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Wo eine Horde Aussteiger das Bergsteigen neu erfand

Anfangs war es Rebellion, später wurde es zum Sport: Extremklettern. Ein Besuch im legendären Camp 4 im Yosemite-Tal, wo alles begann.

El Capitan: Um die 1000-Meter-Wand siedelten sich in den Sechziger- und Siebzigerjahre Kletterhippies an, die das Repertoire des Sport erweiterten.
El Capitan: Um die 1000-Meter-Wand siedelten sich in den Sechziger- und Siebzigerjahre Kletterhippies an, die das Repertoire des Sport erweiterten.
Keystone

Es ist früher Oktober, und für die Amerikaner ist die allgemeine Reisesaison eigentlich vorbei. Doch der Herbst ist die Saison der Fotografen, Wanderer und Kletterer, im Yosemite-Park in Kalifornien herrscht Grossandrang. Der primitive Zeltplatz Camp 4 ist «Voll belegt!», wie ein Schild am Anmeldekiosk besagt. Dessen Glaswände sind mit Bären-Memos, Abfallentsorgungs-Anleitungen und Kletter-Infos vollgeklebt. «Einlass nur mit Foto-ID», «Kein Parking ausserhalb der offiziellen Plätze», «Belegung pro Parzelle: sechs Zelte».

«Die Regeldichte ist absurd», klagt Alexander Holzmann, der mit seinem Kletterkumpan Arnold Senfter für zwei Wochen aus Südtirol angereist ist und erst nach mehreren Tagen Wartezeit einen Platz im Camp 4 ergattert hat. Und länger als sieben aufeinanderfolgende Tage darf niemand im Park bleiben.

Die Regeln gelten zwar überall, aber in Camp 4 sind sie besonders stossend, denn nirgendwo sonst wird den Legenden der Free- und Speedclimber mehr nachgeeifert. Und deren Sinn stand einst nach Abenteuer und Freiheit.

«Es stimmt schon: Für die Kletterer sind die Auflagen heute viel zu streng», sagt Ken Yager. Er stammt aus der Generation, welche die goldenen Zeiten von Camp 4 erlebt und mitgestaltet hat. Heute versucht Yager, mit einer Stiftung ein Klettermuseum zu gründen sowie mit jährlichen Müllräumungsaktionen die Klettergemeinde und die Parkverwaltung zusammenzubringen.

Gefrässige Viecher

Ein Erdhörnchen stellt sich auf die Hinterbeine und stemmt sein ganzes Gewicht gegen die Tür des Stahlschranks zwischen den bunten Igluzelten des Camps. Die schwingt langsam auf und verschafft dem Nager Zutritt zur Lebensmittelbox. «Die Viecher sind gewitzt», grinst Steve aus England, der den Vorgang mit seiner Canon dokumentiert hat. Immerhin sind die Stahlschränke zur Abwehr der Schwarzbären bestimmt, die jedes Jahr auf der Suche nach Menschennahrung Hunderte von Zelten und Autos ruinieren.

Wer im Yosemite-Park Opfer eines Bären-Einbruchs wird, hat übrigens zum völlig zerstörten Auto auch noch eine Busse von 150 Dollar wegen Fehlverhaltens zu berappen. Die Hörnchen und die keckernden Waschbären dagegen dürfen klauen, was sie kriegen können. Und sie kriegen einiges.

Es fing mit einem Puristen an

Den Parkrangern macht nicht nur der Umgang mit Tieren Sorgen, seit Jahrzehnten stehen sie auch mit den Kletterern in Konflikt. Zwar war Yosemite schon das Zentrum des amerikanischen Bergsteigens, lange bevor es den Status eines Sports hatte. Anfangs waren es hochverehrte Pioniere wie der Naturpurist John Muir aus Schottland, dem die Gründung des Parks (1890) zu verdanken ist. Oder der Schweizer Johann Salathé, ein Schmied aus Niederschöntal, der im verhältnismässig hohen Alter von 46 Jahren die Kletterei für sich entdeckt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte er es als Entwickler eines für die Yosemite-Granitwände unabdingbaren ultraharten Bergsteiger-Hakens zu Ruhm und Ehr.

