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FortsetzungsromanLesen Sie die neue Folge von «Andersland»

Im Roman von Regula Portillo sucht eine junge Frau ihre Identität. Das berührt. Wir veröffentlichen jeden Tag eine Folge.

Regula Portillo: «Andersland», Edition Bücherlese 2020, 272 Seiten., ca. 32 Fr.
Regula Portillo: «Andersland», Edition Bücherlese 2020, 272 Seiten., ca. 32 Fr.

Folge 51

«So peinlich», lacht Javier verlegen. «Aber bitte verstehe das nicht falsch, Don Alfonso hat weder eine Frau noch einen Boiler erwähnt, er hat nur stur darauf beharrt, dass er meine Hilfe braucht.»

«Woher kennst du ihn?», fragt Matilda.

Javiers Anwesenheit ist ihr nicht unangenehm, im Gegenteil, und beim Gedanken an Don Alfonsos gut ausgeheckten Plan, bei dem bestimmt auch seine Frau ihre Finger mit im Spiel gehabt hat, kann sie sich das Lachen nicht verkneifen.

«Ich habe früher ebenfalls in dieser ’Cerrada’ gewohnt, nur zwei Häuser weiter hinten, so habe ich Don Alfonso kennengelernt. Inzwischen ist er ein Patient von mir.»

«Stimmt es, dass du Zahnarzt bist?»

«Ja, aber meine wahre Leidenschaft gilt Antiquitäten und Flohmärkten, später möchte ich den Zahnarztberuf aufgeben und mich ganz darauf konzentrieren», antwortet Javier und greift nach dem Bilderrahmen, den Matilda auf den Tisch gelegt hat. «Deine Familie?» «Ja», sagt Matilda und schenkt den Kaffee ein. «Setz dich doch.» Sie stellt zwei Tassen, Zucker und Milch auf den Tisch.

«Ein Glas Wasser?»

«Gern.»

Matilda füllt den Krug am Wasserspender und setzt sich neben Javier an den Tisch. «Meine Familie, oder was davon übrig geblieben ist.» Sie beugt sich vor, zeigt mit dem Finger auf Oma. «Meine Oma ist vor neun Tagen auch noch gestorben.»

«Das tut mir sehr leid. Erzähl mir von deiner Familie», bittet Javier und schaut Matilda direkt ins Gesicht. Sie bleibt an seinen Augen hängen, kann ihren Blick nicht abwenden. «Du weisst nicht, worauf du dich einlässt», sagt sie dann.

«Ich habe Zeit.»

«Meine Eltern haben sich getrennt, als meine Mutter mit mir schwanger war. Sie wollte damals kein Kind, mein Vater aber schon. Deshalb nahm er mich gleich nach meiner Geburt mit in die Schweiz, wo er ursprünglich herkam.»

«Dein Vater ist Schweizer?»

«Ja.»

«Dann sprichst du Deutsch?»

«Nein, nicht mehr. Du etwa?»

«Ich habe in Deutschland studiert, ja. Aber ich wollte dich nicht unterbrechen, bitte erzähl weiter.» Als Javier nach der Tasse greift, fallen Matilda seine schmalen Hände auf.

«Ich lebte in der Schweiz mit meinem Vater, den ich sehr, sehr gern hatte. Auch meinen Onkel liebte ich über alles, die beiden waren ein gutes Team und soweit ich mich erinnere, fehlte es mir an nichts. Allerdings gibt es auch vieles, das ich vergessen habe. Die Sprache zum Beispiel.» Matilda hält inne. Sie staunt, dass es ihr so leichtfällt, Javier von ihrem Leben zu erzählen. Es ist lange her, seit zuletzt Bilder aus ihrer Kindheit in ihr wachgerufen wurden. Den Schnee, die Schlittenfahrten mit Papa, der ihr den Namen jedes Gipfels nennen konnte, ihre Besuche bei ihm in der Fabrik. «Und dann?», unterbricht Javier ihre Gedanken.

«Ich war in der Schule, als er ganz plötzlich starb. Mein Onkel hat mich abgeholt und mir die Nachricht überbracht. Zuerst wusste ich gar nicht, was seine Worte bedeuteten. Später begleitete mich der Partner meines Onkels zu Papas Leichnam, erst da habe ich realisiert, dass er nicht mehr zu mir zurückkommt. Meine Welt fiel auseinander.»

«Das verstehe ich. Und was geschah dann?»

«Dann brachte man mich in eine Pflegefamilie.»

«Weshalb bist du nicht bei deinem Onkel geblieben?»

«Ich habe ihn zwar oft gesehen, aber es ging ihm sehr schlecht damals. Er war nicht mehr der Alte und ich glaube, er hat nicht für mich sorgen wollen. Oder vielleicht konnte er es aus gesundheitlichen Gründen nicht. Ich wäre jedenfalls am liebsten bei ihm geblieben. Bei ihm und seinem Partner. Doch dann tauchte eines Tages meine Mutter auf und nahm mich mit nach Mexiko.»

«Wie alt warst du da?»

«Knapp sieben. Meine Mutter war inzwischen mit Fabio verheiratet, sie hatten einen gemeinsamen Sohn bekommen, meinen Bruder Daniel.» Matilda greift nach dem Foto und zeigt auf Daniel und Fabio. «Alle waren sehr gut zu mir, an Liebe hat es mir nie gefehlt – ich glaube, ich habe mich schnell angepasst.»

«Angepasst?»

«Ja, ich habe mich stark nach einem festen Zuhause gesehnt und war einfach froh, eine Familie zu haben. Denn die Zeit, nachdem mein Papa gestorben war, war nicht leicht für mich. Er hat mir sehr gefehlt.»

«Hast du vom ihm auch ein Foto?», fragt Javier.

Matilda schiebt den Stuhl zurück. «Willst du wirklich noch mehr Fotos sehen?» Javier nickt und lächelt ihr aufmunternd zu. Sie steht auf und holt aus dem Schlafzimmer das rote Büchlein mit den Fotos drin, bleibt plötzlich stehen. «Hast du vorhin gesagt, du sprichst Deutsch?»

«Ja, warum?»

Matilda zwingt sich, tief ein­ und wieder auszuatmen. Eins nach dem anderen, nur nichts überstürzen. Nun würde sie Javier zuerst einmal die Fotos von ihrem Vater zeigen. Aber schon jetzt spürt sie, dass da ein Anfang möglich ist.

Papas vier Kalender liegen gestapelt zwischen Javier und Matilda auf dem Sofa.

Die geprägten weissen Jahreszahlen auf den Vorderseiten unten rechts heben sich von den schwarzen Einbänden ab. «Wo soll ich anfangen?», fragt Javier vorsichtig.

«1978, 1979, 1980 oder 1986?»

Matilda greift nach dem Kalender von 1980. «Nimm den hier, mein Geburtsjahr.»

Es ist erst das zweite Mal, dass Javier sie besucht und doch fühlt es sich vertraut an. «Liest du mir den Eintrag von meinem Geburtstag vor?», flüstert Matilda. Sie ist jetzt ganz aufgeregt.

Fortsetzung folgt

Alle bisherigen Folgen:

Folge 1

Ein Glück gefunden

1986

«Die Welt ist verschwunden», stellt Matilda fest. In Wolldecken gewickelt und die Köpfe leicht vornübergebeugt, schauen Matilda und Pascal vom Sessellift aus durch das Schneegestöber auf die Schneelandschaft hinunter. Tatsächlich ist nur schwer zu erkennen, was sich unter den weissen Erhebungen verbirgt. Unter dem schmalen, hohen Schneehaufen rechts könnte sich ein Stromkasten oder Vogelhaus verstecken, die grosse, flache Erhebung weiter talwärts stammt vermutlich von einem Felsblock oder Stalldach.

Seit zwei Tagen schneit es fast ununterbrochen in dicken, konturlosen Flocken. Pascal umklammert den Schlitten, hofft, dass der Weg ins Tal überhaupt befahrbar ist. Seine Fingerspitzen haben sich bläulich verfärbt und schmerzen, genau wie es der Angestellte unten in der Sesselliftstation prophezeit hat.

Pascal steckt die eine Hand unter die Wolldecke. Der Stoff fühlt sich rau an. Auch die zweite Prophezeiung des Bahnarbeiters, dass Matilda und er keiner Menschenseele begegnen würden, da der Berg bei diesem Wetter wie ausgestorben sei, trifft bisher zu. Pascal kann sich nicht daran erinnern, den Sessellift je zuvor für sich allein gehabt zu haben.

Auch schön, denkt er sich. Aber er hätte sich die Handschuhe anziehen müssen. Kurz zögert er. Doch jetzt ist es dafür zu spät, es wäre zu umständlich, den Rucksack aufzuschnüren, etwas könnte heraus- und dann hinunterfallen.

«Kannst du die Tannenspitzen mit deinen Füssen berühren?», fragt Matilda. Obwohl zwischen den Tannenwipfeln und dem Sessel mindestens vier Meter liegen, streckt Pascal versuchsweise seinen Fuss aus, schüttelt bedauernd den Kopf. «Die Tannen sind nicht hoch genug.»

«Oder es liegt an deinen Beinen», lächelt Matilda.

«Auch möglich.» Pascal schaut seine Tochter nachdenklich an. «Wenn du dich abends unter deiner Decke versteckst, damit ich dich nicht mehr sehen kann, bist du dann auch verschwunden? Wie die Welt unter dem Schnee?»

Matilda legt ihre Stirn in Falten, kräuselt die Nase, wie so oft, wenn sie nachdenkt. «Nein, ich bin noch da, aber du bist weg.»

«Warum? Du weisst doch, dass ich da bin, um dir einen Gutenachtkuss zu geben. Wenn du deinen Kopf wieder unter der Decke hervorstreckst, sitze ich neben dir auf der Bettkante.»

«Ja, aber es könnte auch sein, dass du ganz dringend aus dem Zimmer gehen musstest. So genau wissen wir das nicht», beharrt Matilda. «Ich weiss immer nur, dass ich da bin.»

«Hm. Aber ist der Schnee nicht auch Teil der Welt?»

«Papa, mir ist kalt.»

Die Seile vibrieren, es rattert laut, sie passieren den Mast. «Wir sind gleich da», sagt Pascal, als nur noch ein leichtes Surren zu hören ist. Oben angekommen, kann Matilda den Holzbügel nicht öffnen. «Hilf mir, Papa!» Mehrmals schlägt Pascal mit der offenen Hand von unten gegen den Bügel, die kalte Hand schmerzt, doch der Bügel geht nicht auf.

Gerade noch rechtzeitig, bevor der Sessel über ein grosses Umlenkrad wieder nach unten geschickt wird, hebt er Matilda aus dem Sessel. «Wie früher, als ich dir nach dem Essen aus dem Hochstuhl helfen musste», lacht er.

«Das ist nicht lustig», sagt Matilda erschrocken.

«Ach wo», entgegnet Pascal, während er den Rucksack aufschnürt, «zur Not hätte ich mich einfach wieder hingesetzt und statt auf dem Schlitten wären wir mit dem Sessel hinuntergefahren. Magst du Tee?» Ohne ihre Antwort abzuwarten, schraubt Pascal die Thermoskanne auf, giesst heissen Tee in den Deckel, reicht ihn Matilda. Die Thermoskanne ist angenehm warm, langsam kehrt das Gefühl in seine Fingerspitzen zurück.

In der Bergstation riecht es nach Motorenöl, und der Lärm erinnert ihn an die Arbeit. «Komm, gehen wir.» Pascal lockert seinen Schal. Die Ferien sind fast zu Ende. Morgen um dieselbe Zeit wird er schon wieder an seiner Arbeitsstelle in der Maschinenbau Huber AG sein und Matilda bei Verena, ihrer Tagesmutter.

Der Schlitten sinkt knirschend ein. «So kommen wir nicht voran», mahnt Pascal, «ein paar Schritte musst du noch gehen.» Matilda lässt sich vom Schlitten seitlich in den Schnee fallen, bleibt liegen und versucht, mit der Zunge Schneeflocken aufzufangen. Dann zieht sie ihre Handschuhe aus.

«Was machst du?», fragt Pascal

.«Ich hab da etwas in meiner Jackentasche», antwortet sie.

«Matilda bitte, nicht jetzt, mir ist schon richtig kalt.»

Matildas rote Mütze, die Verena für sie gestrickt hat, liegt im Schnee. «Es ist aber wichtig», sagt sie, «schau, was ich mitgebracht habe.» Sie hält ihm zwei leere Luftballone hin. Pascal weiss, dass es wenig Sinn macht, in irgendeiner Form zu protestieren. Matilda würde darauf beharren, dass er die Ballone aufbläst. Also stapft er zu ihr zurück, zieht seine Handschuhe ebenfalls aus und greift nach den Ballonen.

«Setz dich so lange auf den Schlitten», sagt er. «Und die Mütze ziehst du dir auch wieder an.» Mit seinen steifen Fingern fällt es ihm schwer, den aufgeblasenen Ballon zu verknoten. «Und jetzt?», fragt er, einen gelben und einen blauen Luftballon in den Händen. «Jetzt binden wir sie an den Schlitten», antwortet Matilda. Im Aussenfach des Rucksacks finden sie ein Stück Schnur, mit der sie die Ballone am Ende des Schlittens befestigen.

Folge 2

«Bereit?» Matilda strahlt. «Bereit!»

Der Weg ins Tal ist gut präpariert, es liegt nur wenig Neuschnee auf der harten Unterlage, an einigen Stellen sind gleichmässige Rillen sichtbar, wie sie Pistenfahrzeuge hinterlassen. «Bei klarem Wetter sieht man von hier aus bis zu den Alpen», sagt Pascal. Matilda blickt in den Himmel. Sie setzen sich hintereinander auf den Schlitten, Pascal rückt Matildas Mütze zurecht, vergewissert sich, dass der Rucksack gut am Rücken sitzt, mahnt Matilda, ihre Füsse nicht von der Metallstange zu nehmen. Dann stösst er mit den Füssen kräftig vom Boden ab, hebt sie schnell an und der Schlitten gewinnt an Fahrt. Es kostet Kraft, nicht vom Weg abzukommen, der Schlitten lässt sich im schweren, feuchten Schnee nicht leicht steuern. Matilda jauchzt, von unten und von oben fliegt ihnen der Schnee in die Gesichter, Pascals Augen tränen. Dumpf schlagen die Ballone hinter ihnen auf.

«Papa, wir fliegen!», japst Matilda, der Gegenwind nimmt ihr den Atem. Pascal konzentriert sich angestrengt darauf, nicht die Kontrolle über den Schlitten zu verlieren. Mit ausgestrecktem Bein bremst er in der Kurve ab, Schnee stäubt hoch, die Ballone fliegen mit dem Schlitten gleichauf. Pascal sieht einen gelben Fleck neben sich, dann ertönt ein lauter Knall. «Der Ballon!», ruft Matilda.

«Macht nichts», ruft Pascal zurück, «weiter geht’s!»

Heute lag eine tote Amsel auf dem Balkon. Auf Matildas Wunsch hin haben wir sie nach Einbrechen der Dunkelheit im Garten begraben. (17. 3. 1986)

Pascal und Tobias schreiten über das weitläufige Fabrikgelände, Pascal tastet seine Hosentaschen nach dem Autoschlüssel ab. Sein Bruder, der seit einigen Jahren als Krankenpfleger im Operationsbereich eines Krankenhauses tätig ist und wegen des Schichtbetriebs heute früh Feierabend gemacht hat, ist vorbeigekommen, um ihn von der Arbeit abzuholen. «Fahren wir in die Stadt und trinken ein Bier?»

«Und Matilda?», fragt Tobias gähnend zurück.

«Verena hat mir erlaubt, sie etwas später abzuholen. Oder bist du zu müde?»

«Nein, alles gut. Es ist nur die Umstellung von Spät­ auf Frühdienst, die mir zu schaffen macht. Ich brauche jeweils ein paar Tage, bis ich im Rhythmus drin bin. Zudem fallen die meisten Operationen auf die Vormittage. Am Abend kommen nur die Notfälle.»

Als sie vor Pascals rotem Peugeot stehen bleiben, rüttelt Tobias an der Beifahrertür. «Die klemmt.»

«Etwas mehr Feingefühl, bitte.»

Pascal geht um das Auto herum, hebelt zuerst am Griff, steckt dann den Schlüssel ins Schloss und bewegt diesen vorsichtig auf und ab. Endlich lässt sich die Autotür öffnen.

«Siehst du?»

«Ich bete für dich, dass du dein Auto nicht bald zur Motorfahrzeugkontrolle bringen musst», lacht Tobias. Dann beugt er sich vor, räumt den Sitz frei. «So ein Saustall hier drinnen.»

«Das habe ich gehört», ruft Pascal ihm zu, setzt sich ans Steuer und wirft einen Blick auf den Beifahrersitz. Matildas Regenjacke. Die hat er ihr am Morgen mitgeben wollen und dann doch vergessen. Ein leerer Joghurtbecher, Brotkrümel und auf der Fussmatte eine Tüte mit Altglas – so schlimm ist es doch gar nicht.

«Bring Matilda zu Michael und mir, wenn du Ruhe brauchst», sagt Tobias mit dem Joghurtbecher in der Hand und der Regenjacke auf dem Schoss, «du weisst ja, wir sind glücklich, wenn die Kleine da ist.»

Pascal nickt seinem Bruder zu und startet den Motor. Ohne Tobias wären er und seine Tochter verloren. Schon so weiss er nicht, wie er die letzten sechs Jahre, die rückblickend so schnell verflogen sind, geschafft hat. Die Stunden sind lang, aber die Jahre vergehen wie im Flug. Diesen Satz hat er neulich irgendwo gelesen und in seinen Kalender geschrieben. «Erinnerungsfetzen» nennt er diese Einträge, die in letzter Zeit meistens mit Matilda zusammenhängen – ihre Fortschritte oder besondere Dinge, die sie getan und gesagt hat, festhalten.

Manchmal denkt er, dass Tobias der bessere Vater wäre als er oder in mancher Hinsicht zumindest viel souveräner. Tobias mag es nicht, wenn er darauf zu sprechen kommt, bestärkt ihn immer darin, dass er, wie Tobias sagt, grossartige Arbeit leiste und sich Matilda keinen besseren Papa wünschen könne. Aber es ist nicht die Arbeit, die ihm zu schaffen macht, sondern die Tatsache, dass er so viele Entscheidungen alleine treffen muss. Was womöglich auch ein Vorteil ist. Andreas, sein Arbeitskollege und ebenfalls Vater einer Tochter, beneidet ihn jedenfalls darum, immer selber entscheiden zu dürfen. «Sei froh, dass dir die Diskussionen, ob das Kinderzimmer blau, gelb oder pink gestrichen, ein neues Fahrrad oder doch lieber ein gebrauchtes gekauft werden soll, erspart bleiben. Du hörst auch nie: ’Rauch nicht vor dem Kind’ oder ’Du trinkst zu viel’ und so weiter», hält er ihm in den Pausen manchmal augenzwinkernd vor. Pascal mag Andreas’ Frau Rita, so schlimm ist es mit ihr bestimmt nicht.

Bald würde seine Kleine mit der Schule beginnen und zur Abwechslung mal die Lehrerin mit Fragen löchern können. Pascal schmunzelt. Die Fragerei beginnt mit Matildas erstem morgendlichen Blinzeln und hört erst auf, wenn sie am Abend wieder eingeschlafen ist.

Zudem erfindet sie zu allem eine Geschichte, vermischt grosszügig Fakten und Fantasie. Manchmal plagt ihn das schlechte Gewissen, dass er abends oft zu müde ist, um ihr richtig zuzuhören, dass er, kaum hat er sie bei Verena abgeholt, still den Moment herbeisehnt, in dem sie schlafen geht, und er sich für einen Moment zu ihr aufs Bett legen kann. Nur fünf Minuten – und Stunden später wacht er wieder auf, schleppt sich in sein eigenes Bett.

Folge 3

Pascal beobachtet aus dem Augenwinkel, wie Tobias das Fenster herunterkurbelt und den Arm in den kühlen Fahrtwind streckt. Das hat er schon als Kind immer gemacht und jedes Mal in Kauf genommen, dass ihn der Vater deswegen verärgert zurechtwies. Sie verlassen Riehenbach, das Dorf, das neben demjenigen liegt, in dem sie aufgewachsen sind, fahren vorbei an abgeernteten, kargen Feldern. Im Herbst hatten ein paar längst vergessene Sonnenblumen noch ein paar Wochen ihre ausgetrockneten Köpfe hängen lassen und wehmütig an die Sommertage erinnert. «Hast du etwas von unseren Eltern gehört?», fragt Pascal, schaltet einen Gang herunter und bremst langsam ab. Vor ihnen liegt die nächstgrössere Stadt, die mit ihren knapp 20‘000 Einwohnern eigentlich auch nur ein Dorf ist.

«Die Nachbarn sind zu laut, die chronischen Magenschmerzen sind stärker geworden, der Arzt ist komplett unfähig – ach, was erzähle ich dir hier überhaupt, du kennst das ja.»

«Nicht einmal ihr Enkelkind kann sie mit dem Leben versöhnen. Wahrscheinlich fehlt eben die Schwiegertochter …»

«An der sie sowieso nur herumnörgeln würden», unterbricht ihn Tobias.

«Es ist vier Monate her, seit sie Matilda zuletzt gesehen haben.»

«Du wirst sie nicht mehr ändern. Michael wollen sie auch im siebten Jahr unserer Beziehung nicht kennenlernen. Sie glauben wohl immer noch, dass ich mich besinnen und in eine Frau verlieben werde.»

«Dich besinnen?»

«Ja, so hat es Vater mir einmal ins Gesicht gesagt: ’Wenn du dich nicht besinnst, wirfst du dein Leben weg’. So ein Schwachsinn. Aber weisst du was? Es ist mir egal. Ich habe mit ihnen abgeschlossen.»

«Und weisst du etwas Neues von deinem Arbeitskollegen, dem Physiotherapeuten?», wechselt Pascal das Thema. Er hat keine Lust, noch länger über ihre Eltern zu reden. Denn anders als sein Bruder hat er nicht mit ihnen abgeschlossen, ihre Zurückweisungen und ihr Desinteresse an seiner Tochter verletzen ihn.

«Meinst du Frank?»

«Der, der erkrankt ist?»

«Ja. Michael und ich waren letzte Woche bei ihm. Seit bei ihm Aids ausgebrochen ist, geht es rasant bergab. Ich hoffe, dass er nicht mehr lange leiden muss. Sein Partner Reto, der ihn zu Hause pflegt, hat sich ja auch angesteckt. Der sieht nun genau, was auf ihn zukommen wird.»

«Ich an seiner Stelle würde den Ausbruch der Krankheit nicht abwarten», sagt Pascal. «Das sagt sich so leicht», entgegnet Tobias. «Aber weisst du, was auch krass ist?»

«Was?»

«Als ich in der Abteilung Geld gesammelt habe, um Frank ein Geschenk kaufen zu können – so wie wir es immer tun, wenn jemand krankheitshalber für längere Zeit ausfällt – hat sich nur etwa die Hälfte der Kollegen an der Aktion beteiligt.»

«Weil er schwul ist?»

«Ja, klar. Und sich darüber hinaus noch diese in ihren Augen schmutzige Krankheit aufgelesen hat. Sie sehen in ihm einen Menschen zweiter Klasse. Und so etwas in einem Krankenhaus. Manchmal macht es mir ganz schön Angst, wenn ich sehe, wie dumm viele Leute sind.»

«Offenbar ist es nicht nur die Generation unserer Eltern, die diesbezüglich ein Brett vor dem Kopf hat, sondern auch die Jüngeren. Aber mach dich nicht verrückt. Diese Leute braucht Frank jetzt nicht. Er braucht Freunde wie dich und Michael, die ihm beistehen.»

Pascal bewundert den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und das grosse Herz seines Bruders. Tobias ist niemand, der den Kopf in den Sand steckt. Von Anfang an hat er sich offen zu seinem Partner bekannt und auch auf der Arbeit nie ein Geheimnis aus seiner Beziehung gemacht. Pascal hält das Auto an, legt den Rückwärtsgang ein und fährt einige Meter zurück. Er hat eine Parklücke entdeckt.

«Weisst du Papa, bei Verena wird jedes Hallo gleich zu einer Geschichte.» Matilda erklärt mir beim Abendessen, warum Einkaufen mit der Tagesmutter länger dauert als mit mir. (24. 3. 1986)

Die Wolken verdichten sich, wahrscheinlich fallen bald die ersten Regentropfen. Pascal und sein Arbeitskollege Andreas sitzen vor dem Fabrikgelände auf einer Bank, beide sind damit beschäftigt, ihre Sandwiches aus der Klarsichtfolie zu wickeln, was mit klammen Fingern nicht ganz einfach ist.

Die Sonne hat sich den ganzen Vormittag nicht blicken lassen, und trotzdem zieht Pascal es vor, seine kurze Mittagspause draussen an der frischen Luft zu verbringen und nicht im überheizten Aufenthaltsraum. Meistens leistet Andreas ihm Gesellschaft. «Kommst du am Sonntag auch zum Firmenjubiläum?», fragt dieser zwischen zwei Bissen.

Pascal, der sein Brot inzwischen ebenfalls von der Folie befreit hat, schüttelt den Kopf, dreht den Verschluss seiner Thermoskanne auf und füllt Tee in die zwei Becher, die zwischen ihnen auf der Bank stehen. Dampf steigt auf. «Keine Lust», murmelt er.

«Würde es dir nicht guttun, mal wieder unter Leute zu gehen?», fragt Andreas und greift sich dabei in den Bart.

«Ich mag solche Anlässe nicht», erwidert Pascal und nimmt einen Schluck heissen Tee.

«Dann komm Matilda zuliebe», beharrt Andreas. «Rita und Anna werden auch da sein.»

Pascal reicht Andreas den Becher. «Du gibst nicht auf, was? Ich mag es nun mal nicht, unter Beobachtung zu stehen.»

«Komm, so schlimm wird es schon nicht sein. Ich habe den Eindruck, du selbst bist dein strengster Beobachter.»

Folge 4

Pascal legt sein Brot auf die Bank, schlägt die Beine übereinander. «Du hast keine Ahnung, Andreas. Auf jeden Zettel, den Matilda vom Kindergarten nach Hause bringt, folgt ein Anruf der Kindergärtnerin, die sich vergewissert, dass ich die Information auch wirklich bekommen habe. Ich schicke Matilda mit einem Pferdeschwanz zum Kinderturnen, sie kommt mit geflochtenen Haaren zurück. Die Nachbarin fragt, ob sie für Matilda eine Geburtstagsfeier organisieren soll und erwähnt in einem Ton, der möglichst beiläufig klingen soll, dass auch bald Ostern sei.»

«Die Leute meinen es doch nur gut, Pascal.»

«Ja, ich weiss. Aber es fühlt sich an, als würde man mir nicht zutrauen, meiner Aufgabe gerecht zu werden. Verdammt, Andreas, ich weiss, wann Ostern ist und mein Pferdeschwanz ist gut. Oder zumindest gut genug.»

«Du hast insofern recht, als es einer alleinerziehenden Mutter vermutlich anders ergehen würde. Aber jeder Mensch trägt nun mal einen Rucksack mit sich herum und stolpert hin und wieder durch die Tage. Wetten, dein Bruder würde, was die Andersbehandlung angeht, gern mit dir tauschen?»

Pascal greift nach seinem Brot, lehnt sich zurück und nimmt einen Biss. «Entschuldige bitte», murmelt er mit vollem Mund. «Ich weiss, ich sollte mich nicht beschweren. Oder zumindest nicht darüber. Ich habe gestern zu viel getrunken – übrigens mit meinem Bruder und bin heute mit dem falschen Fuss aufgestanden.»

«Du kannst dich beschweren, so viel du willst. Aber Selbstmitleid bringt dich nicht weiter.»

«Ist ja gut.»

«Heisst das, du kommst zum Firmenjubiläum?»

«Du kannst mich mal.»

«Wie viele Menschen schweigen genau jetzt, in diesem Moment, auf der ganzen Welt, und wie viele reden?» Matilda hat mich das heute beim Frühstück gefragt, als ich ihr gesagt habe, dass ich keinen Menschen kenne, der so viel spricht wie sie. (12. 4. 1986)

Der Regen prasselt aufs Dach, aus der Regenrinne fliesst ein brauner Wasserstrom, fällt auf die bunten Steinmännchen, die draussen auf dem Fensterbrett nebeneinanderstehen.

Diese haben die Kinder im Kindergarten bemalt und bei ihrem ersten Besuch in der Schule mitgebracht. Pascal rückt den Kinderstuhl, auf dem er unbequem sitzt, um wenige Zentimeter nach hinten. Langsam trocknen die Abdrücke, die seine nassen Socken auf dem Boden hinterlassen haben, ziehen sich zusammen und verdunsten schliesslich ganz. Er hat sich freigenommen, denn heute ist Matildas erster Schultag. Sie sitzt neben ihm, wiegt sich leicht vor und zurück und scheint mit den Augen einen Punkt in der Mitte des Stuhlkreises zu fixieren. Auf den Schulbeginn hat sie sich sehr gefreut und sich bis zur letzten Minute den zukünftigen Schulalltag plappernd ausgemalt, gelacht und gestrahlt.

Deshalb erstaunt es ihn, dass sie jetzt so ernst wirkt, und er fragt sich, ob es womöglich damit zusammenhängt, dass alle anderen Kinder von ihren Müttern begleitet werden und nur sie mit ihrem Vater dasitzt. Es ist ja nicht so, dass Matilda keine Mutter hat – aber halt eine, die nichts von ihr wissen will. Er weiss nicht, was schlimmer ist. Vielleicht spricht er deswegen kaum über Lucía, weil er Matilda beschützen will.

Vor dem Schmerz, den diese unweigerlich fühlen wird, sobald sie begreift, dass ihre Mutter sie im Stich gelassen hat. Weshalb sollte er auch über Lucía sprechen? Matilda kennt nichts anderes – Vater und Tochter, als eingespieltes Team. Das ist ihre Realität.

Frau Sommer, Matildas neue Lehrerin, geht im Kreis herum, reicht allen die Hand und wechselt mit jedem Kind ein paar Worte. Jetzt ist Matilda an der Reihe. «Und du musst Matilda sein, oder?» Matilda nickt. Klar. Matilda ist das Kind, das mit ihrem Vater auftaucht. Ein Blick auf die Klassenliste genügt. An anderen Tagen hätte ihn die Tatsache, dass Matilda nicht nach ihrem Namen gefragt, sondern aufgrund ihrer Familiensituation gleich zugeordnet wird, genervt. Doch heute lässt er sich davon nicht beirren, sondern ist stolz und dankbar, diese wichtige Rolle in Matildas Leben einnehmen zu dürfen. Welcher andere Vater kann schon von sich behaupten, kein bedeutsames Ereignis im Leben seines Kindes zu verpassen?

«Freust du dich auf die Schule, Matilda?», fragt Frau Sommer.

Matilda nickt.

Pascal und Matilda verbringen den Sonntagnachmittag im Wald. Davor haben sie lange im Bett gelegen und mehrere Folgen eines Hörspiels gehört, während der Regen unaufhörlich ans Fenster geprasselt hat.

Beide lieben die Sonntage, wenn es morgens keinen Grund zur Eile gibt. Inzwischen hat der Regen nachgelassen, nur hin und wieder fallen schwere Regentropfen von den Blättern der Laubbäume. Matilda stapft über den weichen, nassen Waldboden. «Wie auf einer Turnmatte», erklärt sie. Mit ihren blauen Gummistiefeln und dem gelben Regenmantel würde sie weder hier im Wald noch an irgendeinem anderen Ort der Welt verloren gehen, denkt Pascal. Er atmet tief ein. Er mag den Geruch von feuchter Erde.

«Sind Menschen eigentlich wasserdicht?», fragt Matilda.

«Irgendwie schon», antwortet Pascal. «Aber kalt wird uns, wenn wir nicht geschützt sind und das Wasser läuft dir zu den Ohren rein, wenn du die Kapuze nicht aufsetzt.» Matilda schaut ihn mit grossen Augen an, schüttelt langsam den Kopf und rennt davon. Sie hasst Kapuzen, würde sich diese nie freiwillig aufsetzen. «Dich pack ich gleich, du kleiner Frechdachs», ruft ihr Pascal nach, rennt ihr hinterher. Beim Waldspielplatz, gleich neben der Feuerstelle, entdeckt Matilda im Stamm einer Eiche ein eingeritztes Herz. «Was bedeutet A+A?», fragt sie.

Folge 5

«Wahrscheinlich sind das die Anfangsbuchstaben der Namen zweier Menschen, die sich lieben. Aber sag, kannst du nach wenigen Wochen in der Schule schon lesen?»

Matilda überhört seine Frage. Seit einiger Zeit kann sie einfache Worte erkennen, hat ihn immer wieder gefragt, wie einzelne Buchstaben heissen.

«Andrea und Arnold», überlegt Matilda.

«Anton und Anna», fügt Pascal hinzu.

«Oder Adam und Adrian», lacht Matilda.

«Zwei Männer? Wie bei Onkel Tobias und Michael?»

Matilda nickt. Sie hebt einen Stock vom Boden auf und malt ein grosses «P» und daneben ein etwas kleineres «M» in den feuchten Waldboden. Dazwischen setzt sie ein «+».

«Papa und Matilda?», fragt Pascal.

«Papa und Mama», antwortet Matilda, ohne den Blick zu heben. Pascal findet keine Worte, weiss nicht, was er entgegnen kann. Doch Matilda scheint sowieso keine Reaktion zu erwarten. Sie sitzt bereits auf der Schaukel.

«Schubst du mich an?»

«Heute Nacht habe ich in deinem Kopf gewohnt, Papa!» Matilda strahlt mich verschlafen an und reibt sich mit den Fäusten den Schlaf aus den Augen. (11. 5. 1986)

Pascal geht ins Badezimmer, nimmt die Packung mit den Pflastern aus dem Schrank und sucht den Desinfektionsspray, den er kürzlich gekauft hat. Er findet Schmerztabletten, Medikamente zur Malariaprophylaxe und Fieberzäpfchen für Säuglinge, die bestimmt längst abgelaufen sind. Doch wo ist der Spray?

Zum Glück ist Tobias da, um ihm bei der Geburtstagsparty zu helfen. Sein Bruder ist der geborene Unterhalter, und obwohl Matildas Freunde Tobias nicht kennen, werden sie ihn sofort ins Herz schliessen, da ist er sich ganz sicher.

Matilda liebt ihren Onkel abgöttisch.

Es klingelt an der Tür. «Matilda, bestimmt für dich!», ruft Pascal aus dem Bad. Natürlich hätte er nichts zu sagen brauchen, schon rennt Matilda am Bad vorbei zur Haustür. Zwei ihrer Freundinnen sind bereits hier, die anderen Kinder würden auch gleich kommen. Das Wetter ist schön, zwar noch etwas kühl, aber die Sonne scheint. Wie geplant werden sie mit den Fahrrädern zum Waldsee fahren, in der Wohnung wäre es mit Matildas Gästen zu eng und für die Nachbarn zu laut.

Pascal horcht auf, offenbar wird nach ihm verlangt. Er legt die Pflaster zur Seite und geht zur Haustür. Christoph und seine Mutter stehen im Treppenhaus. «Komm rein, Christoph», sagt Pascal und nickt Christophs Mutter zu, die sofort zu sprechen beginnt. «Herr Müller, hallo. Können Sie mir sagen, wer heute beim Ausflug dabei ist?», fragt sie, ohne die Hand ihres Sohnes loszulassen. «Anna, Jonas, Martina», zählt Matilda sofort auf, doch Christophs Mutter unterbricht sie. «Nicht die Kinder, Matilda. Ich meine die Begleitpersonen.»

«Mein Onkel Tobias!», erklärt Matilda. Seit Tagen redet sie nur noch von ihrer Party. Gelächter dringt aus dem Wohnzimmer. «Mein Bruder», bestätigt Pascal. «Matilda, schau mal nach, was es drinnen so Lustiges gibt», sagt er, fasst sie an den Schultern und dreht sie in die andere Richtung. Sie hüpft davon.

Kurz ist es still, dann räuspert sich Christophs Mutter. «Es tut mir leid, aber Christoph kann nicht bleiben. Es liegt nicht an mir, verstehen Sie mich bitte recht, aber mein Mann möchte das einfach nicht.» Sie will mit ihrer Erklärung fortfahren, doch Pascal, dem bereits klar ist, worauf sie hinauswill, unterbricht sie knapp. «Schade.» Christoph schaut seine Mutter fragend an. «Mama, ich will aber hierbleiben.»

«Ein anderes Mal», sagt seine Mutter und zieht ihn an der Hand fort. Dann dreht sie sich nochmals um, reicht Pascal eine Tüte. «Das ist Matildas Geschenk. Ich hoffe, Sie verstehen.» Pascal schliesst die Tür. Ob Matilda Christoph gegenüber mal erwähnt hat, dass Tobias und Michael zusammenleben? Gut so. Hoffentlich.

Er würde Tobias nichts davon erzählen, ihm nicht unnötig wehtun, keine schlechte Stimmung zulassen. Zurück im Wohnzimmer sagt Pascal, Christoph habe nur das Geschenk vorbeibringen wollen, er müsse notfallmässig zum Zahnarzt.

«Ich habe ein Glück gefunden!» Matilda hat gerade die ersten zwei Tomaten an den hochgewachsenen Stauden entdeckt. (12. 6. 1986)

Pascal zieht die Tür hinter sich zu. «Matilda, mein Mädchen, ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte.» Endlich. In der Aufregung hat er sich zuerst in der Abteilung und dann in der Zimmernummer getäuscht. Matilda antwortet nicht, sie liegt im hinteren Bett neben dem Fenster, die anderen drei Betten sind nicht besetzt. Steckt in Matildas Arm eine Infusion? Ist es etwa doch schlimmer, als Doktor Weber am Telefon gesagt hat? Jetzt sieht er, dass die Arminnenseite oberhalb des Verbands rot gefleckt ist. Matildas Augen sind geschlossen, auch der andere Arm, den sie seitlich vom Oberkörper wegstreckt, ist gerötet und stark geschwollen. Der weite Ausschnitt des hellblauen Krankenhauskittels fällt ihr über die Schultern. Pascal schluckt leer. Wie bleich sie ist. «Matilda, hier bin ich.»

Matilda öffnet benommen die Augen, greift nach seiner Hand. Er küsst sie vorsichtig zwischen die geröteten Stiche auf ihrer Stirn und legt seine andere Hand auf ihren Bauch.

«Juckt es sehr?»

Matilda nickt. Tränen rollen über ihre Wangen. Im Zimmer riecht es nach einem Gemisch aus Desinfektionsmittel und Zitrusöl. Jemand räuspert sich, Pascal schaut über seine Schulter, er hat die Frau, die sich jetzt aus dem Besucherstuhl erhebt, beim Hineinkommen gar nicht gesehen. «Meier», stellt sie sich vor und streckt ihm die Hand hin.

Folge 6

«Ich habe Matildas Klasse beim Ausflug begleitet. Zum Glück sind Sie da. Ich bin mit Matilda direkt zu Herrn Doktor Weber gefahren, er hat mir versichert, dass es nichts Schlimmes ist.» «Was ist denn genau passiert?», fragt Pascal.

«Wir waren im Wald. Beim Versteckenspielen ist Jonas in ein Wespennest getreten. Matilda war direkt hinter ihm, die aufgeschreckten Wespen haben sich in ihren Kleidern und Haaren verfangen. Aber wie gesagt, ich bin mit ihr sofort zu Herrn Doktor Weber …»

«Was haben die Ärzte hier gesagt?», unterbricht Pascal sie.

«Über die Infusion wird ihr eine leichte Dosis Kortison verabreicht, die Frau Doktor kommt später nochmals vorbei, um mit Ihnen zu reden.»

Pascal atmet tief durch. Während der Kaffeepause ist er ins Personalbüro gerufen worden. Ein dringender Anruf, hiess es. Herr Weber, sein Hausarzt, hat ihn zum Glück sofort beruhigt, gesagt, dass es Matilda gut gehe, die Einlieferung ins Krankenhaus sei eine reine Vorsichtsmassnahme für den Fall, dass Matilda auf die Wespenstiche allergisch reagieren würde.

Frau Meier verabschiedet sich von Matilda. «Du warst sehr tapfer», sagt sie. Pascal begleitet sie auf den Flur hinaus, bedankt sich mehrmals für ihre Hilfe, beschwichtigt, ja, er werde sie auf dem Laufenden halten, dann verabschieden sie sich ebenfalls voneinander. Eine Weile bleibt Pascal vor der Zimmertür stehen, zwingt sich, tief durchzuatmen.

