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Wo die Forellen in kurzer Zeit am Haken baumeln

Der April ist die beste Zeit fürs Eislochangeln in Härjedalen in Mittelschweden. Die Fische sind munter und die Temperatur so mild, dass die Finger ohne Handschuhe nicht gleich abfrieren. Wer im ältesten Berghotel Schwedens residiert, kann die frische Beute gleich von einem Spitzenkoch zubereiten lassen.

Das Snowmobil ist im Winter so wichtig wie das Auto.
Das Snowmobil ist im Winter so wichtig wie das Auto.
Monika Hippe

Eislochangeln? «Das nervt mich ziemlich», sagt Anita Sjöström. Zu Hause in Kungsängen bei Stockholm ist die Sportart für sie ein alltägliches Ärgernis: Die Angler stehen auf dem zugefrorenem See vor ihrem Fenster und glotzen öfter in die Wohnung als in die frisch gebohrten Eislöcher zu ihren Füssen. Anita und ihr Mann Pär fühlen sich dann bei allem, was sie tun, beobachtet. «Viele verstehen das ‹Jedermannsrecht› falsch und beachten nicht den Höflichkeitsabstand zum Haus», ärgert sich Pär.

Nur einmal sei es lustig gewesen, einer Gruppe zuzusehen. Einer nach dem anderen plumpste ins eiskalte Wasser. Erst war das ein kleiner Schreck, doch dann sah das Ehepaar, dass es sich um ein organisiertes Überlebenstraining handelte. Dabei kam allerdings kaum jemand ohne fremde Hilfe wieder aus dem Eisloch heraus.

Jetzt sitzen Anita und Pär im warmen Outdoorpool des Wellnesshotels in Fjällnäs 200 Kilometer entfernt von den heimatlichen Spannern, schauen auf die schneebedeckten Berge und geniessen die warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Diesen Morgen sind sie von ihrer Ferienhütte in den Bergen mit Ski aufgebrochen und herübergewandert, um hier einen Tag zu entspannen.

Hotel in der Wildnis

Es ist das älteste Berghotel Schwedens und liegt gerade einmal 8 Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt in der Provinz Härjedalen mitten in der Wildnis. In der Umgebung gibt es neben unzähligen Elchen noch Bären und Luchse und acht Moschusochsen, die sich in den Wäldern verstecken. Die meisten Berge sind um die 1000 Meter hoch und eignen sich ideal zum Skiwandern. Direkt am Hotel beginnt der Einstieg in eines der längsten zusammenhängenden Loipensysteme der Welt, das sich 300 Kilometer durch die einsame Landschaft zieht.

Beliebter Traditionsort

Bereits 1882 kamen die ersten «Luftgäster», um sich hier vom Alltag zu erholen und zu kuren. Im Wald hängen überall Bartflechten an den Kiefern. Sie gelten als ein Zeichen für besonders reine Luft. Ende 2008 wurde das Hotel renoviert und als Luxusresort neu eröffnet. Von aussen unterscheidet es sich jedoch kaum von den bescheidenen Ferienhäusern, die sich Einheimische in der Gegend gebaut haben. Doch drinnen findet der Gast handbestickte Wollkissen, italienische Designerlampen, Fernseher mit Flachbildschirmen und noch so manch andere Annehmlichkeit. Mit dem Konzept der «Sophisticated Solitude» – der kultivierten Einsamkeit – schaffte es das Hotel auf Platz sechs der wichtigen und viel beachteten «New York Times»-Liste der «44 places to go». Geschäftsführer Johan liest seinen Gästen jeden Wunsch von den Augen ab. Darf es Skilanglauf sein? Eine Hundeschlittentour? Eisklettern? Oder einfach nur die absolute Stille geniessen? Der neue Gast möchte gern eislochangeln.

Ritt auf dem Snowmobil

Johan zeigt auf die andere Seite des Sees. «Im Bolagen hinter diesem Hügel gibt es besonders viele Forellen.» Im Winter ist der See nur mit Ski oder mit dem Scooter erreichbar. Fünfzehn Minuten dauert die Fahrt auf Johans Feuerstuhl, der fast so gross ist wie ein Kleinwagen und den Eindruck erweckt, als hätte er eine eingebaute Lizenz zum Rasen. Johan donnert mit dem Gefährt über den See, dröhnt den Berg hinauf, springt kühn über Bodenwellen und ignoriert dabei die Grasnarben, die mancherorts schon aus dem Schnee lugen. Scooterfahren macht den Schweden offensichtlich riesigen Spass, fast jede Familie hat einen, und im Winter scheint das Snowmobil fast so wichtig zu sein wie ein Auto.

Der See Bolagen liegt still und umrahmt von Hügeln in einer Senke. Die Schneeschmelze hat den Hängen bereits braune Tupfer verliehen, sodass sie an diesem Tag aussehen wie überdimensionierte schlafende Dalmatiner. Bis zum Horizont ist kein einziges Haus zu sehen, durch deren Fensterscheiben man die Bewohner bei ihrem Tun beobachten könnte. Nur eine verlassen aussehende Fischerhütte liegt am südlichen Ufer. Johan bremst seinen PS-Koloss mitten auf dem See. «Keine Sorge, das Eis ist auch Anfang April mindestens noch 80 Zentimeter dick. Da könnte getrost auch ein Lastwagen drüberfahren», beruhigt er seinen Gast. Dann steigt er ab und kramt einen Eisbohrer aus dem grossen Kofferraum hervor.

Schnelles Anglerglück

Die Schraube des Handbohrers windet sich ins Eis. Wasser spritzt auf, als Johann die Decke durchbricht. Er bückt sich und schaufelt mit blosser Hand die restlichen Eisbrocken aus dem Loch, das gerade mal den Durchmesser eines grösseren Schneeballs hat. Dann spiesst er Würmer auf den Angelhaken und lässt ihn in die eiskalte Tiefe hinabgleiten. Keine zehn Sekunden später zuckt die Rute bereits, und er zieht eine höchst ansehnliche Forelle hoch. «So ein schneller Fang!», freut er sich und hofft inständig, dass der Gast auch ähnliches Anglerglück erlebt. Zehn Minuten später hat auch dieser eine Mahlzeit an seiner Angel baumeln. Fast Food in Fjällnäs! Johans Rekord liegt bei dreissig Fischen am Tag, erzählt er. Doch in Schweden behält man nur das, was man selbst essen kann. Damit reicht die Beute für diesen Tag bereits aus. Obendrein ziehen am Himmel bedrohlich dunkle Wolken auf, und ein scharfer Wind beisst in die Wangen. Höchste Zeit also, um über den See zurückzufahren oder besser gesagt – zurückzurasen.

Fein zubereiteter Fang

Am Abend serviert der Koch schliesslich den eigenen Fang mit einer köstlichen Butter-Schnittlauch-Sauce, Salzkartoffeln und gerösteten Champignons. Die Mahlzeit schmeckt besonders gut, sicher auch weil man den Fisch selbst gefangen hat. Das Hotel-Restaurant zählt übrigens zu den besten in Schweden. Für Anita und Pär gibt es diesen Abend fremdgefangenen Lachs. Am nächsten Tag kehren sie in ihre Hütte nach Ramund Berget zurück. Dort wollen sie bis Ende Mai bleiben. Dann hat sich die Eisdecke auf dem See vor ihrer Haustür in Stockholm endlich wieder aufgelöst, und sie können wieder unbeobachtet ihren Alltagsaufgaben nachgehen.

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