräte bereits auf die Alp bringen lassen.»

«Dieses Wochenende?», fragte Cora ungläubig. «Auf welcher Höhe ist das? Liegt da nicht alles noch im Schnee?»

«Das passt schon. Die Meereshöhe von ’Blutlauenen’ beträgt circa tausendachthundert Meter. Ausserdem ist im Winter wenig Schnee gefallen. Und sonst gehen wir Schneeschuhlaufen. Wir könnten einen Ausflug hinüber zur Geltenhütte machen. Der Pfad soll fast schneefrei sein.» Ludivine strahlte sie aufmunternd an. «Was ist? Jetzt, wo ich dich gefunden habe, musst du dabei sein. Schliesslich gehörst du inzwischen zur Prominenz. Jeder kennt deine Artikel und Bücher.»

Cora ging das etwas zu schnell. Sie zog Sonne und Strand den Bergen vor, vor allem, wenn letztere mit Schnee und Eis bedeckt waren. «Ich weiss nicht, ich recherchiere gerade für einen Auftrag», log sie.

«Komm schon, Cora. Du hast es doch nicht nötig, zu arbeiten. Dein letztes Abenteuer im Schwarzbubenland stand in allen nationalen Zeitungen. Sogar der Johannesburger ’Sunday Independent’ berichtete darüber. Die Verkäufe deiner Bücher haben dir garantiert ein Vermögen an Tantiemen eingebracht.»

Cora äusserte sich nicht dazu. Ihre Lust auf die Einsamkeit ihres Hauses war unter den Nullpunkt gesunken. Warum nicht die Zeit für ein paar Tage gemeinsam mit alten Freunden und Jugenderinnerungen überbrücken? «Wer ist sonst dabei? Kommt die ganze Clique?»

«Alle», bekräftigte Ludivine. «Magdalena, Sibylle, Richard und Matteo, weisst du noch?»

«Wie könnte ich Matteo vergessen. Der ist mit seinen Bildern inzwischen eine Berühmtheit geworden.» Cora schmunzelte. «Hätte ihm früher keiner zugetraut, wenn er seine Kritzeleien herumzeigte.»

«Ich habe ihm ein wenig unter die Arme gegriffen und seine ersten Bilder in meinen Galerien ausgestellt. Inzwischen hat er sich einen Namen gemacht.»

Cora gönnte es Matteo, dessen künstlerische Ambitionen von allen, einschliesslich ihr selbst, belächelt worden waren.

«René kommt ebenfalls», sagte Ludivine beiläufig. Sie sah Cora erwartungsvoll an. Coras Herz machte einen Sprung. «René Gamper lädst du ein? Nach all dem, was ihr … was passiert ist?»

Ludivine winkte ab. «Das ist lange her – Jugendsünden. Ich will mit euch meinen Übergang in die bessere Lebenshälfte feiern.»

Sie prosteten sich zu. «Und dein Mann?», fragte Cora.

«Welcher Mann?»

«Der dir deinen klingenden Nachnamen verpasst hat.»

«Giroud? Kannst du getrost vergessen. Alte Familie von Privatbankiers in Martigny mit Geld wie Heu. Wir waren fünf Jahre verheiratet. Dann kam ihm in den Sinn, öffentlich zu bekennen, dass er schwul ist. Immerhin hatte er den Anstand, meine Einwilligung in die Scheidung mit einem zweistelligen Millionenbetrag abzugelten. Guter Kerl.» Sie hob ihr Glas und trank einen Schluck. «Wir werden in ’Blutlauenen’ unter uns sein, Cora. Nur wir sieben, wie früher. – Nein, stimmt nicht ganz. René bringt seinen Sohn Alexander mit. Er will ihn unbedingt dabeihaben. Es würde ihm guttun, die verrückten Freunde seines Vaters kennenzulernen, wie er sagt. Mir soll’s recht sein. Alexander ist ein flotter Kerl.»

Sieh an, dachte Cora. Gamper, der auf sämtliche Bibeln geschworen hatte, nie in den Hafen der Ehe einfahren zu wollen, hatte einen Sohn.

«Zwei Bedienstete kommen auch mit», setzte Ludivine ihre Erläuterungen fort. «Unsere langjährige Haushälterin Chantal sorgt für unser leibliches Wohl. Der alte Fredi Schwizgebel ist zuständig dafür, dass wir nicht frieren müssen. Die beiden arbeiteten schon für meine Eltern. Insgesamt sind wir zehn – mit dir.»

«Und wie kommen wir auf die Alp? Zu Fuss, mit Gepäck und allem?»

«Wo denkst du hin? Ich habe einen Heli bei Air-Glaciers gechartert. Treffpunkt morgen Mittag, ein Uhr, auf dem Flugplatz Saanen zum Apéro. Um zwei heben wir ab. Am Dienstagnachmittag holt er uns wieder ab. Also was ist? Sei bitte keine Spielverderberin.»

Folge 9

Cora musste nicht mehr überzeugt werden. Ludivine fiel ihr um den Hals. Ein Blick auf ihre Armbanduhr liess sie aufschnellen. «Was, schon so spät? Ich bin im Kornhauskeller mit einem Galeristen verabredet. Wir wollen eine gemeinsame Ausstellung machen. Wir sehen uns morgen in Saanen, ja?»

Sie tauschten Telefonnummern aus. Der Einkaufsbummel unter den Lauben war gestrichen. Cora musste nach Hause, für das Bergwochenende packen. Zuvor hatte sie ein Telefonat zu führen.

***

Cora musste Wagner zugestehen, dass er sich alle Mühe gab, sie umzustimmen. Sie verkniff sich ein Lachen, während sie ihm am Telefon zuhörte.

«Du bist mein bestes Pferd im Stall für diese Reportage, Cora. Das Ding ist heikel. Ich brauche jemanden, der fundiert recherchiert.»

«Und da bin ich die Einzige, die dir in den Sinn kommt? Gibt’s da nicht einen anderen ausgezeichneten Investigatoren?»

«Ich weiss nicht, wen du meinst.»

«Heizmann. Letztes Jahr war er gut genug, an meiner Stelle die Flüchtlingsreportage zu machen.»

Wagner schnaubte. «Macht dir die Retourkutsche Freude? Du weisst, es war nicht meine Entscheidung gewesen, Heizmann an deiner Stelle nach Sizilien zu schicken. Es war die Teppichetage in Langenthal, die –»

«Geschenkt, Wagner.» Es ging ihr nicht darum, ihrem alten Freund eins auszuwischen, ebenso wenig den Erbsenzählern am Hauptsitz des Mittelland-Verlages. «Ich brauche mal etwas Abstand. Ludivine Giroud-Spiegelberg, die Galeristin, ist eine alte Freundin von mir. Sie hat mich eingeladen, ein Wochenende mit Freunden zu –»

«Hast du Spiegelberg gesagt?»

«Ja, warum?»

Am anderen Ende herrschte für ein paar Sekunden Stille.

«Wagner, bist du noch dran?»

«Cora», sagte Wagner gedehnt, «sag mir nicht, du hast vor, auf eigene Faust zu recherchieren?»

«Natürlich nicht. Wie kommst du auf so was?»

«Weil der Name Spiegelberg in den Dokumenten auftaucht, die uns für diese Reportage zugespielt wurden.»

«Echt?»

«Echt. Und gib nicht vor, keine Ahnung davon zu haben. Solche Zufälle gibt’s bei dir nicht.»

«Ehrlich, Wagner, woher soll ich wissen, was du über die Spiegelbergs hast, wenn ich diese Unterlagen nie gesehen habe?»

«Leopold Spiegelberg, sagt dir das was?»

«Das ist Ludivines Vater und gerade mal alles, was ich über ihn weiss.»

«Oberst im Generalstab Spiegelberg war in den Fünfzigern Kommandant des Solothurner Infanterieregiments 11. Im Zweiten Weltkrieg diente er als zugeteilter Offizier im Regimentsstab. In dieser Zeit wurde das Regiment innerhalb der dritten Heeresdivision als ’Gruppe Kander’ für die Verteidigung des Raumes Spiez–Wimmis im Berner Oberland eingesetzt.»

«Wagner», unterbrach ihn Cora seufzend, «wozu erzählst du mir das? Militärkram interessiert mich, wenn überhaupt, nur am Rande.»

«Eins noch: Spiegelberg war kein gewöhnlicher Stäbler. Er fungierte als Verbindungsoffizier zum Militärischen Nachrichtendienst und arbeitete direkt mit dessen Chef, Roger Masson, zusammen.»

«Sagt mir nichts, aber ich höre dir trotzdem zu.»

«Oberstbrigadier Masson war ein Vertrauter des Oberbefehlshabers der Armee im Zweiten Weltkrieg, General Henri Guisan. Masson hat, vermutlich mit dessen Wissen, geheime Nachrichtenverbindungen mit Deutschland geknüpft.»

Das war Cora neu, und es tönte unerhört. «Der Schweizer Geheimdienst und die Nazis haben zusammengearbeitet?»

«In gewissen Bereichen. Masson hatte ab 1944 regelmässige Kontakte mit dem Chef des Sicherheitsdienstes der SS, Standartenführer Walter Schellenberg.«

«Wie liess sich das mit der schweizerischen Neutralität vereinbaren?»

«Insofern, als der Militärische Nachrichtendienst höchstwahrscheinlich ähnliche Verbindungen mit den Briten und dem amerikanischen Geheimdienst OSS unterhielt. Muss recht spannend zu- und hergegangen sein bei uns in jener Epoche.»

«Warum taten sie das?»

«Reiner Lebenserhaltungstrieb. 1943 landeten die Alliierten in Italien. Damit sah sich das Deutsche Reich einer dritten Front gegenüber. Im selben Jahr musste die bisher unbesiegbare Wehrmacht in Stalingrad ihre erste grosse Niederlage einstecken. Das Kriegsglück der Nazis begann sich gegen sie zu wenden.»

«Was hatte die Schweiz damit zu tun?»

«Nach den Invasionsängsten von 1940 durchlebte das Land bis 1943 eine relativ friedliche Zeit. Doch dann befürchtete man erneut, Hitler könnte einmarschieren, um General Guisan daran zu hindern, den Alliierten die Grenzen zu öffnen, damit sie Deutschland an seiner ungeschützten Südflanke angreifen konnten. In Geheimdienstkreisen will man damals gewusst haben, dass die Deutschen eine ganze Armee von Skandinavien an einen unbekannten Bestimmungsort verlegten. Es wurde kolportiert, sie sollte in Süddeutschland aufmarschieren, um die Schweiz zu besetzen und den Durchmarsch der Alliierten zu verhindern. Dank der Verbindung Masson-Schellenberg kam es zu Geheimgesprächen zwischen SS‑Reichsführer Himmler und General Guisan, bei denen Letzterer garantierte, die Schweizer Armee würde das Land gegen jeden Invasor, ob deutsch oder alliiert, verteidigen. Im Gegenzug sicherte Himmler im Namen seines Führers die Respektierung der schweizerischen Neutralität zu – unter gewissen Bedingungen.»

Folge 10

Cora dachte an das Gespräch mit vom Staal vom Vorabend. «Was waren das für Bedingungen?»

«Lieferung von Spitzentechnologie für deutsche Waffensysteme. Die Schweiz war ein wichtiger Rüstungslieferant der Nazis. Das Geschäft sollte sich in den letzten Kriegsjahren intensivieren.»

«Hatten die Deutschen zu diesem Zeitpunkt den Krieg nicht schon verloren?»

«Das wussten alle – ausser die Nazis selbst. Nach Stalingrad rief Propagandaminister Goebbels in seiner Sportpalastrede zum totalen Krieg auf. Wusstest du, dass die deutsche Industrieproduktion der Kriegsjahre erst 1944 ihren höchsten Stand erreichte?»

«Nicht wirklich. Womit haben sie das bezahlt?»

