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Wo aus Monstern Engel werden

Unsere Autorin verbringt mit Ehemann und zwei kleinen Kindern ein Wochenende im 5-Sterne-Hotel – ein mutiger Selbstversuch.

Wie die Grossen: Auch die beiden Testkinder scheinen vom Ambiente des Nobelhotels Bellevue in Bern beeindruckt zu sein - und sind für einmal ganz artig.
Wie die Grossen: Auch die beiden Testkinder scheinen vom Ambiente des Nobelhotels Bellevue in Bern beeindruckt zu sein - und sind für einmal ganz artig.
Adrian Bella

Beim Betreten des «Palace» in Luzern wird mir etwas mulmig zu Mute: War es wirklich eine gute Idee, mit unseren zwei doch überdurchschnittlich lebendigen Kindern das Wochenende im 5-Sterne-Hotel zu buchen? Was, wenn sie beginnen, den Sirup auszuspucken, mit Gabeln um sich zu werfen oder in einem unbeobachteten Moment einen der originalen Belle-Époque-Stühle zu bemalen? «Dann gehe ich einfach ein bisschen raus mit ihnen», flüstert mir mein Mann beruhigend ins Ohr, wofür ich ihn einige Sekunden lang innig liebe. Beim Einchecken an der Réception muss ich zum ersten Mal im Leben weder Pass noch ID vorweisen, das Nennen meines Namens genügt – in der 5-Sterne-Welt scheint man sich zu vertrauen.

Es gibt viel zu entdecken

Die junge und klassisch schöne Empfangsdame geleitet uns in unsere beiden Suiten – mit grosser Terrasse und atemberaubender Sicht auf den Vierwaldstättersee, die Altstadt Luzern und sogar den Pilatus. Die Räume, mit dicken Samtteppichen ausgelegt, in Grün- und Beigetönen gehalten, sind von einer gediegenen Schläfrigkeit. Obwohl: Es gibt viel zu tun – um jeden Schrank, jedes Bad und das Willkommensbuffet ausprobiert zu haben, brauchen wir eine geschlagene Stunde. Und da uns das nasskalte Wetter zu garstig ist, beschliessen wir, diesen Palast nicht mehr zu verlassen. Das ist ganz und gar im Sinn unserer beiden – 5½- und 3-jährigen – Racker: Die zwei Stunden, die uns noch vom Dinner im hoteleigenen Gourmettempel «Jasper» trennen, verbringen Sohn und Tochter mit ihrem ganz persönlichen Spa-Programm – erst genehmigen sie sich ein ausgiebiges Schaumbad in der runden Marmorbadewanne, dann massieren sie sich und einander so lange mit den erlesenen Bodylotions ein, bis alle Fläschchen leer sind.

Die Angst vor den Sternen

Die PR-Mitarbeiterin der Victoria-Jungfrau-Kette, Manuela Sonderegger, wartet in der Lobby auf uns. Sie strahlt mich siegessicher an: «Ich freue mich, Sie mit unserem neuen Kinderpass-Angebot ins ‹Palace Luzern› gelockt zu haben.» Die Victoria-Jungfrau-Kette, zu der das «Palace», Luzern, gehört, hat den Kinderpass kreiert, um auch Paaren mit Nachwuchs das 5-Sterne-Hotel schmackhaft zu machen. «Es soll bei jungen Eltern die Hemmschwelle senken, bei uns zu logieren – vielfach haben Eltern nämlich Angst, die fehlenden Manieren ihrer Kleinen könnten sie blamieren.»

Im Kinderpass – dunkelgrün, aber auch mit Schweizer Kreuz – können die Kinder ihren Namen eintragen und ihr Foto einkleben. Pro Hotelstandort werden vier Ausflugsziele angeboten, die für Kinder interessant sind – da wir in Luzern gelandet sind, kommen für uns Goldwaschen am Napf, die Pilatus-Bahnen, die Luftseilbahn auf den Titlis oder das Verkehrshaus in Frage. «Wer einen Hotelstempel und zwei Ausflugsstempel hat, kann an der Réception eines beliebigen Hotels der Victoria-Jungfrau-Kette ein Geschenk einlösen.» Das tönt fast ein bisschen nach Cumulus oder Supercard, einfach etwas schicker.