Ihnen folgten in den Sechziger- und Siebzigerjahren rebellische Jugendliche, die aus dem Trott des konsumorientierten Nachkriegsamerika ausbrechen wollten. Die Aussteiger aus dem keine vier Fahrstunden entfernten San Francisco und den Universitäten Berkeley und Stanford verbrachten zuerst Wochenenden, dann Sommer, dann ganze Jahre oder wie Ken Yager und Camp-Chronist Steve Roper gar Jahrzehnte in Camp 4. Ungewaschen und abgerissen lebten sie ähnlich den Hippies als Männer-Kommune auf dem Zeltplatz, der einst ein Winterlagerplatz der im Tal heimischen Indianer gewesen war.

Hoch und höher, schnell und schneller

Verbunden waren sie durch ihre Leidenschaft für die Kletterei - nach bürgerlicher Ansicht damals eine Spinnerei. Und sie stellten Rekord um Rekord auf: Immer schwierigere Routen in den Granitwänden, dann freie Klettergänge, dann Geschwindigkeitsrekorde. Die Anekdoten aus dieser Zeit füllen ganze Bücher, darunter das besonders ausführliche «Camp 4 - Erinnerungen eines Yosemite-Felskletterers» von Steve Roper (siehe Interview).

In den Sechzigern brachte die wilde Gesellschaft diverse Kletterlegenden hervor. Jede pflegte ihren eigenen Stil: Royal Robbins (im Bild), bekannter Purist in der Tradition des John Muir, folgte einst einer neuen Route von Warren Harding, dem Enfant terrible der Klettergemeinde, nur um dessen massenhaft in den Felsritzen zurückgelassenen Pitons allesamt zu entfernen. Harding dagegen scherte sich einen Deut um das Naturerlebnis, geschweige denn um den Ruhm: Er wollte die Felswände mit allen Mitteln bezwingen und dabei einfach nur Spass haben. Zwischen den Klettergängen lieferten sich die Camper Wettstreite an den riesigen Felsbrocken beim Zeltplatz und erfanden damit die Kletterkleinkunst Bouldering (ein Boulder ist ein Felsklotz).

Ungeliebte Kletterhippies

Ansonsten fielen sie weniger positiv auf. Sie klauten Essensreste von den Touristenrestaurants und «stahlen» sich zwischendurch eine Dusche auf einem der Zeltplätze. Der Curry-Company, welche das Tal kommerziell betreute, waren die langhaarigen Kletterhippies deshalb ein Dorn im Auge; für die offiziellen Parkranger dagegen, erinnert sich Ken Yager, waren die «romantischen Helden» eine ungeliebte Konkurrenz im Wettstreit um die wenigen Frauen im Tal.

Es gab hingegen auch angesehene Cliquen wie die «Stonemasters» der Siebzigerjahre. «Wir waren eine Bande hormontrunkener Halbwüchsiger. Um dabei zu sein, musste man sehr schwierige Routen klettern und immense Mengen von schlechtem Haschisch rauchen können», erinnert sich John Long, auf dessen Konto die erste Besteigung des Capitan an einem Tag geht.

Frauen stiessen erst in den Siebzigern zur Klettergemeinde, begannen aber bald, eigene Rekorde aufzustellen, wie etwa die weltbekannte Freeclimberin Lynn Hill, die als Erste die berüchtigte «Nase» des Capitan frei erklomm. Heute sind Frauen im Camp 4 allgegenwärtig - «hübsche, durchtrainierte Wesen, vielfach bessere Kletterinnen als die Männer», meint Steve Roper.

Camp 4 ist noch immer der begehrteste und nebenbei auch der günstigste Zeltplatz im Yosemite. Hier versucht sich die heutige Klettergemeinde an den uralten «Aufgaben» der Felsklötze. «Dies ist ein geschichtsträchtiger Ort, und du hast hier unzählige berühmte Kletterrouten in unmittelbarer Nähe», sagt Inga aus Australien. «Aber wenn du wirklich frei klettern willst, gibt es bessere Hotspots. Das Camp 4 der Gegenwart ist für mich Mount Arapiles in Australien.»

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