Er hält nach der Ärztin Ausschau und beobachtet das Treiben auf dem Flur, das Hin und Her von Blumen, Infusionsständern, Patienten, Besuchern, weisser Bettwäsche und Pflegepersonal. Da er keine Ärzte entdeckt, kehrt er ins Zimmer zurück, setzt sich zu Matilda aufs Bett, streicht ihr über die zerstochenen Arme. Auch auf dem Augenlid und am Haaransatz sind Stiche sichtbar. Matilda sieht erschöpft aus.

«Bin ich hier geboren?», fragt sie plötzlich in die Stille hinein.

«Nein», antwortet Pascal. «Du weisst doch, dass du in Mexiko geboren bist.» Seine Formulierung klingt unbeholfen. «In einem Krankenhaus?»

«Nicht ganz, aber so ähnlich, gerochen hat es ein bisschen wie hier, nach Zitrusöl.»

«Du und ich wohnen in Andersland.»

«Wie kommst du denn darauf?»

Matilda öffnet den Mund, schliesst ihn aber gleich wieder, und Sekunden später fallen ihr die Augen zu. Pascal tritt ans Fenster und schaut in den wolkenlosen Himmel. Andersland. Wie schön das klingt. Und wie traurig. Flugzeuge haben weisse Bahnen im Blau hinterlassen, Reisespuren. Er ist schon lange nicht mehr geflogen.

Das Licht flimmert eigenartig über der Bergkette am Horizont. Wahrscheinlich würde er die Bergtour am Wochenende nun absagen müssen. Dabei hatte er versprochen, eine Gruppe von Bergsteigern zur Mutthornhütte zu begleiten. Schade, er hatte sich über die Anfrage gefreut, und die Auszeit in den Bergen hätte ihm sicher gutgetan. Nirgendwo kann er besser abschalten; sobald er die Baumgrenze hinter sich lässt und die Luft dünner wird, fühlt er sich leicht.

Pascal dreht sich vom Fenster weg, betrachtet seine Tochter. Wie klein sie aussieht in diesem grossen Bett; und wie viel kleiner sie noch war, als die Nonnen sie ihm zum ersten Mal in die Arme gelegt haben. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Inzwischen atmet Matilda gleichmässig. Für einen kurzen Moment würde er sie allein lassen, nochmals nach der Ärztin suchen und sich unten am Kiosk Zigaretten besorgen. Er verspürt das dringende Bedürfnis zu rauchen.

Gut gelaunt wacht Matilda am späteren Nachmittag auf. Das Jucken hat nachgelassen, und die Schwellung an den Armen ist zurückgegangen. Auch die Ärztin gibt Entwarnung.

Trotzdem möchte sie, dass Matilda zur Beobachtung die Nacht im Krankenhaus verbringt. «Einem Aufenthalt bei deinem Onkel steht aber nichts im Wege», sagt sie und kneift Matilda freundschaftlich in den Zeh. «Fast hätte ich es vergessen», fügt sie an Pascal gewandt hinzu, «Matilda sollte jetzt etwas Kaltes essen, ein Eis zum Beispiel.» Sie zwinkert Matilda zu und verlässt das Zimmer. Pascal atmet erleichtert auf. Das waren erfreuliche Nachrichten.

«Papa, hast du gehört, was die Ärztin gesagt hat?», fragt Matilda.

Pascal streicht Matilda die Locken aus dem Gesicht. «Dass du trotzdem zu Onkel Tobias darfst?»

«Nein, Papa.«

«Dann weiss ich leider nicht, was meine Prinzessin von Andersland meint», entgegnet Pascal mit strengem Blick. «Papa»

Pascal schmunzelt, kitzelt Matilda an den nackten Füssen.

«Vanilleeis?»

Matilda zieht ihre Füsse lachend an den Körper heran, verdreht die Augen. «Ich bin keine Prinzessin.»

Die Tür geht auf, Tobias tritt ein. Pascal legt das Märchenbuch, das er sich vom Regal im Flur genommen und aus dem er bis eben vorgelesen hat, zur Seite. Matilda sitzt aufrecht im Bett, ein Eisbecher steht vor ihr auf dem ausgeklappten Tisch.

Sie schwingt den langen Löffel in der Luft, als leite sie ein Orchester. «Schon unsere zweite Portion Vanilleeis», lacht sie.

«Wenn du nicht sprichst, ist die Stille zu laut», sagte Matilda heute beim Abendessen, als ich müde und deshalb nicht sehr gesprächig war. (24. 6. 1986)

Pascal kauert auf der niedrigen Holzbank vor der Hütte. Er lockert die Schnürsenkel seiner Wanderschuhe, streift die Schuhe ab und schiebt sie unter die Bank. Langsam bewegt er die Zehen auf und ab, neigt den Kopf erst zur einen und dann zur anderen Seite, kreist die Schultern.

Folge 7

Sein Nacken ist verspannt, es lässt sich nicht leugnen, dass seine Form nachgelassen hat, seitdem er beim Alpenclub kaum noch aktiv ist. Früher hat er praktisch jedes Wochenende in den Bergen verbracht, und wenn er nicht auf einer Tour war, dann bestimmt in der Kletterhalle. Selbst in Mexiko war er oft in der Natur unterwegs gewesen. Pascal atmet tief ein, streckt seine müden Beine aus. Umso schöner ist es, jetzt hier zu sein. Wie erwartet ist der Aufstieg reibungslos verlaufen. Bereits in Selden, von wo er mit der Gruppe kurz vor Mittag losmarschiert ist, hat er gewusst, dass ihm die vier rüstigen Rentner keinerlei Schwierigkeiten machen würden. In einem angenehmen Tempo haben sie die 1500 Höhenmeter in rund siebeneinhalb Stunden zurückgelegt. Der letzte Streckenabschnitt, der über den Gletscher bis zur Hütte führte, war dank des Abendlichts besonders eindrücklich. Sosehr er die körperliche Müdigkeit und die inneren Bilder nach der langen Wanderung auch geniesst, ist es doch ein zwiespältiges Gefühl, an den Ort zurückzukommen, an dem er Günther kennengelernt hat. Oben auf dem Mutthorn hatte ihm Günther, damals verantwortlich für Volkswagen Deutschland, die Stelle in Mexiko angeboten.

Jetzt tritt Julika, die Hüttenwartin, aus dem Haus, nickt Pascal zu und zündet sich eine Zigarette an. «Täglich gönn ich mir eine, niemals würde ich auf diese einzige Zigarette am Tag verzichten wollen.»

«Wir sind uns früher schon einmal begegnet», sagt Pascal.

«Aber das ist schon lange her.» «Hier oben?» Pascal nickt.

«Wie heisst du?»

«Pascal. Ich war damals mit Günther Blum hier.»

«Ach, Günther! Ja, an Günther Blum erinnere ich mich gut. Der ist damals mehrere Male aus Wolfsburg angereist und jeweils für ein paar Tage bei mir geblieben.»

«Ich verstehe», sagt Pascal. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Günther Julika ständig den Hof gemacht, sie hingegen hatte ihn auf Distanz gehalten.

«Ideales Wetter, klare Sicht», sagt Julika, «ihr habt ein tolles Wochenende ausgewählt.» Kurz darauf verschwindet sie wieder im Haus, bestimmt hat sie noch zu tun. Pascal bleibt draussen auf der Bank sitzen und schaut zu, wie langsam die Dämmerung einsetzt.

Das frühe Aufstehen und der etwas beschwerliche Aufstieg im Lichtkegel der Stirnlampe haben sich gelohnt: Gerade rechtzeitig, um die ersten Sonnenstrahlen über die Gipfelkette hereinbrechen zu sehen, erreichen Pascal und seine Seilschaft das Mutthorn­Plateau. Der Himmel, der durch die zurückgelegten Höhenmeter und das plötzliche Sonnenlicht unwirklich nah scheint, ist von einem kräftigen Rot durchzogen, auch die Berge schimmern rosa. Pascal erschauert. Das Tschingelhorn, die Blümlisalp; jeder Gipfel, jeder Stein tritt stechend scharf aus der magisch aufgeladenen Umgebung hervor. Sie trinken heissen Kaffee, den sie in einer Thermoskanne mitgebracht haben. Dampfschwaden steigen von den Tassen auf, scheinen sich nicht aufzulösen, sondern bleiben wie kleine Skulpturen über den Tassen stehen. Nie zuvor hat Pascal den Duft von Kaffee so intensiv wahrgenommen. Er atmet schwer, Tränen schiessen ihm in die Augen. Vor acht Jahren hatte ich den Kopf noch voller Abenteuer, denkt er und weiss nicht, wohin mit all den Gefühlen und bildstarken Erinnerungen.

«Keine fünf Minuten hast du das Geheimnis für dich behalten können, Matilda», lacht Michael und verschwindet in der Küche. «Dabei haben wir dir doch eingeschärft, Papa nichts davon zu erzählen», fügt Tobias hinzu und kneift Matilda in den Arm, worauf diese ihn mit weit aufgerissenen Augen anschaut. «Alles gut, meine Kleine, war doch nur ein Scherz. Pascal, gibst du mir mal den Sack mit der Kohle herüber?»

«Toller Scherz», brummt Pascal, reicht ihm widerwillig die Kohle. «Mensch Tobias, ihr dürft sie bei der starken Strömung doch nicht in der Aare schwimmen lassen, dafür ist sie noch viel zu klein. Weisst du eigentlich, wie gefährlich das ist?»

«Ich war nicht allein im Fluss schwimmen, Papa», flüstert Matilda. «Onkel Tobias und Michael waren auch dabei und sowieso haben wir uns an einer Luftmatratze festgehalten.» «Hörst du?», fragt Tobias.

«Trotzdem», beharrt Pascal, «das gefällt mir nicht.» Dass Tobias mit Matilda macht, worauf er gerade Lust hat, ohne dabei an die Risiken zu denken, stört ihn tatsächlich. Tobias hätte ihn zuvor wenigstens um Erlaubnis bitten müssen.

«Jetzt entspann dich mal, Bruder, du weisst genau, dass wir Matilda keine Sekunde aus den Augen gelassen haben. Kaum zu glauben, dass du früher ein richtiger Draufgänger warst.»

«Ein Bier?», ruft Michael von drinnen, reicht eine Bierflasche durch die Balkontür. Pascal streckt sich nach der Flasche, bedankt sich. Er fühlt sich wie ein Spielverderber; eine Rolle, die ihm in dieser Viererkonstellation oft zufällt. Immer geht es Tobias darum, Matilda etwas zu bieten, den grösstmöglichen Spass zu haben. Matilda klettert auf seinen Schoss, schmiegt sich an seinen Hals. «Nicht wütend sein, Papa.» «Ist ja gut», sagt Pascal und umarmt Matilda, wobei die Bierflasche ihren Rücken berührt und sie aufschrecken lässt. «»Du bist gemein», ruft sie, «die Flasche ist eiskalt!» «Das hast du nun davon», entgegnet Pascal, doch sein Ärger ist verflogen. Matilda rutscht von seinem Schoss, verschwindet zu Michael. Nach dem ganzen Wochenende, an dem Tobias und Michael auf Matilda aufgepasst haben, hat er keinen Grund, sich zu beschweren. Er ist schon wie seine Eltern, die bei jeder Gelegenheit nach dem Haar in der Suppe gesucht und es meistens auch gefunden haben. Sie hatten ihm dadurch jegliche Freude, ihnen überhaupt etwas zu erzählen, verdorben.

Folge 8

So will er nicht sein.

Er tritt an seinen Bruder heran, klopft ihm auf die Schulter.

Michael spiesst eine halbe Bratwurst auf. «Pascal, für dich?»

Pascal schlägt sich auf den vollen Bauch. «Nein danke, ich kann nicht mehr.»

Jetzt, nach dem Essen und dem Bier fühlt er sich angenehm entspannt, etwas schläfrig, die Bergtour steckt ihm noch in den Beinen. Tobias schaut auf die Uhr, schiesst hoch. «Leute, das Spiel beginnt gleich», ruft er und verschwindet in der Wohnung. Er ist der Einzige in der Runde, dem Fussball wirklich etwas bedeutet und der davon eine Ahnung hat. «Dann muss der Nachtisch wohl bis zur Pause warten», stöhnt Michael. «Willst du einen Tipp von mir, Matilda?», lacht er,

«Such dir später einen Mann, dem Fussball egal ist.»

«Unmöglicher Kuchen», sagt Matilda, «den hab ich zum Nachtisch ausgewählt.»

«Dann hat Michael aber lange in der Küche gestanden», bemerkt Pascal staunend. Er hat das Rezept nur ein einziges Mal ausprobiert, zu Matildas viertem Geburtstag, doch es hat sein Backtalent bei Weitem überstiegen und ist dementsprechend misslungen. Das heisst, nicht ganz, die untere Hälfte, der Schokoladenboden, war einigermassen geniessbar. Nur die Flan Hälfte hatte er entsorgen müssen.

Matilda legt den Kopf schief: «Warum heisst der unmögliche Kuchen eigentlich unmöglicher Kuchen?»

«Weil er aus zwei Hälften besteht, die sich nicht vermischen und nicht richtig zusammengehören wollen», erklärt Michael. «Gegensätze eben.»

«Die aber in der Kombination so lecker schmecken, dass man den Kuchen unmöglich stehen lassen kann und immer weiteressen will», ergänzt Pascal lachend.

Matilda legt ihre Stirn in Falten und kräuselt die Nase. «Was ist ein Gegensatz?», fragt sie. «Schwarz und weiss», antwortet Michael in Sekundenschnelle.

Pascal hält inne: «Nein, das sind doch Gegenteile.»

«Das ist dasselbe», behauptet Michael.

Sie diskutieren eine Weile hin und her, ohne sich auf den richtigen Begriff einigen zu können, bis Matilda ungeduldig an Michaels T-Shirt zupft. «Ich weiss einen viel besseren Namen für meinen Lieblingskuchen.»

«Welchen denn?», fragen Pascal und Michael gleichzeitig, schauen sich lachend an.

«Helle Nacht!», strahlt Matilda. «Oben ist der Kuchen hell, unten dunkel und eigentlich ist das unmöglich.»

«Eine tolle Idee», nickt Michael zustimmend. «Tobias, willst du ein Stück Helle Nacht?», ruft er durch die Balkontür.

«Euch will ich! Und zwar hier vor dem Fernseher!», kommt es zurück. Tobias und seine Fussballbegeisterung. Im Gegensatz zu Michael kann Pascal die Aufregung, die diese Weltmeisterschaft in ihm auslöst, durchaus ein wenig nachvollziehen und er beneidet alle, die gedankenlos mitfiebern können - ihm gelingt das dieses Jahr nicht richtig. Der Austragungsort Mexiko ruft zu viele Erinnerungen wach. Nichtsdestotrotz will er sich das Endspiel nicht entgehen lassen. Argentinien gegen Deutschland, ein Klassiker. Michael stellt die Teller zusammen, legt die Servietten und das Besteck auf den Stapel. «Für wen bist du eigentlich?»

«Seit der Geschichte mit der Hand Gottes eindeutig für Deutschland. Und du?»

«Mir ist es egal. Hauptsache, der ganze Spuk nimmt endlich ein Ende und Tobias verbringt nicht mehr Stunden vor der Flimmerkiste.» «Mensch, kommt schon, gleich geht’s los mit den Nationalhymnen!», ruft Tobias ungeduldig. Matilda hüpft davon, Pascal folgt ihr. Sie setzen sich drinnen vor den Fernseher aufs Sofa. «Schau, in diesem Fussballstadion, dem Estadio Azteca, war ich schon einmal», sagt Pascal zu Matilda. «Da passen richtig viele Menschen rein.»

«Darum beneide ich dich, Bruder», wirft Tobias ein. «Aber irgendeinmal hole ich das nach, wirst sehen.»

«Wann warst du dort, Papa? Als du noch jung warst?», fragt Matilda, ohne dem Einwand ihres Onkels Beachtung zu schenken.

«So alt bin ich nun auch wieder nicht, du Frechdachs. Aber es ist tatsächlich schon ein paar Jahre her.» Pascal wendet sich an seinen Bruder. «Es muss ja nicht Mexiko sein. Wir können uns auch in München oder Madrid ein Spiel anschauen gehen. Bist du dabei?»

«Immer.»

Michael kommt herein und lässt sich neben Tobias aufs Sofa fallen. Tobias legt ihm den Arm um die Schultern. «Und den da nehmen wir auch gleich mit.» «Darf man wissen, wohin?»

«Zu einem Bundesligaspiel», lacht Tobias. Michael verwirft die Hände. «Ich flehe dich an, liebe Matilda. Rette mich und versprich mir, dass ich an dem Tag bei dir bleiben darf.»

Matilda gähnt. «Ich kann dich nicht retten, Michael. Du bist viel zu gross für mich. Tobias muss dich retten.»

«Hörst du, Tobi?»

Matilda schmiegt sich an Pascal.

«Papa, warst du allein in diesem grossen Stadion?»

«Nein, Sergio, ein mexikanischer Freund, hat mich zu einem Spiel mitgenommen. Den kennst du aber nicht.»

«Warum nicht?»

Pascal tippt auf Matildas Nasenspitze. «Weil du damals noch nicht geboren warst, kleiner Frechdachs.»

Matilda legt ihren Kopf auf seinen Schoss, streckt die Beine aus und hebt ihre nackten Füsse auf Tobias’ Oberschenkel. In der immer gleichen Bewegung streicht Pascal ihr ihre Locken, die jeweils sofort wieder nach vorne springen, hinters Ohr.

Folge 9

Wenige Tage nach dem Ausflug ins Estadio Azteca hatte Sergio ihm Lucía vorgestellt und alles hatte seinen Lauf genommen. Eine schöne Zeit, die er sich gern als solche bewahrt hätte. Leider gelingt es ihm nicht, sich ohne Enttäuschung daran zu erinnern; auch wenn er in Matildas Gesicht plötzlich Lucías Augen aufblitzen sieht, fühlt er einen unangenehmen Druck auf der Brust. Manchmal wünscht er sich, Lucía könnte Matilda sehen und zumindest ein einziges Mal darüber staunen, was für ein besonderes Kind sie ist. Jetzt ist Matilda eingeschlafen.

Matilda beim Gutenachtsagen: «Wann beginnt ein Abschied, Papa? Und wann hört er auf?» (2. 8. 1986)

Undenkbar

1986 – 1987 

Unten an der Schulhaustreppe steht Tobias, ganz leicht hebt er die Hand. Jetzt versteht Matilda, warum sie nach der Pause ihren Schulranzen packen und mit Frau Sommer nach draussen gehen sollte. Bestimmt will Tobias sie überraschen. Tobias, der immer irgendwelche Abenteuer ausheckt, hat wahrscheinlich wieder vergessen, dass der Unterricht erst um halb zwölf zu Ende ist. Was wohl Papa davon halten würde?

Frau Sommer ergreift Matildas Hand und zusammen steigen sie die Stufen hinunter. Das ist ihr unangenehm, gern hätte sie Frau Sommers Hand losgelassen und wäre Tobias entgegengerannt. Unten angekommen, legt sie ihre Arme um Tobias‘ Bauch, auch Tobias umarmt sie, küsst sie auf den Kopf, lässt sie nicht mehr los. «Es tut mir schrecklich leid, ich weiss überhaupt nicht, was ich sagen soll», hört Matilda Frau Sommers Stimme. Tobias schweigt. «Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich nun zur Klasse zurückgehe?», fragt Frau Sommer nach einer Weile. Noch immer an Tobias gedrückt, schaut Matilda zu ihm auf, er sagt nichts, aber sie sieht, dass er mehrmals nickt. Frau Sommer streicht ihr über die Haare, ihre Absätze klacken laut, als sie sich von ihnen entfernt, dann wird das Geräusch immer leiser, und schliesslich fällt die schwere Eingangstür ins Schloss.

Tobias geht ein paar Schritte, zieht Matilda langsam mit sich fort.

«Drehst du mich im Kreis?», fragt sie; sonst schwingt Tobias sie zur Begrüssung immer an beiden Händen durch die Luft, doch heute scheint er es vergessen zu haben. Jetzt sieht sie, dass Tobias weint. Sie fragt sich, was er nur hat. Sie setzen sich nebeneinander auf die Steinmauer, von der Matilda während der Pausen mit ihren Freundinnen herunterhüpft und wo im Herbst die Pausenäpfel der Bauern verteilt werden. Tobias streicht ihr über den Rücken. «Matilda», sagt er dann ganz leise, «dein Papa ist gestorben.»

Er schluchzt laut auf, Matilda starrt ihn an. Tobias wird geschüttelt, wie von einer unsichtbaren Kraft gepackt beben seine Schultern, sie weiss nicht warum, aber sein Anblick ist ihr unheimlich, sein Gesicht sieht plötzlich ganz anders aus. Er soll aufhören. «Bitte wein nicht», sagt sie, «bitte, Onkel Tobias.»

Tobias nimmt ein Taschentuch aus der Jackentasche, schnäuzt sich die Nase, blickt sie an, schaut weg, zieht die Nase hoch. Er weint schon wieder. Seine Augen sind ganz rot.

Matilda möchte heimgehen. «Kommst du mit nach Hause?», fragt sie schliesslich. Tobias nickt zwar, rührt sich aber nicht. Matilda steht auf, zieht ihn hoch. «Meine Lehrerin heiratet bald», erzählt sie auf dem Heimweg, «darum haben wir richtig viele Papierblumen gebastelt. Mit den Blumen überraschen wir sie, wenn sie aus der Kirche kommt. Meinst du, sie freut sich?» Tobias drückt nur ihre Hand. «Ich glaube, sie freut sich», fährt Matilda fort. «Hat Papa dir eigentlich schon erzählt, dass der alte Hund von Verena auch gestorben ist?» Zu Hause scheinen sie den ganzen Nachmittag auf irgendetwas zu warten. Matilda isst Cornflakes mit Milch, sie fragt Tobias, ob er auch etwas essen mag, aber er hat keinen Hunger. Da hört sie, dass unten die Haustür zufällt. Sie rennt zur Wohnungstür, reisst sie auf. «Papa?» Jemand steigt die Stufen hoch. Es ist Michael. Er umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen, küsst sie auf die Stirn. «Matilda, mein Kind.»

Tobias und Michael umarmen sich, flüstern. Tobias schluckt Tabletten.

Später liegen sie zu dritt nebeneinander in Papas grossem Bett. «Wo bleibt Papa?», fragt Matilda. Niemand sagt etwas. «Heute auf der Arbeit ist er plötzlich zusammengebrochen», antwortet Michael dann leise, streichelt ihre Wangen. «Wir sind bei dir», Matilda legt ihre Hand auf Michaels Mund, er soll damit aufhören.

Das Bett riecht nach Papa.

Am nächsten Morgen sucht Matilda in der ganzen Wohnung. Während sie die zwei Stockwerke heruntergeht, im Garten und in der Garage sucht, verspürt sie einen unglaublichen Zorn. Sie hat keine Lust mehr auf dieses blöde Versteckspiel. Mit aller Kraft tritt sie gegen das Auto. Michael, der ihr gefolgt ist, hebt sie hoch. Zuerst wehrt sie sich dagegen, lässt dann aber doch geschehen, dass er sie in die Wohnung zurückträgt. Er hat sie schon lange nicht mehr getragen. «Wo ist Papa?», schreit Matilda plötzlich. Michael hält sie fest, jetzt weint auch er. «Pascal ist gestern an einem Herzinfarkt gestorben, Matilda. Er ist im Krankenhaus aufgebahrt.»

Matilda versteht nicht, was er damit meint. «Wann kommt er zurück?», fragt sie nach.

«Er ist gestorben, mein Liebes. Er kommt nicht mehr nach Hause», flüstert Michael mit gebrochener Stimme. «Doch! Papa kommt immer zu mir zurück!»

Michael beisst sich auf die Unterlippe, die sofort leicht blutet. Matilda löst sich aus seiner Umarmung, schlägt auf ihn ein. Er darf so etwas nicht sagen, sie weiss, dass ihr Papa zurückkommen wird!

Folge 10

Matilda weint, schluchzt leise, greift nach Papas Hand. Michael, der mit ihr ins Krankenhaus gefahren ist, hält sie nicht zurück. Papas Finger sind eiskalt. «Er friert», haucht Matilda beinahe tonlos, stellt sich auf die Zehenspitzen, fährt durch seine Haare. Auch die Haare sind kalt und fühlen sich feucht an, als hätte er soeben noch unter der Dusche gestanden. Seine Augen sind geschlossen, die sonst so struppigen Augenbrauen glatt gestrichen. Matilda versucht, seinen Kopf in ihre Richtung zu drehen. «Liebes», sagt Michael und hebt ihre Hand vorsichtig weg. Papa trägt die gleichen Kleider wie gestern, seine dunkle Jeans, das hellgraue T­-Shirt. Oder trug er beim Frühstück etwas anderes? Matilda ist sich nicht mehr sicher. «Papa. Bitte, Papa. Papa!» Sie spürt Michaels Hände auf den Schultern, wird von Papas Liege weggezogen. «Wir gehen für einen Moment raus», sagt Michael, «wenn du möchtest, kommen wir später noch einmal zurück.»

Er hebt sie hoch, sie schlingt ihre Arme um seinen Hals. «Bleibt Papa hier?», flüstert sie ihm ins Ohr, fürchtet sich vor seiner Antwort. «Dein Papa wartet anderswo auf dich, mein Schatz», sagt Michael leise und hält sie fest an sich gedrückt.

Matilda versteht nicht, was er damit meint. Sie möchte nach Hause und dass alles ist, wie es immer war. Draussen steht die Krankenschwester, die ihnen vorher die Tür aufgeschlossen und sie zu Papa geführt hat. Sie zeigt Matilda einen braunen Stoffhasen, klemmt ihn zwischen Matildas und Michaels Oberkörper und legt ihre Hand auf Matildas Rücken. Die Stelle fühlt sich warm an. «Wir würden ihn dann jetzt nach unten bringen», sagt sie zu Michael. «Ist das in Ordnung?» Michael nickt.

*

Die Mulde vor dem Haus ist nur halb gefüllt. Es hätte auch eine kleinere genügt, denkt Tobias. Michael ist auf den Dachboden gestiegen und reicht ihm die restlichen Dinge herunter.

Es ist nicht mehr viel. Skistöcke und eine alte Stehlampe gehören in die Mulde, Helm und Kletterseile zu den Sachen für den Alpenclub. Die Kücheneinrichtung und die meisten Möbel haben sie am Tag zuvor bei der Heilsarmee vorbeigebracht, nur die schwarze Couch, die steht jetzt in ihrer gemeinsamen Wohnung in Bern.

Tobias’ Leben ist ein Albtraum, aus dem er nicht mehr aufwacht. Keine Sekunde hat er damit gerechnet, Matilda nicht zu sich nehmen zu dürfen. Er wäre mit Michael auch zu ihr nach Riehenbach gezogen, keine Frage. Aber er darf nicht, man lässt ihn nicht. «Undenkbar», hiess es seitens der Behörden. Ein siebenjähriges Mädchen könne unmöglich bei einem schwulen Paar aufwachsen. Dabei ist er Matildas Onkel. Pascals Bruder. Auch Matilda hat die zuständigen Personen auf dem Jugendamt richtiggehend angefleht, bei ihm und Michael leben zu dürfen. Und selbst Andreas, Pascals bester Freund, und Verena haben ausgesagt, wie nah sich die beiden Brüder gestanden hätten und dass Tobias für Matilda nach ihrem Vater die wichtigste Bezugsperson sei – aber es hat nichts geholfen. Immerhin haben sie erreicht, dass Matilda zu Andreas, Rita und deren Tochter Anna ziehen und so im gleichen Dorf und der alten Schule bleiben darf. Doch sie wird einen Vormund bekommen. Er, der leibliche Onkel, der Matilda über alles liebt, ist raus, hat in der Sache nichts zu sagen. Tobias fühlt sich schuldig, und die lähmende Ohnmacht quält ihn so sehr, dass er sie ohne die vielen täglichen Tabletten nicht aushalten könnte. Bevor Michael und er mit dem Räumen der Wohnung begonnen haben, hat Verena mit Matilda zwei grosse Taschen und eine Bananenkiste mit ihren Kleidern und geliebten Gegenständen gefüllt. Weder Verena noch Michael und er haben die Worte über die Lippen gebracht, die Matilda klar gemacht hätten, dass dies ihr letzter Tag in der Wohnung war. Michael hat die ganze Zeit über geschwiegen, Verena bemüht von praktischen Dingen geredet. Was einpacken, was dalassen? Tobias hat auf dem Balkon eine Zigarette nach der anderen geraucht. Pascals Zigaretten. Sie hatten in Pascals blauer Jacke gesteckt. Vielleicht hat Matilda auch längst gewusst, dass sie nicht mehr zurückkommen würde; der Anblick der tapferen, kleinen Matilda, die ihre Sachen zusammensucht, hat ihm das Herz gebrochen.

Tobias stützt sich auf den Muldenrand, die Skistöcke noch in der Hand. Wie lange steht er schon hier? Auf dem gegenüberliegenden Gehsteig schiebt ein Mann sein Rad nach Hause. Eine Nachbarskatze überquert lautlos die Strasse. Es regnet.

«Ein Brief aus Mexiko», sagt Michael und reicht Tobias den Umschlag, den er aus Pascals Briefkasten geholt hat. Bald würden sie die Wohnung abgeben, die Vermieterin musste jeden Moment zur Schlüsselübergabe eintreffen. «Familie Pascal Müller» steht oberhalb der Adresse. Tobias reisst den Umschlag auf, zieht eine Karte heraus. Sie zeigt ein Kreuz vor einem Sonnenuntergang, darüber ein Vogel mit weit geöffneten Flügeln, als ob Vögel allein und nicht in Schwärmen fliegen würden. Auf der Rückseite steht in holprigem Englisch, Pascal sei ein grossartiger Mensch und Freund gewesen. Michael beugt sich über Tobias, um die Karte zu lesen. «Wer ist Sergio?»

«Sein mexikanischer Arbeitgeber und damaliger Freund.»

Pascal hat oft von Sergio erzählt. Wollte Sergio Pascal nicht sogar mal in der Schweiz besuchen kommen? Tobias glaubt, einst etwas in diese Richtung gehört zu haben, weiss aber nicht, woran die Reise schlussendlich gescheitert ist. Ebenso wenig weiss er, auf welchem Weg Sergio von Pascals Tod erfahren hat. Ob Pascals deutscher Freund vom Alpenclub die Nachricht an den ehemaligen Arbeitgeber weitergeleitet hat?

Folge 11

Plötzlich erschauert Tobias. Sergio war es, der Pascal und Lucía miteinander bekannt gemacht hat. «Jetzt verlieren wir sie ganz», sagt er und zerreisst die Karte. Michael schaut ihn erschrocken an.

*

Der Arzt schreitet schnell voran, seine Schuhe quietschen.

«Gib mir die Hand», sagt Michael. Matilda hätte sich die Zeichnungen, die im langen Flur hängen, gern genauer angeschaut, doch sie kann kaum Schritt halten. Da ein Bär, der eine Staude Bananen verschlingt. Matilda ist sich nicht sicher, ob Bären überhaupt Bananen essen. Jetzt durchqueren sie einen grossen, hellen Raum mit Sofas, Tischen, Grünpflanzen und einem Tischkicker. Vielleicht würde Tobias nachher eine Runde mit ihr spielen. Matilda hofft, dass er nicht mehr so traurig ist wie am letzten Wochenende, das sie bei ihm und Michael in Bern verbracht hat. Er hat kaum geredet, nie gelacht. Weil Tobias in den folgenden Nächten und auch die Nächte davor nicht hatte schlafen können, ist er in dieses Krankenhaus gebracht worden, wo ihm die Ärzte auch mit der Traurigkeit helfen können. Das hat Michael ihr erklärt.

«Frische Luft tut ihm bestimmt gut», hört Matilda den Arzt sagen. Endlich drosselt er sein Tempo, schaut zu ihr herunter. «Zur Klinik gehört ein Bauernhof mit Pferden, Ziegen und anderen Tieren, die sich über Besuche von Mädchen wie dir freuen.»

Matilda nickt, das klingt gut, besser noch als Tischfussball. Dann bleiben sie vor einer Zimmertür stehen. Der Arzt klopft zweimal an, öffnet die Tür. «Besuch für Sie, Herr Müller, Ihre reizende Nichte ist da.» Matilda und Michael treten ein. Ich bin nicht reizend, denkt Matilda. Die Sonne scheint ins Zimmer, blendet ein wenig; der Arzt sagt, er würde sie mit Tobias allein lassen, verabschiedet sich mit einem Händedruck von Michael und verlässt den Raum. Tobias sitzt im Trainingsanzug auf dem Bett und schaut Matilda lächelnd an. Er sieht aus, als hätte er schon sehr lange auf sie gewartet. Vorsichtig steht er auf, kommt auf sie zu. Matilda streckt ihre Arme nach ihm aus, sie fassen sich an den Händen, umarmen sich dann. Lange spricht niemand. «Onkel Tobias», durchbricht Matilda schliesslich die Stille, «der Arzt hat gesagt, dass wir die Pferde begrüssen sollen.»

Michael nimmt Tobias’ Jacke aus dem Schrank, stellt ihm seine Schuhe hin. Tobias atmet laut, für das Binden seiner Schuhe benötigt er viel Zeit. «Es ist kalt draussen», sagt Michael und reicht Tobias einen Schal. «Die Mütze bitte auch», sagt Tobias. «Mit den Medikamenten friere ich noch stärker als sonst.»

Sie kommen nur langsam voran. Immer wieder bleibt Tobias stehen, dann will er umkehren und ins Zimmer zurückgehen. «Bitte, Onkel Tobias, ich möchte zu den Pferden», beharrt Matilda. «Wenn das so ist», lächelt Tobias und legt seine Hand auf ihren Kopf. Sie folgen dem Fussweg zum Bauernhof, an dessen Rückseite sie die Pferdekoppel bereits sehen können. Matilda zählt drei Pferde. Unten angekommen, hebt Michael sie auf den Bretterzaun, eines der Pferde nähert sich ihnen, stupst Matilda in den Bauch, worauf diese sich erschrocken nach hinten fallen lässt. Michael hält sie fest. «Keine Angst, dieses Pferd ist Menschen gewohnt», lacht er, «es hofft, dass du ihm etwas zu fressen gibst.»

Unter der Mähne, wo Matilda das Pferd streichelt, ist es ganz warm. Dann wendet sich das Pferd von ihnen ab und trottet davon. Matilda schaut zu Tobias, doch dieser schaut gebannt woanders hin. Sie überlegt sich, was er wohl sieht.

«Mir ist kalt», sagt Michael. «Sollen wir uns auf den Rückweg machen?»

Matilda greift nach Michaels und Tobias’ Händen, die von Tobias fühlt sich viel kälter an als die von Michael. An manchen Stellen liegt noch Schnee, anderswo stossen bereits die ersten Blumen ihre Knospen aus der Erde. Auch im Garten, der zu ihrer und Papas Wohnung gehörte, wachsen schon Schneeglöckchen. Sie ist gestern nach dem Unterricht dort gewesen, heimlich. Jonas hat nämlich erzählt, dass neue Leute eingezogen sind. Es ist wahr. Auf dem Balkon standen Umzugskisten und zwei krumme Türme aus Gartenstühlen. Zum Glück hat noch niemand die zwei gelben Sterne, die sie vor langer Zeit an ihr Zimmerfenster geklebt hatte, entfernt. Vor der Eingangstür standen ein Kinderwagen und drei Paar Regenstiefel.

In der Cafeteria, die sich im Erdgeschoss des Krankenhauses befindet, bestellen sie heisse Schokolade und Kaffee. Michael erzählt von einer neuen Arbeitskollegin und von zwei Geburtstagseinladungen, die er und Tobias bekommen haben. Tobias spricht kaum. Die Eckbank, auf der sie neben Tobias sitzt, ist mit einem weichen, orangebraunen Stoff bezogen, und wie vorhin beim Pferd, sträuben sich die Härchen, wenn Matilda in die eine Richtung darüberstreicht. Sie kann sogar Buchstaben auf die Sitzfläche schreiben: ANNA. PAPA. Plötzlich verstummt Michael. Matilda schaut auf, Tobias hält s eine Ellenbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in seinen Händen. Michael sieht müde aus. Matilda rutscht ganz nah an Tobias heran, kniet sich auf die Bank. «Du musst nicht so traurig sein, er wartet anderswo auf uns, ganz bestimmt», flüstert sie ihm ins Ohr.

*

Das Kribbeln, das in den Händen begonnen hat, weitet sich den Armen entlang auf den ganzen Körper aus. Tobias kann sich auf nichts anderes konzentrieren und er weiss ohnehin nicht, wie er sich Rita und Andreas gegenüber verhalten soll. Ohne Matilda, die heute mit Anna bei deren Grosseltern übernachtet, wirkt das Zusammenkommen bemüht. Leider hat er nicht gewusst, dass sie nicht zu Hause sein würde, sonst hätte er Michael darum gebeten, die spontane Einladung zum Abendessen abzusagen.

Folge 12

Oder er wäre einfach nicht mitgegangen. Seit er aus der Klinik entlassen worden ist, meidet er den Kontakt mit anderen. Er hält es nicht aus, die Lücke, die sein Bruder hinterlassen hat, mit Gesprächen und anderen Themen zuzudecken. Zur Arbeit geht er nicht, er ist für weitere sechs Wochen krankgeschrieben worden.

Rita räumt den Tisch ab, Michael hilft ihr dabei. Er folgt ihr in die Küche, erkundigt sich nach dem Rezept für den Gemüsegratin. Als ob das jetzt wichtig wäre. Es verletzt Tobias, wie scheinbar leicht Michael wieder ins normale Leben hat einsteigen können. Gleichzeitig weiss er, dass sich Michael vor allem ihm zuliebe bemüht, zu einer gewissen Normalität zurückzukehren. Tobias bezweifelt, dass dies für ihn jemals wieder möglich sein wird. Andreas, der mit ihm am Tisch sitzen geblieben ist, öffnet eine zweite Flasche Wein, er trinkt viel, ohne dabei betrunken zu wirken. Wegen der Tabletten, die Tobias noch immer nehmen muss, trinkt er keinen Alkohol.

«Gestern kam jemand von der mexikanischen Botschaft bei uns vorbei», sagt Andreas. Tobias starrt auf die Weinflasche, ihm wird schwindlig. Ein Tropfen Wein läuft dem Flaschenhals entlang nach unten, dann bildet sich auf dem Tischtuch ein roter Fleck, weitet sich langsam aus. Ohne dass Andreas weiterredet, weiss er, dass eingetroffen ist, wovor er sich am meisten gefürchtet hat. Stühlerücken, Michael und Rita setzen sich wieder an den Tisch. «Was ist los?», fragt Michael.

«Lucía möchte Matilda zu sich nach Mexiko holen», bestätigt Andreas Tobias’ schlimmste Befürchtung.

Das ist es also; deshalb die spontane Einladung. Tobias hat Angst, sich übergeben zu müssen. Er blickt zu Michael, dieser fasst nach seiner Hand. Schweisstropfen stehen auf Michaels Stirn. Ob er davon gewusst hat? Nein, er hätte es ihm gesagt, ihn nicht ins offene Messer laufen lassen. Es ist ungeheuerlich. Denkt Lucía tatsächlich, sie könne Matilda einfach so mitnehmen? Wie einen Koffer, den man zuvor irgendwo stehen gelassen hat? Lucía, die die Schwangerschaft abbrechen wollte? Lucía, die sich kein einziges Mal nach ihrer Tochter erkundigt hatte? «Sie wollte das Kind abtreiben!», stösst er hervor. Sein Mund ist so trocken, dass ihm das Reden schwerfällt. Er starrt wieder auf den roten Fleck, schafft es nicht, Andreas oder Rita anzuschauen. «Sie wollte Matilda nicht.»

«Die Frau von der mexikanischen Botschaft sagte uns, Lucía sei inzwischen verheiratet und Mutter eines zweijährigen Sohnes», erläutert Rita sachlich, «ihre Lebensumstände haben sich verändert. Und letztendlich muss man ihr ja trotzdem zugutehalten, dass sie das Kind nicht abgetrieben hat.» «Weiss denn Matilda davon?», unterbricht Michael.

«Von ihrem Halbbruder?»

«Von allem.»