«Womit glaubst du wohl?»

«Mit Gold, nehme ich an.»

«Die Reichsbank verschob enorme Goldmengen in die Schweiz und kaufte dafür im grossen Stil Kriegsmaterial, welches unter anderem die Schweizer Rüstungsindustrie mehr oder weniger bereitwillig lieferte. Bis zu einem gewissen Grad war es das zweifelhafte Verdienst unseres Landes, den Schrecken des Krieges bis 1945 verlängert zu haben.»

«Und die Alliierten? Haben die einfach zugeschaut?»

«Wo denkst du hin? Die offizielle Schweiz wurde mehrmals davor gewarnt, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Der britische Premier Churchill erwog sogar, den deutschen Nachschub zu unterbinden, indem er unsere Eisenbahnlinien durch die Alpen bombardieren wollte, zog es jedoch nicht durch.» «Dafür haben die Alliierten immer mal wieder Schweizer Städte bombardiert wie Zürich, Schaffhausen und Basel. Das war nicht wirklich ein Versehen, oder?»

«Offiziell schon. Die Engländer und Amerikaner setzten unsere Regierung gegen Ende des Krieges massiv unter Druck, die Lieferungen gegen Gold nach Deutschland einzustellen.»

«Was passierte dann?»

«Der Bundesrat beharrte auf dem Neutralitätsstatus der Schweiz, der es ihr erlaubte, mit jedem Land Handel zu treiben. Die Goldlieferungen wurden fortgesetzt. Ein letzter von der BIZ sanktionierter Transport fand im März 1945 statt. Etwas mehr als drei Tonnen Gold wurden hierherverschoben. Vordergründig dienten sie zur Sicherstellung von Guthaben unserer Nationalbank bei der Reichsbank und zur Abgeltung humanitärer Dienste.» «Nicht zu fassen, welche Deckmäntelchen Politiker und Funktionäre damals wie heute für ihre schmutzigen Geschäfte finden», sagte Cora.

«Du sagst es. Aber jetzt kommt der Scoop: Nach dem offiziellen letzten Transport soll es einen weiteren gegeben haben, in den letzten Kriegstagen, Ende April 1945.»

«Was heisst das?»

«Denk nach, Cora. Wer in Deutschland konnte im damaligen Chaos solche Geheimcoups arrangieren? Nach den uns vorliegenden Informationen ging es um über eine Tonne Feingold, umgerechnet zu heutigen Kursen sprechen wir von vierzig bis fünfzig Millionen Franken.»

«Der Krieg war verloren. Die Nazis verliessen das sinkende Schiff. Ein paar von denen wollten vorher ihr Schäfchen ins Trockene bringen.»

«Du triffst den Nagel auf den Kopf. Darunter befanden sich die Gottvaterstellvertreter persönlich, in diesem Fall Himmler und Reichsmarschall Göring zusammen mit einigen ihrer obersten Kumpane.» Cora musste das kurz sacken lassen. «Darüber wollt ihr einen Artikel bringen? Ist das nicht Schnee von gestern?»

«Da gebe ich dir recht – teilweise. Die Geschichte ist ausgelutscht, bis auf diejenige mit dem Gold, das spurlos verschwunden ist.» «Wie, verschwunden?»

«Himmlers goldenes Sparschwein hätte zu einem Bunker im Berner Oberland gebracht werden sollen. Es ist nie dort eingetroffen.»

«Eine Tonne Gold verschwindet nicht einfach so.»

«Das macht die Sache ja gerade so spannend. Laut unserer Quelle überquerte der fragliche Transport am 25. April 1945 die österreichisch-schweizerische Grenze bei Au‑Lustenau. Es war einer der wenigen Orte, wo die Grenze noch offen war. Die Alliierten waren dabei, den süddeutschen Raum bis zum Bodensee vollständig zu besetzen. Die Spur des Goldes verliert sich im Einsatzraum der ’Gruppe Kander’. Es gab nichts mehr, kein Gold, kein Transportfahrzeug. Ebenso wenig ist das SS‑Begleitpersonal je wiederaufgetaucht.»

«Die haben sich mit der Beute abgesetzt und sich ein schönes Leben gemacht, ist doch sonnenklar.»

«Vermutlich, aber wohin? Sie sind nicht nach Deutschland oder Österreich zurückgekehrt, so viel steht fest. Wenige Tage nachdem der Transport die Grenze im St. Galler Rheintal passiert hatte, besetzten französische Truppen Vorarlberg. Ganz Kontinentaleuropa, mit Ausnahme der Schweiz, befand sich unter alliierter Kontrolle. Damals konnte man nicht mal so hurtig in einen Flieger nach Südamerika oder in die Karibik steigen.»

«Vor allem nicht mit einer Tonne Gold im Handgepäck», sinnierte Cora.

«Verstehst du, was ich sagen will? Das Zeug ist im Land geblieben und liegt womöglich bis heute irgendwo. Dem wollen wir nachgehen.»

«Weshalb erst jetzt? Die Geschichte ist vor siebzig Jahren passiert.» «Weil mir erst kürzlich Dokumente mit diesen Informationen zugespielt wurden. Frag mich nicht nach den Quellen. Sie machen jedenfalls den Anschein, echt zu sein.» Wagner machte eine Pause. «Also was ist, bist du interessiert?»

Coras Neugier war geweckt. «Schick mir alles, was du hast. Ich schaue es mir über das Wochenende an und gebe dir Bescheid, sobald ich zurück bin.»

«Ich zähle auf dich, Cora.»

Sie beendete das Gespräch. Falls die kommenden Tage nicht nach ihren Vorstellungen verlaufen sollten, hatte sie zumindest genügend Lesestoff.

Folge 11

Leopold Spiegelberg – März 1945

Die Szene kommt ihm surreal vor. Die Welt, wie man sie kennt, versinkt im Chaos. Währenddessen gehen die Bewohner Berns ausserhalb des für das Treffen von Spezialtruppen gesicherten Hotels ihren abendlichen Geschäftigkeiten nach. Es ist wie ein Affront gegen das zigtausendfache Sterben, das sich jenseits der Landesgrenzen abspielt.
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Die Gruppe von vier Männern hat es sich, unbeachtet von den anderen Hotelgästen, in einer Sitzgruppe in einem diskreten Winkel des Hotelfoyers bequem gemacht. Die beiden Deutschen tragen Zivilkleidung. Sie sind über Konstanz angereist. Vermutlich werden sie die Rückreise nicht auf derselben Route absolvieren können. Es ist eine Frage von Wochen eher als Monaten, bis französische und englische Truppen die Bodenseeregion unter ihre Kontrolle bringen werden.

Leopold mustert die SS‑Offiziere. In ihren dunklen Anzügen, ohne die schneidige, die arische Herrenrasse definierende Uniform, sehen sie gewöhnlich aus. Er überlegt, ob sich hinter der arroganten Fassade in Wirklichkeit nicht blanke Angst verbirgt. In einem, bestenfalls in zwei Monaten wird das Deutsche Reich aufhören zu existieren, und die Jäger werden zu Gejagten. Während des Essens sprach man eingehend über den Plan. Leopold hat im Grunde nur Verachtung für diese als harmlose Zivilisten getarnten Verbrecher übrig. Aber es liegt nicht an ihm, zu urteilen. Er ist Soldat und hat zu gehorchen. Andere werden die Untaten dieser Scheusale vergelten.

«Mein lieber Oberst», wendet sich der ältere Deutsche an Leopolds Vorgesetzten. «Wir sind uns einig, wo der Transport ihre Grenze überqueren soll. Ist es unerlässlich, dass Ihr Mann das Fahrzeug begleitet?» Er deutet auf Leopold. «Wir verfügen über bestens ausgebildete Fahrer, welche die Gegend kennen wie ihre Westentasche.»
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Leopold verabscheut den Deutschen, der bis vor drei Jahren dem Stab von Reinhard Heydrich angehörte, dem damaligen Chef des Reichssicherheitshauptamts und gefürchteten stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Bevor Heydrich 1942 in Prag von eingeschleusten tschechischen Partisanen ermordet wurde, war er Architekt eines Konzeptes gewesen, das festlegte, wie mit den Juden in Europa verfahren werden sollte. Leopolds Quellen zufolge war es an einer Konferenz am Wannsee bei Berlin entstanden. Welche Grausamkeiten der Nazis würden eines Tages an die Oberfläche kommen? Er verflucht diese Menschen innerlich. Gibt es etwas, das sie nicht über die Schweiz wissen? Aber es wird ihnen am Ende nichts nützen, Hitler und seinem Tausendjährigen Reich. Die Hölle soll diesen Teufel in Menschengestalt mitsamt seinem Führerhauptquartier verschlingen.

Leopolds Vorgesetzter zieht an seiner Zigarre und betrachtet die Glut, bevor er das Wort ergreift. «Wir befinden uns noch im Krieg, mein lieber Standartenführer. Auch wenn es auf Schweizer Territorium keine Kampfhandlungen gibt, werden immer wieder kurzfristig Gebiete und Strassen gesperrt. Sie wollen nicht riskieren, dass der Transport in eine ausserplanmässige Sperre gerät und kontrolliert wird, ausser …», der Oberst pufft an der Zigarre, «… die Situation würde sich komplett ändern und Ihr … ähm … seit Langem angekündigter Endsieg fände früher als vorgesehen statt.»

Die Miene des Standartenführers entgleist für einen Moment, bevor er laut herauslacht. «Was ich an euch Schweizern liebe, ist euer trockener Humor.» Er wird ernst. «Sie haben natürlich recht, lieber Oberst. Ihr Mann steigt beim Grenzübergang Au ein.»
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«Danke, Standartenführer. Major Spiegelberg hat mein vollstes Vertrauen.»

«Darauf stossen wir an.» Der Standartenführer winkt einem Kellner zu. Sobald die Cognacschwenker nachgefüllt sind, heben sie die Gläser. «Auf den Endsieg!», sagt der Deutsche. Die Schweizer prosten ihm schweigend zu.

«Übrigens, Herr Major.» Der Standartenführer sieht Leopold an und zeigt auf den Mann, der neben ihm sitzt. Dieser hat bisher kein Wort gesagt. «Sturmbannführer Kessler wird den Transport befehligen. Ich denke, Sie werden Freunde.»

«Danke, Herr Standartenführer.» Leopold hebt sein Glas erneut in Richtung des jüngeren Deutschen, der mit seinen hellen Augen und kurz geschnittenen blonden Haaren aussieht wie ein Bilderbucharier. «Sturmbannführer Kessler.»

«Major Spiegelberg.»

Sie lächeln sich zu.

DREI

Cora war spät dran. Zum Zeitpunkt, als der Helikopter der Air-Glaciers in Richtung Lauenental abhob, hatte sie gerade erst Zweisimmen hinter sich gelassen.

In der Nacht zuvor hatte sie lange mit ihrer Tochter telefoniert und war erst um drei Uhr morgens eingeschlafen. Matthias hatte Mila am Flughafen in Buenos Aires abgeholt. Zusammen waren sie weiter nach Comodoro Rivadavia in der Provinz Chubut geflogen, wo er mit Grazyna wohnte.

Es gab Momente, da war Mila Cora unheimlich. Cosima, Milas Grossmutter, stand in dem Ruf, das zweite Gesicht zu haben. Cora hielt wenig davon. Es gab eben Menschen, die feinfühliger waren als andere. Dabei liess sie es bewenden. Mila war jedoch besonders sensibel. Sie hatte die Gabe, in die Seelen ihrer Mitmenschen hineinzusehen. Nachdem Cora ihr von Ludivine erzählt hatte, war Milas Reaktion zurückhaltend.

«Bist du sicher, es wird dir guttun, wenn du gehst?»