Patrouillieren beim Dinner

Ist diese Kinderpass-Aktion wirklich ein schlagendes Argument, um sich im Luxushotel niederzulassen? Wenn es regnet, wohl nicht ganz. Erst kurz vor dem Nachtessen wird uns nämlich klar, dass es in diesem Hotel weder ein Kinderzimmer noch eine Kinderecke noch Kinderspielzeug gibt. Die einzigen Zugeständnisse an die kleinen Gäste sind ein – fünf Minuten vor der Mahlzeit überreichter – Plastikrucksack mit einer Halbliterflasche Cola und einer Tüte Popcorn sowie ein kleines Malset mit sechs winzigen Farbstiften. Dieses Set lässt uns immerhin das fünfgängige Dinner im «Jaspers» überstehen – aber um ehrlich zu sein, liegt das weniger an der Originalität des Malsets als an unseren Tischnachbarn, einem netten älteren kanadischen Ehepaar: Der Mann tauscht unter der Tischplatte mit unseren Kindern Zettel aus, und sie malen sich gegenseitig scheusslich-schöne Gespenster.

Die Frau findet trocken, aber möglicherweise zutreffend: «Mit Ihren Kindern ins 5-Sterne-Hotel? Das ist ja sehr mutig! Wird wohl das erste und letzte Mal sein…» Aber uns scheint es immer noch besser zu gehen als der einzigen anderen anwesenden Familie mit Kind: Das 2-jährige Mädchen hält es am Tisch keine Sekunde aus, zu jeder Zeit patrouilliert ein Familienmitglied mit dem kleinen Monster im Korridor, während der Rest der Familie das Abendessen zu geniessen versucht.

Spielzeug braucht es nicht

Frank Reutlinger, den Vizedirektor des «Palace», treffen wir an der Bar. Angesprochen auf die fehlenden Kindereinrichtungen im Hotel, meint er: «Das ist nicht nötig, es gibt genügend Attraktionen ausserhalb des Hauses.» Ausserdem sei das 5-Sterne-Hotel an sich ein Erlebnis, das auf die Kinder wirke, fügt er besänftigend an. Zu meiner Rechten spielt der Barpianist Chopin, über mir schwebt ein riesiger Kronleuchter, die goldfarbenen Bezüge der Stühle scheinen dasselbe zu flüstern wie Vizedirektor Reutlinger zu meiner Linken.

«Aber was machen Sie dann, wenn sich die Kinder Ihrer Hotelgäste wild aufführen, Lärm machen, die anderen Gäste stören – wenn sie ja nichts zum Spielen haben», dopple ich nach. «Wissen Sie», sagt Frank Reutlinger mit sanfter Stimme, «wir müssen hier im ‹Palace› häufiger bei Erwachsenen intervenieren als bei Kindern.» Dass es von Letzteren ja wohl auch wesentlich weniger gibt im «Palace», verkneife ich mir zu sagen und empfehle mich, so gediegen es geht.

Unheimliche Verwandlung

Der Sonntag, der zweite und wohl für einige Zeit letzte Tag unseres 5-Sterne-Lebens, gibt Frank Reutlinger Recht. Unsere ansonsten eher wilden und jederzeit zu Streichen aufgelegten Zöglinge sitzen am Frühstückstisch wie zwei – bekiffte Engel? Darsteller eines Werbespots für wohl erzogene Kinder? Wie ihr besseres Ich? Mein Mann und ich beobachten erstaunt, wie Tochter und Sohn sich Rührei, Müesli, Würste und Croissant au chocolat einverleiben – und dies weder laute Geräusche verursachend noch den grösseren Teil des Essens unter den Tisch katapultierend.

Unsere Kinder scheinen begriffen zu haben, dass das gediegene Ambiente, die stets auf Abruf bereitstehenden Kellner und das nicht enden wollende Angebot an Leckereien Teil des einzigen Spiels sind, das es hier zu spielen gibt. Und es scheint ihnen zu gefallen. Oder könnte es sein, dass sie so ungewohnt sittsam und ruhig sind, weil sich Papa und Mama im Luxushotel einfach nicht zu streiten wagen? Der Rest des Sonntags, im Verkehrsmuseum verbracht, ist leicht zu bewältigen, aber hilft in der Beantwortung unserer Frage nicht weiter.

Beim Auschecken macht sich eine leise Wehmut bemerkbar: Ist dieser Traum schon zu Ende? Wann verwandeln sich unsere Kinder wieder in sich selber? Was bleibt, sind ihre beiden Kinderpässe mit zwei Stempeln, die bald – wohl durch einen ganz gewöhnlichen Dählhölzli-Besuch, die Gesellschaft eines dritten bekommen werden. Womit wir dann bei einem der Victoria-Jungfrau-Hotels ein Geschenk holen und uns fragen werden: Wollen wir uns das jemals wieder leisten?

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