«Nein, natürlich nicht», antwortet Andreas, und Rita fügt hinzu, sie hätten zuerst mit ihnen reden wollen. «Wir wissen ja auch nicht, was für Matilda das Beste ist», fährt sie fort, «doch so wie es aussieht, liegt es gar nicht an uns, das zu entscheiden. Auch Lucía muss sich vielen Fragen stellen, die mexikanischen Behörden vor Ort klären inzwischen ab, ob sie Matilda wirklich ein sicheres und liebevolles Zuhause bieten kann. Vielleicht müssen wir diesen Leuten einfach vertrauen und Lucía eine Chance geben.»

«Eine Chance geben? Sie hatte ihre Chance, verdammt noch mal!», zischt Tobias.

«Wie geht es jetzt weiter?», fragt Michael. Mit festem Griff umklammert er Tobias‘ Arm. «Bitte, beruhige dich.»

«Wenn alle Fragen geklärt sind, kommt Lucía zum gegenseitigen Kennenlernen für zwei Wochen in die Schweiz. Erst danach wird endgültig entschieden.» Tobias reisst sich los, steht auf. «Lucía hat sich kein einziges Mal bei Pascal gemeldet, nie etwas von Matilda wissen wollen! Ihre Tochter war ihr vollkommen egal! Ich habe bereits meinen Bruder verloren, jetzt verliere ich auch noch das Kind. Dabei war ich immer für die beiden da. Warum zählt das nichts? Warum bekomme ich keine Chance?»

Er greift nach seinem Glas, stürzt das Wasser hinunter, schenkt sich nach, trinkt auch das zweite Glas in einem Zug leer. Das Wasser müsste kälter sein, viel kälter. Er hält diesen Schmerz nicht mehr aus.

«Pascal hat mir gegenüber mehrmals erwähnt, dass er nie eine andere Frau als Lucía geliebt hat», sagt Andreas ruhig. «Natürlich ist das ein schlechter Trost, aber ich glaube, Lucía muss etwas ganz Besonderes sein. Sie war es für deinen B ruder, Tobias. Und egal, was vorher war, sie ist und bleibt Matildas Mutter.»

*

Erleichtert atmet Lucía auf, als sie am Ende der Strasse die mexikanische Flagge entdeckt. Der Hotelportier hat ihr den Weg zur Botschaft beschrieben, doch aufgrund seiner langen Ausführungen ist sich Lucía nicht sicher gewesen, die Botschaft auf Anhieb finden zu können. Sie ist nervös. Nach über sieben Jahren würde sie hier, in einem fremden Land, ihre Tochter wiedersehen, von der sie sich drei Tage nach deren Geburt verabschiedet hat. Wie würde Matilda auf sie reagieren? Wie würde sie aussehen? Die Fahne flattert laut im Wind, Geräusche wie Peitschenschläge. Dass sie es tatsächlich alleine bis hierhin geschafft hat.

Abgesehen von einem Aufenthalt bei entfernten Verwandten in Kalifornien, hat sie Mexiko nie verlassen. Gestern ist sie in Zürich gelandet, von dort mit dem Zug nach Bern gereist. Dieselbe Reise hat Matilda damals mit Pascal gemacht.

Ob auch er Angst hatte vor der Verantwortung, das Kind alleine grosszuziehen? Sie hat Respekt vor dieser Aufgabe, ja. Gleichzeitig hegt sie aber nicht die geringsten Zweifel, sich dieser annehmen zu wollen.

Folge 13

Vermutlich war Pascals Gefühlslage damals ähnlich. Noch immer fällt es ihr schwer zu glauben, dass Pascal, den sie lange Zeit aus ihren Gedanken und Erinnerungen verbannt hatte, gestorben ist.

Er war ein guter Mensch, hätte sie nie im Stich gelassen. Im Gegenteil: Von dem Moment an, in dem er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, war er bereit gewesen, sein Leben in der Schweiz für sie und das Kind aufzugeben. Dabei waren sie noch nicht lange ein Paar gewesen. Hätte er den fatalen Herzinfarkt auch erlitten, wenn sie bei ihm geblieben wäre? Nach seiner Abreise aus Mexiko hatte sie sich eingeredet, dass er in der Schweiz eine andere Frau heiraten und Matilda eine Stiefmutter bekommen würde. Sie hätte nie gedacht, dass er mit dem Kind allein bleiben würde.

Wenig später sitzt Lucía im Büro des Konsuls. Er sieht viel jünger aus, als sie sich jemanden in seiner Position vorgestellt hat. Wahrscheinlich ist er nur wenige Jahre älter als sie, wenn überhaupt. «Gut gereist?», fragt er. Lucía nickt. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich verschiedene Dossiers, es herrscht eine grosse Unordnung. Ihr ist schwindlig, vielleicht, weil sie heute noch nichts gegessen hat, vielleicht liegt es aber auch an der Anspannung. Hinter dem Schreibtisch hängt ein Porträt von Miguel de la Madrid Hurtado, dem mexikanischen Präsidenten. Plötzlich hört sie eine helle Kinderstimme. Sie schaut zur Tür, die einen Spalt weit offen steht, sieht einen Schatten, vernimmt ein leichtes Klopfen. «Da sind sie», der Konsul erhebt sich, schreitet zur Tür. Auch Lucía steht auf, doch ihre Knie zittern so stark, dass sie sich wieder setzen muss. Die Tür geht auf und an der Hand einer gross gewachsenen Frau betritt Matilda den Raum, gefolgt von einem Mann mit Bart. Sofort schiessen Lucía die Tränen in die Augen. Die schwarzen Locken, die dunklen Augen. «Matilda», flüstert sie, nicht fähig, sich zu bewegen. Sie fixieren einander einen Moment lang, Matilda mustert sie, bestimmt fällt auch ihr die Ähnlichkeit zwischen ihnen auf. Lucía weiss nicht, wie lange sie in dieser Position verharren, bis die Frau auf sie zukommt, ihr die Hand reicht. «Ich bin Rita. Und das hier sind mein Mann Andreas und Matilda.»

Lucía kann sich kaum auf das Gespräch konzentrieren, das in einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und Deutsch geführt wird. Immer wieder schaut sie zu Matilda hinüber, die auf ihrem Stuhl sitzt und die Beine baumeln lässt. Lucía lächelt ihr vorsichtig zu, wie wunderschön das Mädchen ist – doch Matilda erwidert den Blick kaum. Bestimmt versteht Matilda noch weniger als sie, was hier vor sich geht.

Nach einer guten halben Stunde ist das Gespräch vorbei, und es wird ein Termin für den nächsten Tag ausgemacht. Lucía ist verunsichert: Warum ist das Treffen so kurz? Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Sie hat sich erhofft, mehr Zeit mit Matilda zu verbringen, vielleicht auch ein paar Minuten mit ihr allein sein zu dürfen und ihr das hellblaue Oberteil, das sie vor ihrer Abreise für sie genäht hat, übergeben zu können. Sowieso hat sie sich ihre erste Begegnung anders vorgestellt, herzlicher. Aber sie muss geduldig sein, morgen würden sie sich wiedersehen, das ist das Wichtigste.

Als sie sich voneinander verabschieden, versteckt sich Matilda hinter Ritas Rücken, worauf Rita auf Matilda einredet. «Es ist alles in Ordnung», sagt Lucía und schaut zu, wie Rita, Andreas und Matilda den Raum verlassen. Sie muss sich zusammenreissen, Matilda nicht hinterherzurennen, sie festzuhalten und nie mehr loszulassen. Da dreht sich Matilda plötzlich um, hebt leicht die Hand und lächelt. Lucía nickt ihr strahlend zu.

Wenige Tage später spazieren Lucía und Matilda durch das kleine Dorf mit dem seltsamen Namen, den sie sich inzwischen zwar merken, aber nicht aussprechen kann. «Riehenbach». Der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet auf eine Art, die es in Mexiko nicht gibt, sanft und unaufgeregt. Bei ihr zu Hause regnet es stark oder gar nicht, doch hier ist selbst der Regen zurückhaltender. Matilda trägt einen gelben Regenmantel und Gummistiefel. Die Kapuze, die sie ihr über den Kopf gezogen hat, hat sie gleich wieder nach hinten geschoben. Die einzelnen Grundstücke sind nicht durch Mauern und Zäune voneinander getrennt. Sowieso sieht es aus, als könne man überall hineinspazieren, nicht immer ist klar, wo ein Garten aufhört und wo der nächste beginnt. Und wie still es hier ist.

Matilda hat ihr zu verstehen gegeben, dass sie ihr etwas zeigen möchte. Obwohl sie kaum miteinander reden können, sind sie sich in den wenigen Tagen, die Lucía bisher in Ritas und Andreas’ Haus verbracht hat, viel nähergekommen. Sie hat ihr die Fotos gezeigt von Daniel und Fabio, der Wohnung in Mexiko­-Stadt und ihren Eltern. Seither nimmt Matilda die Fotos immer wieder hervor, schaut sie neugierig an. Derweil versucht Lucía, sich möglichst viele deutsche Worte einzuprägen.

Inzwischen ist es für sie unvorstellbar, von Matilda getrennt zu sein. Zum Glück sind die Menschen, mit denen sie zu tun hat, wohlwollend gegenüber ihr und ihrem Anliegen, Matilda mitzunehmen, sodass sie die Angst, unter Beobachtung zu stehen und keine Fehler machen zu dürfen, hat ablegen können. Mit Rita und Andreas kann sie sich unbefangen austauschen, nur Tobias hat sich ihr gegenüber frostig verhalten, als er sie zusammen mit seinem Freund getroffen hat. Wahrscheinlich schmerzt ihn der Tod seines Bruders noch zu sehr.

Auf einmal bleibt Matilda vor einem Wohnblock stehen. «Papa», sagt sie und zeigt auf den obersten Balkon. Das ist es also, was Matilda ihr hat zeigen wollen: Die Wohnung, in der sie mit Pascal gelebt hat. Lucía fasst Matildas Hand, hält sie fest. Matilda zieht die Hand nicht zurück, im Gegenteil, ganz leicht lehnt sie ihren Körper an Lucía.

Folge 14

Eine Weile bleiben sie so nebeneinander stehen. Lucía bewegt sich nicht, sie möchte, dass sie noch lange so stehen bleiben, doch dann, ohne ihre Hand loszulassen, macht Matilda einen Schritt zur Seite und führt Lucía hinters Haus. Vor dem Eingang steht ein Dreirad.

Matilda starrt auf das eine Fenster, etwas scheint sie zu beunruhigen. Vielleicht ist dies ihr eigenes Zimmer gewesen. Lucía legt ihren Arm um Matildas Schultern, und während sie sich langsam vom Grundstück entfernen, stimmt sie leise ein Lied an. Es ist das Lied, das sie auch Daniel vorsingt, wenn sie ihn zu trösten versucht.

Nicht mehr rot, sondern grün

1987

Matilda schaut aus dem runden Fenster auf ein funkelndes Lichtermeer. Es hört nirgendwo auf. Je näher das Flugzeug dem Boden kommt, desto deutlicher erkennt sie die vielen Häuser, dazwischen breite Strassen und nebeneinanderstehende Autokolonnen. «Hier wohnst du?», fragt sie ungläubig. Lucía zieht entschuldigend die Schultern hoch, doch dann erhellt sich ihr Gesicht und sie nickt mehrmals hintereinander. «Wohnen? Ja!», sagt sie.

Matilda lächelt. Lucía hat ihre Frage verstanden. Gern möchte sie Tobias und Anna von den vielen Häusern erzählen, eins neben dem anderen und immer weiter. Ob Lucía ihr eigenes Haus in diesem Gewimmel überhaupt finden kann? Rita hat Matilda ein rotes Büchlein mitgegeben, in dem sie in Grossbuchstaben wichtige Sachen aufgeschrieben hat: Geburtstage, Adressen und Telefonnummern. Tobias hat am 22. Oktober Geburtstag, das weiss sie, dafür braucht sie kein rotes Büchlein.

Er hat ihr zum Abschied einen Brief geschenkt, sie hat den Umschlag geöffnet, das Papier auseinandergefaltet, seine Schrift aber nicht entziffern können; und jemanden bitten, ihr den Brief vorzulesen, das wollte sie nicht. Deshalb hat Rita ihn zu den vier Fotos, auf denen Papa zu sehen ist, vorne ins Büchlein gelegt.

Matilda hat das Büchlein in das Aussenfach ihres Rucksacks gepackt zu Papas Kalender, den sie damals beim Wohnungsauszug heimlich eingesteckt hat. Zwar kann sie Papas Schrift nicht lesen, aber sie findet es trotzdem schön, seinen Kalender dabei zu haben. 1986 steht vorne drauf. Überall hat er Sätze hineingekritzelt, nur die Monate Oktober, November und Dezember sind leer.

Auf einmal kommen die Lichter bedrohlich nah, schwirren um Matilda herum. Sie schliesst die Augen, vergräbt das Gesicht in ihren Händen, spürt Lucías warme Hand auf ihrem Nacken. Dann holpert es, hört nicht auf. Lucía redet leise auf sie ein, streicht ihr in kreisenden Bewegungen über den Rücken, wobei ihre offenen Haare Matildas Unterarm berühren und kitzeln. Sie mag den Klang von Lucías Stimme. Matilda blickt auf, schaut aus dem Fenster: Jetzt steht das Flugzeug still.

Bevor sie ihr Gepäck abholen, stellen sie sich in eine lange Schlange. Lucía reicht ihr ihren Pass. Er ist nicht mehr rot, sondern grün. Mit der Farbe des Passes hat sich auch ihr Name geändert. Sie heisst nicht mehr Matilda Müller, sondern Matilda Gomez Luquín. Lucía zeigt ihr ihren Pass, wo derselbe Nachname steht. Als sie an der Reihe sind, nickt ihr der Mann, der etwas erhöht sitzt und eine Uniform trägt, lächelnd zu. Das bedeutet wohl, dass mit den Namen alles richtig ist.

Die Ankunftshalle ist gefüllt mit Menschen, die laut durcheinanderrufen. Matilda klammert sich an Lucías Hand. Es ist heiss, sie möchte den Pulli ausziehen, aber dazu müsste sie Lucías Hand loslassen, und das will sie nicht. Sie bahnen sich einen Weg durch die Menschenmenge und kommen plötzlich vor einem Mann und einem Kind zu stehen. «Daniel!», ruft Lucía, lässt Matilda los, hebt den Jungen hoch, drückt ihn an sich, küsst sein Gesicht, sein Arme, seine kleinen Hände und dreht sich mit ihm im Kreis. Dann muss der Mann Fabio sein.

Matilda schaut Lucía zu, bis sich Fabio zu ihr herunterbeugt, dabei auf sich selber zeigt. «Ich bin Fabio. Daniels Papa.» Matilda nickt. Hinter Fabio fuchtelt ein älterer Mann, der auf einmal aufgetaucht ist, mit den Armen, sein dicker Bauch schwankt hin und her, er lacht laut und fröhlich. Eine Frau mit zurückgebundenen dunklen Haaren drängt an ihm vorbei, kommt auf sie zu, wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

Daniel noch auf ihrem Arm, zieht Lucía Matilda an der Hand, gleichzeitig küsst sie Fabio auf den Mund. Sie tanzt, denkt Matilda. Der ältere Mann, bestimmt der Opa, ist bei ihnen angelangt, hebt Matilda hoch und küsst sie auf die Wange. Die Frau lächelt sie an. Nun umarmt Lucía ihre Eltern stürmisch. Matilda, mittendrin, versteht nicht richtig, was das alles zu bedeuten hat. Sie denkt an ihr Zuhause und ist auf einmal unendlich müde.

Matilda liegt wach in Daniels Bett; die Wände sind bemalt mit Autos und Disney-Figuren; Donald, Pluto, daneben Micky. Ist es noch mitten in der Nacht oder schon Zeit zum Aufstehen? Sie lauscht angestrengt: Alles ist ruhig. Daniel schläft bei Lucía und Fabio, die Grosseltern auf dem ausziehbaren Sofa im Wohnzimmer.

Wegen der Koffer glaubt Matilda, dass die Grosseltern nur zu Besuch sind, und wenn sie die Worte und Handzeichen von Fabio und Lucía richtig gedeutet hat, würde sie später das Zimmer bekommen, das jetzt mit Plastikfolien ausgelegt ist. In der Mitte des Raums steht noch eine Leiter, auf dem Boden sind Farbtöpfe, Rollen und Pinsel aufgestapelt. Lilafarbene Wände, in der Ecke ein eingebauter Schrank. Ihr eigenes Zimmer. Sie würde zwei gelbe Sterne an die Fensterscheibe kleben, und niemand würde die Sterne je wieder entfernen.

An der Zimmerdecke verlaufen zwei Risse, die aussehen wie Schienen.

Folge 15

Es klopft. Die Tür geht langsam auf und Oma tritt ein. Sie geht durchs Zimmer bis zum Fenster, zieht die Vorhänge auf und sagt etwas, das freundlich und wie Guten Morgen klingt. Dann setzt sie sich neben Matilda aufs Bett. Sie trägt andere Kleider als am Vortag – eine weisse mit bunten Blumen bestickte Bluse und einen dunklen Rock, der ihr knapp über die Knie reicht – und auf ihrem Schoss liegt ein dickes Buch, das sie jetzt aufschlägt. Matilda richtet sich auf, rutscht näher an Oma heran. Es ist ein Fotoalbum. Die leeren Zwischenblätter, die die Fotografien schützen, knistern leise, wenn Oma sie umblättert. Das Mädchen mit der Angelrute sieht aus wie sie selber, sie schaut genauer hin, nein, das ist nicht sie. «Lucía», lacht Oma und zeigt mit dem Finger auf das nächste Bild. Die Geschichte, die sie dazu erzählt, versteht Matilda nicht, aber das ist nicht wichtig. Sie mag es, so dazusitzen und zuzuhören. Nachdem sie das ganze Album durchgeblättert und sich alle Fotos angeschaut haben, erhebt sich Oma vom Bett. Sofort fasst Matilda nach ihrer Hand, sie soll hierbleiben, nicht aus dem Zimmer gehen. Matilda weiss nicht, wie hier ein Tag beginnt. Oma schaut zu ihr herunter, drückt ihre Finger. Dann zeigt sie auf Matildas Koffer, sagt etwas. Matilda nickt, ja, sie würde mit Oma ihre Sachen auspacken. Gestern hat sie nur den Schlafanzug und den braunen Stoffhasen aus dem Koffer gezogen, eine Zahnbürste hat sie von Lucía bekommen. Matilda kniet sich auf den Holzboden und klappt die schweren Kofferhälften auseinander. Sofort strömt ihr der Geruch von Ritas und Andreas’ Haus entgegen. Genauso riechen normalerweise ihre Kissen, ihre Kleider. Sie nimmt einen Pulli aus dem Koffer, reicht ihn Oma, die mit den Fingern vorsichtig darüberstreicht, etwas erzählt, ihn hinter sich aufs Bett legt und dann ihre Hand nach dem nächsten Kleidungsstück ausstreckt. Matilda reicht ihr den Kapuzenpulli, den sie mit Papa und Tobias in der Stadt ausgesucht hat. Papa hätte ihr den Pulli wahrscheinlich nicht gekauft, denn das schwarze Einhorn hatte ihm nicht gefallen. Doch noch bevor Papa hatte widersprechen können, war Tobias damit zur Kasse gegangen.

Die Sonne scheint zum Fenster herein. Bei Verenas Mütze, den Skisocken und Strumpfhosen schüttelt Oma lachend den Kopf und legt die Sachen auf einen anderen Stapel. Von Rita weiss sie, dass es in Mexiko keinen Winter und keinen Schnee gibt. Schade eigentlich. Sie mag es, wenn es schneit.

Später essen sie zum Frühstück Rührei und flaches Brot, das ein wenig wie ein Pfannkuchen aussieht. «Tortilla», sagt Lucía. Opa greift in der Früchteschale nach einer gelben Frucht, «Mango», erklärt er. Matilda zeigt auf den Krug, «Jugo», sagen Opa, Oma und Fabio gleichzeitig. Alle lachen, während Lucía Matilda einschenkt. «Jugo», wiederholt Matilda in Gedanken das neue Wort. Daniel trinkt aus einer Schnabeltasse warme Milch, und sie spürt, dass er sie nicht aus den Augen lässt.

Das Hupen des Taxis, das zwei Tage später vor dem Tor steht, macht Matildas stille Hoffnung, Oma und Opa würden vielleicht doch noch länger bleiben, zunichte. Obwohl sie nichts von dem versteht, was um sie herum gesprochen wird, hat sie schnell begriffen, dass heute Oma und Opas letzter Tag bei ihnen ist. Beim Frühstück hat sie kaum etwas heruntergebracht. Jetzt drängt Opa seinen Kugelbauch an Fabio und ihr vorbei durchs Tor, streicht ihr dabei noch einmal über den Kopf, hebt den Koffer ins Taxi und öffnet die Beifahrertür. Auch Oma steigt ins Auto, kurbelt das Fenster herunter, winkt ihnen zu. Dann fährt das Taxi los und verschwindet um die Ecke. Fabio schliesst das Tor, bleibt neben ihr stehen. Matilda dreht sich um. Die Wohnung liegt auf der linken Seite der kleinen Gasse, in der keine Autos fahren und die auf beiden Seiten mit einem Tor abgeschlossen ist. Lucía nennt die Strasse, in der sich unmittelbar neben der Wohnung auch ihr Atelier mit der Nähmaschine befindet, «Cerrada». Links und rechts gibt es eine Häuserzeile, dazwischen stehen überall Blumentöpfe und neben dem Brunnen, in dem kein Wasser fliesst, wächst ein Baum, dessen Äste weit über die Hausdächer hinausragen. Weiter hinten spielen Kinder. Wer nicht hier wohnt, hat keinen Zutritt, sondern muss an einem der beiden Eingänge klingeln oder so laut rufen, dass jemand aufmacht. Etwas an ihrer neuen Strasse erinnert sie an den Ausflug ins Tessin, den sie vor einigen Wochen mit Anna, Rita und Andreas unternommen hat. Sind es die bunten Hausfassaden?

Oder die vielen Blumen und Pflanzen?

«Matilda!»

Lucía tritt aus der Wohnungstür, eine rote Tasche über ihrer Schulter, Matildas Schuhe in den Händen. Sie lächelt Matilda auffordernd an. Jetzt klammert sich Daniel an Lucías Bein fest. Fabio geht an Matilda vorbei zu Daniel, hebt ihn hoch, dreht sich noch einmal zu ihr um, winkt und verschwindet mit Daniel in der Wohnung. Matilda setzt sich auf die Stufe vor dem Haus, zieht sich die Schuhe an. Sie freut sich darauf, alleine etwas mit Lucía unternehmen zu dürfen.

Langsam spazieren sie auf dem Gehsteig den blauen, roten und grünen Häuserblöcken entlang, biegen zuerst links und in der nächsten Strasse rechts ab. Zwei Frauen rufen sich über die Kreuzung etwas zu, ein Junge, der als Clown geschminkt ist, steht neben einer Autokolonne auf der Strasse und jongliert mit leeren Flaschen. Lucía winkt einem Mann zu, der an der Ecke Früchte und frisch gepressten Orangensaft verkauft. «Das ist Candido», erklärt sie.

Folge 16

Dann sammeln sich auf einmal viele Menschen um sie herum, drängen in eine bestimmte Richtung, es sieht aus wie ein Hauseingang, vorbei an unzähligen Gegenständen, die auf Tüchern am Boden ausgebreitet sind: Feuerzeuge, Unterwäsche, Schraubenzieher, Sonnenbrillen und einige andere Objekte, die Matilda nicht erkennen kann. Über mehrere lange Treppen steigen sie einen Schacht hinunter. Lucía umklammert Matildas Hand, sie gehen immer tiefer hinab. Die Luft riecht abgestanden, die vielen Stimmen hallen laut. Matilda würde am liebsten sofort umdrehen, doch Lucía zieht sie zielstrebig weiter, dann bleiben sie plötzlich stehen und ein Zug fährt ein. Jetzt versteht Matilda: Das hier ist ein unterirdischer Bahnhof. Die Schiebetüren gehen auf und ein Menschenstrom kommt ihnen entgegen, nimmt kein Ende, während Matilda von Lucía durch die Leute hindurch in den Waggon geschoben wird. Schon fährt der Zug ruckartig an, Matilda sieht nur Bäuche und Taschen, die ihr bedrohlich nah kommen. Es ist heiss, dunkel und unheimlich. Lucía steht direkt hinter ihr, hält sie an beiden Schultern fest.

Matilda ist froh, als die Fahrt zu Ende ist und sie über eine steile Rolltreppe wieder ans Tageslicht und an die frische Luft kommen. Sie stehen auf einem Platz, so gross wie mehrere Fussballfelder, der auf allen vier Seiten von lang gezogenen Gebäuden begrenzt ist. Eines davon ist eine Kathedrale mit zwei Glockentürmen. In der Mitte des Platzes steht ein Fahnenmast, der in den Himmel ragt. Autos hupen und Passanten rufen laut durcheinander. Matilda schaudert: Wie leicht man sich hier verlieren könnte. Sie lauscht Lucías Erklärungen, klammert sich an ihrem Unterarm fest. Dann überqueren sie den Platz und biegen in eine Seitenstrasse mit vielen Geschäften. Matilda lässt sich mitziehen, bis Lucía schliesslich stehen bleibt vor einem der vielen Schaufenster, in dem Faltenröcke, Blusen und Hemden ausgestellt sind. Sie zeigt auf die Schaufensterpuppe, sagt etwas, stösst die Tür auf. Ein Glöckchen ertönt und erinnert Matilda an letztes Weihnachten, als sie mit Papa bei Verena eingeladen war. Sie hatte auf dem Flur warten müssen, bis Verena mit der Glocke geläutet hat. Dann erst durfte sie mit Papa das Wohnzimmer betreten, wo am Weihnachtsbaum schon die Kerzen brannten. Verena, ihr Mann und Luke, der Hund, hatten neben dem Baum gestanden.

Gut möglich, dass Lucía hier Stoff kaufen will für die Kleider, die sie zuerst auf Papierbögen zeichnet und dann näht. Lucía hat ihr einige von ihren Skizzen gezeigt und ihr gestern ein zweites Oberteil wie das hellblaue, das sie so gerne trägt, angefertigt. Matilda hat zuerst nur daneben gesessen, ihr aufmerksam zugeschaut und dem gleichmässigen Rattern der Nähmaschine gelauscht, bis Lucía ihr zu verstehen gegeben hat, sich auf ihren Schoss zu setzen und selber zu nähen, während sie mit dem Fuss das Pedal bedienen würde. Es war ganz einfach gewesen, und die Nadel konnte von allein auf und ab springen.

Eine Verkäuferin unterhält sich mit Lucía, blickt dabei immer wieder prüfend zu Matilda. Auf einmal tritt sie mit einem Messband an sie heran. Dann greift sie auf einem der Gestelle nach einem verpackten, blauen Stoffbündel, zieht es aus der Plastikfolie, faltet das Bündel auf. Der Rock aus dem Schaufenster. Sie hält ihn vor Matildas Bauch, wendet sich an Lucía. Diese nickt, nimmt den Rock, sagt etwas und bedeutet Matilda, in den Rock hineinzusteigen. Matilda will nicht. Doch Lucía lässt nicht locker, redet energisch auf Matilda ein, zeigt ihr die Fotos an den Wänden, auf denen Mädchen diese blauen Röcke und weisse Blusen tragen. Die Verkäuferin sucht weitere Sachen heraus, legt alles auf die Verkaufstheke in der Mitte des Raums. Blusen und Lackschuhe, die überhaupt nicht zu Matilda passen. Matilda weigert sich, die Sachen anzuprobieren, sie hat ihre eigenen Kleider, möchte diese fremden Kleidungsstücke nicht haben. Zudem näht Lucía doch viel schönere Sachen. Trotzdem lässt sich Lucía einiges davon einpacken, legt mehrere Geldscheine auf die Theke und kurz darauf verlassen sie das Geschäft. Wieder klingelt das Glöckchen. An Verenas Weihnachtsabend hatte Luke später nach einer Glaskugel geschnappt, diese zerbissen und an der Schnauze geblutet.

*

Tobias schreckt hoch. Michael hat energisch das Zimmer betreten, die Vorhänge aufgezogen. Tobias blinzelt, hält sich mit der Hand die Augen zu. Das Sonnenlicht, das ins Zimmer fällt, ist viel zu hell. «Was soll das, Michael?»

«So geht das nicht, Tobias. Du kannst dich nicht tagelang im Schlafzimmer verschanzen. Frau Siegenthaler hat soeben wieder angerufen. Deine Krankschreibung ist letzte Woche abgelaufen. Du wirst bei der Arbeit erwartet.»

«Lass mich allein», zischt Tobias, dreht sich auf den Bauch und vergräbt sein Gesicht im Kissen. Michael setzt sich neben ihn aufs Bett. Dann spürt Tobias Michaels Hand auf seinem Rücken. Darunter kribbelt es, plötzlich spürt er eine Wut, die sich unter dieser warmen Stelle zusammenbraut, am liebsten möchte er Michaels Hand wegschlagen, ihn anschreien.

«Ich weiss doch, was du durchmachst, Tobi», flüstert Michael auf einmal sanft. «Aber du wirst dich nicht besser fühlen, wenn du dich komplett vom Leben abschirmst.» Tobias dreht sich um, setzt sich auf. Seine Wut verwandelt sich in Hass. Wie kann Michael weitermachen, als sei nichts gewesen?

Folge 17

Sein Körper zittert, er will diesen Hass aus sich herausschreien, auf etwas einschlagen. Michael weicht instinktiv vor ihm zurück.

«Du hast keine Ahnung, wie es mir geht.»

Michael steht auf. «Verdammt, dann sag es mir.»

«Du wirst es sowieso nicht verstehen.»

«Tobias, du bist ein Idiot. Ich kann es nicht anders sagen. Schau dich um. Ich bin der einzige Mensch, der noch zu dir hält. Aber wenn du mich weiterhin wie Dreck behandelst, bin auch ich bald weg. Du weisst, wie nah ich deinem Bruder und Matilda gestanden habe. Du weisst es ganz genau. Glaubst du, ich vermisse die beiden nicht? Meinst du tatsächlich, ich sei nicht verzweifelt darüber, dass Matilda nicht bei uns ist? Hör auf, dich selbst zu bemitleiden und mich mit deinen Worten zu verletzen. Es geht hier nicht nur um dich. Wir sind zu zweit und ich dachte immer, dass wir füreinander da sind. Du für mich und ich für dich.»

Beim Verlassen des Zimmers schlägt Michael die Tür hinter sich zu. Tobias fegt mit der Hand die Lampe und den Bücherstapel vom Nachttisch, übertönt den Lärm mit einem Schrei. Kurz wünscht er sich, dass er und Michael kein Paar wären, vielleicht wäre Matilda dann noch hier. Er schlägt mit der Faust gegen die Wand, immer wieder, bis er endlich den Schmerz spürt.

Die Haustür fällt ins Schloss. Tobias bricht in Schluchzen aus, rollt sich zusammen. Nach einer Weile entweicht die Anspannung langsam seinem Körper. Jetzt weiss er, dass der Hass nicht Michael, sondern ihm selber gilt: Er hasst den Menschen, zu dem er geworden ist.

Tobias tigert in der Wohnung umher. Er geht von der Küche ins Wohnzimmer, von dort auf den Balkon, starrt einen Augenblick auf die Nachbarskinder, die im Innenhof Dreirad fahren, doch er hält ihre Stimmen und ihr fröhliches Rufen nicht aus, geht zurück ins Schlafzimmer, um sich kurz darauf wieder in der Küche vorzufinden. Wo steckt Michael? Er schaut auf die Backofenuhr. Es müssen mehrere Stunden vergangen sein, seit Michael die Wohnung verlassen hat.

Vor der Kommode im Wohnzimmer bleibt er erneut stehen. Sein Blick bleibt an zwei gerahmten Fotos hängen. Er sieht sie zum ersten Mal. Wie ist es möglich, dass er sie bisher übersehen hat? Er nimmt die zwei kleinen Rahmen in die Hand, dreht sie um.

Michael muss die Fotos extra in einem Fachgeschäft haben rahmen lassen. Das eine Bild zeigt Pascal mit Matilda auf dem Arm, als sie etwa zwei Jahre alt war. Tobias hat das Foto nach einem Besuch im Zoo gemacht. Das andere zeigt Michael, Matilda und ihn in einer Umarmung. Unten rechts ist Pascals Fussspitze zu erkennen, er trägt seine geliebten, dunkelgrünen Turnschuhe.

Tobias erinnert sich nicht an den Moment der Aufnahme, aber es ist leicht zu erkennen, wie glücklich sie in dem Moment alle waren. Dieses Glücksgefühl scheint ihm nun unerreichbar weit entfernt.

Mit dem Rücken an der Wand lässt er sich zu Boden gleiten, das Foto noch immer in der Hand. Wenn er nur wüsste, wohin mit diesem brennenden Schmerz, der hässlichen Wut, die in ihm schlummert.

Doch er will diesen Gefühlen keinen Platz mehr geben. Er wird sich jetzt zusammenreissen, das Haus verlassen und im Juno, dem Restaurant, in dem sie sich früher am Feierabend oft getroffen haben, nach Michael suchen. Er will Michael nicht verlieren. Er fasst sich in die Haare, schaut an sich herunter. Auf einmal schämt er sich, nicht mehr zu wissen, wann er zum letzten Mal unter der Dusche gestanden hat. In einer halben Stunde sollte es zu schaffen sein: Er würde duschen, sich frisch anziehen und aus dem Haus gehen, um Michael zu suchen.

Michael sitzt an der Bar. Erleichtert legt Tobias die Hand auf seine Schulter. «Ich habe gehofft, dass ich dich hier finden würde.» Michael dreht ihm den Kopf zu, zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts.

«Komm, lass uns nach Hause gehen», versucht es Tobias noch einmal.

Michael stösst einen Seufzer aus, schüttelt den Kopf. «Damit du mich anschweigst? Mich anbrüllst? Oder mir zu verstehen gibst, dass du mich nicht mehr erträgst?»

Tobias schaut vor sich auf die Theke. «Es tut mir leid, Michael. Ich weiss, ich bin abscheulich. In mir drinnen ist es so schrecklich schwarz und kalt, alles andere wird davon verdrängt. Doch vorhin habe ich die Fotos entdeckt, die du auf die Kommode gestellt hast, und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich noch immer so viel zu verlieren habe. Und dass ich dich auf keinen Fall auch noch verlieren will. Ich liebe dich. Sag mir, Michael, was kann ich tun, damit es wieder besser wird?»

«Nimm wieder am Leben teil, Tobi. An meinem, an unserem gemeinsamen Leben. Frag mich, wie es mir geht. Frag unsere Freunde, wie es ihnen geht. Unser Freund Frank ist gestorben.»

«Das weiss ich doch.»

«Du hast es zur Kenntnis genommen, ja. Aber hast du dich auch wirklich damit auseinandergesetzt?»

Tobias presst die Lippen aufeinander. Nein, natürlich nicht. Er hatte keine Kraft gehabt, um auch noch um Frank zu trauern.

«Geh wieder arbeiten», fährt Michael fort.

Folge 18

«Such dir eine neue Stelle, wenn dich die alte zu sehr an früher erinnert. Wir können umziehen, wenn dir das hilft, können gemeinsam eine Therapie machen, um mit dem, was passiert ist, klarzukommen. Ich weiss auch nicht, vielleicht sollten wir für einen Marathon trainieren, Berge hochklettern, Schach spielen oder uns für den WWF engagieren. Es wird hart, bestimmt. Aber du musst Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinden. Und ich ja auch. Wir müssen das schaffen, dir, mir, aber auch Matilda zuliebe. Dann schreiben wir ihr ganz viele Briefe und erzählen von unserem Leben. Sie trifft schliesslich keine Schuld, sie muss wissen, dass wir an sie denken, dass sie noch immer Teil unserer Familie ist. Was passiert ist, ist schwer. Schrecklich schwer. Aber es ist nicht das Ende.»

«Kannst du mich in den Arm nehmen?»

Michael drückt Tobias an sich. «Du riechst gut», sagt er nah an seinem Ohr. «Versprichst du mir, dass du dich nicht mehr verkriechst?»,

«Bleib bei mir», stösst Tobias hervor und krallt seine Finger in Michaels Rücken. «Ich werde mir Mühe geben, ich verspreche es dir.»

«Wirst du Zettel für den WWF verteilen?», lacht Michael leise.

Tobias hebt seinen Kopf, schaut Michael von der Seite an.

«Alles, was du willst.»

*

Daniel rennt lachend aus der Küche, Fabio hinterher. Längst ist es zu einem Ritual geworden, dass Daniel zuerst eingefangen und erst dann ins Bett gebracht werden will. «Ich pack dich gleich», ruft Fabio, während Daniel links ins Schlafzimmer abbiegt, um sich dort am immer gleichen Ort zwischen Wäschekorb und Kleiderschrank zu verstecken. Fabio geht an Matildas Zimmer vorbei, schaut kurz hinein. Matilda steht mit dem Rücken zu ihm am Fenster. Er hatte das Zimmer schon vor ihrer Ankunft gestrichen, doch Lucía hat darauf bestanden, noch einige Tage zu warten mit dem Einzug, damit Matilda sicher keine Giftstoffe einatmen würde. Fabio hatte diesbezüglich keine Bedenken, dennoch hat er Lucía nicht widersprechen wollen. Heute würde Matilda nun zum ersten Mal in ihrem und Daniel wieder in seinem eigenen Zimmer schlafen. Was Matilda angeht, hat Lucía das letzte Wort, Matilda ist schliesslich ihre Tochter. Aber auch er würde alles daransetzen, dem Kind ein guter Stiefvater zu sein. Lucía hatte ihm die ganze Geschichte mit Pascal oder das, was sie als die ganze Geschichte empfand, erst erzählt, als sie bereits miteinander verheiratet waren. Natürlich war es zuerst ein Schock gewesen. Nicht das Kind an sich, sondern der späte Zeitpunkt ihres Geständnisses und noch mehr die Art und Weise, wie sie darüber redete: Abgeklärt und gefasst, als habe das Kind, das sie nicht kannte und das weit weg von ihr aufwuchs, nichts mit ihr zu tun. Die Nachricht von Pascals Tod hatte sie sichtlich verstört, aber auch ihre Entschlossenheit geweckt. Sie hatte seine Unterstützung, klar, aber er weiss, sie hätte es auch alleine durchgezogen. Sie hatte keine Sekunde gezögert, in die Schweiz zu reisen, um nach ihrer Tochter zu suchen. Und Fabio hat den Eindruck, dass mit Matilda auch ein Teil von Lucía zurückgekehrt ist. Vielleicht reimt er sich die kleinen Veränderungen auch nur zusammen, aber er ist sich beispielsweise sicher, dass Lucía sich seitdem viel seltener über Kopfschmerzen beschwert. Auch die heftigen Träume, aus denen sie früher mitten in der Nacht hochgeschreckt ist, haben mit Matildas Rückkehr schlagartig aufgehört.

Nachdem Fabio bei Daniel das Licht gelöscht hat, hört er ein leises Schluchzen. Matilda. Er bleibt vor ihrem Zimmer stehen, blickt hinein. Sie hat sich inzwischen umgezogen, steht in einem langen Nachthemd am Fenster, die Arme hängen kraftlos am Körper herunter. «Matilda?» Sie reagiert nicht. Er tritt zu ihr, worauf sie ihr Gesicht mit den Händen verdeckt und plötzlich zu Boden sackt. Gerade noch rechtzeitig kann er verhindern, dass ihr Kopf aufschlägt. Matilda zittert am ganzen Körper. Er kniet sich zu ihr auf den Boden, hält sie fest, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. Ihr Schluchzen wird immer stärker, sie ringt nach Luft. «Lucía!», ruft Fabio. «Lucía!»

«Was ist denn los?»

«Matilda. Sie atmet nicht richtig. Ich habe gehört, dass sie weint …» Schon ist Lucía da, zieht Matilda zu sich, umarmt sie. Doch Matilda zuckt heftig zusammen und schlägt um sich.

«Matilda, mein Kind. Matilda, beruhige dich doch. Hilf mir, Fabio», fleht Lucía erschrocken. Fabio legt seine Arme um Matilda und Lucía, versucht, beide festzuhalten. Langsam beruhigt sich Matilda, die Anspannung lässt nach und ihr Körper erschlafft. Dunkel zeichnen sich die Augenringe in ihrem blassen Gesicht ab. «Ich bringe sie in unser Zimmer», sagt Fabio, schiebt seine Hände unter Matildas Kniekehlen und die Schultern und steht wankend auf. Vorsichtig trägt er Matilda ins gegenüberliegende Zimmer und legt sie auf das Bett. Lucía, die ihm gefolgt ist, deckt sie zu, legt sich daneben, summt leise ein Lied. Er verlässt das Zimmer, um sich kurz selbst zu beruhigen und in der Küche einen Tee zuzubereiten.

