«Wir waren erschüttert von der Schönheit der Szenerie»

Extrembergsteigen

Kurt Diemberger hat im Juni 1957 mit Hermann Buhl die Erstbesteigung am Broad Peak geschafft. Nur wenige Tage später musste er an der Chogolisa den Tod des Bergfreundes miterleben.

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(Bild: Keystone)

1957 brachen Sie mit einer Kleinexpedition von vier Alpinisten mit der Bergsteiger-Legende Hermann Buhl zur Erstbesteigung des Broad Peak auf. Was lockte Sie an diesem 8047 Meter hohen Berg? Das Unbekannte und der Aufbruch ins Ungewisse. Ich wollte Neues entdecken. Im Grunde meines Herzens bin ich Abenteurer und Entdecker.

Am 9. Juni 1957 erreichten Sie den Gipfel. Was war das für ein Gefühl? Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller waren vorausgegangen. Die Gipfelfotos hatten sie gemacht, und sie traten schnell den Abstieg an, als ich den Gipfel erreichte. Im Abstieg traf ich plötzlich Hermann Buhl. Er hatte seinen Entschluss geändert, unterhalb des Gipfels zu warten. Mit ihm gelangte ich gegen 19 Uhr zum zweiten Mal auf den Gipfel. Die Sonne neigte sich zum Horizont. Normalerweise geht man zu dieser Zeit nur noch zurück. Doch wir standen auf dem letzten leuchtenden Schnee – wie auf einer Insel über der Dunkelheit. Nur noch die Gasherbrum-Gipfel, die Chogolisa und direkt vor uns der K2 schimmerten am Himmel. Wir waren erschüttert von der Schönheit der Szenerie und drückten uns die Hände. Erst nach Sonnenuntergang traten wir den Abstieg an. Um Mitternacht waren wir zurück im Hochlager.

Das alles schafften Sie ohne Hochträger und Sauerstoff. Damit haben Sie den Weg geebnet für den heute vielerorts üblichen Alpinstil. Statt den Berg mit der Hilfe von Einheimischen zu besteigen, die Zelte und Material für uns hochschleppten, gingen wir ohne Träger, mit dem Minimum an Gepäck auf unseren Schultern. Hermann Buhls Motto war es, den Berg wie in den Westalpen anzugehen, ohne fixe Hochlager. Das war damals neu.

Gut zwei Wochen nach dem Broad Peak wollten Sie mit Buhl die Chogolisa (7668 m) erstbesteigen – zu zweit, im Westalpenstil mit einem einzigen Zelt. In nur drei Tagen waren Sie fast am Gipfel. Ja, 300 Meter unter dem Gipfel drehten wir um, weil ein Sturm aufzog. Wir folgten der Aufstiegsspur, die praktisch zugeweht war. Bei einer Biegung ging Hermann aus meiner Spur, geradewegs auf den überhängenden Grat zu. Unter seinem Gewicht brach die Wechte. Er stürzte in die Nordwand. Meine Rufe in den Abgrund blieben ohne Antwort. Und über den Wechtenrand konnte man nicht in die Wand hinunter. Ich wollte Hilfe holen und ging so schnell ich konnte ins Basislager zurück. Aber das dauerte 27 Stunden. Dass ich den Abstieg im Nebel durch die kilometerweiten Schneefelder und das Spaltenlabyrinth des Kaberigletschers überhaupt geschafft habe, grenzt an ein Wunder.

Auch, dass Sie Buhls Absturz überlebt haben. Eigentlich hätten Sie beim Abstieg ans Seil gehört. Natürlich, wie wir es beim Aufstieg zunächst auch waren. Aber bei einer Rast auf 7000 Metern meinte Hermann, wir bräuchten das Seil nicht mehr. Ich dachte mir nichts dabei. Doch es ist klar: Mein Leben verdanke ich diesem Fehler. Am Seil hätte mich Hermanns Sturz zweifellos mit hinabgerissen.

Trotz des schmerzlichen Todes Ihres Bergvaters brachen Sie zu neuen Expeditionen auf. Wenn man den Bergen einmal verfallen ist, kann man nicht mehr mit dem Bergsteigen aufhören.

Der Berg entriss Ihnen neben Buhl noch weitere Bergfreunde. Ganz am Anfang meiner Kletterzeit Erich Warta, der am Dent du Géant abgestürzt ist. Und später starb Julie Tullis, meine Bergpartnerin, am K2.

Mit ihr hatten Sie das «höchste Filmteam der Welt» gegründet. Ja, Julie und ich drehten unter anderem am Everest und am Nanga Parbat. Wir brachten vom K2 die ersten Fernsehbilder mit Synchronton auf die TV-Bildschirme, was uns sehr viel Freude machte. Doch die Besteigung unseres Traumbergs überlebte Julie nicht. Wir hatten 1986 zwar den Gipfel erreicht. Im Abstieg hielt uns ein Sturm tagelang gefangen. Julie und vier Berggefährten starben, möglicherweise an Erschöpfung. Ich selber überlebte nur knapp – mit erfrorenen Fingergliedern.

Zwei Jahre zuvor waren Sie mit Julie auf dem Broad Peak gestanden, 27 Jahre nach der Erstbesteigung. Als wir oben standen, wirbelten Tausende feiner Eiskristalle durch die Luft, die wie in einer Traumwolke schimmerten. Gleichzeitig schien die Sonne hindurch. Es war ein fantastisches Schauspiel, wir waren sehr glücklich. Und wussten nicht, dass uns beim Abstieg eine Lawine in die Tiefe reissen würde. Zum Glück nicht in den Tod.

Bei Ihrer Erstbesteigung des Dhaulagiri (8167 m) harrte die schweizerisch-internationale Expedition unter Max Eiselin über anderthalb Monate aus: auf Schneesätteln in Eis, Wetter, Sturm. In der Tat. Der Sturm umtobte den Berg. Jeden Tag gegen Mittag kam der Wetterumschlag. Doch wir hatten Wetterglück. Der 13. Mai 1960 war ein Zaubertag, an dem die Dämonen des Sturms ruhten. Das war wie ein Geschenk der Götter. Wir packten die Chance zum Gipfelsturm. Je höher wir stiegen, desto klarer wurde es: Der Gipfel gehört uns!

Später haben Sie 18 Jahre lang keinen 8000er mehr bestiegen. Es lockten neue Abenteuer: Erstbesteigungen von 6000ern und 7000ern im Hindukusch, das Filmabenteuer im Urwald am Orinoco oder der grosse Grat des Shartse in Tibet.

Wollen Sie mit Ihren 80 Jahren noch zu neuen Abenteuern aufbrechen? Natürlich! Mein Grossvater ist 103 Jahre alt geworden. Ich will noch drei, vier Bücher schreiben. Und den einen oder anderen Fünf- und Sechstausender in Südamerika besteigen. In Chile etwa den Tupungato (6550 m). Auch in den Himalaja möchte ich zurückkehren und ins chinesische Sinkiang – dort habe ich 1999 im Schatten des K2 im einsamen Shaksgam-Tal ein Fass mit Ausrüstung und Fischkonserven unter einer Moräne versteckt.

Tages-Anzeiger

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