Die Frage hatte Cora verblüfft. Wie konnte Mila wissen, dass sie gezögert hatte, die Einladung anzunehmen? Ihre Tochter kam ihr mit der Antwort zuvor. «Pass auf dich auf, dort oben, Mam. Ich will dich in zwei Wochen lebendig und in einem Stück wiedersehen.» Der letzte Satz hatte Cora lange wach gehalten.

Folge 12

Wenn Mila sie als Mutter ansprach, suchte sie ihre körperliche Nähe oder hatte Angst um sie.

Vor ihrer Abreise hatte sie auf einen Kaffee bei Daniel vom Staals Kanzlei im Müllerhof in Solothurn vorbeigeschaut. Er hielt nichts von Wagners Geschichte. «Das sind doch Räuberpistolen. Zahlreiche Legenden ranken sich um verschwundenes Nazigold. Ich glaube nicht, dass an diesem mysteriösen Transport was dran ist.»

Cora fand das zu pauschalisierend. Wenn Wagner eine Geschichte für erwähnenswert hielt, war in der Regel etwas dran. Der Chefredaktor mochte nach aussen den Eindruck eines gemütlichen Tanzbären erwecken. In Wirklichkeit war er ein Schnelldenker und hatte ein Gespür für interessante Storys. Cora hatte seine per E‑Mail übermittelten Unterlagen am Morgen ausgedruckt und geordnet. Der Stapel umfasste gut hundertfünfzig Seiten.

Auf dem Flugplatz in Saanen, den selbstbewusste Promotoren als «Gstaad Airport» verkauften, teilte man ihr mit, der Flug nach «Blutlauenen» hätte zwanzig Minuten zuvor abgehoben. Zwei Stunden später sollte ein weiterer Transport mit Gepäck und Lebensmitteln folgen. Cora wollte nicht so lange warten. Sie vertraute ihr Gepäck dem Bodenpersonal an und stieg in ihren roten Mini. Das Dorfzentrum von Gstaad, eine Fusion von internationalem Glamour und Berner Oberländer Chaletromantik, liess sie auf der Umfahrungsstrasse links liegen und fuhr direkt ins Lauenental.

Bis zur Abenddämmerung zogen sich noch ein paar Stunden hin, als sie durch den Dorfkern von Lauenen fuhr. Im Gegensatz zum glamourösen Gstaad war es ein friedlicher Flecken mit schmucken Chalets, zwei Hotels und einer Handvoll Pensionen. Bei ihrer Ankunft herrschte überall Geschäftigkeit. Die Landwirte bereiteten die Weiden für das Vieh vor, das bald sein Winterquartier verlassen und sich über die ersten saftigen Frühlingsgräser hermachen konnte. Vor ihr, am Ende des Tals, lag die imposante Kulisse des Wildhorn- und Sanetschgebietes. Ganz hinten, unterhalb der schneebedeckten Gipfel, toste eine hohe, kräftige Kaskade senkrecht über eine Felswand. Weiter vorn auf der Ostseite, näher beim Ort, war ein weiterer Wasserfall zu sehen. Cora war vor mehr als dreissig Jahren das erste Mal hier gewesen. Die Quelle des «Tungelschutz», wie die Einheimischen den Wasserfall nannten, wurde vom Tungelgletscher unterhalb des Wildhorns gespeist. Bevor er sich in die Tiefe des Lauenentals stürzte, bewässerte er die Tungelalp, wo das Haus «Blutlauenen» stand.

Cora liess für einen Moment die wilde Schönheit und Erhabenheit der Landschaft auf sich wirken.

Inmitten dieses Friedens durchfuhr Cora ein kurzes Frösteln. Waren es Milas Worte, die in ihr das dunkle Gefühl einer unbestimmten Bedrohung hinterlassen hatten, die nun hinter dem wohlwollend lächelnden Gesicht von Mutter Natur lauerte? Die schmale einspurige Strasse zum See war noch gesperrt. Sie sollte erst zwei Wochen später für den Touristenverkehr geöffnet werden. Die Postautolinie zum Lauenensee, von wo Cora den Aufstieg zu Fuss auf die Tungelalp in Angriff nehmen wollte, war noch nicht in Betrieb. Sie hatte sich darauf eingestellt, den Wagen auf dem grossen Parkplatz bei der Bushaltestelle zurückzulassen und den Weg bis zum See zu Fuss zu machen, als ein alter Subaru neben ihr stoppte.

«Willst du zum See?», fragte die Frau am Steuer freundlich. Cora schätzte sie auf rund siebzig. Lange stahlgraue Haare umrahmten ein von Falten zerfurchtes, sonnengebräuntes Gesicht. Etwas verwirrt, mir nichts, dir nichts mit dem vertraulichen Du angesprochen zu werden, erwiderte Cora, dass dem so war.

«Da musst du zu Fuss hin, es sei denn, es macht dir nichts aus, in meine Klapperkarre zu steigen. Ich muss bis ganz hinten ins Tal und kann dich beim See abladen. Es ist kein grosser Umweg.»

Cora nahm dankend an. Die Frau stellte sich als Berthe vor. Cora hörte einen leichten Akzent heraus, der nicht in die Gegend gehörte. Sie folgte Berthes Aufforderung, sie ebenfalls zu duzen. «Deiner Aussprache nach zu schliessen, stammst du nicht von hier.»

«Richtig geraten», sagte Berthe lachend und zeigte zum Sanetsch. «Ich stamme ursprünglich von der anderen Seite, aus Savièse im Wallis.»

Nun erkannte Cora die französische Färbung im behäbigen lokalen Idiom.

«Vor fünfzig Jahren machte ich eine Wanderung von der anderen Seite her über den Sanetsch und kam über die ’Walliser Wispile’. Hier bin ich dann hängen geblieben.»

«Lass mich raten: die Liebe?»

«Genau die. Mein Hansruedi ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Zum Glück habe ich meine Söhne, die mir mit dem Hof helfen, ich komme dieses Jahr ins Fünfundsiebzigste. Der jüngere ist Hüttenwart am Gelten. Er ist bereits seit Anfang Woche oben. Es gibt einiges zu tun an Reparaturen, und die Saison muss vorbereitet werden.«

Der Fahrstil der Bäuerin entsprach dem einer Fünfundzwanzigjährigen. Cora hielt sich bei jeder Kurve krampfhaft am Türgriff fest. Berthe wollte wissen, warum sie ausserhalb der Saison zum See wollte. «Du müsstest im Juli kommen, wenn das Wasser des Moorsees warm genug ist. Im Moment ist alles zu, auch das Restaurant. Die machen erst in zwei oder drei Wochen auf.»

Cora erklärte ihr, sie wolle zum Jagdhaus der Spiegelbergs. Sie musste sich mit beiden Händen an der Konsole des Wagens abstützen, als Berthe abrupt stoppte.

Folge 13

«Du willst nach ’Blutlauenen’, jetzt? Allein?»

Cora bejahte.

Berthe sah sie lange von der Seite an. «Du scheinst mir eine unerschrockene junge Frau zu sein. Aber willst du wirklich ganz allein dort hochgehen, zum Mörder?»

«Zu welchem Mörder?»

Berthe schnalzte mit der Zunge.

«Ja klar, du kannst die Geschichte nicht kennen. Du warst sicher noch nicht geboren, als es passierte, vor etwa fünfzig Jahren.»

«Du meinst den Mann, der seine ganze Familie umbrachte? Meine Freundin, Ludivine Giroud, hat mir davon erzählt.»

«Ludivine Giroud? Die junge Spiegelberg ist deine Freundin?»

Jung war gut. «Kennst du sie?»

«Kennen ist übertrieben. Sie ist ja selten hier. Ihre Mutter Césarine ist mir besser im Gedächtnis geblieben, obwohl sie sich nach dem Tod ihres Mannes nie mehr im Dorf blicken liess. Vorher war sie mit allen stets freundlich und zuvorkommend. Habe gehört, die Tochter will den Kasten da oben verkaufen. Ich frage mich, warum sie das nicht schon lange getan hat.» Berthe fuhr wieder an. «Hüte dich vor Brand, wenn du da oben bist.»

«Brand?»

«Ja, der Brand Werner, dieser Mörder. Seit sie ihn entlassen haben, lebt er in seiner Hütte auf dem Stierentungel, dort, wo er seine Frau und sein bébé abgeschlachtet hat.»

«Warum hat er das getan?»

«Weil er nicht ganz richtig ist im Kopf, wenn du mich fragst. Die hätten ihn im Thorberg behalten sollen, damit er dort verfault. Der Jähzorn soll ihn gepackt haben. Da hat er zugeschlagen. Mit einer Axt hat er der armen Anna-Lisa den Schädel gespalten. Der Polizei fiel es schwer, sie zu identifizieren. Und das kleine Vreneli, sein eigenes Kind, es war kein Jahr alt, beinahe in zwei Hälften hat er es gehackt. Es war furchtbar.» Berthe bekreuzigte sich. «Bin katholisch geblieben. Ich konnte mit den Reformierten hier nie viel anfangen, ausser mit meinem Hansruedi, der war in Ordnung.» Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als müsste sie die Erinnerung löschen. «Anna-Lisa Romang war meine Nichte – eigentlich die vom Hansruedi. Ein hübsches Ding, etwas zu eitel. Als Ledige ging sie gerne nach Gstaad, um sich zu vergnügen. Niemand hat verstanden, warum sie den Schwerenöter Brand heiratete. Im Dorf wurde gemunkelt, sie hätte dem Idioten ständig Hörner aufgesetzt. Kann sein, dass er deswegen ausrastete. Césarine Spiegelberg war dabei.»

«Césarine hat gesehen, wie es passiert ist?»

«Sie wollte Brand zurückhalten. Der ging wie eine Furie auf seine Frau los. Césarine ist geflohen, bevor er sie auch erschlagen konnte. Zuerst hat sie sich draussen vor ihm versteckt. Dann ist sie nach ’Blutlauenen’ gelaufen, um Hilfe zu holen. Als sie mit ihrem Mann und ihrem Knecht, dem Schwizgebel Fredi, zur Hütte zurückkam, war es vorbei. Der Brand war stockbesoffen. Stell dir vor, er lag neben den Leichen und schlief seinen Rausch aus. Er liess sich widerstandslos fesseln. Sie haben ihn in den Keller von ’Blutlauenen’ gesperrt, bis zwei Landjäger ihn mitnahmen.»

Inzwischen waren sie beim Parkplatz am Lauenensee angekommen. Cora ergriff ihren kleinen Rucksack, in den sie in Lauenen Pullover, Regenjacke, zwei Äpfel und einen Schokoriegel gestopft hatte. Sie bedankte sich bei Berthe, die ihre Hand festhielt. Sie zeigte die beinahe senkrecht ansteigende Bergflanke mit dem Wasserfall hinauf. «Pass auf dich auf, Cora. Auf diesem Ort liegt ein Fluch.»

«Was meinst du?»

«Dem Tod gefällt es da oben. Ein paar Wochen nach der Tragödie mit dem Brand ist der alte Spiegelberg auf einer Bergtour in eine Gletscherspalte gefallen und wurde erst Jahre danach gefunden. Wenn du mich fragst, hat der den Preis dafür bezahlt, den Teufel versucht zu haben.»

Coras Augen sprühten Fragezeichen.

«Man baut kein Haus in diese Wildnis und gibt ihm einen solchen Namen – ’Blutlauenen’. Damit hat Spiegelberg sein Schicksal herausgefordert.» Berthe reckte den Hals prüfend in den Himmel. «Du solltest gehen, es wird bald Nebel geben. Dann treibt sich der Brand im Wald herum.»

«Ich kenne Schlimmeres.» Cora sah in den klaren blauen Himmel. Kein Anzeichen von Nebel.