In der Nacht hat Matilda hohes Fieber. Lucía kühlt ihre Stirn mit einem feuchtkalten Waschlappen und versucht, ihr das durchgeschwitzte Nachthemd auszuziehen. Matildas kleiner Körper glüht.

Als Fabio unter Matildas Kleidern nach einem frischen Schlafanzug sucht, rutscht ein rotes Büchlein zwischen den Pullis heraus und fällt mit einem Umschlag und einigen Fotos zu Boden. Er hebt die Sachen auf, wobei sein Blick an einem der Fotos hängen bleibt: Matilda sitzt auf dem Schoss eines Mannes, schaut lachend zu diesem auf. Vor ihnen auf dem Tisch steht ein Kuchen mit Kerzen. Das muss Pascal sein. Ihr Vater. Wahrscheinlich an Matildas Geburtstag.

Folge 19

19 Um besser sehen zu können, stellt sich Fabio direkt unter die nackte Glühbirne, eine passende Lampe würden sie noch kaufen müssen. Doch, dieselben Grübchen in den Wangen, eine ähnliche Augenform. Er hat gedacht, Matilda sei Lucía wie aus dem Gesicht geschnitten, dabei sieht sie auch ihrem Vater ähnlich. Matilda und Pascal schauen sich auf dem Foto an, als wären sie ein eingespieltes, unzertrennliches Team. Unfassbar, was das Kind alles durchmachen muss – der Anfall vom Vorabend und das plötzliche Fieber machen auf einmal Sinn. Vielleicht wäre es gut, die Fotos einzurahmen und in ihrem Zimmer aufzuhängen, um Matildas früherem Leben auch hier, am neuen Ort, einen Platz zu geben. Er würde Lucía gleich fragen, was sie von der Idee hält. Schnell legt er das Foto ins Büchlein zurück und beides in den Schrank. Doch sein Blick bleibt an Matildas Namen hängen. «Matilda Müller» steht auf der Vorderseite des Büchleins. Komisch, bei der Schule hatten sie sie doch unter Lucías Nachnamen angemeldet. Dann greift er nach dem Schlafanzug mit den blauen Sternen und geht zurück ins Schlafzimmer. Lucía und Matilda sind eingeschlafen.

In den nächsten Tagen beobachtet Fabio, dass Lucía Matilda kaum von der Seite weicht, sie immer im Auge behält und jedes Anzeichen einer Verbesserung oder Verschlechterung kommentiert. Der Anfall hat ihnen deutlich gezeigt, wie sehr Matilda leidet. Alles, was Matilda kannte und ihr vertraut war, ist mit dem Umzug nach Mexiko verschwunden. Eine andere Familie, eine neue Sprache, andere Abläufe, fremdes Essen und neue Gerüche, die Farben, das Licht – alles ist anders und niemand ist da, der ihr früheres Leben kennt, geschweige denn, die damit verbundenen Erinnerungen teilt. Aber Lucía will keines von Matildas Fotos aufhängen. «Matilda muss zuerst bei uns ankommen und sich an die neue Umgebung gewöhnen. Fotos erinnern sie zu sehr an früher und stimmen sie traurig.»

«Das Leben besteht nun mal aus Vergangenheit und Gegenwart …», wendet Fabio ein, doch Lucía unterbricht ihn. «In einigen Monaten sieht die Situation möglicherweise wieder anders aus.»

«Warum hast du ihren Namen ändern lassen?», fragt er. «Weil sie hier einen Doppelnamen braucht.» «Genau. Den Nachnamen des Vaters und den der Mutter. Was spricht gegen Müller Gomez?»

«Erstens kann das hier niemand aussprechen, zweitens sorgt es doch nur für Verwirrung und drittens: Warum regst du dich überhaupt darüber auf? Sie gewöhnt sich doch sicherlich schnell daran.»

«Es geht um ihre Identität, Lucía.»

«Und mir geht es darum, dass sie nicht ausgelacht wird.»

Für sie ist die Diskussion damit abgeschlossen. Demonstrativ verlässt sie das Schlafzimmer.

Hinter den Wellen

1988 – 1992

«Tobias, wie schön, dass du mich besuchst!» Reto rutscht im Bett ein Stück weiter nach oben. Tobias zieht die Türe hinter sich zu. «Aufstehen kann ich leider nicht.» Schalk leuchtet in Retos Augen auf, genau wie früher. Abgesehen davon hat er sich stark verändert, ist schmal geworden, seine Gesichtsknochen treten hervor, die Lippen sind spröde und aufgerissen. Wüsste Tobias nicht genau, dass es Reto ist, der in diesem Bett ruht, hätte er ihn nicht sofort erkannt. Seit zwei Wochen liegt Reto nun in der Abteilung für Langzeitpflege in dem Krankenhaus, in dem Tobias früher gearbeitet hat.

«Es tut mir leid, Reto, dass ich erst jetzt komme. Ich habe es vorher einfach nicht geschafft.»

Reto winkt ab. «Du musst dich nicht entschuldigen, ich weiss, dass du vieles durchgemacht hast.» Seine Lippen bewegen sich kaum, wenn er spricht.

«Du doch auch», entgegnet Tobias. Kurz nach Pascals Tod vor eineinhalb Jahren ist Frank, Retos früherer Lebenspartner, gestorben. Wenig später ist bei Reto Aids ausgebrochen. Michael war auf der Beerdigung, er selber hat Franks Tod nur aus der Ferne mitbekommen, und noch immer fällt es ihm schwer, an diese schmerzerfüllte Zeit zurückzudenken. Es hat ihn viel Überwindung gekostet, seinen früheren Arbeitsort zu betreten. Nichts ist mehr wie damals, als sein Bruder noch gelebt hat, und trotzdem gibt es inzwischen Tage, an denen er wieder vorsichtig Freude empfinden kann.

«Hast du eine Wundheilsalbe? Du bist ganz rot um den Mund und deine Lippen sehen auch nicht gut aus.»

«Hier, in der obersten Schublade.»

Tobias nimmt die Tube hervor, schraubt den Deckel ab.

«Darf ich?»

Reto nickt. Vorsichtig trägt Tobias die Salbe auf.

«Schon wieder im Arbeitsmodus», sagt Reto und verzieht den Mund zu einem leichten Grinsen. «Aber jetzt setz dich zu mir und erzähl mir von dir. Was machst du so?»

Tobias setzt sich zu Reto auf die Bettkante. «Seit einem halben Jahr arbeite ich im Kinderspital Zürich. Ich habe diesen Tapetenwechsel gebraucht und die Kinder tun mir gut, ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Nach allem, was passiert ist, wäre es mir nicht möglich gewesen, hierhin zurückzukehren.»

«Wohnst du noch in Bern?»

Tobias nickt. «Immer noch im gleichen Viertel, ja. Umziehen wollte ich nicht. Wir fühlen uns wohl in der Wohnung und zu dem Preis findest du in Bern nun wirklich nichts Besseres.»

«Mit Michael zusammen?»

Wieder nickt Tobias. «Ja. Glücklicherweise hat er mich nicht verlassen, dabei hätte er viele gute Gründe dafür gehabt. Eine Zeit lang war ich sehr durcheinander und aggressiv. Besonders, als ich aus der Klinik entlassen und mir meine Nichte vollends weggenommen wurde. Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich sogar ihn für alles verantwortlich gemacht habe.»

Folge 20

«Du aggressiv? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.»

«Es war die Hölle. Bis zum heutigen Tag komme ich nicht über die Tatsache hinweg, dass man mir Matilda nach Pascals Tod nicht anvertraut hat, nur, weil ich schwul bin. Aber zumindest kann ich heute darüber reden. Ich will meine Wut in etwas Konstruktives umwandeln, verhindern, dass andere Ähnliches durchmachen müssen. Aber so ganz gelingen will es mir noch nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich zum Beispiel einem neuen Arbeitgeber verschwiegen, dass ich auf Männer stehe. Früher war ich diesbezüglich viel selbstbewusster.»

«Hast du Kontakt zu ihr?»

Tobias schüttelt den Kopf. «Wir haben ihr mehrmals geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Es ist natürlich möglich, dass die Briefe nicht in Mexiko ankommen. Aber letztlich habe ich einfach auch einen schweren Stand. Sie lebt bei ihrer leiblichen Mutter, als Onkel, dem jedes Mitspracherecht entzogen worden ist, habe ich keinerlei rechtliche Ansprüche. Ich habe zwei Menschen verloren. Dass einer von ihnen noch lebt, aber für mich unerreichbar bleibt, ist unerträglich.»

Reto legt seine Hand über jene von Tobias, schaut ihn mitfühlend an.

«Hast du, als du Frank gepflegt hast, jemals darüber nachgedacht, deinem Leben ein Ende zu setzen?», fragt Tobias.

«Du bist nicht der Erste, der mich das fragt», keucht Reto. Das Atmen bereitet ihm auf einmal Mühe. «Meine Antwort ist: Nein. Ich habe nie darüber nachgedacht, weil ich überzeugt bin, dass wir den Weg zu Ende gehen müssen. Jeder Einzelne von uns.»

«Ich bewundere deine Stärke.»

«Bald habe ich es geschafft, Tobias. Bald komme ich an.» Reto schliesst die Augen.

Tobias bleibt noch eine Weile sitzen, dann steht er auf. Er sollte wohl besser aufbrechen, sein Besuch scheint Reto zu erschöpfen.

«Bleib noch ein bisschen», bittet Reto, ohne die Augen zu öffnen. «Liest du mir etwas vor?» Tobias greift nach dem Buch mit den Kurzgeschichten, das auf dem Nachttischchen liegt.

«Hast du einen besonderen Wunsch?»

Reto schüttelt ganz leicht den Kopf und Tobias schlägt das Buch ungefähr in der Mitte auf. «Mondreise», heisst die Geschichte, die er Reto vorlesen wird. Es ist so lange her, seitdem er jemandem vorgelesen hat.

*

«Matilda blüht richtig auf», sagt Lucía nicht ohne Stolz, und ja, es stimmt: Matilda scheint in ihrem neuen Leben sehr viel schneller angekommen zu sein, als Fabio es je für möglich gehalten hätte. Fabio nimmt es mit einer Mischung aus Überraschung und Bewunderung zu Kenntnis – gleichzeitig staunt er auch über sich selber, wie leicht er sich auf das Kind, das nicht sein eigenes ist, hat einlassen können. Er ist ganz vernarrt in Matilda.

Auf seinem Weg in die Kanzlei bringt er sie morgens mit dem Fahrrad zur Schule. Sie steigt in ihrer Schuluniform, blauer Rock, weisse Bluse, auf die Fahrradstange, klammert sich am Lenker oder an seinen Armen fest. Er hängt sich ihren Schulrucksack um und sie plappert darauf los. Innert kurzer Zeit hat Matilda Spanisch gelernt. Für Worte, die sie nicht kennt, erfindet sie neue Ausdrücke, die, so vermutet er, an die deutsche Sprache angelehnt sind. Manche dieser Worte und Ausdrücke haben Daniel, Lucía und er längst in das eigene Vokabular aufgenommen. «Hase» zum Beispiel. So heisst das Stofftier, das Matilda zum Einschlafen braucht. Oder «Jugo-Pause». «Jugo­-Pause» ruft Matilda morgens jeweils wenige Minuten nach dem Aufsteigen aufs Fahrrad, was bedeutet, dass sie bei Candido an der Ecke einen frischgepressten Orangensaft trinken will. Seit er ihr am Anfang jeden Wunsch hat erfüllen wollen, ist die «Jugo-­Pause» zu einem Ritual geworden und stillschweigend auch zu einem Geheimnis zwischen ihnen. Nicht, dass Lucía, die von Matilda längst mit «Mama» angesprochen wird, etwas dagegen gehabt hätte, nein, aber es ist schön, etwas zu haben, das nur ihnen gehört. Täglich bestellen sie bei Candido ihre Getränke – sie Orange, er Karotte, trinken diese an seinem Stand, Matilda auf Candidos Stuhl sitzend, den er ihr jeweils kommentarlos überlässt. Sie plaudern und führen dann ihre Fahrt bis zur Schule fort. Dort setzt er sie ab und wartet, bis sie im Gebäude verschwunden ist. Die morgendlichen Fahrten sind seine schönsten Matilda-Momente.

«Du kannst nicht ungeschehen machen, was vorher war», sagt Fabio. Er ist immer noch überzeugt von seiner Idee. Heute hat er von seinem Arbeitskollegen erfahren, dass dessen Bruder mit einer Deutschen verheiratet ist und dass deren gemeinsame Kinder, Zwillinge in Matildas Alter, fliessend Deutsch sprechen.

«Wann vorher?», fragt Lucía.

«Bevor du dich für Matilda entschieden hast», sagt er leise und um einen versöhnlichen Ton bemüht, «hat Matilda nun einmal acht Jahre ihres Lebens ohne dich verbracht, du solltest ihr diese Zeit nicht nehmen.»

«Und was hat das mit deinem Arbeitskollegen zu tun?», fragt Lucía spitz.

«Jetzt hör schon auf! Du hast es doch längst verstanden: Seine Neffen sprechen Deutsch, Matilda spricht Deutsch. Wenn Matilda ihr Deutsch nicht praktiziert, vergisst sie es. Sie soll sich mit den beiden Kindern treffen, das ist alles.»

«Das verwirrt sie doch nur», entgegnet Lucía, «sie kann nicht gleichzeitig in zwei Welten leben, ohne Schaden zu nehmen. Abgesehen davon hat Matilda tolle Fortschritte gemacht. Schon bald wird sie fehlerfrei Spanisch sprechen. Fabio, es geht ihr gut bei uns. Warum sollten wir sie in dieser Entwicklung durcheinanderbringen?»

Folge 21

Obwohl Fabio weiss, dass es keinen Sinn hat und Lucía nicht nachgeben wird, nimmt er einen neuen Anlauf. «Ja, Matilda meistert das neue Leben grossartig, sie hat deinen starken Willen. Aber nichtsdestotrotz liegen ihre Wurzeln nun mal anderswo.»

Lucía schiebt den Stuhl zurück, greift nach den beiden Teetassen und schmettert diese in die Spüle. «Du täuschst dich, Fabio. Matildas Wurzeln liegen hier, genau hier.» Sie dreht den Wasserhahn auf, nimmt den Lappen und putzt den Tisch, der überhaupt nicht schmutzig ist, hört nicht auf damit. Fabio steht auf, stellt das Wasser ab und setzt sich wieder hin. Sie wartet darauf, dass er etwas sagt, er weiss genau, dass sie es nicht ausstehen kann, wenn er sich mitten in einer Diskussion ausklinkt. Doch er schweigt und wie erwartet schmeisst sie nun auch noch den Lappen in die Spüle und verlässt die Küche. Er geht ihr hinterher. «Was wäre ohne Pascal gewesen? Und was, wenn er nicht gestorben wäre?»

Noch bevor er zu Ende gesprochen hat, weiss er, dass er eine Grenze überschritten hat. Lucía dreht sich zu ihm um, Tränen stehen in ihren Augen. «Entschuldige, bitte», sagt er und greift nach ihrer Hand, doch sie zieht diese sofort zurück. «Der Platz auf dem Richterstuhl steht dir nicht zu», faucht sie, verschwindet im Schlafzimmer und schliesst die Tür hinter sich. Er hört ihr Schluchzen, hört, dass sie sich aufs Bett fallen lässt. Was er gesagt hat, tut ihm leid. Sie hat recht, es ist nicht an ihm, über ihre Entscheidung von damals zu urteilen, zumal er die genauen Umstände noch immer nicht kennt. Aber er findet es einfach unmöglich, dass Matildas Vergangenheit kein Platz eingeräumt wird. Lucía und ihre Eltern feiern ihr Glück über die Rückkehr der verlorenen Tochter und Enkelin, ganz so, als wäre sie der Familie vor Jahren entrissen worden. Dabei hatte Lucía die Verantwortung nicht übernehmen wollen. Zweifelsohne gibt sie jetzt ihr Bestes, sie ist sowohl Daniel wie auch Matilda eine liebevolle Mutter, aber die Entscheidung, das Kind nach Mexiko zu holen, darf nicht zur Folge haben, dass man Matilda ihre Vergangenheit in der Schweiz nimmt.

*

Matilda legt sich zu Papa ins Bett. Sie hat ihre eigene Decke mitgebracht, denn heute ist Sonntag, sie müssen nicht aufstehen, sich nicht beeilen. Matilda liebt die Sonntage, wenn sie bis um zehn Uhr liegen bleiben können. Obwohl sie es selten lange ruhig im Bett aushält, ohne dass Papa ihr eine Geschichte vorliest oder sie einander von ihren Erlebnissen der Woche erzählen. Manchmal, wenn das Wetter schlecht ist, zieht sich Matilda nicht um, sondern trägt den ganzen Tag lang den Schlafanzug. Es gibt kaum etwas Schöneres.

Papa ist vorher für einen kurzen Moment aufgestanden, hat eine Kassette eingelegt, die sie nicht kennt. Es rauscht, doch Papa scheint sich nicht daran zu stören, hin und wieder sind unterschiedliche Stimmen zu vernehmen, aber sie versteht nicht, was gesprochen wird. Papas Augen sind geschlossen, er atmet gleichmässig und laut. Sie schmiegt sich an ihn, fährt mit der Hand über seine stacheligen Wangen und sein Kinn. Vielleicht darf sie ihm nachher beim Auftragen des Rasierschaums helfen. Sie ist glücklich. Jetzt dreht er sich auf die andere Seite und ihr den Rücken zu. «Matilda bitte, nur noch zehn Minuten.»

«Matilda. Matilda!»

Das ist nicht Papas Stimme. Matilda öffnet die Augen. Mama beugt sich zu ihr herunter und küsst sie auf die Stirn. Dann kneift sie Matilda lachend in den Arm. «Dich bekommt man heute ja fast nicht wach. Aufstehen, Schlafmaus, sonst kommst du zu spät in die Schule», sagt Lucía und zieht die Vorhänge zurück. «Daniel sitzt längst beim Frühstück.» Matilda blinzelt, versteckt sich unter der Decke. Sie schliesst noch einmal die Augen und versucht, die Traumbilder von Papa festzuhalten. Es ist das erste Mal für Matilda, dass Mama und Papa einander so nah gewesen sind und das Wort des einen das Wort des anderen abgelöst hat.

«Matilda, hilfst du mir mit dem Kuchen?», fragt Oma. Sie verbringen das Wochenende im Haus der Grosseltern in Puebla, um dort Daniels vierten Geburtstag zu feiern. Opa, Lucía und Fabio sind in ein Gespräch vertieft, und Daniel ist mit den Bauklötzen beschäftigt, die er geschenkt bekommen hat. Matilda folgt Oma in die geräumige Küche. So sehr sie Oma und Opa auch liebt, so wenig kann sie sich mit deren Haus anfreunden. Sie mag den langen Flur mit den vielen Türen nicht, hier muss sie immer an das Haus von Anna, Rita und Andreas denken. Es kommt ihr manchmal vor, als würde sie Rita plötzlich zum Mittagessen rufen hören oder Anna über den Flur huschen sehen. Das verunsichert sie. Der einzige Raum, in dem sie sich wohlfühlt, ist Mamas früheres Zimmer. Die Wände sind gelb gestrichen und das grosse Fenster reicht bis zum Boden. Es lässt sich zum Garten hin öffnen, der sich im Hinterhof des Hauses befindet. Auf einem Regal stehen Puppen und Plüschtiere, mit denen Lucía früher gespielt hat.

Matilda macht den Kühlschrank auf und nimmt die Kartonschachtel mit der aufgedruckten Abbildung der Konditorei heraus. Oma schiebt die beiden Schüsseln, die auf dem Tisch stehen, beiseite und zeigt auf die freie Stelle. Da sie für den Abend noch weitere Gäste erwarten, hat Oma bereits einige Gerichte vorbereitet. Tomatenreis, Guacamole, gefüllte Chilis und Milchreis. Matilda stellt die Schachtel auf den Tisch, Oma reisst den Karton seitlich auf und ein runder, zweischichtiger Kuchen kommt zum Vorschein. Unten Schokolade, oben Flan, bedeckt mit Karamellsauce.

Folge 22

Ihr Lieblingskuchen, Helle Nacht, den Michael immer für sie gebacken hat! Unglaublich, dass es diesen Kuchen nicht nur in der Schweiz, sondern auch hier in Mexiko gibt. Matilda holt Luft, um ihrer Oma zu erzählen, dass sie diesen Kuchen von früher kennt, doch noch bevor sie zu reden anfängt, verschwindet auf einmal dieses warme, schöne Gefühl und sie spürt einen stechenden Schmerz im Bauch. Matilda drückt mit der Faust dagegen, doch der Schmerz verschwindet nicht.

Oma hebt die Torte auf eine Platte. «Ist toll geworden, findest du nicht auch?»

Matilda zieht die Schultern hoch, sie bringt kein Wort hervor. Sie denkt an Michael und Tobias’ Küche, an den Barhocker, auf den sie sich jeweils gesetzt hatte, um Michael beim Kochen zuzuschauen, an den Esstisch auf dem Balkon. An Papa.

Mit zitternden Händen steckt sie die vier langen, dünnen Kerzen, die Oma ihr herüberreicht, in die weiche Masse. Dabei spürt sie Omas Blick. «Du bist so still, mein Kind», sagt diese dann. «Ist etwas?» Matilda schüttelt den Kopf. «Gut, dann wollen wir mal.» Oma schiebt beide Hände unter die Kuchenplatte, balanciert sie in Richtung Tür, stösst mit den Rücken die Pendeltür auf und verschwindet aus der Küche. Die Türhälften schwingen quietschend hin und her. Matilda sieht Oma, sieht Daniel, der jetzt neben ihr am Tisch steht, dann sieht sie nichts mehr. Sie dreht sich um und bricht die Kerze, die übrig geblieben ist, entzwei. Die beiden Hälften baumeln, durch den Docht noch immer verbunden, zwischen ihren Fingern. «Matilda», ruft Opa mit seiner lauten Stimme, «wir sind so weit!». Selbst wenn er es möchte, kann Opa nicht leise sprechen, seine Stimme lässt es nicht zu. Einmal hat sie ihn zum Spass gefragt, ob er ihr etwas in Ohr flüstern kann, und selbst da hat er so laut gesprochen, dass es alle um sie herum hören konnten.

Zögernd tritt Matilda aus der Küche. Oma und Opa haben ihre Arme ineinander verschränkt, stimmen das Geburtstagslied an und wiegen sich im Takt ihres Gesangs. Jetzt klettert Daniel auf den Stuhl, greift nach dem Kuchen. Mama zieht seine Hand zurück, «Nicht so schnell, mein Schatz», sagt sie und steckt Daniel seine Finger, an denen Karamellsauce klebt, in den Mund. Auch Fabio legt die Zeitung beiseite und setzt sich neben Matilda an den langen Tisch. Sie singen ein zweites Mal das Geburtstagslied. Daniel singt laut mit, bevor er die Kerzen auspustet. Feine Rauchlinien schlängeln nach oben, lösen sich auf. Mama küsst Daniels Nacken. «Vier Jahre, unglaublich, wie die Zeit vergeht», murmelt sie. Oma holt in der Küche ein Messer, schneidet den Kuchen in gleichmässige Stücke.

«Warum warst du nicht bei mir, als ich vier Jahre alt geworden bin?»

Alle schauen zu ihr, dann zu Mama. «Dein Geburtstag kommt auch bald», antwortet diese mit komischer Stimme. Sie nimmt Matildas Hand und drückt sie. «Dann feiern wir genauso schön, versprochen. Hast du dir schon Gedanken gemacht, welche deiner Freundinnen du einladen magst?»

«Wer trinkt Kaffee?», fragt Oma und schiebt Matilda schnell ein Tellerchen mit einem Stück Kuchen zu. «Nimm, mein Mädchen.»

Matilda schüttelt den Kopf, sie will keinen Kuchen.

*

Rodolfo tritt aus dem Haus. «Darf ich mich zu dir setzen?»

Fabio nickt, zeigt mit dem Kopf auf den freien Stuhl neben ihm. Er hat sich in den Garten zurückgezogen, um vor dem Schlafengehen ein letztes Bier zu trinken. Eigentlich wäre er lieber allein. «Eine schöne Feier, oder?», nimmt sein Schwiegervater das Gespräch auf.

«Ja», antwortet Fabio. Wie die Jahre zuvor haben seine Schwiegereltern die ganze Familie und all ihre Freunde zu Daniels Geburtstag eingeladen. Ihm ist der Trubel immer zu viel, aber jetzt hat er anderes im Kopf, will nicht über die Feier reden, auch nicht darüber, was dieser und jener von Rodolfos Freunden nach der Pensionierung mit seinem Leben anstellt. «Wie war das damals, als Lucía mit Matilda schwanger war?», fragt er. Es ist das erste Mal, dass er Rodolfo darauf anspricht. In Lucías Familie schaut man nicht zurück, und noch weniger spricht man darüber, was schiefgelaufen sein könnte. Es zählt nur die Gegenwart. Wie nah sich Lucía und ihre Eltern auch sind, er hat noch nie mitbekommen, dass sie sich über etwas wirklich Persönliches unterhalten hätten. Rodolfo erhebt sich von seinem Stuhl. «Rodolfo?», fragt Fabio irritiert.

«Ich hole mir jetzt erst einmal ein Bier. Willst du auch noch eins?»

«Meins ist noch fast voll, danke.» Direkt neben dem Hauseingang befindet sich ein Minikühlschrank, der nicht nur wegen der Party mit Bierflaschen gefüllt ist. Rodolfo stützt sich nach vorne gebeugt auf den Kühlschrank, zieht eine Flasche heraus.

«Du kannst die Dinge nicht ruhen lassen, stimmt’s?», fragt er, lässt es aber nicht wie eine Frage, sondern wie eine Diagnose klingen.

Sein Blick gleitet suchend über den Gartentisch. «Gib her», sagt Fabio und öffnet Rodolfos Flasche mithilfe seines Feuerzeugs.

«Hätte ich von der Schwangerschaft gewusst, wäre ich für einen Abbruch gewesen. Lucía war sehr jung, selber noch fast ein Kind …»

«Sie war vierundzwanzig!», fällt er seinem Schwiegervater ins Wort, entschuldigt sich aber gleich dafür. Er muss sich zurückhalten, sonst wird Rodolfo nicht weitererzählen. In Rodolfos Augen ist seine einzige Tochter bis heute das kleine Mädchen von früher.

Folge 23

«Dreiundzwanzig, ja, aber sie war nicht verheiratet», fährt Rodolfo fort.

«Ist das so wichtig?»

«Was willst du, Fabio? Wirfst du mir etwa vor, ich würde Matilda zu spüren geben, dass sie ein uneheliches Kind ist? Ich liebe sie abgöttisch.»

Fabio schüttelt den Kopf. «Nein, das mach ich doch gar nicht. Wir alle haben Matilda ins Herz geschlossen, du und Rosalia genauso wie Lucía, Daniel und ich. Sie ist ein tolles Kind.»

»Und sie ist Lucía so ähnlich», bemerkt Rodolfo, «sowohl äusserlich als auch in ihrem Charakter. Manchmal denke ich, sie ist eine Kopie ihrer Mutter.»

Fabio zwingt sich, tief durchzuatmen. Er hofft, dass es auf den Alkohol zurückzuführen ist, dass sich sein Schwiegervater zu so dummen Behauptungen verleiten lässt. Es ist ungeheuerlich.

«Weisst du, es geht hier gar nicht um mich», sagt Fabio so ruhig wie möglich, «es ist vollkommen unwichtig, ob ich die Dinge ruhen lassen kann oder nicht. Matilda wird es nicht können. Und wenn ich dir eins versichern kann, dann dies, dass du dieses Gespräch ein zweites Mal führen wirst. Mit Matilda. Irgendwann wird sie dich nach ihren Anfängen fragen. Matilda ist kein Abbild von Lucía, ihr Leben ist um einiges komplizierter als es Lucías‘ in dem Alter war. Tag für Tag ist sie damit konfrontiert, eine Vergangenheit, die hier niemand kennt, in die Gegenwart einzubinden. Anstatt sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen und zu begleiten, blockt ihr ab, wo ihr nur könnt. Jede Frage wird sogleich im Keim erstickt und ihr früheres Leben in der Schweiz einfach totgeschwiegen. Sogar ihren früheren Namen hat man ihr genommen. Matilda hatte einen Vater, eine Familie, Herrgott noch mal. Ich an Matildas Stelle wäre vermutlich viel wütender, unangepasster.»

Eine Weile ist es still. «Du tust deiner Frau …», Rodolfo räuspert sich, «du tust deiner Frau Unrecht, mein Sohn. Lucía hat das Kind zu sich geholt. Sie nimmt ihre Verantwortung wahr, indem sie Matilda eine gute und fürsorgliche Mutter ist. Ungeschehen machen, was geschehen ist, liegt fernab unserer Möglichkeiten. Man kann diese Tatsache bedauern oder nicht. Dass Matildas Vater gestorben ist, tut mir leid, obwohl …»

Mitten im Satz bricht Rodolfo ab. «Obwohl was?», fragt Fabio. Auf einmal fühlt er sich erschöpft. «Obwohl ich mit ihm noch eine Rechnung offen hatte», grinst sein Schwiegervater und klopft Fabio auf die Schulter. «Genug jetzt, lass uns nicht streiten.» Er hält die Flasche in die Höhe. «Auf Matilda und auf das Leben, das uns dieses wundervolle Kind geschenkt hat!»

«Auf Matilda», entgegnet Fabio und prostet seinem Schwiegervater zu.

*

Seit Tobias wieder mit dem Joggen angefangen hat, wählt er immer die gleiche Runde der Aare entlang. Je nach Tagesform und Zeit überquert er den Fluss bei der ersten oder der zweiten Brücke, läuft auf dem gegenüberliegenden Aareufer zurück.

Er mag es, nach Veränderungen Ausschau zu halten, so könnte er heute beispielsweise schwören, dass die grellen Graffiti auf der anderen Seite des Flusses vor zwei Tagen noch nicht da gewesen sind. Beim Zurücklaufen würde er auf allfällige Farbspritzer im Gras achten. Er denkt über Michaels Vorschlag nach, Matilda in Mexiko zu besuchen. Gestern haben sie miteinander ihre Ferienpläne für den nächsten Sommer besprochen und auf einmal stand diese Idee im Raum. Bis vor einem Jahr wäre es für ihn unvorstellbar gewesen, nach Mexiko zu reisen. Denn dies bedeutete, sich erneut mit der Tatsache, seine Nichte verloren zu haben, und dem damit verbundenen Schmerz auseinanderzusetzen. Zu gross waren die Angst und das Risiko, noch einmal in eine Depression zu verfallen. Inzwischen glaubt er, besser damit umgehen zu können. Zu sehen, wie Matilda lebt und vor allem zu wissen, ob es ihr gut geht, würde ihm hoffentlich dabei helfen, Frieden zu schliessen und innerlich ganz zur Ruhe zu kommen. Bis heute träumt er nachts davon, Pascal Rechenschaft ablegen zu müssen. Der Traum wiederholt sich in unterschiedlichen Formen, endet aber immer damit, dass er seinem Bruder zu erklären versucht, warum er nicht auf Matilda aufpasst, so wie er es ihm vor langer Zeit versprochen hat. Eine Reise nach Mexiko wäre auch eine Reise auf Pascals Spuren. Er möchte verstehen, was seinen Bruder an diesem Land fasziniert hat – und er erhofft sich eine Versöhnung mit Lucía. Als sie damals in der Schweiz war, hat er sich ihr gegenüber schroff und unfreundlich verhalten. Vielleicht ist er sogar mitschuldig daran, dass sich Matilda nun nicht bei ihm meldet. Sie würden Lucía einen netten Brief schreiben und ihre Reise ankündigen müssen. Eine andere Möglichkeit, mit Matilda Kontakt aufzunehmen, gibt es nicht. Da er seit Matildas Abreise nie wieder etwas von ihr gehört hat, hat er beim Jugendamt nachgefragt, ob Angaben zu einem Wohnortswechsel vorliegen. Das Amt konnte keine Auskunft geben. Daraufhin hat Tobias sich an Pascals Freund Sergio gewandt, der ihm mitgeteilt hat, dass Matilda und ihre neue Familie noch immer an derselben Adresse wohnen würden und ihm vorgeschlagen hat, es doch nochmals mit einem Brief zu versuchen. Andreas und Rita rieten ihm, sich direkt mit Matildas Vormund in Verbindung zu setzen. Dieser wiederum hat ihm mitgeteilt, dass die Vormundschaft mit Matildas Abreise aufgelöst wurde. Faktisch ist Matilda in der Schweiz also aus allen Registern verschwunden – selbst auf der Schweizer Botschaft in Mexiko­Stadt, wo er angerufen hat, weiss man nichts von seiner Nichte. Er ist auf Lucías guten Willen angewiesen – eine Tatsache, die ihn verzweifeln lässt.

Folge 24

Aber er darf die Hoffnung nicht aufgeben, sondern muss alles daransetzen, dass diese Reise nach Mexiko stattfinden wird. Tobias überquert die Brücke, die Aare führt nur wenig Wasser, die Steine auf dem Grund sind gut sichtbar.

Da ist noch etwas, was ihn beschäftigt. Vor zwei Tagen hat ihn Samuel, ein Kinderarzt, der im Gegensatz zu ihm auch auf der Arbeit offen über seine Homosexualität spricht, zur Seite genommen und ein Informationsblatt der Zürcher Aidshilfe in die Hand gedrückt: «Suche Mitstreiter» hatte er darübergeschrieben. Samuel hat ihm dann kurz erläutert, dass er beim Ausbau eines Netzes von Begleitern für Aidskranke mithelfe. Diese bräuchten Menschen, denen sie vertrauen könnten, denn ein autonomes Leben sei für viele von ihnen nur phasenweise möglich. Tobias fragt sich seitdem, was da wohl genau gefordert und erwartet würde? Einerseits kann er sich vorstellen, sich gemeinnützig zu engagieren, fühlt sich in gewisser Weise sogar dazu verpflichtet, andererseits bereitet es ihm Angst, sich persönlich mit diesen Schicksalen auseinanderzusetzen. Gut möglich, dass ihm so eine Begleitung zu nahegehen würde. Gleichzeitig freut er sich, dass Samuel an ihn gedacht hat.

Da sind die Graffiti. Er bleibt stehen, berührt die Mauer.

Sein Atem geht schnell. Doch die Farbe ist nicht frisch, im Gegenteil, an einigen Stellen blättert sie bereits ab – er muss die Graffiti tatsächlich all diese Zeit übersehen haben. Kopfschüttelnd rennt er weiter.

*

Als Fabio die vielen Leute sieht, bereut er sein Versprechen, auf dem Nachhauseweg von Matildas Schule einen Dreikönigskuchen besorgen zu gehen. Lucía hat gehört, dass die «Rosca de Reyes» aus der «Panadería Suiza» die besten der ganzen Stadt sind. Matilda, die neben ihm steht, ist in einen Comic vertieft, und die Frau vor ihm bemerkt nicht, dass sie ihm ständig ihre prall gefüllte Tasche in den Bauch stösst. Er schaut sich um. In der Ecke steht eine Kühltruhe mit selbstgemalten Apfelbäumen und in der Glasvitrine direkt dahinter entdeckt er das Modell einer Bobbahn, auf der rote, grüne und gelbe Figürchen auf Minischlitten einen weissen Berg hinunterfahren, dann auf der anderen Seite ratternd wieder heraufgezogen werden. Hier gibt es keinen Schnee. In der Schweiz schon, denkt er, und zum ersten Mal überhaupt kommt ihm der Gedanke, dass «Panadería Suiza» mehr als nur ein Name sein könnte. Ob dieses Geschäft tatsächlich von Schweizern geführt wird? Er richtet den Blick wieder geradeaus, jetzt stehen noch drei oder vier Personen vor ihnen in der Schlange. Er hofft, vom älteren, weisshaarigen Mann bedient zu werden. Er ist der Einzige, der vom Aussehen her Schweizer sein könnte. Fabio lässt die Frau, die direkt hinter ihm ansteht, vorrücken, und schiebt Matilda an die Theke heran. «Junge Dame, Sie wünschen?», fragt der Verkäufer.

Überrascht schaut Matilda zu Fabio auf, der jetzt auf einen Kuchen mittlerer Grösse zeigt. «Den da, bitte.» Der Verkäufer wickelt den Kuchen in bedrucktes Einschlagpapier.

«Stimmt es, dass Sie aus der Schweiz kommen?», fragt Fabio. «Aus Zürich», antwortet der Verkäufer ohne aufzuschauen, «aber ich lebe schon seit zwanzig Jahren hier.» Er kritzelt einen Betrag auf einen Zettel, reicht ihn Fabio. «Zuerst an der Kasse bezahlen, dann wieder hier abholen.»

«Darf meine Tochter kurz bei Ihnen warten?», fragt Fabio. «Sie hat lange in der Nähe von Bern gelebt.»

«Sicher», brummt der Verkäufer und redet auf Schweizerdeutsch weiter. Fabio schiebt Matilda seitlich hinter den Laden tisch. «Ich bin gleich wieder bei dir.» Er spürt, dass sie ihm nachschaut, und hofft inständig, dass sie ihm nicht folgt.

Kurz darauf kommt er zurück, reicht dem Verkäufer den Zettel mit einem Stempel drauf. Matilda hält einen Schokoladenriegel in der Hand, ihre Wangen glühen. Er nimmt den Kuchen, verabschiedet sich. «Es war mir ein Vergnügen», sagt der Verkäufer auf Spanisch und lächelt Matilda zu. Sie drängen sich durch die vielen Menschen nach draussen. «Und?», fragt Fabio, «Worüber habt ihr geredet?»

«Über gar nichts», sagt Matilda. «Ich habe kein Wort verstanden. Welche Sprache hat der Mann gesprochen?»

«Deutsch», antwortet Fabio erschrocken. «So wie du früher mit deinem Papa geredet hast.»

Matilda schüttelt den Kopf. «Das stimmt nicht.»

«Erinnerst du dich denn noch daran, wie du mit deinem Papa gesprochen hast?»

«Sicher», antwortet Matilda und Fabio sieht ihr an, dass sie angestrengt nachdenkt. Noch nicht einmal zweieinhalb Jahre ist es her, seit Matilda nach Mexiko gekommen ist. Kann es wirklich sein, dass sie die Sprache schon vergessen hat? Gleich hinter dem Stand von Candido, wo er das Auto normalerweise stehen lässt, ist alles besetzt. Um diese Zeit ist es schwierig, einen freien Parkplatz zu finden. Genau deshalb ist Fabio lieber mit dem Fahrrad unterwegs. Ein weiteres Mal fährt er um den Häuserblock herum, lenkt das Auto schliesslich in die nächstgrössere Strasse, um auf der anderen Seite der Avenida nach einem Parkplatz zu suchen. Warum sich Lucía weigert, in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung einen festen Garagenplatz zu mieten, ist ihm schleierhaft, und dass der Wagen vor ihm so langsam und dazu noch halb auf der Gegenspur fährt, macht ihn ganz nervös. Er hupt einige Male, will rechts überholen, doch dann sieht er eine Parklücke und bremst ab. «Wurde auch Zeit», brummt er. Seit sie die «Panadería Suiza» verlassen haben, haben Matilda und er kaum miteinander gesprochen. Er stellt den Motor ab.

Folge 25

Matilda greift nach dem Rucksack und dem blauen Jäckchen mit dem Schulabzeichen und steigt aus. Fabio nimmt den Kuchen vom Rücksitz, schliesst das Auto ab. Sie werden ein ganzes Stück zu Fuss gehen müssen. Hier in der Nähe hat er früher gearbeitet, doch diese Gegend ruft ihm unangenehme Gefühle und Bilder ins Gedächtnis zurück.

Er berührt Matildas Arm, zeigt auf die andere Strassenseite, wo hinter einer halben Fassade eine Ruine zu sehen ist. «Dort drüben stand früher ein wunderschönes Haus.»

«Was ist passiert?», fragt Matilda. «Das Erdbeben?» Fabio nickt. «Hat Lucía dir schon mal davon erzählt?»

