Ein Zuhause für jeden Lebensabschnitt

Die Wohnforscherin Marie Glaser erklärt, wie wir künftig bauen sollten, damit wir uns in jeder Lebensphase möglichst wohlfühlen. Egal, ob Single, alleinerziehend oder als Patchworkfamilie.

Wann macht Wohnen glücklich? Wenn man eine gute Nachbarschaft hat und die Sicherheit, sein Zuhause nicht von einem Tag auf den anderen zu verlieren.

Wann macht Wohnen glücklich? Wenn man eine gute Nachbarschaft hat und die Sicherheit, sein Zuhause nicht von einem Tag auf den anderen zu verlieren.

(Bild: Getty Images)

Lucie Machac@liluscha

Frau Glaser, wann geht der Trend der offenen Küchen endlich zu Ende?Marie Glaser: Wohl noch lange nicht... Ich bin auch kein Fan. Alle Küchengerätschaften und das Chaos nach dem Kochen sind sichtbar. Ausserdem sind diese Küchen meistens unpraktisch.

Weil es in der ganzen Wohnung stinkt? Das ist zum Glück dank all der Technologie nicht mehr so schlimm. Aber bei gerade mal einer Küchenzeile hat man fast keine Arbeitsflächen zum Zubereiten mehr. So kann man eigentlich gar nicht richtig kochen.

Viele schieben heute eh einfach etwas in die Mikrowelle... ...oder in den Steamer. Kochen ist dank all dem Convenience-Food natürlich nicht mehr so ­aufwendig wie früher. Aber es ist mehr denn je Teil unserer Erlebnis- und Freizeitkultur – Showkochen wird für die Gäste zele­briert, die man in der grossen Wohnküche empfängt.

Marie Glauser. Bild: zvg

Wann fing dieser Trend an? Es hat auch mit der Emanzipation und der veränderten Rolle der Frau zu tun. Die geschlossene kleine Küche war früher das Reich der Hausfrau, abseits des Wohn- und Esszimmers, wo repräsentiert wurde. Heute ist Kochen eine Lifestylepraxis und wurde von den Männern entdeckt, auch weil das Ernährungsbewusstsein an Wert gewinnt.

Viele Familien pochen auf ein gemeinsames Abendessen am Tisch. Ist das noch zeitgemäss? Als berufstätige Mutter mit einem berufstätigen Ehemann und fremdbetreuten Kindern finde ich es persönlich sehr wichtig. Das Familienessen ist während der Woche fast der einzige Moment, in dem alle zusammenkommen und sich austauschen. Unser Alltag ist schneller und dynamischer geworden, aber der Mensch ist nicht unendlich flexibel.

Wie meinen Sie das? Je mobiler und flexibler wir leben, umso mehr brauchen wir Orte der Gemeinschaft. Ein gemeinsamer Tisch, an dem alle Platz finden und sich anblicken, stellt Gemeinschaft her. Hier kommt jeder auch zur Ruhe. Man lernt zuzuhören, zu erzählen, zu diskutieren und zu verhandeln.

Einpersonenhaushalte sind seit den 1990er-Jahren die häufigste Wohnform in der Schweiz. Allerdings leben diese Personen in Wohnungen, die eigentlich für Familien konzipiert wurden. Hinkt die Wohnbauindustrie der Gesellschaft hinterher? Das Ganze ist komplexer. Stabilitäten lösen sich heute schneller auf als früher, Beziehungen sind oft kürzer und vielfältiger. Das klassische Modell der Kernfamilie mit Vater, Mutter, zwei Kindern macht in der Schweiz ein ­gutes Drittel aus, besteht aber seltener ein Leben lang. Eher prägt es einen Lebensabschnitt. Eine zunehmende Familienform ist die der Alleinerziehenden oder der Patchworkfamilien. Deshalb brauchen wir andere, flexible Wohnformen.