Eine Dreiviertelstunde später stand sie in der Suppe. Die Bäume waren in Watte gepackt. Cora hatte grösste Mühe, den Pfad zu erkennen. Sie wusste, dass man in den Bergen stets mit abrupten Wetterwechseln rechnen musste. Dennoch hatte sie so etwas noch nie erlebt. Sie fluchte über die hohen Stufen, welche die Wegebauer in Felsen und Wurzelwerk geschlagen hatten. Entweder waren das Riesen gewesen, oder sie hatten die Tritthöhe von Hannibals Elefanten bei der Alpenüberquerung als Referenz-mass verwendet. Zu allem hinzu musste sie höllisch aufpassen, nicht auf feuchten Wurzeln auszurutschen, die den Pfad durchzogen. Die Idylle war weg. Obwohl sie schwitzte, drang die feuchte Kälte bis auf die Knochen. Links von ihr rauschte der Tungelschutz, der sich im Tal mit dem Geltenbach zum Louwibach vereinte.

Kurz zuvor hatte sie den knatternden Lärm schnell drehender Rotorblätter über sich gehört, der zweite Lufttransport mit den Vorräten und ihrem Gepäck. Ein nagendes Gefühl der Reue quälte sie. Sie sah den Hang hoch und versuchte zu erkennen, ob sich der Wald lichtete, ein Anzeichen, bald am Ziel zu sein. Die dichten Nebelschwaden verwehrten ihr die Gewissheit darüber. Sie konzentrierte sich weiter darauf, jeden Schritt auf dem teilweise durch den Schneedruck des Winters mit gelockertem Geröll ver-schütteten Pfad zu sichern. Eile war geboten, die Dämmerung würde bald einsetzen.

Folge 14

Der Fremde kam aus dem Nichts. Cora war vor Schreck wie gelähmt, als die mächtige Figur wie ein Schatten vor ihr stand. Sein Gesicht wurde vollständig von einem Hut verdeckt. Unter der breiten Krempe lugte ein struppiger, mit grauen Strähnen durchzogener Bart hervor. Cora senkte den Kopf etwas, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Ein Paar schwarzer glimmender Augen starrte sie an. Cora war nicht leicht zu verängstigen, in diesem Moment hätte sie sich jedoch gerne unter einem Stein verkrochen. Der Mann musterte sie schweigend.

«Guten Abend.» Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. «Ist das der Weg zur Tungelalp?»

Der Hüne blieb stumm. Nur das Glimmen in den Augen wurde intensiver, glaubte sie zumindest.

«Bin ich hier richtig für auf die Tungelalp? Ich muss zum Jagdhaus ’Blutlauenen’.»

Der Mann zeigte immer noch keine Reaktion. Cora schlang die Arme um ihren Leib. Es war spürbar kälter geworden. Obwohl es sie Überwindung kostete, machte sie einen Schritt auf den Mann zu. Sie überlegte sich, wie sie um ihn herumgehen konnte, und fuhr zusammen, als er unvermittelt den Arm ausstreckte und in die Fortsetzung der Richtung zeigte, die sie eingeschlagen hatte.

Cora sah hoch. Die Nebelschwaden hatten sich gelichtet. Hinter dem grauen Dunst schimmerte es dunkelblau. «Danke!»

«Pass auf, Frau. Der Berg drückt», hörte sie eine gutturale Stimme hinter sich.

«Wie bitte?» Sie drehte sich zu dem Mann um. Er war nicht mehr zu sehen, keine Spur, als hätte ihn der Nebel verschluckt.

Cora beeilte sich weiterzukommen. Je höher sie stieg, desto heller wurde es. Mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter. Dieser verfluchte Nebel. Warum musste so was immer ihr passieren? Sie erinnerte sich an eine ähnliche Begegnung mit einem Landstreicher im Jahr zuvor im Schwarzbubenland. Was war das bloss mit ihr und den komischen Käuzen?

Kurz nachdem sie am Drahtseil einer Materialbahn vorbeigekommen war, verflachte sich der Weg. Sie kam dem Ziel näher. Mit einem Gefühl grösster Erleichterung beschleunigte sie ihre Schritte, nur um nach kurzer Zeit wie gebannt stehen zu bleiben.

CÉSARINE SPIEGELBERG-RETTENMUND –
JULI 1967

Das Kleine hört nicht auf zu weinen. Césarine beugt sich über die grob gezimmerte Stubenwiege. «Beruhige dich, Vreneli, die Mutter ist bald zurück. Sie ist nur schnell nach dem Vater schauen gegangen.»

Sie hebt den Säugling aus dem Bettchen und wiegt ihn sanft in ihren Armen. Seine Backen sind gerötet. «Hast du Zahnweh? Hab ein wenig Geduld. Es sind wohl die Letzten, die rauskommen.» Sie stimmt ein Kinderlied an, das ihre Mutter gesungen hatte, wenn sie als Kind vor Schmerzen geschrien hatte. «Heilä, heilä Säägä, drüü Tag Räägä …»

Der sanfte Gesang beruhigt das Kleine. Césarine legt es zurück in die Wiege und steht daneben, ständig den Kinderreim vom heilenden Segen und drei Tage Regen summend, der, gefolgt von Sonnenschein und Schnee, die Schmerzen vergessen lassen soll. Es ist Nonsens. Für Kleinkinder hingegen müssen die sanfte Melodie und die Worte etwas Wohltuendes haben, das die Wehwehchen wegbläst. Das Kleine wird still und sieht Césarine aus grossen, wachen Augen an. Es macht eine drollige Grimasse, die Césarine zum Lachen bringt. Sie fährt mit der Hand über ihren Bauch, in dem ebenfalls ein Leben im Entstehen begriffen ist. Nach Jahren des Wartens hat das Glück endlich bei ihr angeklopft. Leopold weiss noch nichts davon. Sie will ein paar Wochen zuwarten, bis zu ihrem Hochzeitstag. Er wird platzen vor Stolz. Im nächsten Januar soll es so weit sein. Er hofft auf einen Sohn. Sie würde es ihm gönnen, obwohl sie sich eine Tochter wünscht, wie dieses süsse Vreneli, das endlich seine Augen geschlossen hat und ins Land der Träume abgleitet.

Césarine spürt Müdigkeit in ihre Glieder fahren. Es ist ein langer, schöner Sommertag gewesen. Sie hat Anna-Lisa geholfen, das Vieh in den Stall zu treiben. Seit Jäger drüben in der Lenk einen Wolf gesehen haben wollen, müssen die Tiere über Nacht drinnen bleiben. Césarine glaubt nicht an die Geschichte. Und wenn sie wahr wäre, würde der Wolf nicht so rasch über den Tungelpass kommen – jedenfalls nicht, solange er auf der anderen Seite genug fette Simmentaler Kühe auf seinen Speiseplan setzen kann.

Die schlimmsten Raubtiere sind die Menschen, vor allem die Männer, wobei Césarine findet, mit ihrem Gatten Glück zu haben. Aber sie macht sich nichts vor: Als sie sich kennenlernten, war Leopold Spiegelberg ein hoffnungsloser Schürzenjäger gewesen. Obwohl er dreiundzwanzig Jahre älter ist, verliebte sie sich sofort in ihn. Seine Art faszinierte sie – ebenso wie ihre Mutter. Ein Gentleman alter Schule, hatte sie gesagt, deren Hand er bei ihrer ersten Begegnung geküsst und sie mit Madame Rettenmund angesprochen hatte. Sie hatte die ersten Annäherungsversuche zwischen ihrer Tochter und dem Landadligen wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Leopold Spiegelberg, Privatier, Besitzer von grossen Ländereien und Immobilien im Solothurnischen sowie im Kanton Bern, gilt als gute Partie. Sein Vermögen beläuft sich auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. In Solothurn ist er eine einflussreiche Persönlichkeit, nicht zuletzt dank seiner militärischen Stellung als Oberst im Generalstab und ehemaliger Kommandant des traditionsreichen Infanterieregimentes 11. Nach dem Krieg erfüllte er sich einen Traum und baute das grosse Jagdhaus, das sein Vater geplant hatte. Stolz nannte er es «Blutlauenen».

Folge 15

Nach der Heirat hat Leopold es nicht lassen können, fremden Röcken nachzublicken. Césarine sieht darüber hinweg. Sie bewertet Liebe und Treue nicht einzig und allein aufgrund eines körperlichen Rituals, dem sie weniger Bedeutung beimisst, als manche es in dieser neumodischen sexuellen Revolution tun. Ausserdem bleibt es bei Leopold, angesichts seines fortgeschrittenen Alters, oft beim Schauen. Gegessen wird daheim, wie er selbst oft sagt. Es war für sie wie ein Wunder gewesen, als bei ihr vor ein paar Wochen die Tage ausblieben. Ihr Lebensglück wird bald vollkommen sein.

Sie schaut in die Wiege hinein. Das Kleine schläft tief und fest. Wenn nur Anna-Lisa mit ihrem Werner so viel Glück hätte. Die lebenslustige ehemalige Lehrerin hätte sich einen englischen Millionär oder einen dieser neureichen Deutschen angeln sollen, die während der Saison Gstaad bevölkern. Césarine ist es ein Rätsel, weshalb Anna-Lisa Romang sich stattdessen zusammen mit diesem ungehobelten Klotz von einem Mann hier oben vergräbt. Césarine ist überzeugt, dass er Anna-Lisa schlägt. Vor einer Woche trug sie den ganzen Tag eine Sonnenbrille, die sie nicht einmal vor ihr abgelegt hatte.

Wo sie nur bleibt?

Wie auf Stichwort wird die schwere Holztür aufgestossen. Anna-Lisa stürzt atemlos und mit angstgeweiteten Augen herein. Das Haar ist zerzaust, eine Wange heftig errötet.

«Anna-Lisa, was ist passiert?», ruft Césarine erschrocken.

«Brand, der Dreckskerl, hat mich geschlagen. Er hätte mich umgebracht, wenn ich mich nicht hätte losreissen können. Er ist hinter mir her.»

«Schon wieder!» Césarine springt auf und nimmt das Wallholz aus dem Küchenschrank. «Diesmal werde ich ihm –»

«Nein!», ruft Anna-Lisa. «Er bringt uns beide um.» Sie hebt das Kleine aus der Wiege. «Wir müssen weg von hier. Kann ich zu euch nach ’Blutlauenen’ kommen?»

«Natürlich.»

«Ich muss nur schnell …» Anna-Lisa legt Césarine das Baby in die Arme und fängt an, hektisch in den Schubladen zu wühlen.

«Was suchst du, wir müssen uns beeilen.» Césarine späht sorgenvoll zur Tür.

«Das Portemonnaie mit meinem Ausweis drin. Hilf mir suchen, es muss hier irgendwo liegen. Ich hatte es gerade noch in der Hand. Vielleicht ist es mir irgendwo hinuntergefallen.»

Césarine legt das Kind zurück in die Wiege. Dann beginnt sie, den Boden abzusuchen.

Plötzlich kracht hinter ihr die Tür erneut gegen die Wand. Sie hört Anna-Lisas Aufschrei. Césarine richtet sich auf. «Was zum Teufel …»

Was sie sieht, lässt ihr Blut gefrieren.

VIER

Cora war gefangen vom Anblick. Sie kannte das Haus nur von Ludivines Schilderungen von früher. Damals waren Cora andere Dinge wichtiger gewesen. Was Leopold Spiegelberg am Fuss von Felsen und Eis gebaut hatte, war nicht einfach eine Jagdhütte, es war ein Schloss. Es stand auf einer flachen Erhebung am Rand einer Moorwiese vor einem mächtigen Felsmassiv, dem der Tungelbach entsprang. Bis auf die Zierbalken an Fassade und Holzgiebeln war das Gebäude gemauert. Cora fragte sich, wie das Baumaterial vor über siebzig Jahren hierherauf transportiert worden war.