Matilda schüttelt den Kopf. Sie überqueren die Strasse, um sich die Fassade, die von mehreren Metallpfeilern gestützt wird, näher anzuschauen. Hinter dem zersplitterten Holz der Eingangstür lässt sich eine Treppe erahnen; an den einzelnen Mauerelementen, die stehen geblieben sind, wuchern Kletterpflanzen, dazwischen liegen Geröll und Abfall. «Das Haus ist beim grossen Erdbeben vor fünf Jahren eingestürzt. Deine Mama war damals hochschwanger.»

«Stammen die Risse in unserer Wohnung auch davon?», fragt Matilda.

Fabio nickt. Er war in der Kanzlei gewesen, als es angefangen hatte. Der Boden hatte sich wellenartig gehoben und gesenkt. Das fürchterliche Grollen hat er bis heute im Ohr. Erdbeben sind in Mexiko­-Stadt an und für sich nichts Aussergewöhnliches, er ist damit gross geworden, doch bereits in den ersten Sekunden war klar gewesen, dass dieses Beben anders war. Auch sein Bürokomplex ist damals sofort evakuiert worden, kaum unten auf der Strasse angekommen, mussten er und seine Kollegen dabei zusehen, wie das Nachbargebäude in sich zusammenfiel. Einfach so. Der Lärm, der Staub, und überall suchten und schrien die Menschen verzweifelt nach ihren Angehörigen. Es war schrecklich, auch er war wie gelähmt gewesen vor Angst, denn damals arbeitete Lucía noch nicht im eigenen Atelier, sondern in einer Schneiderei im Stadtzentrum. Während zwei Stunden, die sich wie Tage anfühlten, hatte er nicht gewusst, ob sie und ihr gemeinsames Kind noch am Leben waren. Wochenlang hatte die ganze Stadt unter Schock gestanden.

Matilda fasst Fabios Hand. «Wer hat hier gewohnt?»

Fabio zieht die Schultern hoch. «Ich weiss es nicht. Aber ich frage mich das auch jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme. Irgendwann werde ich herausfinden, wem dieses Grundstück gehört.»

*

«Es geht ja nicht nur um die Begleitung von Aidskranken», erklärt Samuel, der mit Tobias vor dem Krankenhaus an der Bushaltestelle steht. Inzwischen haben sie mindestens drei Busse, die zum Hauptbahnhof fahren, an sich vorbeiziehen lassen. «Jeden ersten Montag im Monat treffe ich mich mit einigen Freunden, um darüber zu diskutieren, was auf politischer Ebene zum Schutz von Homosexuellen gemacht werden kann.»

«Meinst du, ihr erreicht etwas?», fragt Tobias zweifelnd. Es hat ihm bisher immer widerstrebt, sich irgendwelchen Schwulengruppen anzuschliessen. Er sucht sich seine Freunde nach anderen Kriterien aus.

«Ich bin sogar überzeugt davon», versichert Samuel. «Darüber hinaus glaube ich, dass wir die Gunst der Stunde zu unseren Zwecken nutzen müssen.»

«Welche Gunst der Stunde? Seit Aids aufgekommen ist, werden Schwule doch noch viel kritischer betrachtet und stärker ausgegrenzt.» «Das mag stimmen, aber es ist nur eine Seite der Medaille. Denn gleichzeitig finden Aufklärungsarbeit und ein Austausch mit den Behörden statt. Es liegt an uns, diesen Dialog aufrechtzuerhalten und Gesetzesentwürfe anzustossen, die unsere Rechte stärken. Gerade auch im Zusammenhang mit Aids, wenn es beispielsweise um Besuchs­ und Auskunftsrechte in Krankenhäusern geht. Oder was mit den Hinterbliebenen passiert, wenn jemand stirbt.»

«Damit kenne ich mich leider ein Stück weit aus», murmelt Tobias, worauf Samuel ihn am Arm packt. «Mensch, Tobias. Das ist ja genau der Punkt. Jeder von uns kennt sich ein Stück weit damit aus. Und deshalb musst du dich mit deinem Partner unserer Gruppe anschliessen. Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt nichts – wenn wir wollen, dass sich etwas verändert, müssen wir aktiv werden. Und zwar jetzt.»

Als Tobias später im Zug nach Bern sitzt, geht ihm das Gespräch mit Samuel lange nicht aus dem Kopf.

Wahrscheinlich hat Samuel recht und es ist auch für ihn wieder an der Zeit, Farbe zu bekennen und aus der Anonymität, in die er sich nach Pascals Tod geflüchtet hat, auszubrechen. Damals an Retos Krankenbett hatte er ja selber auch davon gesprochen, seine Wut in etwas Konstruktives umwandeln zu wollen. Mit einem Gefühl von Zuversicht blickt er in die vorbeiziehende Nachtlandschaft hinaus. Seine Gedanken schweifen zu Matilda und dem Brief, den er Lucía geschrieben hat. Er kann es kaum erwarten, Lucías’ Antwort zu bekommen und mit der Reiseplanung zu beginnen.

*

Lucía sitzt auf der Stufe vor der Wohnung, raucht eine Zigarette und betrachtet die verdrehten Stämme des Feigenbaums, dessen Wurzeln die Steinplatten aufgebrochen haben. An verschiedenen Stellen zeichnen sich zwischen den Platten neue Wölbungen und Risse ab. Schon oft ist sie nachts über diese Erhebungen gestolpert, hat dabei leise geflucht. Auch die Feigen schmecken ihr nicht und trotzdem mag sie es, hier zu sitzen und den Baum anzuschauen.

Folge 26

Sie fragt sich, ob es ursprünglich ein oder zwei Bäume waren, ob die beiden Stämme, würde man sie entwirren, selbstständig wachsen könnten. Irgendwo bellt ein Hund, sofort stimmen andere Hunde ins Bellen ein. Sie stösst den Rauch aus, beobachtet, wie er sich langsam auflöst. In dieser Stadt steht alles im Dialog. Es leben so viele Menschen auf engstem Raum, dass Austausch stattfinden muss. Niemand fühlt sich durch die Anwesenheit oder den Lärm des anderen gestört. Als sie für ihre Ausbildung zur Schneiderin hierhergezogen ist, hat sie es als grosse Befreiung empfunden, endlich aus dem streng katholischen Puebla und von ihren Eltern wegzukommen. Sie liebt den Ort, an dem sie lebt.

«Lucía?»

Lucía zuckt zusammen. Monica, ihre Nachbarin, steht vor ihr. Sie hat sie nicht kommen hören.

«Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.»

«Kein Problem. Alles klar bei dir?»

«Ja, danke. Gut, dass ich dich antreffe. Ich habe nämlich ein Kleid, das mir nicht mehr richtig passt. Meinst du, du könntest dir das mal anschauen?»

Lucía geht im Kopf die Aufträge durch, die sie heute fertig nähen und abliefern muss. Das sollte zu schaffen sein.

«Passt es jetzt gleich?»

«Gegen Abend wäre mir lieber. Bist du da?»

«Ja. Komm einfach vorbei.»

«Danke, das ist lieb von dir. Und dann ist da noch etwas. Matilda hat vor einigen Tagen erzählt, dass sie demnächst wieder in die Schweiz zieht.» Lucía zieht die Augenbrauen hoch. «Oh. Hat sie das wirklich gesagt?» Monica nickt. «Stimmt es nicht? Das dachte ich mir schon.»

«Nein, das war nie ein Thema», winkt Lucía ab. «Matilda bleibt bei mir.»

«Dann habe ich sie vielleicht falsch verstanden», lacht Monica verlegen und verabschiedet sich von Lucía. Laut fällt das Gittertor ins Schloss. Monica ist längst um die Ecke verschwunden, aber ihre Worte sind immer noch da, hängen wie festgenagelt in der Luft. In der leisen Hoffnung, das Nikotin könne den Klumpen in ihrem Bauch zersetzen, zieht Lucía eine weitere Zigarette aus der Packung. «Post für Sie!», der Briefträger steht vor dem Tor, reicht ihr durch die Gitterstäbe einen Brief. Lucía erhebt sich und steckt die Zigarette in die Packung zurück. Als ihr Blick auf die vielen Briefmarken fällt, beginnen ihre Hände zu zittern.

Am Nachmittag bringt sie Daniel zu einer Freundin und holt Matilda von der Schule ab. Sie spürt die dringende Notwendigkeit, in der Nähe ihrer Tochter zu sein. «Mama, was machst du hier?», fragt Matilda erstaunt, als sie sie vor dem Schulhaustor entdeckt. «Ich habe bei der Arbeit früher Schluss gemacht. Hast du Lust, irgendwo hinzugehen, nur wir zwei?»

Matildas Gesicht hellt sich auf, ihre Augen strahlen. «Können wir zum Markt gehen, dorthin, wo wir das letzte Mal die schönen alten Knöpfe gefunden haben?», fragt sie sofort und greift nach ihrer Hand, hüpft vom einen Bein aufs andere.

«Und danach möchte ich, dass du etwas mit mir nähst.» «Gute Idee, genauso machen wir es!», lacht Lucía.

«Mama, ich freue mich so.» Lucía drückt Matildas Hand, die sich warm und weich anfühlt, und stellt erleichtert fest, dass sich die beklemmende Angst, die nach dem Gespräch mit Monica und dem Brief aus der Schweiz von ihr Besitz ergriffen hat, mit Matildas Anwesenheit sofort verflüchtigt. Sie betrachtet ihre Tochter, die sie über alles liebt, und weiss, es ist gut, wie es ist.

Lucía kniet rückwärts auf dem Beifahrersitz, Daniel quengelt und auch Matildas vorwurfsvoller Blick zeigt, dass sie genug hat von der langen Autofahrt. Beide schwitzen. Die Fussmatten sind übersät mit Kartoffelchips und Schokopapieren, eine leere Wasserflasche rollt vor und zurück. Aus dem Augenwinkel sieht Lucía, dass Fabio in den Rückspiegel schaut.

«Es dauert nicht mehr lang», sagt Lucía, kitzelt Daniel an seinen nackten Füssen. «Sobald wir ankommen, essen wir ein Eis, versprochen.» Sie setzt sich wieder gerade auf den Sitz, greift im Handschuhfach nach der Landkarte und faltet diese umständlich auseinander. Der Fahrtwind bläst ihr die Karte immer wieder ins Gesicht.

«Dreissig Kilometer bis Pie de la Cuesta», murmelt Fabio.

«Woher weisst du das?»

«Das stand doch vorhin auf dem Schild.»

«Und das sagst du erst jetzt?», seufzt Lucía, während sie die Karte zusammenfaltet. Am Vorabend haben sie sich spontan für einen Wochenendausflug an die Pazifikküste entschieden. Wenige Stunden später haben sie die schlafenden Kinder im Morgengrauen ins Auto getragen, sind dann durch die ebenfalls schlafende Stadt gefahren. Es ist immer wieder erstaunlich, wie kurz die Wege sind, wenn es keinen Verkehr gibt. Fabio hat die Lichtsignale ignoriert und Lucía hat dem Ángel de la Independencia, der von seinem hohen Sockel aus über das ruhende Häusermeer wacht, still einen schönen Tag gewünscht. Ihr Vater hatte ihr früher immer erzählt, dass der goldene Engel, der für Unabhängigkeit steht und eine Siegesstatue ist, auf die Menschen aufpassen würde, und seit der Engel das schwere Erdbeben unbeschadet überstanden hat, mag sie diese Geschichte noch lieber.

Das Meer und die Distanz zum Alltag werden ihnen bestimmt guttun. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie bei Fabio nach Eigenschaften und Gesten sucht, die sie früher bewundert und geliebt hat. Sie weiss, dass sie von ihm eine Loyalität einfordert, die sie ihm gegenüber nicht immer aufbringen kann. Die frühere Unbeschwertheit zwischen ihnen ist weg. Von Tobias‘ Brief und seinem Anliegen, Matilda in Mexiko besuchen zu kommen, hat sie ihm zum Beispiel noch nichts erzählt. Sie fürchtet sich vor seiner Meinung, die sie im Grunde genommen gar nicht hören will.

Folge 27

«Ich liebe diesen Geruch», wiederholt Fabio nun bestimmt schon zum dritten Mal. Endlich sind sie in Pie de la Cuesta, dem kleinen Ort an der Pazifikküste, angekommen, wo sie schon mehrmals ein paar Urlaubstage verbracht haben. Fabio lädt das Gepäck aus dem Kofferraum, Lucía greift nach der Tasche mit den Badesachen, streicht dabei über Fabios verschwitzten Rücken. Sein T­Shirt klebt an ihm. «Mama, wann kommt ihr endlich?», ruft Matilda ungeduldig. Dass sie das Meer zum ersten Mal sehen würde, war Fabio und Lucía bis heute Morgen nicht bewusst gewesen. Mit Daniel waren sie schon oft am Meer. «Ist es wirklich wahr, dass wir ans echte Meer fahren?», hat Matilda während der Fahrt plötzlich gefragt, als handle es sich um einen Scherz.

«Hörst du es?», fragt Lucía, legt ihre Hand ans Ohr. Das gleichmässige Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen sind ganz nah. Obwohl Lucía in Puebla, also im Landesinneren, aufgewachsen ist, sind dies die Geräusche ihrer Kindheit. Es gibt keine anderen Ereignisse oder Momente aus diesen Jahren, an die sie sich deutlicher erinnert als an die Urlaubswochen am Meer, wenn die ganze Familie auf mehrere Autos verteilt in einem Konvoi in Richtung Strand gefahren ist. Die Erwachsenen hatten, dort angekommen, zusammengesessen, Musik gespielt, dazu getrunken und getanzt, während die Horde Kinder den ganzen Tag im Wasser verbracht hatte. Die älteren Cousins mussten auf die jüngeren aufpassen – sie war die Jüngste gewesen, es hatte ihr an nichts gefehlt. Damals hätte sie sich nicht vorstellen können, nur mit ihren Eltern ans Meer zu fahren, wie schrecklich langweilig wäre das gewesen.

Matilda nickt. «Gehen wir heute noch schwimmen?»

«Sicher», lacht Lucía und stupst ihre Tochter in die Seite, «oder willst du den Nachmittag lieber im Hotelzimmer verbringen?»

Matilda verneint, zerrt Lucía die Badetasche aus der Hand und macht sich auf den Weg zum Hoteleingang. Der Boden ist sandig, knirscht unter ihren Füssen.

Kurz darauf tapsen Lucía und Matilda über die rot bemalten Holzplanken, die vom Palmengarten der Hotelanlage direkt zum Strand führen. Dann versinken ihre nackten Füsse im heissen Sand. Ruckartig bleibt Matilda stehen, lässt das Strandtuch fallen und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. «Du musst keine Angst haben», sagt Lucía, zieht Matilda leicht am Arm. Aber Matilda scheint nichts zu hören, sondern blickt angespannt auf das Wasser. Sie bleiben eine Weile nebeneinander stehen. Lucía stellt sich vor, wie es sein muss, das Meer zum ersten Mal zu sehen. Wie wunderschön, diese tiefblaue Weite, die in Himmel übergeht. Oder ist das Brechen der Wellen zu unheimlich, die Kraft, mit der das Wasser an den Strand gespült wird?

«Wo liegt die Schweiz?», fragt Matilda leise.

Lucía zuckt zusammen, sie kann sich nicht daran erinnern, wann Matilda zuletzt von ihrem früheren Zuhause gesprochen hat. Eine naheliegende Frage, auf die sie keine beruhigende Antwort weiss. Irgendwo weit, weit weg. «Hinter den Wellen, mein Schatz», antwortet sie und berührt dabei Matildas Ellenbogen. Diese blickt sie mit zusammengekniffenen Augen an. Auf einmal hellt sich ihr Gesichtsausdruck auf. «Wer zuerst im Wasser ist», ruft sie und rennt los. Lucía atmet erleichtert auf, rennt an Matilda vorbei und bleibt erst stehen, als ihre Füsse vom warmen Wasser umspült werden. Sie schaut zurück und streckt ihre Arme aus.

«Komm!»

Matilda flitzt lachend auf sie zu, Lucía fängt sie auf, dreht sich mit ihr im Kreis und lässt sich rückwärts ins Wasser fallen.

Als Fabio und Daniel wenig später oben auf der Düne auftauchen, hüpft Matilda über die weissen Schaumränder, die die zurückweichenden Wellen hinterlassen. Lucía, die Matilda vom Wasser aus im Auge behält, winkt ihnen zu.

Daniel und Fabio knien vornübergebeugt im Sand und bauen eine Burg. Lucía liegt auf der Seite ausgestreckt auf dem Strandtuch, den Kopf auf die Hand gestützt. Sie beobachtet Matilda, die mit ausgestreckten Beinen neben ihr sitzt und den Sand zwischen ihren Fingern über ihre Knie rieseln lässt. Die kleinen Muscheln, die in ihrer Hand zurückbleiben, legt sie beiseite. Sie ist braun gebrannt, die Haare sind von der Sonne heller geworden. «Mama, was ist ein Luftschloss?», fragt sie, ohne aufzuschauen. «Ein Luftschloss?» Lucía dreht sich auf den Bauch, legt den Kopf in ihre verschränkten Arme.

«Lass mich nachdenken.»

«Ihre Getränke», unterbricht ein Junge in Badeshorts und weissem Hemd ihre Gedanken und reicht Fabio eine der beiden Flaschen. Wahrscheinlich ist er der Sohn der Hotelbetreiber. Lucía setzt sich auf, nimmt die andere Flasche entgegen.

Sie prostet Fabio zu, aber dieser ist bereits wieder mit dem Ausheben des Wassergrabens beschäftigt. «Daniel, dein Hut!»

Fabio schaut auf, greift nach dem Hut, setzt ihn Daniel auf, dieser reisst sich ihn gleich wieder vom Kopf.

«Ich will nicht.» In diesem Moment tritt ein Strandverkäufer an sie heran, bindet Matilda flink ein Armband um. Lucía winkt ab, doch Fabio reicht dem Verkäufer ein bisschen Kleingeld, worauf Daniel verkündet, später auch Armbandverkäufer werden zu wollen. «Wenn du damit glücklich bist, dann gern», lacht Fabio und setzt ihm den Hut wieder auf. «Bekomme ich die Armbänder dann umsonst?», fragt Lucía.

Daniel zieht seine Augenbrauen zusammen und schüttelt den Kopf, bis der Hut nach hinten rutscht und im Sand liegen bleibt. «Das geht nicht, Mama.»

Folge 28

«Wassermelonen, süsse Wassermelonen!»

Aus der Ferne nähert sich ein weiterer Verkäufer. «Süsse Wassermelone für die ganze Familie!» Fabio bezahlt zwei Stücke, reicht eines davon Matilda, doch diese reagiert nicht.

«Matilda?»

Matilda schüttelt abwesend den Kopf.

«Ich muss Pipi», ruft Daniel.

«Gehst du?», fragt Lucía träge. Fabio legt die Wassermelone auf das Strandtuch, wischt sich den Sand von den Beinen. «Ab ins Wasser, kleiner Mann!»

«Willst du nicht ins Hotel gehen?», bemerkt Lucía. Doch Fabio beachtet sie nicht, sondern zieht Daniel an der Hand davon. Lucía schliesst die Augen. Dann eben nicht.

«Mama, schläfst du?»

«Ja», murmelt Lucía. Ihre Glieder fühlen sich schwer an. «Hilfst du mir, eine Muschelspirale zu legen?»

«Gleich.» Nur noch ein paar Minuten so liegen bleiben, kurz eindösen, doch Matilda legt sich neben sie, stupst sie ins Bein. «Wen magst du lieber, Daniel oder mich?» Lucía schlägt die Augen auf, ist wieder hellwach. «Matilda, was fragst du denn da? Ich habe euch beide gleich lieb, das weisst du doch.» Sie erschrickt selber über den harten Ton, den sie angeschlagen hat. Diese Frage trifft etwas in ihr, das sie nicht kontrollieren kann. Als würde Matilda ihr mit dieser Frage insgeheim vorwerfen, sich nicht genug anzustrengen, ihr eine gute Mutter zu sein.

«Das gilt nicht», beharrt Matilda genauso streng, «du musst dich entscheiden.»

«Das kann ich aber nicht.»

«Du musst.»

Matilda zuliebe

1993

«Warum habt ihr euch gestritten?», fragt Matilda auf dem Weg zur Schule.

«Was meinst du?», fragt Fabio zurück, obwohl er längst weiss, worauf Matilda ihn anspricht. Seit er heute aufgestanden ist, kann er an nichts anderes denken, der gestrige Streit mit Lucía war unversöhnlicher als sonst. In letzter Zeit überborden ihre Diskussionen viel zu häufig. Er tritt fester in die Pedale. Matilda schaut seitlich zu ihm auf. «Du und Mama, gestern Abend. Ich habe gehört, dass ihr euch in der Küche gestritten habt.»

«Das tut mir leid», gibt Fabio leise zu. «Wir waren uns nicht einig.»

«Worüber?»

Fabio stoppt das Fahrrad, hebt Matilda von der Stange und steigt ab. Die letzten paar Meter bis zur Schule werden sie zu Fuss gehen. «Wenn Menschen zusammenleben, gehört es dazu, dass es manchmal Streit gibt.»

«Warum?»

«Wie warum?»

«Bitte», sagt Matilda ungeduldig. «Ich will wissen, warum ihr euch gestritten habt.»

Fabio schliesst sein Rad an den Zaun. «Du lässt nicht locker, hab ich recht?»

Matilda schüttelt den Kopf. «Ist es wegen mir?»

Fabio legt seine Hände auf Matildas Schultern. «Nein, nicht wegen dir. Aber ich weiss trotzdem nicht, ob es eine gute Idee ist, dir davon zu erzählen. Es ist eine Sache zwischen deiner Mama und mir.»

Matilda schaut ihn trotzig an. «Bevor du mir nicht sagst, warum ihr euch gestritten habt, gehe ich nicht zur Schule.»

«Also gut. Dein Onkel Tobias und sein Partner Michael haben Lucía einen Brief geschrieben. Sie möchten dich hier besuchen. Lucía ist der Meinung, dass dir Gäste aus der Schweiz nicht guttun würden. Und ich glaube, dass wir das nicht für dich entscheiden dürfen. Darüber haben wir gestern gesprochen.»

«Also habt ihr euch doch wegen mir gestritten», beharrt Matilda.

«Nein, wir haben uns nicht wegen dir gestritten, wir waren uns nur nicht einig, was für dich das Beste ist; das ist nicht dasselbe.»

Matilda blickt auf ihre Füsse, schaut nicht auf.

«Möchtest du denn, dass dich Tobias und Michael hier besuchen?»

«Nein», sagt Matilda trotzig, dreht sich ab und schreitet in Richtung Schultor.

«Matilda!», ruft ihr Fabio nach. «Jetzt komm schon, verabschiede dich richtig von mir. Das ist nicht fair. Du wolltest doch, dass ich dir den Grund nenne.»

Matilda dreht sich widerwillig um, macht ein paar Schritte auf Fabio zu, küsst ihn auf die Wange und rennt über den Schulhof davon. Fabio schaut ihr nach, bis sie im Gebäude verschwindet.

«Das wäre wirklich nicht nötig gewesen», stösst Lucía nach dem Abwasch hervor. «Willst du dich etwa mit Matilda gegen mich verbünden oder was soll das?»

Das ist also der Grund für ihr Schweigen, Matilda muss Lucía von ihrer Unterhaltung erzählt haben. Er hat gedacht, Lucía würde noch immer wegen ihres gestrigen Streits nicht mit ihm reden wollen. Lucía kämpft mit den Tränen.

«Ich hatte keine andere Wahl», antwortet Fabio. «Matilda hat nicht lockergelassen. Sie hat mitbekommen, dass wir uns gestritten haben, und anlügen wollte ich sie nicht.» Er ist erschöpft, einen weiteren Streit würde er nicht schaffen, er will sich nicht auf eine Auseinandersetzung einlassen. Nicht schon wieder.

«Warum meinst du, hat Tobias den Brief an mich adressiert und nicht an Matilda?» Lucías Stimme bebt.

Fabio schweigt.

«Sag etwas», beharrt Lucía.

Doch Fabio weiss nicht, was er sagen kann, um Lucía zu besänftigen. Alles, was ihm einfällt, würde den Streit nur weiter anheizen.

Sie schüttelt energisch seinen Arm. «Jetzt sprich endlich!»

Fabio weicht zurück. «Lucía bitte, hör auf. Ich will nicht streiten. Ich kann nicht mehr.»

«Dann ist es wohl besser, du gehst.»

Fabio schaut sie erschrocken an. «Wie bitte?»

Folge 29

«Du willst nicht reden und ich kann die Dinge so nicht ruhen lassen, beim besten Willen nicht. Vielleicht können wir in drei, vier Tagen besser damit klarkommen.» Lucía klingt auf einmal sehr beherrscht.

«Wie du meinst», sagt Fabio und steht auf. Die Beine geben für einen kurzen Moment unter ihm nach, er setzt sich wieder an den Tisch, überlegt, was er tun und wohin er gehen soll. Dann steht er auf und verlässt, so schnell es seine Beine zulassen, die Küche. Er holt eine Sporttasche, stopft wahllos einige Kleider hinein, den Rasierapparat, eine Zahnbürste, schnappt sich den Autoschlüssel und tritt in die Dunkelheit hinaus.

«Ich habe die Gastfreundschaft meiner Freunde längst überstrapaziert», versucht Fabio zu scherzen, nachdem sie Matilda und Daniel ihren Entscheid, dass sich Fabio in der Nähe eine eigene Wohnung suchen wird, mitgeteilt haben. Doch er sieht Matilda an, dass sie genau weiss, dass sein Auszug von zu Hause andere Gründe hat. Ihr hat er noch nie etwas vormachen können. Sie dreht sich weinend von ihnen ab. Auch Daniel laufen Tränen über die Wangen. Fabio möchte etwas Beruhigendes sagen, den Kindern und sich selbst Mut zureden, doch die Argumente, die Lucía und ihm plausibel scheinen, taugen dafür nicht.

Tatsächlich klammert er sich an die Hoffnung, dass ihre Beziehung, die zuletzt vom Alltag oder dem, was von aussen auf sie einwirkt, schier erdrückt wurde, durch eine räumliche Trennung wieder an Tiefe gewinnen wird. Durch Distanz Nähe schaffen – das ist es, worauf er und Lucía hinarbeiten wollen. Doch noch ist es nur eine Absicht, ein Versuch, der natürlich auch scheitern kann. Anderseits ist der Ist-Zustand mit den häufigen Diskussionen und Streitereien auch keine sicherere Alternative, wenn es darum geht, ihre Beziehung zu retten.

«Wir wohnen nur in zwei Wohnungen, wir trennen uns nicht», versucht Lucía, die Kinder zu trösten. «Fabio wird oft hier sein, oder wir gehen ihn in seiner neuen Wohnung besuchen.»

Fabio zieht Daniel zu sich heran, hebt ihn auf seinen Schoss.

«Ich will aber, dass Fabio ganz bei uns bleibt», schluchzt Matilda. Lucía nimmt sie in den Arm, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. «Später vielleicht wieder, mein Liebes. Manchmal muss man einen kleinen Umweg gehen, um wieder zueinanderzufinden.»

*

Tobias starrt auf das Foto in seinen Händen. Matilda. In seinen Gedanken ist sie noch immer das kleine Mädchen, von dem er sich vor sechs Jahren vor Ritas und Andreas’ Haus verabschiedet hat, nicht die Teenagerin, die ihn hier anlächelt.

Wie sehr er sich wünscht, dass sie ihn tatsächlich anlächeln würde. Aber dazu wird es nicht kommen. Er weiss es, ohne Lucías Brief, der heute eingetroffen ist und dem sie das Foto beigelegt hat, überhaupt gelesen zu haben. Wäre sie mit einem Besuch einverstanden gewesen, hätte sie ihn angerufen und nicht in Kauf genommen, dass der Brief wochenlang unterwegs sein würde.

Er spürt Michaels Hände auf seinen Schultern. Bestimmt weiss auch Michael, dass dieser Brief nichts Gutes bedeutet. Tränen standen in seinen Augen, als er ihm das Foto von Matilda, das Tobias nun nicht mehr weglegen kann, vorhin zeigte.

Das Porträt ist wohl von einem Fotografen in der Schule gemacht worden, denn Matilda trägt eine dunkelblaue Schuluniform, sitzt an einem Pult, im Hintergrund ist eine Wandtafel zu sehen. Matildas Arme liegen verschränkt auf dem Tisch, der Kopf ist leicht zur Seite geneigt, und in ihren dunklen Locken, die ihr über die Schultern fallen, steckt ein Haarreif. In der Art, wie sie lacht, erkennt er Pascal. Ohnehin gleicht sie ihrem Vater viel mehr als früher. Sie hat seine Nase.

Nie wäre es ihm möglich gewesen, Pascals Nase zu beschreiben, doch jetzt sieht er Matildas Nase und weiss, das ist Pascals Nase. Wie eigenartig. Tobias schliesst die Augen, lehnt sich nach hinten an Michaels Oberkörper. Aus der Nase formt sich ein Gesicht, Pascals Gesicht. Das Gesicht seines Bruders, den er auch heute, sieben Jahre nach dessen Tod, so sehr vermisst. Pascal bewegt den Mund, was sagt er? «Matilda lacht»? Sagt er, «Matilda lacht»?

«Du bist ganz heiss», hört er Michaels Stimme, spürt dessen Hand auf seiner Stirn. Das Foto rutscht ihm aus der Hand, ein leises, flatterndes Geräusch, als es zu Boden gleitet.

Michael legt sich zu Tobias ins Bett, steht sogleich wieder auf.

«Du bist ja ganz nassgeschwitzt, ich bringe dir ein frisches T-Shirt.» Er hält besorgt inne. «Sag nur nicht, dass das Fieber wieder steigt.»

«Und ein neues Bettlaken, bitte», entgegnet Tobias leise.

«Es geht mir gut, Michael, mach dir keine Sorgen.»

«Gut ist anders, mein Lieber.»

Ja, das stimmt. Gleichzeitig fühlt er sich aber wirklich viel besser als gestern, als er in einer Art Fieberwahn versunken war und nur noch ganz am Rande mitbekam, was um ihn herum geschah. Michael hat sogar einen Arzt gerufen. Dieser hat ihm ein Medikament verschrieben, wodurch das hohe Fieber innerhalb kurzer Zeit sank. Auch die panische Angst, dass er erneut in einen depressiven Zustand verfallen würde, hat sich mit dem Fortschreiten des heutigen Tages glücklicherweise verflüchtigt.

Er ist traurig und gesundheitlich angeschlagen, aber trotz allem stabil genug, diesen Rückschlag aufzufangen. Lucía schreibt, Matilda habe sich gut in Mexiko eingelebt. Ein Besuch aus der Schweiz würde diesen Prozess möglicherweise durcheinanderbringen. Matilda zuliebe würde sie deshalb vorschlagen, vorerst darauf zu verzichten. Dieses «Matilda zuliebe», war, was ihn am meisten verletzte. Michael reicht ihm ein frisches, wohlriechendes T-Shirt, schaut ihn besorgt an.

Folge 30

«Ich meine es ernst, Michael. Ich komme damit zurecht. Wie fühlst denn du dich?»

«Und wenn wir trotzdem hinfliegen und einfach nach ihr suchen?»

«Das können wir nicht machen. Dadurch verlieren wir mehr, als wir gewinnen. Stell dir nur vor, man lässt uns nicht zu ihr oder Matilda will uns nicht sehen oder nimmt tatsächlich gesundheitlichen Schaden, wenn wir so plötzlich auftauchen. Da gibt es zu viele schreckliche Szenarien. Und letztlich könnte Lucía sogar die Polizei einschalten.»

«Ja, ich weiss», seufzt Michael. «Es war nur so ein Gedanke.»

«Ich habe Angst, diese Worte auszusprechen, Michael, aber vielleicht müssen wir für jetzt beide ein Stück weit loslassen und darauf hoffen, dass der Moment kommen wird, in dem sie sich wieder an uns erinnert und von sich aus den Kontakt aufnimmt.»

«Aufgeben?»

«Nicht aufgeben, nein. Aber unsere Kraft darauf verwenden, was wir tatsächlich verändern können. Ich will mich in der Aidshilfe engagieren und mit Samuels Gruppe dafür kämpfen, dass schwule Männer gleiche Rechte bekommen wie Heteros. Und ganz ehrlich: Ich muss Abstand gewinnen, sonst gehe ich drauf.»

«Ich bewundere dich, Tobi. Du bist stark geworden.»

«Ich habe einfach genug davon, mich wie ein Opfer zu fühlen, und will nicht in diesen dunklen Schmerz zurück. Wie ich das anstellen soll, weiss ich allerdings noch nicht so genau.» Tobias macht eine kurze Pause. «Holst du mir das Foto von Matilda?» «Bist du sicher?»

«Ja, bitte. Wir stellen es hier auf die Kommode.»

Michael steht auf. Im Türrahmen bleibt er stehen und dreht sich wieder um. «Weisst du noch, als sie uns beim Fussballschauen mit Pascal einmal erklärte, dass nur du mich retten kannst?»

«Klar erinnere ich mich», nickt Tobias. «Das war übrigens nicht irgendein Fussballspiel, sondern das WM-Finale von 1986. Argentinien hat Deutschland mit 3:2 besiegt.»

Michael stöhnt auf. «Verschone mich bitte mit weiteren Einzelheiten.»

«Michael?»

«Ja?»

«Wir halten uns gegenseitig über Wasser.»

«Mehr Wein?», Samuel hebt die Flasche in die Höhe und schaut fragend in die Runde.

So wie jeden ersten Montag im Monat tagt heute die Aktionsgruppe, die Samuel ins Leben gerufen hat. Tobias lehnt dankend ab. Nachdem er das Wochenende mit Fieber im Bett gelegen hat, will er es ruhig angehen lassen. «Leute, hört mal zu», ergreift Philip das Wort. «Wie ihr ja wisst, soll ein Schwulensekretariat gegründet werden, um der Schwulenbewegung in der Schweiz professionellere Strukturen zu verleihen. Auf rein ehrenamtlicher Ebene kommen wir nicht weiter.»

«Inwiefern unterstützt ein solches Sekretariat unsere politische Arbeit?», fragt Fredy, in dessen Wohnung in Olten das heutige Treffen stattfindet. «Mehr als nur zu unterstützen, soll es diese aktiv in die Wege leiten», führt Philip aus. «Plattform bieten, um mit Politikern und Behörden überhaupt ins Gespräch zu kommen. Um Kampagnen, Demos und Abstimmungen zu lancieren und zu gewinnen, brauchen wir politische Verbündete aus dem Nichtschwulenlager, sonst fehlen uns die Mehrheiten und wir erreichen nichts.»

«Ja, klar», fällt Samuel ihm ins Wort. «Die Antidiskriminierungsgesetzgebung muss endlich auf die sexuelle Orientierung ausgedehnt werden, wir brauchen Reformen, was das Erbrecht betrifft, das Aufenthaltsrecht von Ausländern …»

«Das weiss ich», unterbricht Fredy Samuels Redeschwall, «aber wie soll ein Sekretariat diese Ziele erreichen?» «Indem es die Kräfte bündelt und die Interessen aller in der Schweiz lebenden Schwulen vertritt», sagt Philipp, doch schon wird er wieder von Samuel unterbrochen. Während auf einmal alle durcheinanderreden, gibt Michael Tobias mit Handzeichen zu verstehen, dass er aufbrechen möchte. Tobias schaut auf die Uhr. Er hat nichts dagegen, den früheren Zug zu nehmen. In seiner aktuellen Verfassung trägt er ohnehin nichts Gescheites zur Diskussion bei. Er streckt den Daumen in die Höhe.

«Entschuldigt uns bitte», sagt Michael. «Wir machen uns langsam auf den Weg. Das nächste Treffen findet bei uns in Bern statt, oder?»

Karl schaut auf dem Plan nach. «Sieht ganz danach aus, ja.»

«Nur noch eine Minute», bittet Philipp. «Es geht darum, einen geeigneten Namen für das Schwulensekretariat zu finden. Es findet eine Ausschreibung dazu statt, an der sich möglichst viele beteiligen sollen. Das heisst, bis zum nächsten Mal möglichst viele Vorschläge mitbringen, ja?»

Kurz darauf verlassen Tobias und Michael die Wohnung.

«Welches ist für dich persönlich das grösste Anliegen?», fragt Michael, als sie die Treppe hinuntergehen.

«Eine billigere Fahrkarte», lacht Tobias.

«Wie bitte?»

«Ja, dass endlich auch ich als dein Partner ein vergünstigtes Zug­-Abonnement kaufen kann. Bei Hetero-Paaren ist das ja schon längst so. Bekanntlich steckt der Teufel im Detail.» «Und im Ernst?», hakt Michael lachend nach.

«Ich will, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen.»

*

«Heute backen wir einen Feigenkuchen», ruft Oma, als Matilda mit dem Schlüssel in der Hand aus der Wohnung tritt und ihrer Oma entgegenrennt. Sie sieht gerade noch, wie das Taxi davonfährt. «Oma, endlich bist du da!»

Oma stellt den Koffer neben sich ab. «Ist dir überhaupt aufgefallen, dass die Feigen reif sind, mein Kind? Einige liegen ja schon am Boden.»

Folge 31

Matilda schüttelt den Kopf, schlingt ihre Arme um Omas Bauch. Sie riecht so gut. Mit Oma an ihrer Seite fühlt sie sich sofort leichter, bestimmt würde es Mama genauso gehen.

Kurz nach Fabios Auszug ist Mama krank geworden. Während der zwei Wochen, die sie wegen der Operation im Krankenhaus verbringen musste, hat Fabio wieder bei ihnen in der Wohnung gewohnt. Doch er war anders gewesen als sonst, mit seinen Gedanken gar nicht richtig da. Er hat ihnen versprochen, dass es Mama nach der Operation wieder besser gehen würde – wirkte dabei aber so traurig, dass Matilda ahnte, dass es nicht so einfach sein würde. Ihre stille Angst hat sich bewahrheitet: Die Operation hat nicht die erhoffte Entwarnung gebracht. Zwar konnte der Tumor entfernt werden, doch der Krebs hat sich in Mamas Körper ausgebreitet. Das hat Mama ihr erklärt, als sie ihr die Narbe gezeigt hat, die seitlich an ihrer rechten Brust verläuft. Um wieder gesund zu werden, wird sie nächste Woche mit einer Therapie beginnen.

«Mama, Oma ist hier!», ruft Matilda in die Wohnung, woraufhin Daniel angerannt kommt und Oma in die Arme fällt. «Bin gleich bei euch», ruft Mama aus ihrem Zimmer.

Nachdem Oma und Mama am Küchentisch sitzend einen Tee getrunken haben, hebt Oma ihren Koffer auf das Bett.

«Matilda, Liebes. Hilfst du mir, die Kleider in den Schrank zu räumen?»

«Sicher.» Matilda schiebt die Schranktüre zur Seite. «Schau nur, Fabio hat seinen Tennisschläger vergessen.»

«War das früher sein Schrank?»

Matilda nickt. Es kommt ihr vor, als sei früher sehr lange her. Omas mit Blumen bestickte Blusen, die auf der Reise zerknittert sind, ziehen sie über Bügel, die sie an die Kleiderstange hängen. Währenddessen sitzt Daniel auf dem Bett und schaut sich einen Spielzeugkatalog an, summt dazu eine Melodie. «Wohnst du jetzt für immer bei uns, Oma?», fragt er, blickt kurz auf und blättert die Seite um.

«Nein, mein Schatz, nur vorübergehend.»

Mama hustet. Matilda und Oma schauen auf. Mama hält sich an der Tür fest, lehnt ihre Stirn gegen den Türrahmen.

«Ich habe dich nicht kommen hören», sagt Oma. «Stehst du schon lange hier?» «Vorübergehend. Wie schlimm das klingt.»

Oma erhebt sich und geht zu Mama, streicht ihr über den Rücken. «Du bist ganz blass. Leg dich noch ein bisschen hin. Du sollst dich doch ausruhen.»

Gemeinsam verlassen sie das Zimmer. «Es ist mein Leben, das vorübergeht», hört Matilda Mama sagen. Sie zuckt zusammen. Warum behauptet sie so etwas? Die Therapie wird sie heilen. Bestimmt.

*

Vor der ersten Chemotherapie lässt sich Lucía die Haare kurz schneiden.

«Du siehst jünger aus», staunt ihre Mutter, als sie abends vom Friseur nach Hause kommt, und Fabio, der auch schon eingetroffen ist, legt seine Hände um ihr Gesicht, schaut sie lange an. «Mit den kurzen Haaren kommen deine schönen Augen viel besser zur Geltung.»