«Stabilitäten lösen sich heute schneller auf als früher,  Beziehungen sind oft kürzer und vielfältiger. Deshalb  brauchen wir  andere, flexible Wohnformen.»Marie Glaser, Wohnforscherin an der ETH Zürich

Wie sehen solche Wohnformen aus? Es ist wichtig, Siedlungen zu bauen, die unterschiedliche Wohn- und Haushaltformen aufnehmen. Damit es möglich ist, innerhalb der eigenen Siedlung oder des Quartiers wohnen zu bleiben, auch wenn man sich scheiden lässt oder die Kinder ausziehen oder die Familie grösser wird. Nehmen wir eine Patchworkfamilie, in der die Kinder unterschiedlich alt sind. Alle haben unterschiedliche Ansprüche und brauchen einen anderen Wohnraum als eine klassische 4-Zimmer-Wohnung. Ältere Teenager hätten innerhalb der Wohnung vielleicht gern ein Zimmer, wo sie selbstständiger leben können, mit weniger sozialer Kontrolle. Dafür werden heute sogenannte Schaltzimmer genutzt, die entweder zu der einen oder der anderen Wohnung auf einem Stockwerk «zugeschaltet» werden können. Man mietet sie, solange man Bedarf hat, und muss dabei die Wohnung nicht wechseln. Oder nehmen wir die Clusterwohnungen.

Clusterwohnungen? Ja, diese Wohnform wurde etwa vor sieben Jahren in Zürich erfunden, von der Genossenschaft Kraftwerk I. Inzwischen wurde sie auch von anderen innovativen Genossenschaften wie der Zürcher Kaltbreite übernommen. Cluster sind Individualzimmer mit kleinem Bad und Teeküche für ein bis zwei Personen. Dazwischen liegen gemeinsam genutzte Flächen mit Küche, Ess- und Wohnbereich, die man mit anderen teilt. Solche Formen sind nicht nur für Alleinstehende, sondern auch für ältere Menschen interessant, weil sie gemeinschaftlich sind.

In der Kalkbreite haben die Bewohner sehr viele Gemeinschaftsräume, dafür aber viel weniger Quadratmeter an privatem Wohnraum als üblich. Ist das die Zukunft? Die Kalkbreite ist sicher ein in­teressantes, gut durchdachtes Experiment. Man verwendet das organisatorische und finanzielle Modell der Genossenschaft, um günstigen gemeinschaftlichen Wohnraum zu realisieren. Und um sich auf intelligente Weise Luxus zu ermöglichen. Eine Gruppe von Bewohnerinnen und Bewohnern hat zum Beispiel gemeinsam eine professionelle Köchin angestellt. Wir werden aber in Zukunft nicht alle wie in der Kalkbreite wohnen.

Wieso nicht? Dort lebt eine Gesellschaftsgruppe, die die Vision eines gemeinschaftlichen und nachhaltigen urbanen Wohnens teilt. Die Bewohner sind bereit, im Diskurs mit anderen die Regeln des ­Zusammenlebens zwischen privat und gemeinschaftlich immer wieder neu aushandeln. Das braucht Zeit, Vorwissen und Energie. Oft können Konflikte entstehen. Deshalb gibt es neu den Beruf des Siedlungscoachs.

Sind das Hauswarte und Konfliktmanager in einem? Nicht ganz. Das können Gemeinwesenarbeiter sein, die eine Siedlungsgemeinschaft begleiten und mitentwickeln. Eine partizipative Gemeinschaft funktioniert ja nicht von selbst. Ein Siedlungs­coach initiiert die Prozesse, unterstützt die Selbstverwaltung und fungiert als Mediator. Den Beruf des Abwarts, der im Haus wohnt und jederzeit Ansprechperson ist, gibt es übrigens immer weniger. Heute übernehmen das externe Facility-Management-Firmen. Neu sind auch Con­cierges oder Siedlungs-Butler.

Siedlungs-Butler? In Zürich gibt es die Überbauung James, wo «Wohnen mit Services» angeboten wird. Ein 24-Stunden-Desk mit angestellten Concierges erledigt kleine Einkäufe, bringt Hemden zur Reinigung, giesst die Blumen, bestellt Konzerttickets oder geht mit dem Hund Gassi. Dieses Konzept ist vor allem für hochmobile, gut verdienende Menschen attraktiv, die eben kaum die Zeit haben, nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit.