Die Gebäudefront war im Stil eines Grandhotels der Tourismusblüte des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehalten. Zwei Giebeltürme flankierten den dreigeschossigen Bau. Holzbalkone umrahmten die beiden oberen Wohnetagen. Das Haus hatte Platz für mindestens ein Dutzend Zimmer. Was mochte den Erbauer dazu getrieben haben, einen Palast in dieser verlassenen Gegend aufzustellen? Im Naturschutzgebiet gab es keine befahrbare Strasse. Die Endstelle der Materialbahn lag rund zweihundert Meter nördlich vom Jagdhaus entfernt, falls diese damals bereits existiert hatte. Cora wandte sich um und blickte über das Tal von Lauenen, das sich gegen Nordwesten bis nach Gstaad erstreckte. Auf der gegenüberliegenden Talseite lag der bewaldete Gebirgszug der «Höhi Wispile». Der Ausblick war von solcher Erhabenheit und strahlte einen Frieden aus, dass Cora ein wenig Verständnis für den extravaganten Bauspleen von Leopold Spiegelberg aufzubringen vermochte.

Trotzdem wünschte sie Ludivine Glück beim Verkauf. Welcher vernünftige Mensch würde ein solches Gebäude kaufen und dann noch investieren, wenn er es nicht als Hotel oder für einen anderen wirtschaftlichen Zweck nutzen konnte? Eine Person trat aus dem Haus und kam auf Cora zu. Beim Näherkommen erkannte sie Ludivine. Da es merklich abgekühlt hatte, trug sie einen Anorak. Das gleiche Seidenfoulard, das Cora am Vortag an ihr gesehen hatte, umschlang ihren Hals. «Endlich bist du da, wir haben uns schon Sorgen gemacht.»
«Tut mir leid, ich bin in den Nebel geraten, es war eine veritable Erbsensuppe.»

«Nebel? Davon haben wir hier oben gar nichts bemerkt – stahlblauer Himmel, bis die Sonne unterging. Das Wetter wechselt schnell hier, und es wird leider nicht schön bleiben. Die Wetterfrösche reden von Sturm.» Sie nahm Cora bei der Hand. «Jedenfalls sind wir jetzt vollzählig. Genug zu essen und zu trinken für die nächsten paar Tage haben wir auch. Komm rein, die anderen sind begierig, dich zu sehen.»

Cora hielt sie zurück. «Ich bin vorhin einem Mann begegnet, ein unheimlicher Kerl. Ich glaube, es war dieser Brand.»

Ludivine erstarrte. «Brand? Bist du sicher, ich meine, wie hat er ausgesehen?»

Cora beschrieb ihn. «Er hat mir die Richtung gezeigt, die ich nehmen soll, und gesagt: ’Pass auf, Frau. Der Berg drückt.’ Dann war er verschwunden, wie er gekommen war.»

Folge 16

Ludivine sah Cora einen Augenblick konsterniert an und winkte dann mit beiden Händen ab. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Brand sich um diese Zeit hier herumtreibt. Er bleibt normalerweise in seiner Hütte oben auf dem Stierentungel.»

«Ist er gefährlich?»

«Glaube ich nicht. Es ist dreissig Jahre her, seit er aus der Haft entlassen wurde. Seitdem ist nichts passiert. Die Mütter im Tal missbrauchen seinen Namen immer mal wieder als Kinderschreck. Wenn die Kleinen nicht gehorchen wollen, drohen sie ihnen mit dem ’bösen Brand’, der sie holen wird.» Ludivine rollte mit den Augen und machte eine furchtbare Grimasse. Lachend nahm sie Cora wieder bei der Hand. «Komm, man erwartet dich.»

«Ich bin verschwitzt und will mich erst frisch machen.»

Ludivine sah auf die Uhr. «Essen gibt’s in einer Stunde. Chantal zeigt dir dein Zimmer.» Sie hakte sich bei Cora ein. «Du hast übrigens eines der drei Zimmer, die über ein eigenes Bad mit Dusche verfügen.»

«Wer wohnt in den anderen beiden?», fragte Cora, nachdem sie einen inneren Luftsprung der Erleichterung vollführt hatte. In letzter Zeit war ihr die Privatsphäre wichtig geworden. Das musste eine Alterserscheinung sein.

«Eines davon gehört mir. Ich habe mir ein kleines Studio eingerichtet. Das dritte Zimmer bewohnt Sibylle. Die war schon immer etwas eigen, das weisst du vielleicht noch. Magdalena muss sich auf der zweiten Etage das Bad im Korridor mit den Männern teilen. Es liegt dafür direkt neben ihrem Zimmer. Als grüne Kantonsrätin sollte sie imstande sein, auf einen gewissen Luxus zu verzichten.» Beide lachten.

Cora nahm hinter sich eine Bewegung wahr. Sie fuhr erschrocken herum und sah sich einer gross gewachsenen älteren Frau mit einem schönen, etwas verhärmten Gesicht gegenüber. Ähnlich wie bei Berthe war ihr Alter nicht ohne Weiteres zu bestimmen.

«Entschuldigen Sie, Madame, ich wollte Sie nicht erschrecken», sagte die Alte mit heiserer Stimme. Sie nahm Cora den Rucksack ab. «Ich begleite Sie auf Ihr Zimmer.»

Ludivine stellte sie als Chantal Reybaz vor. «Chantal ist der gute Geist des Hauses. Sie besorgt den Haushalt und kümmert sich um das Essen.» Sie gab Cora einen sanften Schubser. «Geh dich frisch machen. Dein Gepäck ist schon auf dem Zimmer. Wir sind im Grossen Salon. Geh einfach dem Lärm nach, dann findest du uns schon.»

«Chantal ging vor. Cora folgte ihr über die aus Arvenholz gezimmerte und mit Schnitzereien verzierte Treppe. Mit einem leichten Gefühl von Widerwillen betrachtete sie die Jagdtrophäen, die beidseitig an der Wand hingen. Es gab anscheinend kein Wald- oder Bergwild, welches vor Leopold Spiegelbergs Flinte sicher gewesen war. Sogar der Kopf eines ausgewachsenen Bären zierte die makabre Galerie. «Herr Spiegelberg muss ein passionierter Jäger gewesen sein.»

«Das war er, Madame», erwiderte Chantal. «Für die Jagd reiste er in der ganzen Welt herum. In Ceylon hat er einen Königstiger geschossen. Er liegt im Grossen Salon, ein schönes Tier.»

Das wäre es auch gewesen, wenn man es am Leben gelassen hätte. «Wie lange arbeiten Sie schon für die Familie Spiegelberg?»

«Seit meinem neunzehnten Lebensjahr. Der Oberst wohnte fast das ganze Jahr hier oben. Er ging nur ins Tal, wenn ihn die Geschäfte nach Bern, Solothurn oder ins Ausland riefen. Er hat mich angestellt, als er Madame heiratete, ich meine Mademoiselle Rettenmund.»

«Die spätere Césarine Spiegelberg?» «Das ist korrekt, Madame.»

«Darf ich fragen, wie alt Sie sind, Chantal?»

«Dieses Jahr werde ich siebenundsiebzig, Madame.»

«Wow!», entfuhr es Cora. «Ich hätte Sie bedeutend jünger geschätzt.»

«Gute, freudvolle Arbeit erhält gesund und jung, Madame.»

«In der Tat.» Cora dachte erneut an Berthe. In dieser Gegend gab es offenbar viele Menschen, die auf ein erfülltes Arbeitsleben zurückblickten. Ihr war der Akzent der Haushälterin aufgefallen. «Sie sind eine Romande, nicht wahr?»

«Waadtländerin, Madame. Ich komme aus Rougemont, im Pays d’Enhaut, gewissermassen aus der Nachbarschaft.»

Cora wurde bewusst, dass sie sich auf der Trennlinie zwischen zwei europäischen Kulturen befand. Westlich und südlich des Sanetschpasses dominierte die frankofon geprägte Lebensart, während sich die deutschsprachigen Kulturen von hier aus im Norden und Osten über den Kontinent ausbreiteten.

Ihr Zimmer lag im Mitteltrakt des ersten Stockwerks. Es war geräumig, das Bad bestand neben der Toilette aus einer Wanne mit Brause und einem Waschbecken. Cora genügte das vollauf. Der kleine Balkon bot Aussicht auf das Tal, über das sich die Nacht legte. Noch lagen die von Schnee freigelegten braunen Alpwiesen verlassen da. Bald würde die Sonne sie zum Spriessen bringen, bis in ein paar Wochen die Alpaufzüge stattfanden. Das Zimmer war vollständig mit Holz getäfelt. Cora war erleichtert, keine abscheulichen Tierköpfe vorzufinden. Kunstdrucke dramatischer Landschaften des Malers Otto Frölicher, dessen Originale sie im Solothurner Kunstmuseum gesehen hatte, zierten die Wände. Cora hatte keine innige Beziehung zu den Bergen. Wenn sie Ferien machen wollte, fuhr sie lieber ans Meer. Hingegen mochte sie die Darstellung der unbändigen Gewalt, so wie die Maler des 19. Jahrhunderts die Alpen gesehen hatten. Mit der Perspektive eines angekündigten Sturmes war sie froh, die Nacht in der relativen Sicherheit eines soliden Hauses zu verbringen.

Folge 17

Zwanzig Minuten später betrat sie ausgiebig geduscht und mit dezentem Make‑up versehen den Grossen Salon. Sie trug schwarze Jeans und ein gleichfarbiges Sweatshirt, das den diebischen Fingern ihrer Tochter entgangen war.

Man empfing sie mit grossem Hallo. Richard Bloch war der Erste, der sie umarmte. «Unsere Transsilvanerin ist angekommen. Hast du dir immer noch keine Fangzähne zugelegt, Cora?»

Er hatte sie früher ständig mit ihren rumänischen Wurzeln und einer möglichen Verwandtschaft mit dem berühmtesten Vampir der Literaturgeschichte aufgezogen.

«Das nicht, aber ich trinke abends vor dem Einschlafen neuerdings ganz gerne ein Glas frisches Menschenblut. Nimm dich in Acht, Richi.»

Die Anwesenden quittierten die Replik mit ausgelassener Heiterkeit. «Gute alte Cora, bei dir weiss man nie, was spitzer ist, die Zunge oder die Feder.» Bloch küsste sie dreimal auf die Wange.

Sie erwiderte die Begrüssung. «Das ’alte’ habe ich überhört, sonst müsste ich mir das mit den Fangzähnen ernsthaft überlegen.» Cora hatte es nie geschafft, Bloch böse zu sein.

«Schön, dich wiederzusehen, Cora. Du siehst gut aus», sagte jemand hinter ihr.

Sie wandte sich um. Es dauerte ein paar Sekunden, bis es ihr gelang, den schmächtigen Mann mit den wirren schwarzen Locken einzuordnen. «Matteo? Immer noch der Künstler durch und durch.»

«Konntest dich fast nicht erinnern, was?» Er lächelte schief.

«Und ob ich das tue, Matteo Rizzardi. Vor allem an den Moment, als du mich in der Pose der Venus von Milo malen wolltest.»

«War ein Versuch, dich nackt zu sehen.» Er grinste wie ein Schuljunge, der dabei erwischt wurde, durch das Schlüsselloch der Mädchengarderobe zu linsen.

«Wurde nichts draus, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht.»

Rizzardi rieb sich demonstrativ die Wangen. «Deine Ohrfeige spüre ich bis heute. Dabei fragte ich ganz lieb.»

«Und? Was antwortete ich darauf?»

«Dass die Absicht zählt, nicht die Frage.»