Seine Hände sind warm. Sie küsst ihn auf den Mund. Sie ist zufrieden mit dem neuen Haarschnitt, auch wenn sie sich wünscht, dass der Grund dafür ein anderer gewesen wäre. Als sie noch ein Kind war, hat ihr ihre Mutter verboten, sich die Haare abzuschneiden. Das gehöre sich nicht für ein Mädchen. Wie stark ihr eigenes Bedürfnis nach einem Kurzhaarschnitt gewesen war, weiss Lucía nicht mehr so genau, doch die Meinung ihrer Mutter in dieser Sache zählte zu den Dingen, an denen nicht zu rütteln war.

Matilda und Daniel schleichen um Lucía herum und schauen sie an, als müssten sie sich vergewissern, dass es nur die Haare sind, die sich verändert haben. Lucía zieht Matilda zu sich heran.

«Jetzt sag schon, was du denkst, Matilda, gefällt dir meine neue Frisur?»

«Ich weiss nicht, Mama.» Matilda zögert einen Moment. «Irgendwie sieht es ziemlich schrecklich aus», schiesst es dann aus ihr heraus.

«Ja, das finde ich auch», bestätigt Daniel, von der Aussage seiner Schwester ermutigt. Es ist still, niemand spricht. Matilda schaut Lucía verunsichert an. «Entschuldige, Mama …» Doch Lucía winkt lachend ab, Fabio und Rosalia stimmen in ihr Lachen ein, Lucía küsst Matildas Stirn. «Du musst dich nicht entschuldigen. Ich finde es gut, dass du ehrlich bist, und sowieso: Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt.»

Fabio bringt die Kinder ins Bett. Nachdem der Tumor in ihrer Brust entdeckt worden war, hat er vorgeschlagen, seine Wohnung aufzugeben und wieder zu ihr und den Kindern zu ziehen. Aber sie wollte das nicht, jetzt noch weniger als zuvor. So lange wie möglich soll Fabio sie als seine Partnerin und nicht als seine pflegebedürftige krebskranke Frau wahrnehmen. Fabio kommt wieder ins Wohnzimmer zurück. «Matilda verlangt nach dir.»

Lucía setzt sich an Matildas Bett, macht die Nachttischlampe aus und zieht die Decke etwas höher über Matildas Bauch. «Mama, ich habe nachgedacht. Ich werde mir die Haare auch kurz abschneiden lassen. So wie du.»

Lucía schluckt leer. «Nein, mein Liebes, das musst du nicht tun», entgegnet sie. «Du hast so schöne Locken, das wäre wirklich schade.»

«Ich mach es trotzdem», sagt Matilda und legt ihren Kopf auf Lucías Schoss. «Du kannst mich nicht umstimmen.»

Folge 32

Lucía hält den Atem an – die Scherenöffnung schliesst sich. Lucía bückt sich nach einer Haarsträhne und steckt sie zu ihren eigenen Haaren in den Briefumschlag, den sie mitgebracht hat. Eigentlich hat sie immer gedacht, dass sich ihre Haarfarben nur ein wenig voneinander unterscheiden, doch Matildas Haare sind deutlich heller als ihre eigenen. Im Spiegelbild beobachtet sie Matildas ernstes und angespanntes Gesicht. Wann hat sie ihren kindlichen Ausdruck verloren? Bestimmt bereut sie ihren Entscheid, sich die langen Haare abschneiden zu lassen. Vielleicht hat ihre Mutter recht und sie hätte es Matilda verbieten müssen.

Mit jedem Schnitt der Schere rutscht Matilda auf dem Stuhl ein kleines Stück weiter nach unten. Doch der Friseur scheint davon nichts zu bemerken, er singt leise zur Radiomusik und schneidet unbeirrt weiter. Sie wird ihre beiden Kinder nie als erwachsene Menschen sehen. Ein Gedanke, der immer wieder wie eine Welle über sie hereinbricht und sie zu erdrücken droht. «So, junge Dame, das hätten wir.» Die Worte des Friseurs holen Lucía in die Gegenwart zurück. Sie richtet sich auf und zwingt sich, tief einzuatmen.

Noch ist sie hier. Und ihre Kinder brauchen sie.

Der Friseur legt die Schere und den Kamm beiseite, greift nach dem Spiegel und zeigt Matilda ihren Hinterkopf. Matilda nickt, verzieht dabei keine Miene. «Das ist gut so, danke.»

Ohne einen weiteren Blick in den Spiegel nimmt sie sich den Umhang ab, hängt ihn über die Stuhllehne und steht auf. Dass sich Matilda so abgeklärt verhält, irritiert Lucía. Sie muss das nicht, soll weiterhin Kind sein dürfen.

Dann verlassen sie den Friseursalon. Lucía greift nach Matildas Hand, drückt diese und schaut ihre Tochter von der Seite an. Die kurzen Haare stehen Matilda ausgezeichnet, sie wirkt älter. «Gefällst du dir?»

«Jetzt ist es richtig, Mama», antwortet Matilda, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Lucía drückt Matildas Hand noch fester. Nur nicht nachdenken, dann ist alles gut.

*

Candido greift nach den Orangen, legt sie auf das Schneidebrett. «Keine Orangen. Meine Mutter möchte einen Grapefruitsaft, bitte», sagt Matilda.

Candido stellt das Radio leiser. «Immer schön mit der Ruhe. Zuerst bereite ich dir einen Orangensaft zu, so wie du ihn gern magst, und während du den trinkst, mache ich den Saft, den du deiner Mutter nach Hause bringst. Einverstanden?»

Matilda nickt. Mit raschen Bewegungen legt Candido die Orangenhälften in die Saftpresse, drückt den Hebel nach unten, tauscht die ausgepressten Orangen gegen neue aus.

«Wie geht es ihr?»

«Gestern habe ich gehört, wie sie zu Fabio sagte, dass sie uns bald verlassen wird.»

Candido hält einen Moment inne. «Möge es ihr bald wieder besser gehen, mein Kind», sagt er dann. «Ich nehme sie täglich in mein Gebet.»

Gedankenversunken trinkt Matilda ihren Saft. Sie weiss inzwischen, dass Candidos Gebet nicht reichen wird. Candido presst einen Deckel auf den zweiten Becher, stellt diesen in ein Plastiksäckchen, knotet es zu. Matilda kramt das Geld, das Oma ihr für den Saft gegeben hat, aus der Hosentasche, zählt in ihrer Hand die Münzen ab. «Die beiden Säfte gehen aufs Haus», sagt Candido. «Richte deiner Mama liebe Grüsse aus, ja?»

Matilda rutscht vom Stuhl und macht sich auf den Heimweg. Sie beeilt sich.

Zu Hause zieht sie das rote Büchlein, das sie aus der Schweiz mitgebracht hat, aus dem Regal. Sie breitet die vier Fotos, die vorne drinliegen, auf dem Boden aus. Hier steht Papa mit den Füssen im Wasser und trägt einen Strohhut.

Mit der linken Hand berührt er den Ellenbogen seines rechten, herunterhängenden Arms, sein rechtes Bein ist leicht nach aussen gedreht. Für Matilda ist dies Papas typische Körperhaltung. Natürlich könnte es auch sein, dass er wegen der Steine, auf denen er barfuss steht, etwas nach vorne gebeugt ist, trotzdem glaubt sie, dass er immer so dagestanden hat. Auf dem anderen Bild sitzt sie auf seinem Schoss. Papa trägt ein graues T­Shirt mit einem Schriftzug, den Matilda nicht entziffern kann. Vor ihnen auf dem Tisch steht ein Geburtstagskuchen. Ein Drittel des runden Kuchens fehlt, mondförmig sieht er nun aus, zwischen den Schokokrümeln liegt eine Kerze auf der Kuchenplatte. Das dritte Foto ist wohl nachts aufgenommen worden. Papa hält eine Flasche in der Hand. «Silvester 1983» steht auf der Rückseite geschrieben.

Matilda greift nach dem letzten Foto, hebt es hoch. Es ist ihr liebstes, zeigt ihre beiden Gesichter von ganz nah. Ihre Wangen berühren sich, die Rundungen werden zu einer einzigen Linie, die beide zusammenhält. Papa kneift seine Augen zusammen, von der Nase in Richtung Kinn zeigen sich Lachfalten und seine braunen Haare sind verstrubbelt.

Früher hat sie sich die Fotos oft angeschaut, wenn sie nicht einschlafen konnte. Inzwischen nimmt sie diese nur noch selten in die Hand, dennoch sind sie in ihren Gedanken präsent.

Immer, wenn sie an Papa denkt, sieht sie ihn im grauen T-Shirt und mit dem leicht nach aussen gedrehten Bein vor sich. Sie kann ihn sich nicht anders vorstellen.

Folge 33

Auch Tobias‘ Brief klemmt zwischen den Seiten. Sie öffnet den Umschlag, zieht den Papierbogen heraus, starrt auf die Buchstaben und sieht die Abflughalle des Flughafens vor sich. Doch es fehlen ihr die Namen zu den Gesichtern. Ihre vorübergehende Pflegeschwester hat Anna geheissen, aber wie hiessen deren Eltern? Die Geburtstage. Irgendwo waren doch auch die Geburtsdaten notiert. Sie blättert die Seiten um.

Tatsächlich, gleich auf der dritten Seite:

Pascal: 9. 5. 1948 – 15. 9. 1986

Tobias: 22. 10. 1949

Michael: 4. 3. 1956

Anna: 12. 12. 1979

Rita: 5. 6. 1948

Andreas: 19. 3. 1947

Rita und Andreas, genau. Sie legt das Büchlein weg und nimmt noch einmal den Brief in die Hand, versucht zu erraten, was die Worte bedeuten. Sie fragt sich, ob es für Erinnerungen eine besondere Sprache gibt, sich alle Menschen in der gleichen Sprache erinnern. Die Feststellung, dass ihre Sprache weg, die Erinnerungen aber trotzdem da sind, bringt sie durcheinander. Sie holt einen Bleistift, schreibt die fehlenden Geburtstage von Mama, Fabio, Daniel, Oma und Opa in das Büchlein.

*

«Ich kann dich nicht anrufen», sagt Kurt müde auf dem Bett sitzend, während Tobias die vielen Pflanzen giesst, die in Kurts Wohnung stehen. Kurt ist bereits die dritte Person, die Tobias im Rahmen des Aids-Betreuungsprogramms begleitet. «Warum nicht? Stimmt etwas nicht mit dem Telefon?», fragt Tobias ahnungslos, obwohl er längst weiss, worauf Kurt hinauswill.

«Nicht deswegen», winkt Kurt ab. «Ich kann nicht, weil du bestimmt wichtigere Dinge zu tun hast. Ich möchte dir keine Last sein, dich nicht stören.»

«Kurt, jetzt hör schon auf», fällt Tobias ihm ins Wort. «Nicht jedes Mal die gleiche Diskussion.» Er stellt die Giesskanne ab, setzt sich neben Kurt aufs Bett. «Warum solltest du mich stören? Im Gegenteil, ich freue mich, wenn du mich anrufst.»

Kurt blickt ihn ungläubig an. «Du hast letzte Woche für mich eingekauft, heute die Zeitungen zusammengebunden, das Katzenklo geputzt und jetzt giesst du meine Pflanzen. Nachher begleitest du mich zum Arzt. Warum machst du das alles?»

Tobias legt seine Hand für einen kurzen Moment auf Kurts knochige Schulter. Wegen Matilda, schiesst es ihm durch den Kopf, doch er sagt: «Weil es mich freut, dir eine Hilfe zu sein.» Er erhebt sich und fährt mit dem Pflanzengiessen fort. Seine Hand zittert, er verschüttet Wasser.

Als Tobias in der Küche einen Lappen holt, um das Wasser aufzuputzen, fällt sein Blick auf die Küchenuhr. In vierzig Minuten ist Kurts Arzttermin, sie müssen los. «Zeit zu gehen», mahnt Tobias mehrmals zum Aufbruch, doch Kurt kann sich lange nicht entscheiden, welche Schuhe er anziehen soll. Endlich ist er so weit. Langsam steigen sie die Treppenstufen hinunter. «Meine Nichte lebt in Mexiko», sagt Tobias plötzlich.

Kurt bleibt stehen. «Fehlt sie dir?»

«Oh ja. Und wie», antwortet Tobias, «Als kleines Mädchen verbrachte sie viel Zeit mit mir und meinem Partner. Nie habe ich jemanden so bedingungslos geliebt wie sie.»

Jetzt sind sie unten angekommen. Er geht ein paar Schritte voraus, um die Haustüre aufzuziehen, schaut dann in Kurts Richtung. Doch dieser bewegt sich nicht von der Stelle. Auf einmal kann sich Tobias den kräftigen, gesunden Mann vorstellen, der Kurt bestimmt einmal war. «Meine Geschwister leben hier», murmelt dieser. «Aber sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben, wahrscheinlich haben sie Angst, sich anzustecken. Das ist für mich schwerer als die Krankheit.»

Ohne die Tür loszulassen, streckt Tobias die Hand nach Kurt aus. Doch dieser hat noch nicht zu Ende gesprochen. «Dass du hier bist, ist ein Geschenk», sagt er, lächelt und tritt an Tobias vorbei ins Freie.

*

Die ersten Tage nach der Chemotherapie sind die schlimmsten – auch während des vierten Behandlungszyklus hat Lucía Mühe, aufzustehen, sie leidet an Gleichgewichtsstörungen und Übelkeit. Soweit wie möglich versucht sie, ihrer Krankheit im Alltag der Kinder nicht zu viel Raum zu geben. Doch ohne die Hilfe ihrer Mutter, die inzwischen schon beinahe acht Monate bei ihnen lebt, würde sie es niemals schaffen. Rosalia ist es, die Daniel und Matilda am Morgen aufweckt, ihnen das Frühstück zubereitet und Daniel in die Schule begleitet. Noch immer holt Fabio Matilda morgens mit dem Fahrrad ab, auch in den schwierigsten Zeiten hat er nie damit aufgehört. Beide wissen, wie wichtig das für Matilda ist.

Am Nachmittag verlässt ihre Mutter die Wohnung, um die Kinder abzuholen. Lucía steht auf, duscht und kleidet sich. Dann öffnet sie die Haustür und legt sich mit einer Decke aufs Sofa.

Sobald sie Kinderstimmen hört, geht sie nach draussen und empfängt die drei am Eingangstor. Sie erkundigt sich nach dem Unterricht, nach ihren Freunden, hilft bei den Hausaufgaben. Ihre Mutter kümmert sich um den Haushalt und sorgt dafür, dass es in der Wohnung nicht nach Desinfektionsmittel, sondern nach Pfannkuchen und Kakao riecht. Ihr Atelier hat sie inzwischen geräumt, die Nähmaschine steht im Schlafzimmer. Doch sie hat keine Kraft, sich daranzusetzen.

Nach seiner Arbeit stösst Fabio zu ihnen, er löst Lucía und ihre Mutter ab, geht mit den Kindern an die frische Luft, liest ihnen vor dem Zubettgehen Geschichten vor. Unter der Woche verlässt er die Wohnung, sobald die Kinder und Lucía eingeschlafen sind.

Folge 34

Je weiter die Chemotherapie zurückliegt, desto besser fühlt sich Lucía und je näher die nächste Behandlung rückt, desto unternehmungslustiger wird sie. An diesen guten Tagen drängt sie darauf, mit ihrer Mutter und den beiden Kindern nach der Schule mit dem Bus in den Stadtpark zu fahren und die dicken Fische im künstlich angelegten See zu füttern. Wie gern würde sie mit den Kindern an die Küste reisen. Noch einmal das Meer sehen.

An den Wochenenden kommt ihr Vater zu Besuch und auch Fabio verbringt die Tage und Nächte daheim. Ihre Eltern unternehmen etwas mit den Kindern, während sich Lucía unter Fabios Aufsicht zu Hause ausruht. «Das war ein goldenes Wochenende», hat Matilda einmal gesagt, als sie sich an einem Sonntagabend von ihrem Opa verabschiedete.

Lucía liegt angezogen auf ihrem Bett und wie so oft, wenn wieder Sonntagabend ist, denkt sie über Matildas Worte nach. Nur um weitere dieser goldenen Momente mit ihrer Familie teilen zu können, lässt sie die aggressive Chemotherapie überhaupt über sich ergehen.

Ihr Körper ist müde und geschwächt, aber sie fühlt sich insgesamt ruhiger und mehr bei sich. Auch dank der Gespräche mit der Seelsorgerin, die ihr wöchentlich einen Besuch abstattet, gelingt es ihr, gefasster mit ihrer Krankheit umzugehen; als würde sie schon vor dem Weggehen langsam an einem anderen Ort ankommen.

Doch da ist eine wichtige Sache, die sie nicht länger hinausschieben, sondern heute mit Fabio besprechen will. Noch ist der allerdings damit beschäftigt, Daniel eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Durch die Wand, die ihr Zimmer von Daniels Zimmer trennt, und ohne die einzelnen Worte zu verstehen, vernimmt sie Fabios tiefe, leicht raue Stimme. Sie hat seine Stimme immer gemocht. Nachher würde er sich zu ihr ins Bett legen und die Nacht bei ihr verbringen. In letzter Zeit schläft sie ruhiger, wenn er in ihrer Nähe ist.

Falls sie nicht mehr aufwachen sollte, sollen es auf keinen Fall Matilda oder Daniel sein, die sie zuerst finden. Im Grunde genommen ist dies unwahrscheinlich, doch Lucía hat die stille Hoffnung, in ihrem eigenen Bett für immer ruhig einschlafen zu dürfen. Jetzt hört sie Fabios Schritte. Er betritt das Zimmer, setzt sich zu ihr ans Bett. «Daniel sind noch vor Ende der obligaten sieben Seiten die Augen zugefallen», schmunzelt er.

Lucía greift nach seiner Hand. In Gedanken hat sie sich die Worte oft zurechtgelegt, aber jetzt fällt es ihr schwer, diese auszusprechen. «Ich möchte dich etwas fragen, was mich seit längerer Zeit beschäftigt. Aber ich habe Angst, dass du meine Frage falsch verstehen könntest.» Fabio schaut sie besorgt an, fasst ihre andere Hand, streicht mit seinen Daumen über ihre Handrücken. «Worum geht es denn?»

«Um Matilda.»

«Was ist mit Matilda?»

Lucías Augen füllen sich mit Tränen. Sie zieht die Augenbrauen hoch. «Kannst du mir versprechen, dass du auch nach meinem Tod für sie sorgst, als wäre sie dein leibliches Kind?»

«Du Dummchen», lächelt er gequält. «Nichts ist sicherer als das, Lucía.» Er presst die Lippen aufeinander, atmet schwer. «Ich werde dich nie ersetzen können, aber du kannst dich darauf verlassen, dass ich mein Bestes geben werde. Immer. Für Matilda genauso wie für Daniel.»

Matilda liegt im Schlafanzug an Lucía geschmiegt auf deren Bett. Sie schauen «Schlaflos in Seattle», der Film ist fast zu Ende. «Ich habe mir für Papa nie eine neue Freundin gewünscht, ich fand es gut, wie es war», sagt Matilda. Der Regen schlägt gegen die Fenster. Daniel ist schon lange eingeschlafen und auch ihre Mutter hat sich zurückgezogen. «Aber so eine wie Meg Ryan hättest du dann bestimmt auch genommen», lächelt Lucía. «Sie ist hübsch», bestätigt Matilda.

Jetzt zieht der Abspann über den Bildschirm, die Liste der Namen der Leute, die an der Filmproduktion beteiligt waren, ist endlos.

Aber Lucía ist zu müde, um aufzustehen und das Videogerät und den Fernseher auszuschalten. Auch Matilda rührt sich nicht von der Stelle.

«Hat mein Name eigentlich eine Bedeutung?», fragt sie.

«Ja», antwortet Lucía, wendet sich ihr zu. «Matilda bedeutet ’starke Kämpferin’. Aber eigentlich wollten wir dich Sofia nennen.» Jetzt richtet sich Matilda auf, stützt den Kopf seitlich auf den Ellenbogen. Ihre Haare, die sie inzwischen wieder halblang trägt, fallen aufs Kopfkissen. Bald werden Matilda und sie gleich gross sein, aber ihre Körper entwickeln sich gegensätzlich. Matildas Körper blüht auf, ihrer zerfällt.

«Und warum heisse ich nicht Sofia?»

«Du warst sehr klein bei deiner Geburt, aber du hast kräftiger geschrien als alle anderen Babys. Die Hebamme, die wusste, dass du nicht bei mir bleiben, sondern mit deinem Vater mitgehen würdest, sagte zu uns, du seist eine starke Kämpferin, eine richtige Matilda. Pascal und mir hat dieser Name und besonders dessen Bedeutung sofort gefallen, der Name hat uns beruhigt.»

«Eine schöne Geschichte», sagt Matilda und legt den Kopf wieder aufs Kissen. «Warum konnte ich eigentlich nicht bei dir bleiben, Mama?»

Lucía denkt nach. Wie kann sie ihrer Tochter erklären, dass sie damals einfach nicht bereit war, Mutter zu sein? «Pascal und ich waren zu dem Zeitpunkt kein Paar mehr», sagt sie dann. «Er war von Anfang an begeistert von der Idee, ein Kind zu bekommen. Gleichzeitig war aber auch klar, dass er in Mexiko keine Zukunft hat. Deshalb hat er dich mitgenommen.»

«Hm», entgegnet Matilda müde und legt dabei ihre Hand auf Lucías Arm. «Kann ich heute bei dir schlafen?»

«Ich bin froh, wenn du bei mir bleibst, meine starke Kämpferin.»

Folge 35

Matilda küsst Lucía auf die Wange. «Schlaf gut, Mama.»

Dann dreht sie sich auf den Bauch und schläft sofort ein, während Lucía noch lange wach liegt. Ihre Gedanken kreisen um die Zeit nach Daniels Geburt, als ihr schmerzlich bewusst wurde, wie sehr ihr ihre Tochter fehlte. Daniel hat ihre Muttergefühle aus der Schockstarre gerüttelt - mit der Liebe zu ihm konnte sie plötzlich auch ihre Liebe zu Matilda fühlen.

Der Gedanke, die eigene Tochter weggegeben zu haben, wurde unerträglich. Oft wachte sie schweissgebadet und voller Angst, Matilda sei etwas zugestossen, mitten in der Nacht auf. Sie sehnte sich körperlich nach dem Kind, litt oft an Kopfschmerzen. Lucía streichelt Matildas Arm. Ihre grosse Tochter. Hätte sie damals ihre Symptome gleich ernst genommen und auf ihre innere Stimme gehört, hätte sie sofort nach Matilda gesucht. Sie kann sich nicht verzeihen, dass sie bis zu Pascals Tod damit gewartet hat.

Über eine frühere Arbeitskollegin gelingt es Lucía, Sergios Nummer ausfindig zu machen. Der Vorwahl nach zu urteilen, wohnt Sergio mit seiner Familie inzwischen ebenfalls in Mexiko Stadt. Der Notizblock, auf dem sie sich seine Nummer notiert hat, liegt neben ihr auf dem Nachttisch. Sie nimmt sich mehrmals vor, ihn am folgenden Tag anzurufen, zögert dann aber immer wieder den Moment hinaus. Es kostet sie Kraft und grosse Überwindung, schliesslich seine Nummer zu wählen.

Über sieben Jahre sind vergangen, seit Sergio vor dem Gittertor gestanden und geklingelt hatte. Lucía war damals mit Daniel auf dem Arm aus der Haustür getreten. Am liebsten hätte sie Sergio gleich weggeschickt, doch stattdessen hatte sie ihn zu einem Kaffee eingeladen. Sergio gehörte zu den wenigen Menschen, die wussten, dass sie in der Schweiz eine Tochter hatte. Ob er ihre Adresse von gemeinsamen Bekannten bekommen hatte? Auf jeden Fall hatte er in ihrer Küche gesessen, mit einer Kopfbewegung auf Daniel gezeigt.

«Ein Mädchen oder ein Junge?»

«Ein Junge», hatte sie knapp geantwortet und Daniel in seinen Kinderstuhl gesetzt. Es hatte unendlich lang gedauert, bis der Kaffee kochte und sie die Tasse vor Sergio auf den Tisch stellte. «Was führt dich zu mir?»

«Pascal ist gestorben. Das Kind ist erst sechs Jahre alt.»

«Ich weiss, wie alt Matilda ist», hatte sie ihn angefaucht, sich sogleich entschuldigt. Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, war für einen langen Moment nicht fähig gewesen, etwas anderes zu sagen. Matilda. Sie hatte sich nicht erinnern können, wann sie den Namen ihrer Tochter zuletzt laut ausgesprochen hatte. Ihre Hände hatten gezittert.

Wie konnte es sein, dass Pascal gestorben war? Er war doch nur wenige Jahre älter als sie, sportlich und gesund. «Was ist passiert?», hatte sie schliesslich gestottert, während sich in ihrem Kopf alles gedreht hatte.

«Herzinfarkt», hatte Sergio geantwortet. «Das ist leider alles, was ich weiss.»

Sie hatte genickt, worauf sich Sergio geräuspert hatte: «Lucía, wenn ich etwas für dich tun kann, kannst du dich jederzeit bei mir melden. Ich wollte einfach, dass du über Pascals Tod Bescheid weisst.» Er hatte den Kaffee ausgetrunken und sich verabschiedet. «Danke», hatte sie gemurmelt, ihn nicht zur Tür begleitet. Lucía kann nicht glauben, dass seither über sieben Jahre vergangen sind. Kurze sieben Jahre.

Die Verbindung wird hergestellt, dann nimmt jemand ab.

«Hallo?»

«Hier spricht Lucía Gomez Luquín.» Ihre Stimme zittert vor Aufregung. «Sergio, bist du es?»

«Ja. Und du - Lucía? Bist du es tatsächlich?»

Lucía ist froh, dass Sergio selbst das Telefon abgenommen hat. Sie hätte sich nicht erklären wollen. «Lange her seit dem letzten Mal, nicht? Wie geht es dir?»

«Gut, danke. Und dir?»

«Kurz nachdem du mir mitgeteilt hast, dass Pascal gestorben ist, bin ich in die Schweiz gereist und mit Matilda zurückgekehrt», kommt sie direkt zur Sache, ohne weiter auf seine Frage einzugehen.

«Matilda lebt hier?»

«Ja», bestätigt Lucía. «Weisst du, vieles von dem, was ich getan oder nicht getan habe, würde ich heute anders machen. Aber die Entscheidung, Matilda nach Mexiko zu holen, war wahrscheinlich die beste meines Lebens. Sie ist ein grossartiges Kind.»

«Daran zweifle ich keine Sekunde. Darf ich sie kennenlernen?»

«Deshalb rufe ich dich an. Ich bin krank, Sergio. Ich kann Matilda kaum etwas von ihrem Vater berichten. Erstens, weil mir nur noch wenig Zeit bleibt und zweitens, weil ich ihn nicht lange gekannt habe. Du hingegen warst länger mit Pascal befreundet.»

«Ich verstehe.»

«Tust du mir den Gefallen und erzählst meiner Tochter nach meinem Tod alles über ihn, woran du dich noch erinnerst? Sie soll wissen, woher sie kommt. Erst jetzt, wo ich mich mit dem Lebensende beschäftige, wird mir bewusst, wie wichtig auch der Anfang ist.»

«Das mache ich sehr gern. Aber sag, was hast du denn? Ist es wirklich so ernst?»

«Leider, ja. Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Die Ärzte geben mir nur noch wenige Wochen. Mein Mann ruft dich an, wenn es so weit ist.» Lucías Stimme bricht. Sie kann und will mit Sergio nicht über ihre Krankheit reden, dafür ist er gefühlsmässig viel zu weit weg. Seit einiger Zeit spielt sich ihr Leben in einem sehr kleinen Kreis ab und es fehlt ihr an Kraft und Willen, diesen Kreis zu öffnen.

Folge 36

«Lucía, das tut mir schrecklich leid …»

«Sergio?»

«Ja?»

«Falls du einmal die Gelegenheit dazu bekommen solltest: Passt du auf sie auf?»

«Ich verspreche es dir. Kann ich sonst noch etwas …?»

«Es ist gut», unterbricht Lucía ihn, «verzeih mir, aber ich muss jetzt auflegen.» Nachdem sie sich voneinander verabschiedet haben, lässt Lucía den Hörer sinken und schliesst die Augen.

Auf eine sonderbare Art befreit: 1994 – 1996

Matilda schreckt aus dem Schlaf. Das Telefon klingelt. Sie schlägt die Decke zurück, steigt aus ihrem Bett, tapst barfuss über den Boden. Die Dunkelheit verstärkt scheinbar jedes Geräusch. Vor der Kommode bleibt sie stehen, tastet nach dem Hörer, nimmt ab.

«Matilda?»

Es ist Fabio, der aus dem Krankenhaus anruft. Natürlich ist es Fabio, der aus dem Krankenhaus anruft. Die Bilder und Gerüche, die der Schlaf für wenige Stunden von ihr ferngehalten hat, schiessen wie Pfeile in sie zurück: Gestern hat sie Mama in ihrem Krankenhauszimmer besucht und die Tür beim Hinausgehen hinter sich zugezogen, ohne zu wissen, ob sie Mama je wiedersehen würde. «Ja?» Ihre Knie zittern.

Lange ist es still. Matildas Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Am Kleiderständer erkennt sie Mamas rote Handtasche mit dem langen Träger, den sie sich immer quer über den Oberkörper zieht, Jacken, einen Regenschirm, Omas Sommermantel. Die Konturen verschwimmen. Tränen tropfen auf ihre nackten Füsse.

Fabio sagt nichts. Neben dem Kleiderständer stehen die beiden leeren Wasserkanister, die sie morgen gegen zwei v olle eintauschen würden. «Fabio? Bist du noch dran?»

Sie hört seinen stockenden Atem. «Fabio?»

«Matilda», flüstert er, «ich komme gleich nach Hause.»

Matilda legt den Hörer auf, setzt sich auf den Boden vor die Kommode.

Jetzt tritt Oma aus dem Zimmer, kommt auf sie zu. Sie trägt ihr geblümtes Nachthemd. «Hat Fabio angerufen?»

«Er ist auf dem Heimweg.»

Oma setzt sich neben die Kommode auf den Stuhl. Sie fassen einander still an den Händen, warten auf Fabio.

«War es wegen der vielen Schläuche?», fragt Daniel, der bei Fabios Rückkehr aufgewacht ist. Fabio lächelt erschöpft und drückt Daniels Kopf gegen seinen Bauch.

Matilda sitzt kerzengerade vor der Kommode, starrt vom einen zum anderen. Oma klammert sich neben dem Kleiderständer am Türrahmen fest, schnappt nach Luft.

Matildas Blick bleibt wieder an Mamas roter Handtasche hängen.

«Sie möchte das Meer noch einmal sehen», stösst Daniel hervor.

«Ja», sagt Fabio mit ruhiger Stimme, «das hat sie sich gewünscht.»

«Wir müssen sie im Krankenhaus abholen und losfahren. Ans Meer.» Daniel hat nichts begriffen. Matilda wünscht sich, zu sein wie er, nichts zu begreifen. Auch sie hat das starke Bedürfnis, bei ihrer Mutter zu sein. Ihren Körper zu sehen.

Diesen Körper nicht allein zu lassen.

Auf einmal sackt Fabio zu Boden, schluchzt laut.

Es folgen leere, ohnmächtige Tage, die mit Angehörigenbesuchen, Terminen und Entscheidungen, die schnell gefällt werden müssen, gefüllt sind. Gleichzeitig wird die Wohnung geräumt und ein Umzug nach Puebla vorbereitet. Da Fabio bald wieder arbeiten muss, ist es nicht möglich, dass die Kinder bei ihm bleiben. Matilda vielleicht, aber Daniel ist noch zu klein, um mehrere Stunden am Tag alleine zu sein. Und Daniel zuliebe soll auch Matilda nach Puebla mitgehen. Sie hat keine Meinung dazu, es ist ihr egal.

In dieser Zeit ruft Sergio an, ein früherer Freund ihres Vaters. Obwohl Sergio sie auf Wunsch ihrer Mutter aufsuchen möchte, empfindet sie ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen dabei, einen Freund ihres Vaters zu treffen. Doch Fabio ermutigt sie, er findet es gut, wenn Matilda für einen Moment auf andere Gedanken kommt.

Sergio holt sie zu Hause ab, sie gehen zusammen Eis essen. Matilda ist schweigsam, sie denkt an das Bild, das Daniel gemalt hat. Mittendrin ein kleines, sorgfältig gezeichnetes Schiff und darum herum grosse, wilde Wellen, die das ganze Blatt ausfüllen. Sie ist dieses kleine Schiff, driftet auf hoher See, dem Wind und den Wellen ausgeliefert. Sergio ist taktvoll genug, nicht von ihren Eltern zu reden, sondern berichtet von einem Fussballspiel, das er mit seinem Neffen am Wochenende besucht hat. Als er die Stimmung im ausverkauften Stadion beschreibt, weiss sie plötzlich, wer Sergio ist. «Du hast meine Eltern miteinander bekannt gemacht, oder?», unterbricht sie ihn. Die Frage überrascht ihn, er blickt sie verwundert an. «Ja, das ist richtig. Hat deine Mutter dir davon erzählt?»

Matilda lächelt. Plötzlich erinnert sie sich deutlich. «Mein Vater. Und dass Mama die einzige Frau war, die ihn je zum Tanzen gebracht hat.»

Sergio lacht laut auf. «Ja, das stimmt. Dein Vater hatte viele Talente, aber Tanzen gehörte definitiv nicht dazu.»

Er will dazu ansetzen, von der Party zu erzählen, zu der er Pascal damals mitgenommen hat, doch Matilda bittet ihn, sie nach Hause zu bringen. Sie möchte sich hinlegen, die Augen schliessen und irgendwo auf Land stossen.

Folge 37

Kaum betritt Matilda die Wohnung, kommt Daniel angerannt. «Opa bestellt Pizza!« Sie folgt ihm in die Küche, wo sich Daniel sogleich auf Fabios Schoss setzt. Oma und Opa sitzen ebenfalls am Küchentisch und obwohl sich Oma die Lesebrille aufgesetzt hat, hält sie den Zettel mit dem Angebot des Pizzakuriers mit ausgestrecktem Arm in der Hand, um Opa zu diktieren, was er bestellen muss. «Matilda, du kommst gerade richtig. Hast du einen besonderen Wunsch?»

«Ich habe keinen Hunger», sagt Matilda und verzieht sich in ihr Zimmer, in dem sich bereits mehrere Umzugskisten aneinanderreihen.

Früher haben sie nur zu besonderen Anlässen Pizza nach Hause bestellt. Sie legt sich aufs Bett, starrt an die Decke und stellt sich vor, Mama und Papa würden einander jetzt im Himmel begegnen. Würden sie miteinander reden? Sich über sie unterhalten? Einander Vorwürfe machen? Oder: Tanzen?

Da klopft es an die Tür und Fabio betritt das Zimmer.

«Darf ich?»

«Hm.» Fabio setzt sich neben sie aufs Bett. «Wie war das Treffen mit Sergio?»

«Ganz ok», antwortet Matilda, ohne ihn dabei anzuschauen.

«Möchtest du lieber alleine sein?»

«Hm.»

«Gut, dann geh ich wieder.» Fabio steht auf und entfernt sich in Richtung Tür. «Ich rufe dich, wenn die Pizza da ist, ja?» Matilda dreht sich gegen die Wand. «Fabio?» Sie hört seine Schritte, fühlt die Bewegung der Matratze, als er sich wieder neben sie setzt, die Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken. «Ja?»

«Manchmal bin ich froh, dass Mama gestorben ist.»

Jetzt würde er bestimmt seine Hand wegziehen und sie bitten, so etwas nicht zu sagen, ja nicht einmal zu denken.

Aber nichts dergleichen passiert.

«Warum?», fragt er.

«Weil ich mich so sehr vor ihrem Tod gefürchtet habe.»

Eine Weile ist es still, sie hört nur Fabios Atem. Dann dreht sie sich auf den Rücken und sieht, dass er sich mit dem Handrücken die Tränen wegwischt.

«Ich weiss, was du meinst. Das, wovor wir am meisten Angst hatten, ist eingetroffen», sagt er leise. «Ich habe jetzt keine Angst mehr», entgegnet Matilda. Es stimmt, sie fühlt sich traurig, aber gleichzeitig auch auf eine sonderbare Art befreit.

Fabio steht auf. «Kommst du nachher?»

«Ja.»

Das grosse Haus der Grosseltern und Puebla sind nur eine Zwischenstation. Matilda sucht dort kein Zuhause, richtet sich nicht ein. Mamas Plüschtiere und den ganzen anderen Kram von früher hat Matilda in Kisten gepackt und weggestellt.

Nur den roten Koffer mit Mamas Nähmaschine hat sie noch im Zimmer stehen. Manchmal bereut sie es, eingewilligt zu haben, von Mexiko-Stadt, ihrer Schule und den Freundinnen wegzuziehen. Gleichzeitig hätte sie auf keinen Fall in der alten Wohnung, die Fabio inzwischen weitervermietet hat, wohnen bleiben wollen. Es war Mamas Wohnung. «Magst du deine neuen Freundinnen nicht einmal nach Hause einladen?», fragt Oma.

«Später vielleicht», antwortet Matilda.

«Ich würde sie gern kennenlernen.»

Matilda nickt. Manchmal wünscht sie sich, Oma umarmen zu können und zu dem, was früher zwischen ihnen war, zurückzukehren. Aber das geht nicht. Sie will jetzt unabhängig und auf niemanden mehr angewiesen sein.

Fabio wohnt immer noch in seiner früheren Wohnung. Kurz nach ihrem Umzug nach Puebla hat er davon gesprochen, sich eine grössere Wohnung zu suchen, damit sie und Daniel bei ihm beide ein eigenes Zimmer haben könnten. Doch dann hat sich herausgestellt, dass er viel öfter nach Puebla zu Besuch kam als sie umgekehrt nach Mexiko-Stadt. Für die paar Tage brauchen Matilda und Daniel keine getrennten Zimmer. So oder so schläft Daniel die meiste Zeit bei ihr im Bett. Denn jedes Mal, wenn er nachts in sein Bett macht, schlüpft er danach zu ihr unter die Decke.

*

«Wie hat dir der Film gefallen?» Michael und Tobias warten an der Garderobe auf ihre Jacken. «Gut», antwortet Tobias. «Aber Wittgensteins Überlegungen zum Tod sind sehr abstrakt. Ich weiss nicht recht, wie ich sie in meiner Realität anwenden soll. Und du?»

«Da bin ich auch überfragt. Zumindest war das sicherlich kein Film, den man sieht und danach wieder vergisst. Die einzelnen Filmsequenzen und Bildeinstellungen haben teils wie Gemälde ausgesehen. Derek Jarmans anderer, schriller Blick auf die Welt, auf Wittgensteins Denken und Leben gefällt mir unheimlich gut. Doch was sollten diese grünen Männchen bedeuten, die zwischendurch im Film aufgetaucht sind?»

«Was meinst du mit ’anderer Blick’?», fragt Tobias, ohne auf Michaels Frage einzugehen. «Das klingt, als ob du Jarman damit das Etikett ’schwuler Filmemacher’ verpasst, genau wie seine Kritiker.»

«Nun gut, das war er ja: ein schwuler Filmemacher. Was ist schlimm an diesem Etikett?», entgegnet Michael, hält einen kurzen Moment inne. «Diese Filmretrospektive und Jarmans eigener früher Tod haben mich daran erinnert, wie viele Freunde wir in den letzten Jahren an Aids verloren haben.»

Tobias nickt. Der Film hat ihn aufgewühlt, aber richtig einordnen, was er soeben gesehen hat, kann er nicht. «Reto war ein Jarman-Experte, erinnerst du dich? Er hätte uns bestimmt erklären können, was es mit den grünen Männchen auf sich hat.»

Folge 38

«Klar. Er konnte stundenlang über Jarmans filmisches Werk sinnieren, während alle andern längst gelangweilt das Weite gesucht haben.»

«Pechvogel der, der als Letzter neben ihm stand», lacht Tobias.

«Und so gutmütig wie du bist, warst dieser Pechvogel meistens du.»

«Ja, aber viel hängen geblieben ist bei mir offenbar nicht. Ich weiss nur noch, dass Reto gerne dieses eine Wittgenstein­-Zitat wiederholt hat, in dem es heisst, dass nur derjenige glücklich sei, der nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt.» Michael nimmt die Jacken entgegen, reicht sie Tobias. «Heisst das in der Konsequenz, um glücklich zu sein, gibt es kein Vorher, kein Nachher, sondern nur das Jetzt?», fragt Michael.