Dennoch träumen hochmobile Menschen immer noch von einem Einfamilienhaus. Weshalb eigentlich? Dahinter steckt die wohl tief in uns verwurzelte patriarchale Idee, ein eigenes Stück Land mit der Familie zu besetzen, zu bebauen, zu bewirtschaften und an seine Kinder weitergeben zu können. Heute verbinden wir mit dem eigenen Traumhaus auch die Wunschvorstellung, uns darin zu verwirklichen und dort bis zum Lebensende glücklich zu sein.

Und – macht ein Eigenheim glücklich? Der Wunsch ist nach wie vor gross. Wir wissen, dass Einfamilienhäuser mehr als die Hälfte ­aller Gebäude mit Wohnnutzung darstellen. Viele machen den Denkfehler, dass sie sich ausserhalb der Stadt zwar ein Bio-Öko-Minergiehaus bauen, dann aber mit zwei Autos zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufszen­trum fahren. Wenn wir wirklich nachhaltig wohnen wollen, sollten wir in Richtung qualitätvoll verdichtetes Wohnen denken.

Haben Sie ein konkretes ­Beispiel? Nun, wir alle schwärmen von Paris, New York oder Amsterdam. Warum? Weil es diese Städte über die Geschichte geschafft haben, mit hoher baulicher Dichte und einer geschlossenen Architektur ein qualitativ hochwertiges Ensemble herzustellen. Deshalb ist es wichtig, dass wir in grösseren kompakten Einheiten, in Quartieren planen und Nachbarschaften mitdenken. Es braucht klare Quartierzentren, Plätze und Parks und eine intelligente Nutzung von Erdgeschossen.

Was verstehen Sie unter intelligenter Nutzung? Erdgeschossnutzungen sollten im besten Fall Lebendigkeit ­herstellen, damit das Quartier als solches überhaupt funktioniert. Im Zeitalter von Onlineshopping und Megaeinkaufszentren haben es kleine Quartiergeschäfte, Dienstleistungen und Cafés aber sehr schwer.

Was gibt es für Alternativen? Ich könnte mir vorstellen, dass man in den Erdgeschossen Dienstleistungen unterbringt, die eine älter werdende Gesellschaft braucht. Spitex, eine Bibliothek, Fusspflege, Tai-Chi. In New York gibt es Sharing Office Spaces, also geteilte Büroräume, die man per App findet und in denen man sich spontan anmelden kann.

Wie smart werden wir in zwanzig Jahren wohnen? Sie meinen, ob unsere Kühlschränke Essen selber online bestellen und ein virtueller Butler das Licht anknipst und uns fragt, wie der Tag war, wenn wir nach Hause kommen? Das wird es sicher geben, aber es wird lange nicht für alle erschwinglich und attraktiv sein.

Welche Entwicklungen halten Sie für wirklich smart? Zum Beispiel solche, die Heizung und Lüftung so intelligent steuern, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird und das Ganze dennoch benutzerfreundlich bleibt. Das heisst, dass ich zum Beispiel zwischendurch auch mal das Fenster aufmachen kann. Ich fände es auch smart, Materialien zu entwickeln, die es erlaubten, ohne Steckdosen und Kabel auszukommen. Damit ich zum Beispiel die Lampe irgendwo hinstellen kann und sie kabellos wohnliches Licht liefert.

Wann macht Wohnen glücklich? Kürzlich haben wir an der ETH eine Konferenz zu «Wohnen in sich entwickelnden Ländern des globalen Südens» veranstaltet. Was Menschen dort gern hätten, ist für uns völlig selbstverständlich. Und ich spreche nicht von der Waschmaschine oder vom Staubsauger.

Sondern? Von Sicherheit. In vielen Ländern verlieren Menschen von einem Tag auf den anderen ihre Bleibe und müssen ihre Wohnung oder ihr Haus verlassen. Kein Vertrag oder Rechtswesen hilft ihnen. Sicherheit im Wohnverhältnis und die Einbettung in ein nachbarschaftliches gesundes Umfeld sind das Wichtigste zum glücklichen Wohnen.

lucie.machac@bernerzeitung.ch

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