«Bist ein braver Kerl, Matteo. Inzwischen müssten die Damen der Prominenz, die sich für dich ausgezogen haben, Legion sein. Sehr lukrativ für dich, wie ich höre.» Cora klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich den beiden Frauen zu, die auf sie zutraten. Sibylle Tüscher und Magdalena Sprenger wirkten auch jetzt noch wie zwei ungleiche Schwestern. Schon früher hatten sie ständig die Köpfe zusammengesteckt, wenn es darum ging, etwas auszuhecken. Sibylle begrüsste Cora überschwänglich und fragte gleich als Erstes, ob sie vergeben sei. «Ich kann dir durch meine Agentur gute Kontakte vermitteln. Gepflegte Herren, gut situiert und im wahrsten Sinne des Wortes bestens in Schuss.» Mit ihrem für den Anlass zu aufgetakelten Äusseren und dem um eine Spur zu grellen Make‑up sah Sibylle aus, als wäre sie ihre eigene Stammkundin. Sie zwinkerte Cora zu, die keine Miene verzog. «Oder bist du etwa … ziehst du Frauen vor? Dabei kann ich dir auch behilflich sein. Ich wüsste da –»

Cora hob abwehrend die Hand. «Danke, Sibylle, ich bin versorgt», log sie.

Magdalena Sprenger war etwas auseinandergegangen, hatte jedoch ihre stille Eleganz gewahrt. Im Gegensatz zu ihrer besten Freundin mit der nachgefärbten Löwenmähne stand ihr die rote Kurzhaarfrisur gut. Der Politalltag hatte aus der vormals militanten Umweltschützerin eine versierte Parlamentarierin gemacht, die wusste, welche Anliegen mit guter Aussicht auf Erfolg durchzubringen waren. Damit konnte sie sich in den vergangenen Legislaturen bis heute genügend Wählerstimmen nicht nur von Anhängern ihrer eigenen Partei sichern. Von den drei Frauen der Clique hatte sich Cora mit ihr früher mal bestens verstanden, besser als mit Sibylle und der oft hochnäsig daherkommenden Ludivine.

«Ich gratuliere dir nachträglich für deine Publikationen in der Affäre um alt Regierungsrat vom Staal und seine Frau», sagte Magdalena. «Meine Fraktion hat seine Rehabilitierung erleichtert aufgenommen, glaub mir.»

Cora glaubte Magdalena, weil es von ihr kam. «Es gibt nach wie vor einige Persönlichkeiten in der Solothurner Politlandschaft, die Dan… die Herrn vom Staal am liebsten in die Wüste schicken möchten, denke ich», wandte sie ein. Magdalena lächelte spitz. Der Versprecher war ihr nicht entgangen.

«Du wirst oft mit ihm gesehen. Stimmen die Gerüchte? Läuft was zwischen euch?»

Cora legte den Zeigefinger auf die Lippen. «Privatsache – nicht der Rede wert.»

«Verstehe.» Ein Vorteil von Magdalena war, dass sie als Politikerin trotzdem diskret sein konnte.

Bloch drückte Cora ein Glas Weisswein in die Hand. Nachdem der Begrüssungssturm vorüber war, sah sie sich im Raum um. Die reich ausgestatteten Bücherregale und bequemen Sessel machten einen einladenden Eindruck. Sie hatte ihren Rückzugsort gefunden, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte oder Blochs Witze ihr auf die Nerven gingen. Zu gerne hätte sie wieder mal in einer Bibliothek gesessen und geschmökert. Der Ursprung der unvermeidlichen Jagdtrophäen im Raum war exotischer als im Treppenhaus. Cora entdeckte besagten Königstiger an seinem Ehrenplatz über dem Cheminée. Zu Lebzeiten musste er tatsächlich eine prachtvolle Wildkatze gewesen sein. Der Gedanke an Menschen, die solche Tiere zum persönlichen Vergnügen töteten, weckte bei ihr Mordgelüste.

Folge 18

Eine Hand auf ihrer Schulter riss sie aus diesen Gedanken. «Kennst du mich nicht mehr, oder ignorierst du mich absichtlich?»

René Gamper war gut einen Kopf grösser als sie. Sein an den Schläfen ergrauendes Haar war noch voll, obwohl sein Haaransatz sich in all den Jahren nach hinten verschoben hatte. Falten zerfurchten sein Gesicht. Seine Statur war von der gleichen sportlichen Schlankheit wie eh und je. Obwohl Ludivine ihn angekündigt hatte, hatte Cora die leise Hoffnung bewahrt, ihm nicht begegnen zu müssen. «René, lange nicht gesehen.» Sie hätte sich für die idiotische Phrase am liebsten auf der Stelle geohrfeigt.

«Zu lange», erwiderte er. «Du hast dich nicht verändert, Cora.»

Sie fand es tröstlich, nicht die Einzige zu sein, die mit belanglosen Sprüchen um sich schmiss. «Lass das Süssholzraspeln. Es hat dir nie gestanden. Du hast mir mehr imponiert, wenn du dir jeweils genommen hast, was du wolltest.»

«Worin wir uns ebenbürtig waren. Nur eine habe ich nicht so bekommen, wie ich wollte», erwiderte er mit gesenkter Stimme.

«Ist doch schön, wenn im Leben ein paar Wünsche offenbleiben. Bist du schon Chefarzt einer Uniklinik, oder arbeitest du noch daran?»

«Wie man’s nimmt. Für den gleichwertigen Posten in einer Privatklinik in der Zentralschweiz hat’s immerhin gereicht.»

«Man kann nicht alles haben.»

«Das stimmt, wenigstens bekomme ich das doppelte Gehalt meines früheren Jobs.»

Sie neigte anerkennend den Kopf. «Was tut man nicht alles, um sein Dasein zu versüssen.»

Ein junger Mann gesellte sich zu ihnen. Die Ähnlichkeit mit Gamper war verblüffend: die gleiche Statur und der gleiche blasierte Gesichtsausdruck.

«Alexander, mein Sohn», stellte Gamper ihn vor.

«Das hättest du nicht zu präzisieren brauchen.» Sie reichte dem jungen Mann die Hand. «Darf ich Alexander zu dir sagen? Ich bin Cora. Dein Vater und ich kennen uns schon lange.»

«Weiss ich», sagte Alexander mit einem eigentümlichen Lächeln, «und ich freue mich, Ihre … deine Bekanntschaft zu machen. Dad hat mir viel von dir erzählt. Ich hoffe, wir haben Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.» Die Art, wie er unvermittelt seine Hand um ihre Taille legte und ihr drei Küsse auf die Wangen drückte, irritierte und elektrisierte sie gleichzeitig. Machte sie der Jungspund etwa an? Wenn er seinem Erzeuger nachschlug, dürfte er nach dem gleichen Beuteschema vorgehen. Sie mahnte sich zur Vorsicht. Der Junge konnte unmöglich wesentlich älter sein als ihr Sohn Julian. Ludivine entspannte die Situation, indem sie sich zu ihnen gesellte. «Cora schafft es immer noch, die attraktivsten Männer um sich zu scharen.» Ihr Gesicht war leicht gerötet, vermutlich vom Weisswein. Sie versetzte René einen sanften Klaps. «Gewisse Dinge ändern sich nie, wie ich sehe.» Sie machte eine einladende Handbewegung in die Runde. «Das Essen ist angerichtet – im Kleinen Salon.»

Gamper bot ihr seinen Arm an. Mit einem strahlenden Lächeln liess sich Ludivine von ihm zu Tisch führen.

Cora fragte sich, was das formelle Getue sollte. Alexander deutete eine Verbeugung an. «Darf ich bitten?»

Achselzuckend hakte sie sich bei ihm ein.

Der angrenzende Kleine Salon war ebenso sorgfältig eingerichtet wie sein grösseres Pendant, minus Bücherregale und Tierköpfe, was Cora erleichtert zur Kenntnis nahm. Wenn ihr bei jedem Bissen eines Stückes Fleisch ein Vertreter der Spezies über die Schultern blickte, würde sie noch zur Vegetarierin.

Sie versammelten sich um einen runden Tisch mit acht Stühlen. «Freie Platzwahl», verkündete Ludivine. «Setzt euch bitte hin, Chantal möchte auftragen.» Bevor Cora zwischen Gamper und Rizzardi Platz nahm, fiel ihr Blick auf eine Glocke aus Kristallglas auf einem Seitentisch. Darunter lag ein faustgrosser Stein mit blutroten Adern. Der Kerzenschein liess den Stein in einem warmen und gleichzeitig dunklen Licht glänzen. Cora wusste nicht, ob sie es als schön oder bedrohlich empfinden sollte. «Was ist das für ein Stein?», fragte sie Ludivine.

«Die roten Durchwachsungen sind Rubin», sagte Ludivine. «Vater hat den Stein von einem Strahler aus dem Binntal.»

«Es gibt Rubinvorkommen im Binntal?», fragte Cora erstaunt. «Das wusste ich nicht.»

«Ich verstehe zu wenig davon. Kann sein, dass ihn der Strahler auch irgendwo anders abgebaut oder eingekauft hat. Von Mutter weiss ich, dass Vater den Stein wegen der blutroten Farbe liebte. Für ihn war es der Talisman, der ’Blutlauenen’ beschützt. Er nannte ihn seinen Blutkristall.»

Cora hob die Glocke ab und sah Ludivine fragend an.

«Du kannst ihn ruhig in die Hand nehmen», sagte diese.

Cora ergriff den Stein und betrachtete ihn. «Er muss sehr wertvoll sein.» Ludivine zuckte mit den Achseln.

«Keine Ahnung. Wie gesagt, ich kenne mich damit nicht so aus. Ich glaube, diese Steine gewinnen erst an Wert, wenn sie geschliffen sind. Je perfekter, desto wertvoller.»

«Das Problem sind die Unreinheiten im Kristall», sagte Gamper. «Ein Juwelier wird Mühe haben, daraus ein schönes Schmuckstück anzufertigen.»

Cora legte den Stein zurück.

«Er wird bleiben, wie er ist», sagte Ludivine. «Mein Vater wollte es so. Meiner Mutter hat er immer gesagt: ’Solange der Blutkristall hierbleibt, wird ’Blutlauenen’ bestehen.’»

«Und wenn du ’Blutlauenen’ verkaufst? Soll der Stein hierbleiben?» Ludivine schüttelte den Kopf. «Ich werde ihn mit nach Südafrika nehmen. Mutter will ihn als Andenken an diesen Ort und meinen Vater behalten. Sobald das Haus verkauft ist, wird es nicht mehr ’Blutlauenen’ sein.»

Folge 19

Cora glaubte für einen Moment, der Glanz des Kristalls hätte sich verstärkt, als Ludivine den Namen des Hauses wiederholte. Sie blinzelte und wandte sich ab. Vermutlich war es der Wein, sie musste unbedingt etwas essen.

«Es soll tatsächlich Sturm geben», sagte Magdalena bei Tisch. «Ich habe eine Push-Nachricht auf mein Handy bekommen: Kälteeinbruch, Schnee und Regen mit Windstärken bis zu hundert Stundenkilometern.»

«Das sah aber gestern nicht so heftig aus», sagte Bloch. «Können die bei Meteo Schweiz so was mittlerweile nicht zuverlässiger voraussagen?»

«Vom Sturm wusste man schon», sagte Magdalena. «Offenbar sollte er weiter nördlich vorbeiziehen. Ein Wind hat gedreht. Der Hexenkessel rollt jetzt direkt auf uns zu.»

«Macht euch keine Sorgen», liess sich Ludivine vernehmen. «Wir sind hier sicher. ’Blutlauenen’ hat schon einiges überstanden. Wir werden weder verhungern noch verdursten müssen. Ausserdem haben wir genügend Gesprächsstoff, wenn ich mich so umhöre.» Chantal kam mit einer Platte mit dem Supplément herein. Im Schlepptau hatte sie einen Mann in ihrem Alter, dem in dunkler Flanellhose und weissem Hemd sichtlich unbehaglich zumute war.

«Entschuldigt, Freunde», sagte Ludivine. «Ich habe vergessen, das zehnte Mitglied unserer vorübergehenden Schicksalsgemeinschaft vorzustellen.» Sie zeigte auf den Alten. «Das ist Fredi Schwizgebel. Wie Chantal ist er ein langjähriger Bediensteter der Familie. Fredis Vater Gottfried war ein Militärkamerad meines Vaters.»