Da spürt Tobias eine Hand auf seiner Schulter. Er dreht sich um. «Samuel, du bist auch hier?» Sie umarmen sich.

«Tobi, Michael, ich freue mich, euch zu sehen! Toll, was der Verein 25 Jahre Stonewall mit diesem Festival für uns auf die Beine stellt, nicht? Gestern habe ich mir das Konzert von Georgette Dee angehört, genial, sag ich euch!» «Wir sind heute zum ersten Mal hier», gibt Michael zu. «Ehrlich gesagt, habe ich mich nur am Rande mit dem Programm rund um den Christopher Street Day auseinandergesetzt.»

«Echt? Dabei ist in Bern doch auch nicht gerade der Teufel los. Da würde ich mir keinen dieser Abende entgehen lassen», lacht Samuel. Er stellt sich zwischen sie, legt seine Arme um ihre Schultern. «Und wie sieht es mit der Petition aus? Seid ihr fleissig am Sammeln?»

«Unterschriften?», fragt Michael zurück. Samuel nickt.

«Klar, doch», bestätigt Tobias.

«Man munkelt, die Petition könnte schon jetzt eingereicht werden, so viele hätten sich beteiligt», freut sich Samuel.

«Nach nur zwei Monaten?», fragt Tobias erstaunt. An ihm liegt es jedenfalls nicht. Sein Beitrag an Unterschriften ist bisher eher bescheiden. Er legt die Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare» nur denjenigen Freunden und Bekannten vor, bei denen er sicher ist, dass sie die darin geforderten Anliegen auch wirklich unterstützen. Ganz am Anfang hat er eine Nachbarin um eine Unterschrift gebeten, die ablehnend erwidert hat, sie sei apolitisch. Seither gehen sie sich im Treppenhaus aus dem Weg.

«Vielleicht ist das etwas zu gross geträumt, aber ich bin überzeugt, wir sind auf dem richtigen Weg. Die Menschen in diesem Land wollen keine Diskriminierung homosexueller Paare – auch wenn es natürlich immer ignorante Mitbürger geben wird. Aber denen trotzen wir. Ich freue mich jetzt schon darauf, die Kisten voller Unterschriftenbögen ins Bundeshaus zu bringen.»

Tobias mag Samuels ansteckenden Optimismus und sein Gespür für die Stimmungslage des Gegenübers. Nach Gesprächen mit ihm hat er immer das Gefühl, alles sei möglich – selbst eine politische Veränderung. Samuel steht ohne Wenn und Aber für sich ein, aber nicht nur um seiner selbst willen, sondern vor allem, um anderen einen Weg zu bereiten, der hoffentlich weniger beschwerlich sein wird, als er es heute ist.

Konzentriert setzt Tobias einen Fuss vor den anderen, stützt sich mit der Hand jeweils auf dem Knie ab und versucht dabei, gleichmässig zu atmen. Am Morgen haben Michael und er spontan beschlossen, auf den Niesen zu wandern. Michael ist bereits ein gutes Stück vorausgegangen. Dass ihm der steile, steinige Anstieg keinerlei Mühe zu bereiten scheint, verwundert Tobias ein bisschen, schliesslich ist er selbst normalerweise der Fittere von ihnen beiden.

Vielleicht liegt es daran, dass Michael die besseren Schuhe angezogen hat. Bis ganz oben, so stand es auf dem Wegweiser unten in Mülenen, wo sie ihre Wanderung gestartet haben, dauert es fünf Stunden. Knapp drei Stunden liegen hinter ihnen; die Mittelstation der Niesenbahn haben sie bereits passiert. Wahrscheinlich würden sie den Aufstieg in weniger als der angegebenen Zeit schaffen.

Auf einmal lichtet sich das steile Waldstück und gibt die Sicht frei auf die überwältigend schöne Seen­ und Berglandschaft. Schade, dass er keinen einzigen der Gipfel benennen kann. Pascal, der sich im Berner Oberland sehr gut ausgekannt hatte, hätte ihn deswegen bestimmt ausgelacht.

Ob Matilda sich noch an die Berge erinnern kann? Er greift im Seitenfach seines Rucksacks nach der Wasserflasche, schraubt den Drehverschluss auf und nimmt einen Schluck. Der Himmel ist blau und nahezu wolkenlos, einzig oberhalb der langen Bergkette erstreckt sich ein helles, weisses Wolkenband, das wie eine zweite Bergkette aussieht. Gern würde er ein Foto machen, doch die Kamera befindet sich in Michaels Rucksack. Er verstaut die Flasche und nimmt den Schritt langsam wieder auf.

*

Fabio schlendert, gefolgt von Matilda und Daniel, entlang der Büchertische, die zum Flohmarkt gehören, der immer sonntags in der Strasse Álvaro Obregón stattfindet. Es ist heiss, die Sonne brennt auf sie nieder. Hin und wieder bleibt Fabio stehen, greift zufällig nach einem Buch, blättert darin. Angestrengtes Interesse, während Daniel mit demonstrativ verschränkten Armen einige Meter neben ihm wartet.

Ja, Fabio hat längst verstanden, dass Daniel keine Lust hat, hier zu sein. Dabei hat er sich früher immer gefreut, herzukommen, um sich neue Comics auszusuchen. Doch nicht nur er wirkt schlecht gelaunt, auch Matilda hat diesen gleichgültigen Blick aufgesetzt, den er seit einigen Wochen häufig an ihr bemerkt. Obwohl sie sich im Verlauf des letzten Jahres besser mit der neuen Situation arrangiert haben, kommt es ihm vor, als liege über allem, was sie gemeinsam unternehmen, ein erdrückender Schatten von Traurigkeit.

Folge 39

Nur selten verbringen seine Kinder das Wochenende bei ihm in Mexiko-Stadt, meistens fährt er zu ihnen nach Puebla; worüber er nicht einmal besonders unglücklich ist, denn zusammen mit seinen Schwiegereltern fällt es ihm leichter, seine Melancholie in Schach zu halten, dort ist er abgelenkt. Hier strengt es ihn manchmal schrecklich an, Matilda und Daniel zu allem motivieren zu müssen. Dies ist auch der Grund, weshalb er jetzt nicht einfach klein beigeben und den Flohmarkt verlassen will. Am Vormittag hat sich Matilda schon standhaft geweigert, Lucías Grab zu besuchen. Dem Frieden zuliebe hat er schliesslich nachgegeben und ist nur mit Daniel hingefahren. Obwohl er natürlich weiss, dass Matilda in einem Alter ist, in dem sie Widerstände sucht, schmerzt ihn ihre äusserliche Anteilslosigkeit. Gleichzeitig rührt es ihn aber auch, in ihrem Verhalten Eigenschaften von Lucía zu entdecken – unabhängig davon, ob er diese an Lucía geschätzt hat oder nicht. So zum Beispiel diese Hartnäckigkeit, nur nach vorne zu schauen und hinter sich zu lassen, was sich nicht mehr ändern lässt. Jetzt hängt sich Matilda bei ihm ein, er zuckt kurz zusammen, schaut sie an. Das hat sie schon sehr lange nicht mehr gemacht. Für den Bruchteil einer Sekunde lächelt sie ihm zu, dann blickt sie wieder ernst und nachdenklich geradeaus.

«Ruft mich an, wenn ihr zu Hause seid», sagt Fabio, während Matilda dem Busfahrer, der neben dem Bus steht und hastig an einer Zigarette zieht, die beiden Fahrkarten vorweist. Er vernimmt ein schnippisches «Ja» – Matilda hat sich nicht einmal nach ihm umgeschaut. «Komm schon, verabschiede dich richtig von mir», ruft Fabio. Sie dreht sich um, steigt die Stufe wieder hinab und haucht Fabio einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dann verschwindet sie im Bus. «Pass gut auf deinen Bruder auf!», ruft er ihr nach. Bei Daniel dauert die Verabschiedung etwas länger. «Wir sehen uns nächste Woche, mein Grosser. Opa holt euch in Puebla am Busterminal ab, so wie immer.» Er steckt seine Nase in Daniels Wuschelkopf, küsst ihn. Der Geruch seiner Haare erinnert ihn an Lucía – und plötzlich fürchtet er sich vor der Leere, die ihn in seiner Wohnung erwartet. Dann steigt auch Daniel in den Bus. «Tschüss, Papa!», ruft er.

Jetzt schnippt der Busfahrer den glühenden Zigarettenstummel auf den Boden, deutet ein kurzes Nicken an und steigt schwerfällig die Stufen hoch. Augenblicke später fährt der Bus rückwärts aus der Abfahrtshalle heraus, Fabio hebt zum Abschied die Hand. Matilda und Daniel sitzen ungefähr in der Mitte des Busses. Sie schauen ihn nicht an. Trotzdem winkt Fabio dem Bus nach, bis er um die Ecke verschwunden ist.

Aber die Jahre vergehen wie im Flug

2000 – 2007

Fabio hebt das Weinglas. «Auf deinen Studienplatz!», sagt er feierlich. Auch Matilda hebt ihr Glas. «Du weisst, dass ich noch keine definitive Zusage habe, oder?», fragt sie grinsend. Doch sie ist ebenfalls zuversichtlich: Nach dem schriftlichen Examen, das sie mit Bestnote bestanden hat, und dem angenehmen heutigen Aufnahmegespräch, weiss sie, dass ihre Chancen, zum Psychologiestudium zugelassen zu werden, nicht schlecht stehen. Fabio hat nicht lockergelassen, er wollte unbedingt feiern und hat sie in ein argentinisches Restaurant mit Stofftischtüchern, künstlichem Feuer im Kamin und Kellnern, die weisse Hemden und schwarze Fliegen tragen, ausgeführt.

«Ich habe eine Überraschung für dich.» Fabio strahlt. Es ist offensichtlich, dass er keine Sekunde länger damit warten kann, Matilda einzuweihen. «Tatsächlich?» «Ja. Hör zu: Ich habe entschieden, unseren Mietern zu kündigen, damit du in Lucías Wohnung ziehen kannst.» Fabio schaut sie erwartungsvoll an.

«Oh.» Bis eben hat sie sich so leicht gefühlt. Doch dieses Gefühl ist wie weggeblasen. Warum muss er alles kaputt machen?

«Von einer eigenen Wohnung träumst du doch schon so lange. Du kannst dort auch mit neuen Studienfreunden zusammenziehen, ich rede dir da überhaupt nicht rein. Was sagst du?»

Wahrscheinlich hat Fabio erwartet, dass sie aufspringen und ihm stürmisch um den Hals fallen würde. «Ich weiss nicht recht, Fabio.» Sie stellt das Weinglas, das sie immer noch in der Hand hält, auf den Tisch, schiebt es von sich und zieht es wieder näher zu sich heran. Der Wein schwappt im Glas.

«Vielleicht ist das keine so gute Idee.»

Fabio verharrt einen Moment mit leicht geöffnetem Mund, starrt sie an.

«Fabio …»

Er schiebt seinen Stuhl nach hinten, nimmt die Stoffserviette von seinem Schoss, legt sie auf den Tisch und steht auf.

«Ich bin gleich wieder da.» Als er wenige Minuten später zurückkommt, lächelt er Matilda aufmunternd zu. «Weisst du schon, was du essen willst?»

Matilda nickt, er winkt den Kellner an den Tisch. Fabio trinkt schnell und redet viel. Ihr fällt auf, dass er zugenommen hat. Ob er sich manchmal mit anderen Frauen trifft? Das Mitleid, das sie in diesem Moment für ihn empfindet, ist ihr unangenehm. Später bestellt Fabio ein Taxi, das Matilda in seine Wohnung bringen soll. «Du musst nicht auf mich warten, ich bin noch verabredet.»

Matilda hält ihn am Arm zurück. «Fabio, sei doch bitte nicht gleich eingeschnappt. Ich möchte mir etwas Eigenes aufbauen und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das in Mamas Wohnung möglich ist.»

Jetzt fährt das Taxi vor. Fabio zieht die Autotür auf, lässt Matilda einsteigen. Er beugt sich zu ihr herunter.

«Schon gut, Matilda. Ich habe gedacht, du würdest dich freuen. Das ist alles.» Dann schlägt er die Türe zu.

Folge 40

Matilda kann nicht einschlafen, dreht sich von einer Seite auf die andere. Hätte sie Fabio zuliebe einwilligen sollen? Was hat er sich nur dabei gedacht? Er müsste sie doch gut genug kennen, um zu wissen, dass sie das niemals wollen würde. Genervt schlägt sie die Decke zurück, setzt sich auf. Sie hat Durst. Mit dem Glas Wasser in der Hand, das sie in der Küche geholt hat, geht sie durch Fabios Wohnung. Erst mit der Zeit wird ihr bewusst, wonach sie sucht: nach Erinnerungen an Mama.

Im Wohnzimmer bleibt sie vor einer Fotografie stehen. Das Schwarz­-Weiss-Foto stammt von Fabios und Mamas Hochzeit, zeigt zwei Silhouetten. Sie wischt sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen. Auf einmal verspürt sie den Wunsch, es würde ein ähnliches Bild von Mama und Papa existieren. Ein Beweis dafür, dass die beiden einmal ein Paar gewesen waren. Sie atmet tief durch. Ist dies der Ort, an dem Fabio um ihre Mutter trauert? Warum hat sie keinen solchen Ort? Sie erbebt unweigerlich, denn auf einmal wird ihr klar, dass es bestimmt damit zu tun hat, dass Mama ihr nie einen Ort des Erinnerns und Trauerns für ihren Vater möglich gemacht hat.

Matilda schreckt hoch. Ein Stuhl kracht zu Boden, Fabio flucht. Matilda erinnert sich nicht genau, wann sie ins Bett zurückgegangen und schliesslich eingeschlafen ist. Sie dreht sich auf die andere Seite und hofft, gleich wieder weiterschlafen zu können. Jetzt zieht sich Fabio offenbar die Schuhe aus, kurz darauf schlägt er die Badezimmertür laut hinter sich zu.

Was ist nur los mit ihm?

Am nächsten Morgen steht die Tür zu Fabios Schlafzimmer offen, das Bett ist leer. Komisch, dass sie ihn nicht hat weggehen hören. Sie würde einen Kaffee trinken und dann ebenfalls verschwinden. Matilda betritt die Küche, erschrickt: Fabio schläft am Küchentisch. Sein rechter Arm liegt ausgestreckt neben dem Kopf, der linke Arm hängt schlaff nach unten. Sie legt ihre Hand auf seinen Rücken. «Fabio?»

Fabio reagiert nicht. «Fabio, wach auf», sie schüttelt ihn, doch es hilft nichts. Dann legt sie ihm ein nasses Tuch in den Nacken, worauf er den Kopf leicht anhebt, die Augen aufschlägt. «Wo bin ich?» Sein Atem riecht nach Alkohol.

«Steh auf Fabio, geh in dein Bett.»

Sie hilft ihm hoch, begleitet ihn ins Schlafzimmer. Er lässt sich auf das Bett fallen. Matilda zieht ihm den linken Schuh aus, den er noch immer trägt, und deckt ihn zu. Fabio wälzt sich auf die andere Seite und schläft sofort ein. Matilda ist sich nicht sicher, ob er vielleicht auch nur so tut, um seine Ruhe zu haben. Sie holt in der Küche ein Glas Wasser, stellt es auf den Nachttisch. «Entschuldige, Fabio. Ich kann das nicht», schreibt sie auf einen Zettel und legt ihn dazu. Dann packt sie ihre Sachen und verlässt die Wohnung.

Kurz darauf bekommt Matilda die Aufnahmebestätigung der Universität.

Sergio, der in der Stadt mehrere Immobilien besitzt, hat ihr eine kleine Zweizimmerwohnung angeboten. Seit ihrem Kennenlernen kurz nach Mamas Tod meldet sich Sergio regelmässig bei ihr, und bei jeder Gelegenheit sichert er ihr seine Unterstützung zu. Deshalb ist sie überhaupt erst auf die Idee gekommen, ihn nach einem Studio zu fragen. Er hat sich über ihren Anruf gefreut und sofort gewusst, welche seiner Wohnungen er ihr zeigen würde.

Die Wohnung befindet sich im gleichen Stadtviertel wie Mamas Wohnung und ist ebenfalls Teil einer geschlossenen Strasse, einer «Cerrada», die anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut worden ist und in der sich die roten, einstöckigen Häuschen aneinanderreihen. Matilda verliebt sich sofort in die beiden kleinen, hellen Zimmer und beginnt in Gedanken, die eigene Wohnung einzurichten. Hier eine kleine Kochnische mit einer Herdplatte und einem Kühlschrank, im hinteren Raum, von dem eine Wendeltreppe auf die Dachterrasse mit der tollen Aussicht über die anderen Hausdächer führt, das Schlafzimmer. Die fast bodenlangen Fenster sind durch schwarze Eisenstangen unterteilt; sie heftet heimlich einen kleinen Fischmagneten an eines der Fenstergitter. Sie spürt es deutlich: Hier gehört sie hin.

Zu ihrem Einzug schenkt Sergio ihr drei alte Kalender. «Ich habe sie vor einiger Zeit beim Aufräumen gefunden. Dein Vater hat sie damals hiergelassen», erklärt er etwas verlegen, als ob er unsicher ist, wie sie auf das persönliche Geschenk reagieren wird. «Zusammen mit seinen anderen Büchern. Die Bücher habe ich weggegeben, die Kalender nicht. Bei dir sind sie in den richtigen Händen.»

Matilda schluckt leer. «Aber warum hat er sie nicht mitgenommen?» Sie streicht mit den Fingern über die Stoffeinbände. 1978, 1979 und ihr Geburtsjahr 1980. «Er hatte ja dich im Gepäck, da brauchte er keine Bücher mehr», schmunzelt Sergio, wird aber gleich wieder ernst. «Vielleicht wollte er diese Erinnerungen auch einfach hierlassen, um sich auf sein neues Leben mit dir konzentrieren zu können.»

Nachdem sich Sergio verabschiedet hat, schlägt Matilda den Kalender an ihrem Geburtstag auf. Papa hat einen längeren Eintrag hineingeschrieben. Papas Handschrift, die sie bereits von seinem anderen Kalender kennt, lässt sie erschauern. Er hatte eine abgehackte, unruhige Schrift. Lange ist es her, seit sie sich diese zum letzten Mal angeschaut hat. Sie fährt mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang. Matilda, Pachuca, Mexiko. Mehr versteht sie nicht. Sie will dringend nach jemandem suchen, der ihr Papas Sätze übersetzen kann. Dass sie seine Sprache nicht versteht, betrübt sie, nimmt ihr aber nicht die Freude an dem neuen Besitz. Andächtig blättert sie die drei Büchlein Seite für Seite durch.

Folge 41

Matilda weiss, dass es Fabio Überwindung gekostet hat, sie in ihrer neuen Wohnung zu besuchen. Er schreitet die beiden Zimmer ab, sieht sich um. «Schön hast du es hier, Matilda.» «Das Beste hast du noch nicht gesehen», sagt sie und lässt ihn die Wendeltreppe hochsteigen, folgt ihm. Der Blick auf die umliegenden Dächer und Terrassen ist immer wieder beeindruckend. Zwischen zwei Eisenstangen, die eigentlich für eine Wäscheleine gedacht sind, hat sie eine Hängematte gespannt. Niedrige Mauern, auf denen Blumentöpfe und Kakteen stehen, trennen die Terrasse auf beiden Seiten von denen der Nachbarn ab. «Wunderschön», staunt Fabio. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: «Ich bin stolz auf dich. Du weisst, was du willst und gehst unbeirrt deinen Weg.» Matilda schaut verlegen zur Seite. Fabio setzt sich auf den Boden, lehnt den Rücken an die Mauer. «Die Studienzeit ist eine besondere, geniess sie. Später ist es schwierig, so unbeschwert zu sein.» Er streckt die Beine aus. «Wie hoch ist eigentlich die Miete?»

Matilda winkt ab. «Sergio überlässt mir die Wohnung sozusagen umsonst. Und ich werde ja jetzt auch ein bisschen etwas verdienen.»

Fabio schaut sie verwundert an. «Womit denn?»

«Ein paar Strassen weiter gibt es ein neues Konzertlokal, Milagrito heisst es, dort werde ich an den Wochenenden hinter der Bar arbeiten. Mit dem Geld, das ich verdiene, kann ich die Miete selber bezahlen.»

«Das klingt toll. Trotzdem musst du mir sagen, wenn du etwas brauchst. Ich unterstütze dich, so gut ich kann.»

«Du hast ja schon die Studiengebühren bezahlt.»

«Das mache ich doch gern, Matilda.»

«Ich hole uns etwas zu trinken, ja?»

Fabio lächelt. «Ich geniesse so lange den schönen Ausblick.»

Wenig später kommt Matilda mit einem Krug Wasser und zwei Gläsern zurück.

«Hast du gewusst, dass ich während meines Studiums als Taxifahrer gearbeitet habe?»

Matilda nickt. Mama hat manchmal darauf angespielt, wenn Fabio Abkürzungen genommen hat, die sie nicht kannte. «Wir bezahlen gern auch ein bisschen mehr», hat sie ihn geneckt, wenn er wieder zu schnell gefahren ist.

«Deine Mutter war einmal meine Kundin. So haben wir uns kennengelernt.»

«Wirklich?» Das ist Matilda neu. Sie hatte immer gedacht, Mama und Fabio hätten sich auf einer Party von gemeinsamen Freunden zum ersten Mal getroffen. Oder verwechselte sie das mit dem ersten Aufeinandertreffen von Mama und Papa? Fabio zwinkert ihr zu. «Sie war betrunken.» Nein, das kann nicht sein. Mama hatte doch kaum je Alkohol getrunken. Aber sie fragt nicht nach, sie will nicht über Mama reden. Matilda schaut einem Flugzeug nach.

«Ich sollte aufbrechen, die Kanzlei ruft.» Fabio klopft sich auf die Beine, steht auf. Sie steigen die Treppe hinunter, Fabio setzt sich plötzlich an den Tisch in der Küche. Matilda ist überrumpelt: Hat er nicht gerade gesagt, er müsse gehen? Fabio faltet seine Hände, räuspert sich. «Matilda, möchtest du nicht wieder den Kontakt aufnehmen zu deinen Angehörigen in der Schweiz?»

Matilda verschränkt die Arme, Fabio fährt fort: «Ich habe mich lange aus dieser Angelegenheit herausgehalten, aber jetzt bist du erwachsen und kannst selber entscheiden.» Matilda schweigt.

«Menschen werden älter, werden krank, sterben. Dass es dann für vieles zu spät ist, haben wir beide erfahren müssen. Ich möchte nur nicht, dass du es auf einmal bereust …»

«Ich denke darüber nach», unterbricht ihn Matilda. Sie mag es nicht, dass Fabio sie darauf anspricht. Nicht jetzt, wo sie gerade dabei ist, sich ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Sie will Leichtigkeit. Was früher war, ist vorbei. Fabio steht auf. Sie umarmen sich zum Abschied. Sein Geruch erinnert sie an früher, wenn er sie auf dem Fahrrad zur Schule gefahren und sie sich an ihn geklammert hat.

Matilda entscheidet sich für einen himmelblauen Südstern. Das farbliche Zusammenspiel zwischen den dunkelblauen und den hellblauen, zarten Blütenblättern gefällt ihr und auf ihrer Dachterrasse würde die Kletterpflanze bestimmt gut gedeihen. Der Gärtner, ein älterer Mann, dem das Gehen offensichtlich schwerfällt, wickelt die Blume vorsichtig in Zeitungspapier. Im Laden riecht es nach Honig. Ein Geruch, den sie mag, der ihr nach einer gewissen Zeit, ähnlich wie Duftkerzen und Räucherstäbchen, aber bestimmt Kopfschmerzen bereiten würde. «Denken Sie an viel Sonne und ausreichend Wasser», ermahnt er sie. «Das mach ich.» Matilda klaubt die Münzen aus ihrem Portemonnaie. «Verkaufen Sie auch Giesskannen?» Die kleine grüne, die neben der Kasse auf dem Boden steht, scheint ihr gerade richtig. «Eine wie diese hier?»

«Von denen habe ich leider keine mehr hier. Doch morgen oder sonst nächste Woche treffen bestimmt wieder welche ein.» Matilda lächelt. Morgen oder nächste Woche. «Das macht nichts», sagt sie, legt das Geld auf die Theke und nimmt die Pflanze.

Sie fühlt eine stille Zufriedenheit, die Ruhe hier hat sich auf sie übertragen. Sie lässt ihren Blick ein letztes Mal über die vielen Blumen schweifen und verlässt das Geschäft.

«Warten Sie!»

Matilda dreht sich um, der Gärtner steht an der Tür und winkt sie zurück. Hat sie etwas liegenlassen? Jetzt sieht sie, dass er mit einem Lappen die grüne Giesskanne putzt. «Hier, die schenke ich Ihnen. Jungen Gärtnerinnen sollte man in ihrem Tun nicht im Weg stehen.» Sie bedankt sich mehrmals und verspricht, bald wiederzukommen.

Folge 42

Matilda hält sich nicht gern im Computerraum auf, denn der Raum befindet sich im Untergeschoss der Universität, wo es kein Tageslicht gibt und die Belüftung schlecht ist. Doch heute braucht sie einige Informationen zu Büchern, die sie sich fürs Studium kaufen muss. Das Vorlesungsverzeichnis, in dem die Angaben drinstehen, lädt nur langsam. In der Zwischenzeit kontrolliert sie ihre E-Mails. Eine Nachricht, in der Sergio fragt, ob mit dem Boiler inzwischen alles in Ordnung sei? In der nächsten Mail kündigt Daniel einen Besuch am kommenden Wochenende an. Matilda schliesst ihr E-Mail-Programm, öffnet am Bildschirm ein neues Fenster. Eine Weile zögert sie, dann gibt sie Tobias‘ Namen in die Suchmaschine ein: Tobias Müller. Doch bevor sie sich die Resultate, die dazu erscheinen, überhaupt anschaut, ändert sie den Suchauftrag zu Annas Namen, scrollt die verschiedenen Suchergebnisse herunter, die sie alle nicht versteht. Dann bleibt sie auf einmal an einem vertrauten Wort hängen. Riehenbach. So hiess das Dorf, in dem sie mit Papa und später mit Anna und deren Eltern gelebt hat. Sie klickt auf den Link. Den Fotos nach zu urteilen, handelt es sich um die Webseite eines Sportclubs. Die Namen der Mitglieder und deren Jahrgänge sind aufgelistet, darunter auch Anna Kaufmann und in Klammern das Jahr 1979. Das muss sie sein. Gibt es irgendwo eine Kontaktadresse des Clubs? Hier, ja. Ohne lange zu überlegen und mit dem dumpfen Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, schreibt Matilda ein paar Zeilen auf Englisch und bittet, die E­Mail an Anna Kaufmann weiterzuleiten. Inzwischen ist auch das Verzeichnis geladen. Rasch notiert sie sich die benötigten Buchtitel. Dann meldet sie sich ab und packt ihre Sachen in die Tasche. Claudia, eine Studienkollegin, steht hinter ihr und wartet bereits auf den freien Computer.

«Alles klar bei dir?»

Matilda nickt. «Sehen wir uns gleich in der Vorlesung?»

«Hältst du mir einen Platz frei?»

«Sicher.»

«Oma und Opa sind langsam aber sicher senil und so übertrieben ängstlich», beschwert sich Daniel, kaum zur Tür hereingekommen. Wie früher schmeisst er die Sporttasche in eine Ecke. «Ich kann mich kaum frei bewegen, Opa begleitet mich überallhin.»

«Übertreib mal nicht», lacht Matilda, «so schlimm ist es bestimmt nicht.»

«Du hast gut reden, du bist einfach abgehauen und hast mich im Stich gelassen.»

Sie boxt ihn in die Seite. «Streng dich in der Schule ein bisschen an, dann bist du auch bald raus. Und sei froh, dank mir hast du eine zweite Bleibe in Mexiko-­Stadt.»

«Papa ist deswegen ganz schön gekränkt», sagt Daniel. «Wirklich?» Darüber, dass Daniel lieber bei ihr als bei ihm übernachtet, hat sie sich gar keine Gedanken gemacht.

«Er hat es zu überspielen versucht, du weisst ja, wie er ist. Zugeben würde er es nie.»

«Wir können ihn doch fragen, ob wir morgen zu dritt frühstücken gehen», schlägt Matilda vor. «Eine gute Idee», sagt Daniel und greift zum Telefon. «Er lädt uns bestimmt ein», schmunzelt er.

Lange nach Mitternacht steigen Daniel und Matilda auf die Dachterrasse und teilen sich die einzige Flasche Bier, die sie in Matildas Kühlschrank gefunden haben. Irgendwo schlägt eine Tür zu. «Wir sind nicht die Letzten», gähnt Matilda.

Daniel hat sie ins Milagrito begleitet, ist die meiste Zeit bei ihr an der Bar herumgehangen und hat entsprechend mehr getrunken als sie. «Schau.» Daniel krempelt das Hosenbein hoch. Er hat sich eine Tätowierung stechen lassen. Es ist der Schriftzug seiner Lieblingsband Caifanes. «Und das zeigst du mir erst jetzt?»

Daniel lacht. «Du musst mir versprechen, Oma und Opa nichts davon zu erzählen, die drehen sonst durch.»

«Weiss Fabio davon?»

Daniel nickt. «Jetzt bist du dran.»

«Womit?»

«Na, mit einer Tätowierung.»

Matilda lehnt sich an Daniels Schulter. «Und hast du auch schon einen Vorschlag, was das Sujet betrifft?»

«Hm, lass mich nachdenken. Wie wäre es mit einem Anker?»

«Ein Anker? Ich bin doch keine Seemannsbraut», lacht Matilda.

Daniel schaut sie von der Seite an. «Warum denn nicht? Den Atlantik hast du jedenfalls auch schon überquert.» «Da bin ich ja wohl nicht die Einzige», schmunzelt Matilda.

«Matrosenjargon, grosse Schwester.»

Er wirft den Flaschendeckel hoch, fängt ihn auf. Immer wieder. Zwischendurch fällt der Deckel auf den Boden, was ein klirrendes Geräusch erzeugt. Ein Geräusch, das man am Tag nicht einmal hören würde. Die Stille der Nacht wirkt wie ein Verstärker. Plötzlich erinnert sich Matilda an Fabios Anruf aus dem Krankenhaus, als er es nicht über sich brachte, ihr zu sagen, dass Mama gestorben war. «Du machst mich ganz nervös», sagt sie.

«Stellst du dir manchmal vor, wie es wäre, wenn Mama noch hier wäre?», fragt Daniel. Matilda zieht die Schultern hoch, sagt nichts. Es überrascht sie nicht, dass auch Daniel gerade an Mama gedacht hat.

«Vermisst du sie?», fragt er.

«Du?», fragt sie zurück.

«Mensch Matilda, warum fällt es dir so schwer, über Mama zu reden? Merkst du eigentlich, dass du allen Fragen ausweichst, dass man mit dir kein normales Gespräch führen kann?»

«In vielen Situationen fehlt sie, ist einfach nicht da», sagt Matilda harsch, «aber ob ich sie vermisse, kann ich dir nicht sagen. Ich weiss nicht, wie das Leben mit ihr aussehen würde. Sie ist seit zehn Jahren tot. Genügt das, bist du jetzt zufrieden?»

Folge 43

«Du kanntest sie besser als ich.» Daniel schlägt einen versöhnlichen Ton an. «Darum beneide ich dich manchmal. Meine eigenen Erinnerungen verblassen.» «So war es auch mit meinen Erinnerungen an meinen Vater. Vergiss nicht, auch der ist mir einfach abhandengekommen.»

Sie lehnen sich aneinander, reichen die Flasche hin und her.

Dann richtet sich Matilda gerade auf und blickt Daniel herausfordernd an. «Was lernen wir daraus, kleiner Bruder?», fragt sie spöttischer als beabsichtigt.

Daniel schüttelt den Kopf. «Ich nehme dir deine Härte nicht ab, Matilda.»

«Das Leben besteht aus Tatsachen. Werde erwachsen.»

Daniel streckt ihr die Flasche hin und steht auf. «Trink aus, ich geh schlafen.»

Ohne weiter darauf zu achten, registriert Matilda, dass sich Ricardo, einer ihrer Dozenten, direkt ihr gegenüber auf den freien Platz setzt. Ricardo hebt sich von den anderen Lehrpersonen ab, ist jung und gut aussehend. Sein Seminar in Entwicklungspsychologie ist so gut besucht wie kein anderes. Von Anfang an hat er ihnen das Du angeboten. In Anbetracht des geringen Altersunterschieds wäre es tatsächlich komisch gewesen, ihn zu siezen. Es erstaunt sie, dass Dozenten keinen eigenen Computerraum für ihre Recherchen haben. Sie öffnet ihre E­-Mails und vergisst Ricardo sofort. Anna hat ihr geschrieben. Matilda presst die Lippen aufeinander, schiebt die Ärmel ihres Pullis nach hinten. Die Mail ist lang, sie liest schnell, springt von einem Absatz zum nächsten. Obwohl ihr Englisch seit dem Schulabschluss ein bisschen eingerostet ist, bereitet ihr die Sprache keine Probleme. Ihr stockt der Atem; fast hätte sie in ihrer Hast einen Satz überlesen. Ihr Blick eilt zurück. Da steht es, schwarz auf weiss: Auch Annas Mutter, Rita, ist an Krebs gestorben. Matilda kann nicht weiterlesen, schliesst ihre Augen, legt ihr Gesicht in die Hände. Verzweifelt denkt sie, dass das nicht wahr sein darf. Als sie wieder aufschaut, sieht sie direkt in Ricardos Augen. Sie wendet den Blick ab, sammelt schnell ihre Bücher zusammen, greift nach der Jacke und verlässt den Computerraum.

Es ist ihr unangenehm, dass Ricardo sie beobachtet hat. Dieser Moment gehörte ihr allein. Um ihm nicht zu begegnen, lässt sie sein Seminar ausfallen. In der Woche darauf schleicht sie sich absichtlich zu spät in den Raum, setzt sich in die hinterste Reihe und nimmt sich vor, ein paar Minuten vor Unterrichtsende zu verschwinden. «Matilda, ich bitte dich, nachher noch zu mir zu kommen», sagt Ricardo kurz vor Schluss, als sie gerade ihr Buch zusammenklappt, um bald zu gehen. Alle Köpfe drehen sich zu ihr um. Sie fühlt sich geschmeichelt und blossgestellt zugleich. Nach der Lektion wartet sie, bis alle ihre Mitstudenten das Zimmer verlassen haben.

«Ich möchte dich dafür um Entschuldigung bitten, dass ich dich neulich im Computerraum so angestarrt habe. Das war nicht die feine Art.»

Matilda lächelt, tritt etwas näher an ihn heran.

«Du hast sehr traurig ausgesehen. Ich vermute, es hat sich um etwas Persönliches gehandelt?» Matilda nickt.

«Reden ist nicht so deine Stärke, oder?», grinst er.

«Jemand von früher hat sich bei mir gemeldet.»

«Eine verflossene Liebe?»

Matilda schüttelt den Kopf, muss ein Schmunzeln unterdrücken. Ganz schön frech, der Herr Dozent. «Meine ehemalige Pflegeschwester.»

«Und die schlechten Nachrichten?», hakt er nach, «entschuldige meine Neugier. Du musst mir selbstverständlich nichts erzählen, wenn du nicht willst. Es ist nur so, dass ich deinen Gesichtsausdruck nicht vergessen konnte.»

«Die Mutter meiner Pflegeschwester ist vor einem Jahr an Krebs gestorben.»

«Deine Pflegemutter?»

«Rita, ja.»

«Das tut mir leid.»

«Du kannst ja nichts dafür», sagt Matilda rasch. Sie zieht die Augenbrauen hoch. «Aber eine Einladung auf einen Kaf­fee fände ich trotzdem angemessen.» Ricardo lächelt. «Sehr gern.»

Ricardo ist schon da. Er sitzt mit dem Rücken zu ihr an der Bar, trägt Turnschuhe, eine Jeans, dazu ein schwarzes, kurzärmeliges Hemd. Während des gemeinsamen Kaffees in der Cafeteria der Universität haben sie sich spasseshalber für den Abend verabredet. Im Verlauf des Gesprächs haben beide mehrfach halb ironisch, halb im Ernst auf das spätere Treffen angespielt. Sie ist aufgeregt und gespannt, wie der Abend ablaufen wird. Keine Sekunde hat sie daran gezweifelt, dass Ricardo hier sein würde.

«Hey», tippt sie ihn auf den Rücken.

Er dreht sich zu ihr um. «Matilda, da bist du ja.»

«Dachtest du, ich würde nicht kommen?», fragt sie, während sie sich neben ihn auf den hohen Barhocker hievt.

Er schüttelt grinsend den Kopf. «Ein Bier?»

Sie nickt, grinst ebenfalls. «Was ich mich auf dem Weg hierhin gefragt habe: Sind Dates zwischen Dozierenden und Studierenden eigentlich erlaubt?»

«Ist das hier ein Date?», fragt er zurück, bestellt die Getränke.

Der Barkeeper stellt die beiden Bierflaschen und zwei Gläser vor sie auf die Theke. «Mit Glas?», fragt er. «Nur die Flasche», entgegnet Matilda, worauf er die beiden Gläser wieder wegräumt. «Du bist mir noch eine Antwort schuldig», lächelt Ricardo. Sie stossen miteinander an. «Na dann, auf unser Date, das möglicherweise gar keins ist», entgegnet Matilda.

Er schaut sie eindringlich an, berührt ihre Hand. «Erzähl mir etwas von dir, von deiner Familie. Bist du hier aufgewachsen? Hast du Geschwister?»

Folge 44

«Da gibt es nicht besonders viel zu erzählen. Ich bin in Mexiko-Stadt gross geworden, meine Eltern haben sich getrennt, als ich ein Kind war.» Sie macht eine kleine Pause, holt tief Luft. Ihre Vergangenheit ist ihr zu kompliziert. «Da meine Mutter krank war, lebte ich kurze Zeit bei einer anderen Familie. Was willst du noch wissen? Ach ja, ich habe einen Bruder. Daniel. Er studiert in Puebla.»

«Und deine Mutter?»

«Meine Mutter?»

«Ist sie nicht mehr krank?»

«Nein. Sie ist nicht mehr krank. Sonst noch eine Frage?»

Matilda will die Leichtigkeit dieses Abends nicht aufs Spiel setzen und sowieso fühlt es sich nicht schlecht an, sich ein anderes, mögliches Leben auszudenken.

«Jetzt bist du an der Reihe. Kindheit, Werdegang, Träume?» Sie finden rasch in ein lockeres, unverbindliches Gespräch. Ricardo erzählt ausführlich von seinen Studienjahren in Kalifornien, von seiner Kindheit in Nordmexiko, wohin er nur selten zurückreist. Sie bestellen weitere Getränke. «Ich sitze dir gern gegenüber», flüstert Ricardo ihr auf einmal ins Ohr. Sein Parfüm riecht süsslich, vertraut. Kurz darauf verlassen sie die Bar, schlendern durch die Strassen, nehmen später die U-­Bahn in Matildas Richtung. In einem der Lebensmittelgeschäfte, die Tag und Nacht geöffnet sind, kaufen sie sich ein paar Biere, mit denen sie sich auf Matildas Dachterrasse setzen. Der Flaschendeckel, mit dem Daniel gespielt hat, liegt immer noch dort. Matilda ist angetrunken, mutiger. In nüchternem Zustand hätte sie Ricardo nicht zu sich nach Hause eingeladen, das weiss sie. Vorsichtig lehnt sie sich an seine Schulter, legt ihre Hand auf sein Knie, worauf er sich zu ihr dreht, ihren Hals berührt. Sie küssen einander.

«Es ist besser, du gehst jetzt», sagt Matilda, nachdem sie die Biere ausgetrunken haben.

«Und wenn ich mich weigere?»

Matilda lacht laut auf. «Dann mache ich dir im Seminar eine Szene.» Sie berührt seine Wange, küsst ihn auf den Mund. «Bis du dir wünschst, mich nie kennengelernt zu haben.»

Er legt seine Arme um ihren Hals. «Das kann ich mir nicht vorstellen.»

«Dass ich dir eine Szene mache?»

«Nein, dass ich mir wünsche, dich nie kennengelernt zu haben.»

Matilda begleitet Ricardo bis zum Eingangstor, wo sie sich voneinander verabschieden. Matilda weiss genau, dass er ihr nachschauen wird, bis sie in ihrer Wohnung verschwunden ist. Sie blickt absichtlich nicht zurück.