Chantal präsentierte Cora die Platte. «Möchten Sie noch etwas vom Hirschragout, Madame?»

«Danke, Chantal, wenn ich einen einzigen Bissen mehr esse, muss einer der Herren mich nach oben rollen.»

«Da lassen sich sicher genügend Freiwillige finden.» Alexander blinzelte ihr zu. Etwas an ihm reizte sie. War es die Ähnlichkeit mit seinem Vater in jungen Jahren?

Das Hirschragout hatte Cora geschmeckt, sobald sie die Tierköpfe erfolgreich verdrängt hatte. Der Hirsch, der für dieses Abendmenü dran glauben musste, hatte vermutlich einen würdigeren Tod als manches Rind oder Schwein in einem Industrieschlachthof. Sie fand den Gedanken tröstlich und appetitanregend.

Magdalena rührte als Einzige das Fleisch nicht an. Stattdessen liess sie sich die Spätzli mit einer Extraportion Gemüse schmecken, ohne dass sich jemand daran störte.

Schwizgebel half Chantal, den Tisch abzuräumen, und servierte das Dessert: Meringues mit Vanilleglacé und Schlagrahm. Cora verzichtete, Rizzardi tat es ihr gleich.

«Was hast du für Projekte?», fragte Cora, während die anderen ihre Süssspeise löffelten. «Ich habe gehört, du feierst neuerdings auch im Ausland beträchtliche Erfolge.»

«Das verdanke ich Ludivine. Sie hat mir die Türen zu einigen bedeutenden Galerien in Berlin, Mailand und Paris für meine Fusionen von Malerei mit Fotografie geöffnet. Ich scheine den Geschmack des Publikums zu treffen, was in der Schweiz bekanntlich schwieriger ist als anderswo.»

«Du bist zu bescheiden, Matteo», schaltete sich Ludivine ein. «Um als Schweizer Künstler bei den hiesigen Kultursnobs etwas zu gelten, muss man mindestens fünfzig Jahre tot sein oder im Ausland erfolgreich. Du machst ganz einfach gute Kunst. Ich habe das Glück gehabt, das früh zu erkennen, mehr nicht.»

Rizzardi prostete ihr zu. «Ohne dich wäre ich hier ver-sauert. Das vergesse ich dir nie, Lüdi.»

«Dein Erfolg ist dein Verdienst. Ich bin nur die Geschäftsfrau, die sich ihr Stück davon abschneidet. Wir helfen uns gegenseitig.»

Rizzardi führte sein Glas erneut an die Lippen. Er stockte unvermittelt und setzte es ab, bevor ihn ein heftiger Hustenanfall schüttelte. Cora klopfte auf seinen Rücken. «Was ist mit dir? Du bist ganz blass.»

Er winkte ab. «Keine Sorge, ich habe mich verschluckt – die Luft hier oben, die Höhe. Ich bin es nicht gewohnt.»

«Hast du deine Medis genommen?» Ludivine beugte sich besorgt über ihn. Die anderen unterbrachen ihre Gespräche.

«Du brauchst Medikamente?», fragte Cora.

Rizzardi nickte verbissen. «Herzfehler, von Geburt auf. Solange ich die Pillen nehme, ist es kein Problem.» Er schaute Ludivine an. «Schon gut, Lüdi. Ich habe sie brav eingeworfen vor dem Essen, wie der Onkel Doktor es gesagt hat.» Er warf Gamper einen Seitenblick zu.

«Du tust das für dich», sagte dieser.

«Nicht nur», entgegnete Ludivine sorgenvoll. «Deine nächste Ausstellung ist für uns beide wichtig, Matteo. Also trag gefälligst Sorge zu dir.»

«Ist ja gut, macht mal kein Aufhebens.» Er trank einen Schluck vom Glas Wasser, das ihm Chantal hingestellt hatte.

Sein Gesicht gewann wieder Farbe, soweit Cora das im Schummerlicht des Raumes erkennen konnte. «Bist du sein Hausarzt?», fragte sie Gamper.

«Reiner Freundschaftsdienst zugunsten eines Kulturschaffenden.»

«Wie nobel.»

«Mit den Medikamenten ist er imstande, ein normales Leben zu führen. Möglicherweise hat ihn das Wiedersehen mit dir aufgewühlt.»

«Übertreib mal nicht. Ist das nicht eher bei dir der Fall?»

Gamper warf einen verstohlenen Blick in die Runde. Die Tischgemeinschaft hatte sich wieder in ihre Zwiegespräche vertieft. Ludivine bemutterte Rizzardi.

«Aus uns beiden hätte etwas werden können, früher, meinst du nicht?», raunte Gamper Cora zu.

Folge 20

20 Sie hielt die Hand über ihr Weinglas und lächelte Schwizgebel kopfschüttelnd zu, der ihr nachschenken wollte. «Gott sei Dank sagst du ’früher’. Ich denke, an mir lag es nicht, René. Du weisst, wie ich es mit der Treue halte.»

«Damals hast du –»

Cora legte die Hand auf seinen Arm. «Reden wir nicht mehr davon, was wir hätten tun oder lassen können. Wir waren jung und dumm.»

Sie warf einen Seitenblick zu Ludivine, die sich inzwischen angeregt mit Sibylle und Magdalena unterhielt. «Du hattest dich für sie entschieden.»

«Und? Sieht nicht so aus, als wäre das was geworden.»

Cora schürzte die Lippen. «Das Leben hat uns allen mitgespielt. Trotzdem geht es uns heute nicht so schlecht, oder?»

«Erst wer alles hat, merkt, was ihm fehlt.»

Cora lachte. «Bist du auf deine alten Tage unter die Philosophen gegangen?»

Er erwiderte ihr Grinsen.

«Darf man an der Erheiterung teilhaben?», fragte Ale-xander.

«Dafür bist du zu jung, mein Sohn. Vielleicht kann Cora –»

Eine erneute Hustenattacke Rizzardis unterbrach die Gespräche. Cora kümmerte sich sofort um ihn. Der Anfall war ernster als der vorangegangene. Rizzardis Gesicht lief blau an, und er schnappte nach Luft. Seine Hand klammerte sich an Coras. «Ich … wir … reden … Zimmer.»

«Sprich nicht, Matteo, versuche zu atmen», sagte Cora.

«Umschlag … Zimmer», röchelte er.

Ludivine und Gamper waren aufgesprungen. Sie halfen Cora, Rizzardi auf die Couch im hinteren Teil des Raumes neben dem Tischchen mit der Kristallglasglocke zu legen.

«Was ist mit ihm?», fragte Cora.

Ludivine sah sie ratlos an. «Ich … ich verstehe das nicht. So was ist ihm noch nie passiert.»

Rizzardi erholte sich nicht. «Tut so weh», stöhnte er. Mitten im Versuch, sich aufzurichten, erstarrte er. Sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, bevor er erschlaffte.

«Matteo!» Ludivine wollte ihren Arm um ihn legen. Cora hielt sie zurück. «Gib ihm Raum. René kümmert sich um ihn.» Allerdings brauchte sie nicht Ärztin zu sein, damit sie zum gleichen Schluss kam wie Gamper.

Gamper richtete sich auf. «Matteo ist tot. Herzstillstand.»

Die Atmosphäre im Raum war bleiern. Magdalena begann zu weinen. Coras Blick fiel auf den Kristall unter der Glasglocke. Die rote Farbe schien in der Stille intensiver zu leuchten.

***

Bloch und Gamper trugen Rizzardis Leichnam in sein Zimmer und legten ihn aufs Bett. Die Fassungslosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben, nachdem sie in den Grossen Salon zurückgekehrt waren.

«War dieser plötzliche Tod voraussehbar?», fragte Cora. Sie schenkte sich und den beiden einen alten Armagnac ein. Sie brauchte etwas Stärkeres als den Tee, den Chantal servierte.

«Nun ja», begann Gamper. «Matteo war von jeher eine fragile Natur. Wenn jeweils im Winter die Grippewelle anrollte, erwischte es ihn ständig, obwohl er sich impfen liess. Und ausserdem …» Gamper starrte ernst ins Kaminfeuer.

«Ausserdem?», fragte Cora.

«Er litt unter einem Atriumseptumdefekt. Das ist, einfach gesagt, ein Loch in der Herzscheidewand auf der Ebene des Vorhofes. Er wurde vor Jahren operativ behoben, aber es kann immer was passieren, womit man nicht rechnet», fuhr Gamper fort. «Er hat gut auf die Medikamente angesprochen. Vielleicht hat ihn etwas aufgeregt, oder die Höhe ist ihm nicht bekommen.»

«Das kann ich mir nicht vorstellen», erwiderte Ludivine. «’Blutlauenen’ liegt auf knapp tausendachthundert Metern. Matteo ist ständig überallhin in Europa und in die Staaten geflogen. Der Kabinendruck bei einem Verkehrsflugzeug auf Reiseflughöhe entspricht einem Luftdruck auf zweitausendfünfhundert Metern Meereshöhe. Wenn das die Ursache sein soll, hätte er es schon lange merken müssen.»

«Besteht die Möglichkeit, dass etwas mit dem Medikament nicht stimmt?», fragte Cora. «Eine falsche Dosierung vielleicht?»

«Nein», sagte Gamper. «Matteo nimmt diese Pillen seit Jahren. Einen Produktionsfehler des Herstellers schliesse ich aus. Die Prozesse werden strikt überwacht. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers ist verschwindend klein.»

«Gift?»

Alle Köpfe schnellten zu Cora herum.

«Meinst du das im Ernst?», fragte Bloch, dessen Jovialität wie weggeblasen war.

«Entschuldigt, ich denke laut», antwortete Cora.

«Mir wäre es lieber, wenn du so was leise oder gar nicht denken würdest», sagte Bloch.

«Matteo hat das Gleiche gegessen und getrunken wie wir alle», wandte Gamper ein. «Sollte Matteos Essen vergiftet gewesen sein, müssten wir es auch spüren.»

«Jemand könnte in einem unbeobachteten Moment etwas in seinen Teller oder in sein Glas getan haben.»

Bloch sah Cora empört an. «Du verdächtigst einen von uns? Bist du noch ganz bei Trost?»

«Ich verdächtige niemanden, Richi. Es geht darum, eine Erklärung zu finden.» Blochs Reaktion war ihr unverständlich. Seine stets vergnügte Miene hatte sich in eine wütende Fratze verwandelt.

«Aber Cora», sagte Ludivine. «Das würde bedeuten, jemand von uns … hätte Matteo umgebracht – aus welchem Grund?»

Cora hob beschwichtigend die Hände.

«Ich will keinen unbegründeten Verdacht äussern. Denkt ihr nicht, wir sollten mindestens versuchen, uns über die Ursache für Matteos Tod klar zu werden?»

«Es bringt nichts, wilde Spekulationen anzustellen», sagte Gamper. «Fakt ist, Matteo war herzkrank. Ich diagnostiziere Herzinfarkt als Todesursache. Der Fall muss ohnehin gemeldet werden. Allenfalls ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion an. Im Moment können wir nicht mehr tun.»

Ludivine sah auf die Uhr. «Schon nach halb zwölf. Es hat keinen Zweck, um diese Zeit jemanden anzurufen.»

«Womöglich morgen auch nicht», meldete sich Sibylle zu Wort. «Habt ihr mal hinausgesehen? Da braut sich was zusammen.»

Sie traten an die Fenster. Ludivine öffnete die Terrassentür. In der Aufregung hatten sie den auffrischenden Wind nicht bemerkt, der jetzt in heftigen Böen wehte. Regentropfen trafen wie feine Nadeln auf ihre vor Erregung und vom Kaminfeuer erhitzten Gesichter. Die Temperatur war merklich zurückgegangen. Ludivine konsultierte die antiquarische Wetterstation an der Wand neben der Tür. «Sieht nicht gut aus. Wenn Luftdruck und Temperatur weiter fallen, gibt’s noch in der Nacht Schnee.»