Am nächsten Tag sitzt Matilda wie gewohnt im Hörsaal. Die Professorin betritt den Raum und legt ihre Vorlesungsunterlagen auf das Rednerpult. «Was wollte eigentlich Ricardo gestern von dir?», fragt Claudia, die neben ihr sitzt.

«Sex», haucht Matilda ihr ins Ohr.

Claudia schubst Matilda lachend in die Seite. «Und jetzt mal im Ernst?»

«Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit», wirft die Professorin mahnend in den Raum und beginnt ihre Vorlesung. Konsumentenpsychologie ist nun wirklich nichts, was Matilda brennend interessieren würde. Zudem kann sie sich jetzt unmöglich konzentrieren. Sie beugt sich noch einmal zu Claudia herüber. «Es ging um eine Seminararbeit, die ich bei ihm schreiben will», erklärt sie, worauf Claudia ihr zuzwinkert. Eigentlich würde sie Claudia gern von gestern erzählen, davon, dass Ricardo tatsächlich an ihr interessiert ist. Doch ganz abgesehen davon, dass sie ihre Männergeschichten lieber für sich behält, ist sie sich nicht sicher, wie offen sie darüber reden darf. Insgeheim hofft sie, Ricardo später auf dem Flur zu begegnen, sie wüsste nur zu gern, wie er reagiert, wenn er sie sieht.

«Entschuldige bitte, dass ich dir erst jetzt antworte», tippt Matilda. «Ich habe mich sehr gefreut, von dir zu hören.» Eine Weile starrt sie auf den Bildschirm, löscht die Worte wieder.

Das klingt irgendwie unangebracht. Schliesslich ging es in Annas Mail, die sie vor einigen Wochen bekommen hat, in erster Linie um Ritas Tod. Matilda hat sich bemüht, diese traurige Nachricht nicht in ihr Denken und Fühlen vordringen zu lassen. Nur deshalb hat sie so lange nicht einmal versucht zu antworten. Jetzt will sie es schnell hinter sich bringen. Umso mehr ärgert sie sich, dass sie es nicht zustande bringt. Wie schwer kann es denn sein, ein paar Sätze des Beileids zu formulieren? Aber was soll sie schreiben? «Das mit deiner Mutter tut mir leid. Meine Mutter ist auch an Krebs gestorben?» Nein, sie kann das nicht. Sie will zwischen den Toden ihrer Mütter keine Verbindung herstellen. Sie tippt schnell: «Ich erinnere mich daran, dass Rita für uns beide einen Adventskalender gebastelt hat. Meine Päckchen waren in goldenes Papier mit roten Sternen eingepackt. Die vierundzwanzig Päckchen hingen an einem Tannenbaum, den sie aus Karton und Filz gebastelt hat. Hier gibt es so etwas nicht. Weisst du etwas von meinem Onkel Tobias?» Matilda löscht die Zeilen. Das führt doch zu nichts.

Oder es bringt einen Stein ins Rollen, den sie nicht ins Rollen bringen möchte. Vielleicht sollte sie ihr besser etwas von ihrem jetzigen Leben erzählen? «Ich studiere Psychologie, habe etwas am Laufen mit einem neun Jahre älteren Dozenten. Manchmal übernachtet er bei mir, selten ich bei ihm. Wir halten unsere Beziehung geheim. In der Bar, in der ich arbeite, küsse ich aber auch César. Ich glaube, er ist in mich verliebt.» Niemals würde sie diese E­-Mail abschicken. Sie löscht den Inhalt und nimmt sich vor, Anna am nächsten Tag endlich zurückzuschreiben.

Folge 45

Zwischen Ricardo und Matilda stellt sich eine Nähe und Vertrautheit ein, die Matilda unangenehm ist. Sie will Ricardo nicht vermissen und nicht ständig an ihn denken müssen. Kaum meldet er sich ein paar Stunden nicht bei ihr, spürt sie diese Angst, ihm könnte etwas zugestossen sein. Gleichzeitig lacht sie ihn aus, wenn er sie minutiös darüber ausfragt, wie sie ihren Tag verbracht hat. Sie will das alles nicht.

Das zweite Semester und das Seminar bei Ricardo sind gerade vorbei, als Matilda Ricardo unangemeldet in seiner Wohnung aufsucht. Er ist zwar überrascht, Matilda zu sehen, zieht sie aber glücklich an sich. «Wie froh ich bin, dass wir jetzt nicht mehr Verstecken spielen müssen.» Er riecht gut. Matilda löst sich aus der Umarmung, sie ist nicht deswegen hier. «Ricardo, ich verlasse dich.»

«Wie bitte?»

«Ich verlasse dich.»

«Matilda, das ist doch wohl ein schlechter Scherz! Es läuft doch alles toll zwischen uns. Schau, wenn du es lieber weiterhin geheim halten willst, dann ist das für mich überhaupt kein Problem, damit kann ich leben.» «Darum geht es nicht. Unsere Geschichte ist einfach vorbei.» Sie dreht sich von ihm weg, doch er hält sie am Arm zurück. «Spinnst du? Du schuldest mir zumindest eine Erklärung.»

«Lass mich. Ich will dich nicht mehr sehen.» Matilda rennt die Treppe herunter, verlässt das Gebäude und bricht in Tränen aus. Am liebsten würde sie wieder umdrehen, die Treppe hochstürmen und sich in Ricardos Arme werfen. Aber sie will sich nicht von ihrem Verlangen nach ihm steuern lassen oder sich emotional abhängig machen. Ein Auto bremst ab, sie weicht zurück.

Zu Hause steckt sie das Telefon aus. Sie plant, sich in ihrer Wohnung zu verschanzen, bis sie wieder dazu bereit ist, der Welt und notfalls auch Ricardo gegenüberzutreten. Sie verbietet sich, an ihn zu denken. Sie ist sich sicher, dass ihre aufgepeitschte Gefühlslage nur eine Frage der Kontrolle ist und sie es noch im Verlauf dieser Semesterferien schaffen wird, Ricardo aus ihren Gedanken und ihrem Leben zu verbannen.

*

«Hängen wir sie nun auf oder hängen wir sie nicht auf?», fragt Tobias genervt. Vor ihm liegt die Pace-Fahne, die er heute auf dem Nachhauseweg an einem Stand gekauft hat. Dank der bunten Fahne mit der weissen Aufschrift ist das italienische Wort für Frieden inzwischen überall bekannt. «Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt «, entgegnet Michael. «Ich sage ja nur, dass wir nicht jeden Trend mitmachen müssen.»

«Du bist doch auch gegen den Irakkrieg – oder etwa nicht?»

«Diese Frage muss ich dir ja wohl nicht beantworten. Das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun.»

«Das eine soll mit dem anderen nichts zu tun haben? Weshalb denn sonst hängt von jedem zweiten Balkon eine dieser Pace-Fahnen?»

«Gut. Wenn du darüber reden willst, reden wir darüber. Denn genau das ist es, was mich an der grossen Masse nervt. Eine Fahne raushängen und sich sonst keinen Deut um andere Menschen kümmern? Sich kaum für Politik interessieren, nicht den Mund aufreissen, wenn andere diskriminiert werden? Meinst du etwa, mit einer läppischen Fahne seien die Probleme gelöst und plötzlich herrsche Frieden?»

«Michael, sei nicht lächerlich. Es handelt sich um eine kollektive Aktion, die weltweit den Willen zum Frieden zum Ausdruck bringen soll. Punkt. Je mehr Menschen mitmachen, desto grösser die Wirkung.»

«Eine gute Verkaufsstrategie.»

«Weisst du, wie viel Geld auf der anderen Seite mit Krieg gemacht wird?»

«Okay, lassen wir es. Entschuldige, ich hatte einen langen Tag. Sowieso bin ich gar nicht grundsätzlich dagegen, es ist nur …»

«Dann hänge ich sie jetzt also auf?»

«Mach, was du willst. Sie könnte allerdings auch mit der Regenbogenfahne verwechselt werden.»

Jetzt schüttelt Tobias verständnislos den Kopf. «Erstens: Wie du weisst, sind bei der Lesben- und Schwulenfahne die Farben anders angeordnet und zweitens: Liegt etwa da dein Problem? Dass jemand denken könnte, wir hätten nichts gegen Schwule und Lesben? Oder gar, dass wir selbst schwul sind?»

«Hör auf, Tobi», versucht Michael es nun in einem besänftigenden Ton. «Du weisst, dass das nicht stimmt. Im Gegensatz zu dir wissen bei mir auf der Arbeit alle Bescheid, dass ich schwul und seit vierundzwanzig Jahren mit dir zusammen bin. Ich finde es wichtiger, was in uns drinnen passiert, als was wir mit solch punktuellen Aktionen gegen aussen tragen. Welche innere Haltung wir einnehmen. Mir kommt das alles einfach ziemlich verlogen vor. Natürlich gibt es auch da grosse Unterschiede, das will ich gar nicht bestreiten. Aber lass uns das Thema wechseln und im Juno etwas trinken gehen.»

«Hm», brummt Tobias. Er wird einlenken, das weiss er, aber jetzt braucht er noch ein paar Minuten, bevor er die Diskussion und den damit verbundenen Ärger beiseiteschieben kann. Die Fahne wird er dann wohl nicht aufhängen. Dabei wäre er gar nie auf die Idee gekommen, dass Michael etwas dagegen haben könnte.

«Auf die Pace-Fahne», sagt Michael und hebt das Glas.

«Du bewegst dich auf dünnem Eis, mein Freund», entgegnet Tobias, hebt dann ebenfalls das Glas in die Höhe und prostet Michael zu: «Auf deine Sturheit und unsere vierundzwanzig Jahre!» Beide nehmen einen Schluck Gin Tonic.

Folge 46

In der Zeit, in der er Michael kennengelernt hat, lebte Pascal in Mexiko. In einem Brief hatte er ihm von Michael erzählt. Als Pascal dann wieder in die Schweiz zurückkam, gab es für beide eine neue Hauptperson im Leben. Bei ihm Michael, bei Pascal Matilda. Er erinnert sich gut daran, wie nervös er gewesen war, ob sowohl Matilda als auch Michael ihre nahe Bruderbeziehung weiterhin zulassen und ob sie sich alle gegenseitig mögen würden. Zum grossen Glück war es eine unnötige Angst gewesen: Innert kurzer Zeit waren sie vier zu einer Familie zusammengewachsen.

Michael stupst ihn an: «Woran denkst du?»

«Weisst du noch, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind?»

«Ja, klar. Du hast dich bei mir am Schalter darüber beschwert, dass du kein Geld abheben konntest.»

«Beschwert? Niemals. Ich war äusserst freundlich, schliesslich hast du mir ja gleich gefallen. Sonst hätte ich dich einige Tage später auch nicht zu einem Fussballspiel eingeladen.» «Meine Zusage war der reinste Liebesbeweis. Obwohl: Wahrscheinlich hättest du mich gleich abserviert, wenn du geahnt hättest, wie sehr ich Fussball hasse», lacht Michael.

«Ganz bestimmt», schmunzelt Tobias. «Das hast du schlau gemacht.»

*

Nun hupt Fabio bereits zum dritten Mal. «Ist ja gut», ruft Matilda, obwohl sie weiss, dass er sie nicht hören kann. Sie packt frische Kleider und einige Toilettenartikel in die Tasche, bindet sich die Haare zusammen, lässt einen Kontrollblick durch die beiden Zimmer schweifen – der Boiler tropft schon wieder – und schliesst die Haustür ab. Vor dem Eingangstor steht Fabios blauer Peugeot.

«Dich erreicht man auch nie», sagt Fabio, sobald Matilda die Beifahrertür öffnet. «Wozu hast du ein Telefon, wenn du doch nie rangehst?»

«Nette Begrüssung», entgegnet Matilda, lässt sich auf den Sitz fallen, beugt sich zu Fabio herüber und küsst ihn auf die Wange. «Jetzt fahr schon los, nicht, dass wir wegen dir noch zu spät kommen.»

Grinsend startet Fabio den Motor. «»Du weisst ja selber, wie lange es an einem Freitagabend dauert, bis man zur Stadt raus ist.» Er lenkt das Auto in Richtung Hauptstrasse, das Lichtsignal wechselt auf Rot. «Wann warst du zuletzt in Puebla?», fragt er.

«Das muss an Opas Geburtstag gewesen sein», denkt Matilda laut nach. «Vor über vier Monaten», schüttelt Fabio den Kopf, «du solltest dich schämen.»

Matilda verdreht die Augen. «Und du?»

«Vor drei Wochen, und dann war Daniel ja noch ein Wochenende bei mir. Hat er dir schon erzählt, dass er wieder zu mir zieht?»

«Echt?», fragt Matilda überrascht. «Nein, er hat nichts erwähnt. Das heisst, wir haben schon lange nicht mehr miteinander telefoniert. Du hättest mir aber auch etwas davon sagen können.»

«Das habe ich die ganze letzte Woche versucht, Matilda. Aber du gehst ja nicht ans Telefon und rufst nie zurück», beschwert sich Fabio. Der Zeitpunkt für den Umzug scheint ihr unpassend – bald würde Daniel die Schule beenden und woanders mit einer Ausbildung beginnen. Für das letzte Jahr die Schule zu wechseln, machte doch keinen Sinn. «Warum gerade jetzt?»

«Inzwischen braucht Daniel niemanden mehr, der immer da ist und auf ihn aufpasst. Aber der wahre Grund ist ein anderer. Ich habe den Eindruck, dass Rosalia einem aufmüpfigen Teenager einfach nicht gewachsen ist und es ihr und Rodolfo guttun würde, die Verantwortung nach so vielen Jah­ren wieder abzugeben. Zudem arbeite ich ja auch weniger und gehe abends selten weg.»

Dass Oma und Opa müde wirken, ist Matilda bei ihrem letzten Besuch, zu Opas vierundsiebzigstem Geburtstag, auch aufgefallen.

Ausserdem gefällt ihr die Idee, Daniel in der Nähe zu haben. Aber Fabios Wohnung würde zu klein sein für die beiden.

«Wir denken darüber nach, zusammen in Lucías Wohnung zu ziehen», unterbricht Fabio ihre Gedanken. Matilda hat geahnt, dass es darauf hinauslaufen würde. Allein die Vorstellung, die beiden dort zu besuchen, schnürt ihr die Luft ab. Seit sie damals nach Puebla gezogen ist, war sie nie mehr in der Wohnung, hat die Strasse gemieden. Selbst wenn sie ein Taxi genommen hat, hat sie den Fahrer jeweils darum gebeten, eine andere Route zu wählen. Sie bemüht sich, einen neutralen Ton anzuschlagen. «Warum Mamas Wohnung? Ist es nicht besser, ihr sucht euch etwas Neues, Modernes?»

«Dein Bruder ist besser mit Lucías Tod fertiggeworden als du», erwidert Fabio, als hätte das etwas mit ihrem Einwand zu tun. Vermutlich hat er nur darauf gewartet, diesen Satz irgendwo unterzubringen. «Daniel würde gern dort wohnen. Und ich auch. Ich habe mich an keinem anderen Ort so wohl gefühlt wie in dieser Wohnung.»

«Aber das lag doch an Mama, nicht an der Wohnung», zischt Matilda. Mit ihrer Gelassenheit ist es vorbei, was will Fabio mit diesem Gespräch überhaupt erreichen?

«Menschen gehen unterschiedlich mit Verlusten um. Du solltest das nicht werten», schiebt sie hinterher.

«Ich werte nicht», beharrt Fabio. «Ich stelle nur fest, dass du kaum über den Tod deiner Eltern sprichst und diese Verluste nie richtig verarbeitet hast.»

Matilda zwingt sich, tief durchzuatmen.

«Unter Psychologen ist es ja verbreitet, die eigenen Probleme zu verdrängen», fügt Fabio grinsend hinzu. Falls diese Aussage ein Scherz war, ist er misslungen, findet Matilda. Sie schweigt.

Folge 47

Fabio trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad. Sie stehen im Stau, es geht nicht vorwärts. Die Reise nach Puebla war ein Fehler.

Fabio stellt das Radio an, sucht einen Sender, der nicht von einem Rauschen unterlegt ist, gibt auf. «Bist du sauer?»

«Nein», antwortet Matilda trotzig. Sie kurbelt das Fenster herunter, doch es riecht so stark nach Abgasen, dass sie es gleich wieder schliesst. Diese Warterei im Auto macht sie ganz nervös. «Vielleicht kommt Anna mich bald besuchen.»

«Welche Anna?»

«Anna eben, meine Pflegeschwester aus der Schweiz.»

Überrascht blickt Fabio zu ihr herüber. «Ich habe gar nicht gewusst, dass ihr wieder Kontakt habt. Schon lange?»

«Seit einigen Monaten», antwortet Matilda etwas kleinlauter. Das Gefühl von Genugtuung ist bereits wieder verflogen. Wenn Fabio sie nicht so provoziert hätte, hätte sie sich auch nicht zu solchen Behauptungen hinreissen lassen. Nun gut, jetzt würde sie Anna nach über einem Jahr halt doch noch zurückschreiben müssen.

Matilda führt Don Alfonso, der sich als Hauswart um Sergios Wohnungen kümmert, ins Badezimmer. Dort kniet er sich auf den Boden, breitet seine Werkzeuge vor sich aus. Vor einigen Tagen hat der Durchlauferhitzer zu funktionieren aufgehört und der Boiler tropft auch immer noch. Matilda bleibt im Türrahmen stehen und schaut Don Alfonso zu. Während er sich zuerst dem Boiler zuwendet, erzählt er Matilda von seiner Frau und den fünf Kindern, von denen drei mit ihren eigenen Kindern bei ihnen im Haus in einem Vorort von Mexiko­-Stadt leben. «Dann haben Sie einen langen Arbeitsweg», staunt Matilda. «Kommen Sie täglich hierher?»

«Wenn der Chef etwas braucht, ja», sagt er, ohne aufzuschauen. «Und der Chef braucht immer etwas», fügt er lachend hinzu. «Aber das ist kein Problem. Mit dem Bus, der U­Bahn und einem Fussmarsch von etwa fünf Kilometern bin ich in knapp zwei Stunden hier. Ich arbeite gern für Sergio, er ist ein exzellenter Chef. Ich danke Gott, dass ich für ihn arbeiten darf.»

Don Alfonso greift nach der Zange. «Früher habe ich als Portier bei Volkswagen gearbeitet, dort habe ich damals Sergio kennengelernt. Doch die Nachtwachen sind mir mit zunehmendem Alter zum Verhängnis geworden, und nachdem ich das zweite Mal bei der Arbeit eingeschlafen bin, hat man mich entlassen.» Er legt die Hände auf seine Oberschenkel, schaut kurz auf. «So ist das Leben, Señorita Matilda.»

Matilda mag Don Alfonso. Seine dunklen Augen funkeln. Gleichzeitig strahlt er eine Ruhe aus, die ihr guttut. «Haben Sie bei Volkswagen per Zufall mit Pascal Müller, einem Schweizer, zu tun gehabt? Er war ein guter Freund von Sergio.»

Don Alfonso legt den Kopf schief. «Mit meinem Gedächtnis steht es nicht mehr zum allerbesten», gesteht er nach einer Weile. «Ich kann es Ihnen nicht sagen.»

«Das macht nichts», sagt Matilda. «Ich setze Kaffee auf. Trinken Sie auch einen?»

«Ich will Ihnen keine Umstände bereiten.»

«Sie bereiten mir keine Umstände, im Gegenteil. Ich freue mich, mit Ihnen Kaffee zu trinken. Kommen Sie in die Küche, wenn Sie hier fertig sind.»

Wenig später betritt Don Alfonso die Küche. «Ich muss ein paar Ersatzteile besorgen. Bis morgen Abend ist alles erledigt, versprochen.»

Matilda zeigt auf den freien Stuhl. «Setzen Sie sich doch.»

Don Alfonso nickt, setzt sich aber nicht. Er trinkt den Kaffee im Stehen.

Am nächsten Tag kommt Don Alfonso zurück mit den nötigen Ersatzteilen, Tortillas und einem Fleischeintopf, den seine Frau zubereitet hat. «Liebe Grüsse von meiner Frau. Sie ist etwas besorgt, dass Sie allein leben, Señorita Matilda.» Matilda lacht. «So lange der Richtige nicht auftaucht, bleibe ich besser allein, oder was meinen Sie?»

«Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus», winkt Don Alfonso ab. «Als ich meine Frau geheiratet habe, war ich achtzehn Jahre alt. Das ist jetzt dreiundvierzig Jahre her.»

«Dann ist sie bestimmt die Richtige», schmunzelt Matilda.

Don Alfonso zuckt mit den Schultern. «Wir haben uns bemüht, richtig zu sein.»

Matilda nimmt sich vor, sich heute ebenfalls zu bemühen, richtig zu sein, und Daniel und Fabio in ihrem gemeinsamen Zuhause, das früher auch ihres war, zu besuchen.

Wenig später macht sich Matilda zu Fuss auf den Weg. Obwohl sie ihren Besuch nur angekündigt, aber keine bestimmte Uhrzeit genannt hat, beeilt sie sich. Bald wird ihr vom schnellen Gehen warm, sie zieht ihre Jacke aus, legt sie über die rote Tasche, deren langen Träger sie sich schräg über die Schulter gehängt hat.

Beim Betreten des Parks, der zwischen ihrer und Mamas Wohnung liegt, fällt ihr auf, dass ein neuer Spielplatz für Kinder gebaut worden ist. War sie schon so lange nicht mehr hier? Jetzt kommt sie an der Hundeschule vorbei, die sich schon früher täglich im Park eingefunden hat.

Matilda kann nicht begreifen, wie es die paar Jungs, selbsternannte Hundesitter, zustande bringen, dass diese rund dreissig Hunde so friedlich nebeneinanderliegen. Ihrem Instinkt entsprechend müssten die vielen Hunde doch miteinander kämpfen oder zumindest spielen wollen.

Sie spaziert an der langen Hundereihe vorbei, versucht, wenigstens einige der Hunderassen zu erraten: Schäfer, Promenadenmischung, Boxer, Chihuahua, Pudel, Promenadenmischung, Terrier, Promenadenmischung, Pinscher. Es hört nicht auf. Wer wohl die Besitzer dieser Hunde sind? Politiker und Immobilienhändler – wer sonst kann es sich leisten, seinen Vierbeiner hier abzugeben?

Folge 48

Plötzlich kommt ihr der Verdacht, dass die Tiere mit irgendeiner Substanz ruhiggestellt werden. Weiter vorne steht ein Ballonverkäufer. Diesen gelbblauen Zylinder, den er aufgesetzt hat, kennt sie aus ihrer Kindheit. Vielleicht ist der Zylinder vom Vater auf den Sohn übergegangen, denn dass es noch immer der gleiche Verkäufer ist wie damals, scheint ihr unwahrscheinlich. Am anderen Ende des Parks hat ein neues Café aufgemacht, sie sieht es zum ersten Mal. Es scheint beliebt zu sein, die weissen Stühle und Tische sind alle besetzt.

Aus der Ferne sieht Matilda ein Mädchen, das mit einem kleinen Kind an der Hand zwischen den Tischen umhergeht und die anderen Gäste um Geld bittet. Jetzt tritt ein Kellner an die beiden heran, schickt sie offensichtlich fort. Er legt seine Hände auf die Schultern des Mädchens, dreht es vom Tisch weg, an dem es gerade steht. Ein bedrückendes Bild. Matilda geht schnell weiter. Vermutlich sind es die Kinder längst gewohnt, fortgeschickt zu werden. Aber trotzdem.

Dann bleibt sie doch noch einmal stehen, dreht sich um. Wo sind sie denn? Matilda sucht mit ihrem Blick die nähere Umgebung ab, sieht sie aber nicht. Schliesslich entdeckt sie die beiden. Sie sitzen an einem der hinteren Tische auf den viel zu hohen Stühlen, lassen die Beine baumeln. Der Kellner taucht wieder auf, reicht ihnen je einen Becher mit einem Strohhalm drin und übergibt dem grösseren Mädchen einen Papiersack. Matilda ist froh, dass sie sich noch einmal umgedreht hat.

Sie verlässt den Park, überquert eine stark befahrene Strasse, geht vorbei an einem Papierwarenladen, einem Stoffgeschäft, vorbei an mehreren Essensständen, wo es nach gebratenem Fleisch riecht, biegt dann links in die Avenida Maya ein. Vorne an der Ecke ist ein Neubau entstanden, auf einem grossen Schild, das davor angebracht ist, wirbt die Immobilienfirma für Eigentumswohnungen. Matilda bleibt stehen. Befand sich nicht hier die Ruine, die ihr Fabio einmal gezeigt hat?

Sie schaut sich um, versucht, sich zu orientieren. Sie täuscht sich nicht, es muss dieses Grundstück gewesen sein. Gleich würde sie Fabio davon erzählen. Ob er irgendwann herausgefunden hat, wem das Haus einst gehörte? Sie selber möchte nicht in einem Wohnblock leben, der auf den Trümmern eines anderen Hauses aufgebaut worden ist. Und dass heutzutage sicherer gebaut wird, bezweifelt sie. Ihre kleine Erdgeschosswohnung ist ihr da um einiges lieber.

Jetzt biegt sie in ihre frühere Strasse ein, erblickt schon von Weitem Candidos Stand. Sie nähert sich ihm, ob vielleicht eines seiner Kinder den Stand übernommen hat? Nein, Candido höchstpersönlich steht noch immer hinter der Theke. Sie erkennt ihn sofort. Bilder schiessen durch ihren Kopf: Der Schulweg auf Fabios Fahrrad, die zahlreichen Pausen, die sie gemeinsam an Candidos Stand eingelegt haben. Mamas Grapefruitsaft und Candidos Worte, als Mama krank war, dass er sie täglich in sein Gebet nehmen würde. Sie schafft es nicht, vor Candido stehen zu bleiben, sie würde die Tränen nicht zurückhalten können – deshalb wechselt sie die Strassenseite.

Auf der Höhe des Eingangstors, das zu Mamas Wohnung führt, hält sie an. Ein Kastenwagen versperrt den Blick. Sie muss da nicht rein, sie kann immer noch umdrehen oder einfach schnell weitergehen. Aber etwas hält sie doch fest. Jetzt fährt das Auto weg, gebannt starrt sie geradeaus. Der Feigenbaum ist nicht mehr da.

Es zieht sie auf die andere Seite, hin zu Mamas Wohnung. Sie überquert die Strasse, hört von weit her, dass ihr jemand etwas zuruft. Sie geht unbeirrt weiter. Tatsächlich, an der Stelle, an der einst der Feigenbaum stand, ist nur noch ein Baumstrunk zu sehen. Ohne länger nachzudenken, drückt sie auf die Klingel. Daniel tritt heraus. «Matilda, endlich!»

Er schliesst das Tor auf, sie umarmen einander. «Was ist mit dem Feigenbaum passiert?», stammelt Matilda. Daniel legt den Arm um ihre Schulter. «Der ist doch schon seit Jahren weg, Pilzbefall oder was weiss ich.» Fabio steht in der Tür, streckt seine Hand nach Matildas Arm aus. «Hereinspaziert», bittet er fröhlich.

Sie betritt die Wohnung, schaut sich vorsichtig um. Die Wand zwischen ihrem und Daniels früherem Zimmer ist herausgeschlagen, das Zimmer, das dabei entstanden ist, wirkt gross und freundlich. Sie erkennt Fabios Bett, seinen Sessel mit den Kleidern darüber, das Hochzeitsfoto auf der Holzkommode. Durch die beiden Fenster fällt viel Licht ins Zimmer.

Daniels neues Daheim ist das frühere Elternschlafzimmer. Aber auch dieses sieht anders aus, die Wände sind hellgrün gestrichen und wenn sie sich nicht täuscht, ist der Boden ausgewechselt worden. Matilda ist erleichtert, dass der erwartete Schock ausgeblieben ist und sie sich umblicken kann, ohne von den Erinnerungen gleich erdrückt zu werden. Nach ihrer Betroffenheit über das Verschwinden des Feigenbaums hat sie bereits das Schlimmste befürchtet.

«Anstossen, Kinder!», ruft Fabio aus der Küche. Matilda lacht, doch dann fällt ihr ganz plötzlich das Atmen schwer. Sie schliesst die Augen und zählt bis drei.

Daniel schiebt sein Fahrrad neben Matilda her. Er hat darauf bestanden, sie nach Hause zu begleiten. Fabio hat ihr ein Taxi bestellen wollen, aber sie hat abgelehnt.

«Ich habe gehört, dass César im Milagrito gekündigt hat», nimmt Daniel das Gespräch auf. «Wann warst du denn im Milagrito?», fragt Matilda überrascht. Manchmal vergisst sie, dass ihr Bruder jetzt in derselben Stadt lebt.

Folge 49

«Vor ein paar Tagen. Ich habe dich überraschen wollen, aber du hast an dem Abend nicht gearbeitet. Da habe ich mich eine Weile mit dem Neuen unterhalten. Wie heisst er schon wieder?»

«Simón. Er ist nett, oder?»

«Wird er der Nächste sein?», fragt Daniel.

«Wie meinst du das?»

«Der Nächste, dem du den Kopf verdrehst und dann einfach sitzen lässt?»

«Ach komm schon Daniel, ich brauche niemanden, der mich belehrt. Wenn du mich deshalb nach Hause begleiten wolltest, dann geh ich lieber allein.»

«Sei nicht gleich eingeschnappt. Klar ist das deine Sache, trotzdem ist es nicht gerade die feine Art, Männer in dieser Geschwindigkeit abzuservieren.»

«Die Spielregeln sind bei mir von Anfang an klar», erwidert Matilda kühl.

«Gibt es dabei einen Sieger? Oder besser gesagt eine Siegerin?»

«Es geht mir nicht ums Siegen», antwortet sie schnell, fügt dann etwas leiser hinzu: «Nur verlieren, verlieren will ich nicht.»

Natürlich wird sie Daniel nichts von dieser lähmenden Schwere erzählen, von der sie in letzter Zeit öfter heimgesucht wird und die von ihrem ganzen Körper Besitz ergreift. Es fühlt sich an wie Heimweh – aber wonach denn überhaupt?

Zwei Wochen vor den letzten Prüfungen liegt ein Schreiben der Universität in Matildas Briefkasten, in dem ihr eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angeboten wird. Die neu bewilligten Stellenprozente gehören dem Fachbereich der Entwicklungs­ und Kinderpsychologie an, und die eingeplanten sechs Mitarbeitenden sollen sich mit der Frage der Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Matilda liest den Brief mehrere Male durch – dass sich die Universität bei der Besetzung von Stellen direkt an einzelne Studenten wendet, ist ihr neu. Sie wird gebeten, einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren, an dem das weitere Vorgehen besprochen und genauere Informationen folgen werden.

Aufgeregt wartet sie am nächsten Tag vor dem Büro des Dekans und zuckt zusammen, als plötzlich Ricardo neben ihr steht. «Ich war es, der dich für die freie Stelle vorgeschlagen hat», sagt dieser grinsend und klopft, ohne Matildas Reaktion abzuwarten, mit der Faust zweimal kurz an die Tür und zieht sie auf. Er lässt Matilda den Vortritt und betritt hinter ihr ebenfalls den Raum. Der Dekan schlägt Ricardo freundschaftlich auf die Schulter, reicht Matilda die Hand und fordert beide auf, Platz zu nehmen. «Danke, Ricardo, dass du es einrichten konntest, beim heutigen Treffen dabei zu sein», eröffnet der Dekan das Gespräch. «Kein Thema», winkt Ricardo ab, «es ist mir wichtig, bei der Zusammenstellung meines Teams mitreden zu können.» So ist das also.

Matilda will den Vertrag nach dem Gespräch nicht sofort unterschreiben, sondern bittet um eine Nacht Bedenkzeit, wofür der Dekan Verständnis zeigt. Dass Ricardo seine Hände bei der Auswahl möglicher Kandidaten im Spiel hatte, gefällt ihr nicht, gleichzeitig ist ihr bewusst, dass sich ihr eine solche Möglichkeit kein zweites Mal bieten wird. Sie beschliesst, Ricardo am folgenden Tag in seinem Büro aufzusuchen, um die mögliche Zusammenarbeit wenigstens einmal zu besprechen. Erst danach möchte sie sich entscheiden.

Als sie Ricardo dann an seinem Schreibtisch gegenübersitzt, fällt ihr Blick auf ein gerahmtes Foto, auf dem eine Frau mit einem schlafenden Baby auf dem Arm zu sehen ist.

«Deins?», fragt Matilda überrascht. Ricardo nickt. «Meine Tochter Aurelia.» Eine Stunde später unterschreibt Matilda den Vertrag.

*

Tobias ist mit Samuel, Philipp, Fredy und anderen Freunden aus der Aktionsgruppe, die sich zuletzt aktiv für die Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Liebe» eingesetzt hat, im Kultur- und Begegnungszentrum Kuckuck in Bern verabredet. Zehn Jahre sind vergangen, seit sie die Petition mit den Unterschriften eingereicht haben. Dass es so lange dauern würde, bis ein Gesetzesentwurf erarbeitet und zur Abstimmung kommen würde, hätte damals wohl niemand gedacht. Wegen seiner Hüftoperation kann Michael den Abstimmungstag nur vom Krankenhaus aus mitverfolgen, hat aber Tobias, der am Vormittag bei ihm war, inständig darum gebeten, sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen und zu den anderen ins Kuckuck zu gehen. Und tatsächlich sieht es nach Spektakel aus, als er das Lokal betritt: Alle rufen durcheinander, es herrscht eine ausgelassene Stimmung, auch Alkohol scheint in grösseren Mengen zu fliessen. Er hält nach den anderen Ausschau: Es sind vor allem junge Menschen hier, eine bunte, wilde Truppe, zu denen seine Freunde und er schon alleine wegen des Altersunterschieds nicht mehr gehören. Vorne bei der Bar entdeckt er ein Kamerateam vom Schweizer Fernsehen.

«Toooobi!», hört er jemanden seinen Namen rufen und kurz darauf fällt ihm Fredy um den Hals. «Hörst du? 58 %! Wir haben es geschafft!» «Tobi, wir müssen anstossen!», ruft nun auch Samuel aus der hinteren Ecke, wo er mit Freunden um einen runden Tisch sitzt. «Sind das schon die definitiven Resultate?» Tobias ist überrascht, vorhin im Krankenhaus war noch von Hochrechnungen die Rede. Samuel drückt ihm ein Bier in die Hand. «Auf unsere Rechte! Mensch Tobi, ich bin ja so erleichtert.»

Folge 50

Tobias prostet Samuel und den anderen zu.

«Tobi, was ist los, freust du dich nicht?», grölt nun Fredy, der offensichtlich schon am meisten getrunken hat. Klar freut er sich. Doch den faden Beigeschmack, den dieses Gesetz hat, wird er einfach nicht los. Warum werden Homosexuellen bis heute trotzdem die Elternrechte verwehrt? Es will ihm nicht in den Kopf, warum es an der Gesellschaft sein soll, grundsätzlich über eine so persönliche und individuelle Frage zu entscheiden. Als ob die sexuelle Orientierung einer Person in irgendeiner Form etwas darüber aussagen würde, ob diese eine gute Mutter oder ein guter Vater ist. Das Gefühl, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, das ihn nach Pascals Tod beherrscht hat, meldet sich leise zurück. Samuel beugt sich zu ihm herunter.

«Schritt für Schritt, mein Lieber.»

Einmal mehr staunt Tobias, dass Samuel seine Gedanken lesen kann. «Meinst du, wir, also du und ich, erleben das noch?»

«Meine ehrliche Meinung? Nein. Aber wir ebnen der nächsten Generation den Weg.»

«Darauf trinken wir», sagt Tobias und hebt seine Flasche. Es vibriert in seiner Hosentasche, er zieht das Handy hervor, bestimmt Michael, der das endgültige Ja zum Partnerschaftsgesetz vernommen hat. So ist es. «Jetzt darfst du mich offiziell im Krankenhaus besuchen. PS: Willst du dich eintragen lassen (mit mir)?»

*

Matilda hält den Bilderrahmen in beiden Händen und betrachtet die Fotografie. Oma steht zwischen Daniel und ihr, stützt sich mit leicht gekrümmtem Rücken auf den Gehstock.

Sie trägt ein dunkles Kleid mit einem weissen Kragen, das Matilda an ihre alte Schuluniform erinnert. Opa hat sich bei Matilda eingehakt und Fabio steht auf Daniels linker Seite. Omas Gesichtszüge wirken entspannt, eigentlich sieht sie aus wie immer, und doch glaubt Matilda, einen Schatten in ihrem Gesicht zu erkennen.

Auf ihrer Diplomfeier, bei der dieses Bild entstanden ist, hat Matilda Oma zum letzten Mal gesehen. Abgesehen vom starken Zittern der Hände, das sie immer schlechter kontrollieren konnte, hat Oma damals gesund gewirkt. Opa war wenige Minuten nach der offiziellen Begrüssung durch den Rektor der Universität eingeschlafen, doch Oma hat den zahlreichen Rednern aufmerksam zugehört und anschliessend stolz neben der diplomierten Enkelin für das gemeinsame Erinnerungsfoto posiert. Nach der Feier haben sie sich voneinander verabschiedet. Herzlich – und nichts ahnend.

Zwei Wochen später ist Oma, nachdem sie mit Opa wie immer vor dem Zubettgehen einen Tequila getrunken hat, in ihrem Bett eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht. Der Anruf ist erst gegen Mittag gekommen, er habe sich genügend Zeit nehmen wollen, hat Opa mit ruhiger Stimme gesagt und dass er sich nun sehnlichst wünsche, auch bald gehen zu können.

Es klingelt.

Matilda horcht auf, verharrt vor der Kommode, bis es wenige Sekunden später zum zweiten Mal klingelt und dann auch an ihrer Haustür geklopft wird. Es muss jemand aus der Nachbarschaft sein, sonst hat niemand Zugang zum Innenhof. Mit der Fotografie in der Hand öffnet sie die Tür.

Es ist Don Alfonso. Sie hat nicht gewusst, dass er einen Schlüssel hat. Sind sie verabredetet gewesen? «Don Alfonso, wie schön, Sie zu sehen. Hat Sergio Sie geschickt?» Jetzt erst sieht sie, dass neben Don Alfonso ein zweiter Mann steht. Er trägt ein kurzärmliges, weisses Hemd und überragt Don Alfonso um einen Kopf. Sie glaubt nicht, dass es sich um seinen Sohn handelt.

«Bitte entschuldigen Sie die Störung, Señorita Matilda», sagt Don Alfonso. «Ich wollte nur kurz mit Javier vorbeikommen wegen des Boilers.» «Alles klar», entgegnet Matilda. Javier streckt ihr die Hand hin, murmelt eine Begrüssung, dann tritt sie beiseite, lässt das ungleiche Paar eintreten und schaut ihnen nach. Javier sieht gut aus. Don Alfonso dreht sich wieder zu ihr um. «Wäre es möglich, dass Sie uns einen Kaffee aufsetzen? Javier würde bestimmt auch eine Tasse mittrinken.» Matilda nickt. So forsch kennt sie Don Alfonso überhaupt nicht. Normalerweise nimmt er kaum etwas von ihr an und hat sie auch noch nie um etwas gebeten. Schon die Tatsache, dass er das Eingangstor selber aufgeschlossen hat, überrascht sie. Sonst wartet er immer darauf, dass sie ihn hereinbittet. Matilda lässt Wasser einlaufen, greift nach der Kaffeedose und füllt gerade das Pulver in die Espressomaschine, als Don Alfonso und Javier bereits wieder in der Tür zur Küche stehen. «Irgendetwas stimmt mit diesem Boiler einfach nicht», sagt Don Alfonso und reibt sich das Kinn. «Ich werde weitere Ersatzteile besorgen müssen.»

«In letzter Zeit ist nur wenig Wasser ausgelaufen», erklärt Matilda. «Machen Sie sich nicht verrückt deswegen.»

«Auf lange Sicht wäre es aber besser, wenn gar kein Wasser ausläuft.» Bevor Matilda etwas entgegnen kann, fährt Don Alfonso fort. «Javier ist übrigens ein erfolgreicher Zahnarzt mit einer eigenen Praxis. Er hat sogar im Ausland studiert.»

«Ein Zahnarzt, der sich mit Boilern auskennt?», lacht Matilda. Endlich begreift sie den wahren Grund für den Besuch der beiden Männer. «Etwa so, ja», strahlt Don Alfonso. «Aber jetzt ruft die Pflicht, ich muss in der Nachbarswohnung eine Sicherung auswechseln und kümmere mich dann um die Ersatzteile.» Er bückt sich nach seinem Werkzeugkoffer und schleicht, eine Melodie summend, davon.