Sie schloss die Tür.

«Dann fliegt kein Helikopter, oder?», fragte Sibylle.

«Jedenfalls nicht bei schlechter Sicht.»

«Das heisst, wir müssen alle hierbleiben mit einem Toten?» Magdalena war leichenblass geworden.

«Matteo tut dir nichts mehr, Mägi», sagte Bloch. «Oder hast du Angst vor Geistern? Da fürchte ich mich eher vor Coras Mordgeschichten. Womöglich sucht sie neue Storys für ihr Käseblatt.»

Das reichte Cora. «Was habe ich dir getan, Richard?», sagte sie wütend. «Denkst du, das Ganze geht mir nicht an die Nieren?»

Ludivine trat zwischen sie. «Kommt, das hat keinen Zweck. Lasst uns zu Bett gehen. Morgen sehen wir weiter.»

Mit einer abschätzigen Geste drehte Bloch den beiden Frauen den Rücken zu und ging hinaus.

«Ich bleibe nicht einen Tag länger hier», verkündete Magdalena. «Ich packe und verschwinde, sobald morgen ein Heli da ist.»

«Wenn das Wetter so weiterwütet, kannst du morgen früh gleich wieder auspacken», wiederholte Sibylle ihre Ansage.

«Warten wir ab», sagte Gamper. «Kann sein, dass es nur ein Gewitter ist.»

«Wenn Meteo Schweiz sagt, es kommt ein Sturm, dann kommt auch einer, Dad», erwiderte Alexander. Mit einem vielsagenden Blick in Coras Richtung verliess er den Raum.

Die sichtlich mitgenommene Ludivine machte es ihm nach. «Ich brauche Ruhe, um Matteos Tod zu verarbeiten. Wir beraten morgen weiter. Wer hier unten bleiben und etwas trinken will: Ihr wisst, wo alles steht.» Sie nickte Chantal und Schwizgebel kurz zu, offenbar ein Zeichen für die beiden, sich zurückzuziehen.

Cora schloss sich ihr an. «Meinst du, wir sitzen morgen fest?», fragte sie, als sie zwischen dem Spalier von Tierköpfen im Treppenhaus auf ihre Etage gingen.

«Es wäre nicht das erste Mal. Es tut mir leid, Cora.»

«Was?»

«Dich mitgeschleift zu haben. Hätte ich gewusst, dass das Wetter so dramatisch kehrt, hätte ich das Treffen verschoben oder woanders durchgeführt.»

«Wenn’s die Wetterfrösche nicht voraussehen konnten, wie solltest du? Mach dir nichts draus.» Cora legte beruhigend eine Hand auf Ludivines Arm. «Kann ich dich was fragen?»

«Immer zu.»

«Macht es dir nichts aus, dass René hier ist?» Ludivine sah sie verblüfft von der Seite an. «Was ist das für eine Frage? Ich habe ihn eingeladen.»

«Ihr wart früher zusammen, ich meine, weil …»

«Weil wir mal verlobt waren, willst du sagen?»

Cora vermied es, Ludivine anzusehen.

«Das ist dreissig Jahre her. Damals verliebte man sich schnell mal Hals über Kopf, das weisst du selber. René hat eine andere geheiratet und ich meinen Banker. Damit bin ich nicht schlecht gefahren, wie du siehst. C’est la vie.»

«Es war trotzdem schwer für dich damals, nicht wahr?»

«Leicht war es nicht.» Ludivine zupfte an ihrem Foulard. «Es gab Schlimmeres.» Sie tätschelte Coras Hand. «Ich bin froh, dass du gekommen bist. Wirst du mir morgen helfen, mit dem Ganzen hier? Ich denke nicht, diesbezüglich auf Sibylle oder auf Magdalena zählen zu können. Und die Männer … du weisst ja: Jemand muss ihnen die Stirn bieten.»

«Du kannst dich auf mich verlassen, Lüdi.»

«Danke, Cora. Schlaf gut.»

Cora sah Ludivine nach, bis sie in ihrem Quartier verschwunden war, bevor sie ihre Tür aufschloss. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen. Jemand war in ihrem Zimmer gewesen.

***

Cora schreckte aus dem Schlaf hoch. Hatte sie das Geräusch wirklich gehört, oder war es nur ein Traum gewesen?

Mund und Kehle fühlten sich trocken an. Das lag zweifellos am Armagnac, von dem sie etwas zu viel intus hatte. Sie stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Sturm hatte sich verstärkt. Heftige Winde trieben gewaltige Re-genschwaden vor sich her. Cora glaubte, talwärts stiebende Schneeflocken und Graupel zu erkennen.

Sie fuhr herum. Da war es wieder, dieses Geräusch. Es kam vom Korridor. Sie stieg hastig in ihre Hose und streifte einen Pullover über das T‑Shirt. Behutsam öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Keine Menschenseele war zu sehen. Sie hätte geschworen, eine zuschlagende Tür gehört zu haben.

Folge 22

Am Ende des Ganges lag Ludivines Apartment. Sibylle schlief in einem der Nachbarzimmer. Cora wusste nicht, in welchem. Magdalenas Zimmer lag im Stock über ihr. Dasselbe galt für Blochs und Rizzardis Unterkünfte. Die Zimmer von Gamper und Sohn befanden sich ebenfalls auf der oberen Etage. Cora dachte an Magdalena, die unter demselben Dach wie der Leichnam, sogar neben seinem Zimmer, schlafen musste. Sie hatte die resolut auftretende Politikerin nicht für derart zartbesaitet gehalten.

Sibylle war da kaltblütiger. Während des Abends war sie auf Distanz zu Rizzardi geblieben. Dem war nicht immer so gewesen. Zu Beginn, als die Clique sich frisch formiert hatte, waren sie ein Herz und eine Seele gewesen. Cora hatte sie einmal bei einem Kellerfest im Haus von Gampers Eltern in Günsberg beobachtet, ohne von den beiden bemerkt zu werden. Sie hatten sich in den Veloabstellraum verdrückt. Cora war von der Toilette zurückgekehrt und hatte durch den Spalt der angelehnten Tür gesehen, wie Sibylles Hand in seinen geöffneten Hosenschlitz schlüpfte, wobei sich Rizzardis Finger unter Sibylles Pullover geschoben hatten. Cora hatte sich das Ganze nicht bis zum Schluss ansehen wollen und war zu den anderen zurückgekehrt. Danach waren die beiden für einige Monate zusammengeblieben. Nach einem längeren England-Aufenthalt hatte sich Sibylle von Rizzardi getrennt. Zumindest glaubte Cora, die Initiative sei von ihr ausgegangen. Merkwürdigerweise hatte die Trennung Sibylle danach mehr zu schaffen gemacht, als sie es sich hatte anmerken lassen. Rizzardi hatte sich daraufhin seinen verrückten Kunstprojekten gewidmet. Die Idee, Cora als Mo-dell für seine Venus von Milo zu benutzen, war in dieser Zeit gereift. Coras Beobachtungen im Haus Gamper waren für sie mit ein Grund gewesen, dem Jungkünstler die kalte Schulter mit dem für ihn schmerzhaften Nachdruck zu zeigen. Hätte sie ihn nicht bei der unbeholfenen Fummelei mit Sibylle ertappt, wäre sie nicht mal abgeneigt gewesen. Ganz sicher hätte sie zu jener Zeit keine Hemmungen gehabt, als Vorlage für eine moderne Venus die Hüllen fallen zu lassen.

Vielleicht … Cora wischte den Gedanken beiseite. Der arme Rizzardi war tot. Es war müssig, über verpasste Gelegenheiten nachzudenken. Gemeinsam mit Gamper Zeit unter einem Dach mit Ludivine verbringen zu müssen war heikel genug. Sie sehnte den Tagesanbruch herbei. Es würde sie ablenken, Ludivine zu helfen, sich mit den Behörden wegen des Abtransports von Rizzardis Leiche herumzuschlagen und alle Fragen zu beantworten. Sie wusste nicht mal, ob er Angehörige hatte, die verständigt werden mussten. Gamper war vermutlich besser im Bild.

Sie konnte sich nicht erklären, warum es sie irritierte, wie unbeschwert Ludivine mit Gamper umging. Nachdem sich die beiden getrennt hatten, war Ludivine regelrecht zusammengebrochen. Ihre Mutter war damals mit ihr für längere Zeit weggefahren. Die Zeit heilt möglicherweise alle Wunden. Cora fand die Weisheit stumpfsinnig. Auf sie traf sie jedenfalls nicht zu.

Sie fragte sich, ob es an ihr lag. Keine zwölf Stunden nachdem sie angekommen war, passierten die tragischsten Dinge. Was hatte Rizzardi ihr sagen wollen, bevor er starb? Oder bildete sie sich das nur ein? Sah sie Gespenster? Als sie vorhin in ihr Zimmer gekommen war, war sie überzeugt gewesen, jemand hätte sich Zutritt verschafft, während sie unten war. Konnte es Rizzardi gewesen sein? Bevor er sich vor dem Essen bei ihr bemerkbar machte, hatte sie sich mit Bloch unterhalten. Er hätte in der Zwischenzeit Gelegenheit gehabt, in ihr Zimmer einzudringen. Dass er keinen Schlüssel hatte, wollte nichts heissen. Die Türen waren mit herkömmlichen Bartschlössern ausgestattet. Oft passte bei dieser Ausführung ein Schlüssel zu mehreren Schlössern. Als sie zurückkam, um sich schlafen zu legen, war ihr sofort die Reisetasche auf dem Boden aufgefallen. Sie war sich absolut sicher, sie vor dem Essen auf das Bett gestellt zu haben, weil sie sich für den Abend hatte umziehen wollen. Den Reissverschluss hatte sie offen gelassen. Als sie zurückkam, war die Tasche zu. Cora hatte reingeschaut. Es fehlte nichts. Die Hefter mit Wagners Unterlagen waren komplett. In der Hoffnung, am Morgen klarer sehen und denken zu können, hatte sie sich hingelegt, nachdem sie auf ihrem Handy nachgesehen hatte, ob sie Nachrichten von den Kindern erhalten hatte. Das war eine Fehlanzeige, weil kein Netz vorhanden war.

Sie verspürte Durst auf ein Heissgetränk. Im Zimmer gab es nichts, womit sie hätte heisses Wasser zubereiten können. Auf der Anrichte im Essraum meinte sie, einen Wasserkocher gesehen zu haben.


Es war ein schwieriges Unterfangen, geräuschlos die alte Holztreppe hinunterzugehen. Cora befürchtete, dass das Knarren der Holzstufen noch im Tal unten zu hören war.

Im Grossen Salon betätigte sie den Lichtschalter. Sie wollte nicht im Dunkeln über einen Sessel stolpern. Das Licht ging nicht an. Cora erstarrte. Der Sturm heulte draussen, die Stille im Innern war bedrückend. Das gleichmässige Ticktack der Standuhr und die langsam erkaltende Glut des Cheminéefeuers waren die einzigen Lebenszeichen. Das Unwetter musste einen Kurzschluss verursacht haben. Der Plan, Wasser zu kochen, war hinfällig. Für Cora kein Grund, aufzugeben. Auf dem Kaminsims hatte sie Kerzen und Streichhölzer gesehen. Sie tastete sich vorwärts und schaffte es ohne zu stolpern bis zum Cheminée mit der geräumigen Feueröffnung. Wenn es sein musste, konnte man darin ganze Wildschweine braten. Sie tastete mit einer Hand den Sims ab, der über ihrer Augenhöhe lag. Sie bekam eine grosse Kerze und eine Schachtel mit Streichhölzern zu fassen.

Fortsetzung folgt