«Viele junge Leute erleben eine Krise nach der Erstausbildung»

Warum tun wir uns so schwer, den Job zu wechseln? Beraterin Lydia Jäger über Möglichkeiten eines Neuanfangs.

«Und dann vergisst man, wovon man eigentlich mal träumte»»: Eine Frau bei der Arbeit. Foto: iStock

«Und dann vergisst man, wovon man eigentlich mal träumte»»: Eine Frau bei der Arbeit. Foto: iStock

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Lydia Jäger, Sie führen seit knapp 20 Jahren die Laufbahnberatung Professionelle in St. Gallen. Was muss man sich unter Ihrem Job vorstellen?
Zu mir kommen meist Leute, die etwas Neues anpacken wollen, die sich weiterbilden möchten, die eine Krise erlebten oder die sich in ihrer Jobsituation unwohl fühlen. Sie stellen sich Fragen wie: Wie geht es bei mir beruflich weiter? Könnte ich eine Weiterbildung machen? Wenn ja, welche? Warum fühle ich mich nicht mehr wohl? Diese Fragen nehme ich mit meinen Kundinnen in Standortbestimmungen oder in Coachings in Angriff.

Und wie lang dauert eine Beratung?
Für ein Coaching reichen manchmal schon ein oder zwei Stunden. Das eignet sich für Leute, die vielleicht vor einem Problem am Arbeitsplatz stehen. Den Zeitplan entscheidet eigentlich immer die Kundin oder der Kunde. Eine Standortbestimmung mit Beratung zur Neuorientierung zieht sich jedoch schon über Monate hinweg, mit vier oder fünf Beratungen.

Sie sagen, manche Leute stecken in einer Krise und wollen etwas Neues anpacken. Gibt es klassische Lebenssituationen, die so einen Wunsch nach Veränderung auslösen?
Ja, durchaus. Viele junge Leute erleben eine Krise nach der Erstausbildung, wenn sie etwa zwei, drei Jahre im Beruf gearbeitet haben. Sie fühlen sich unterfordert oder langweilen sich und möchten sich weiterbilden und beruflich vorankommen. Ein weiterer Moment, in dem viele Leute ihre Situation hinterfragen, ist zwischen Mitte 30 und 40. Da kommen Fragen auf wie: Ist es wirklich das Richtige, was ich hier mache? Wollte ich nicht eigentlich was ganz anderes tun? Manche Menschen merken, dass sie nicht mehr glücklich sind, aber sie können sich auch nicht mehr daran erinnern, was sie eigentlich mal beruflich vorhatten.

Wie das?
Das kann passieren, wenn man sich auf eine Karriere einlässt und immer weitermacht, weil es grad so gut läuft. Dabei vergisst man aber zu reflektieren, ob einen der Job noch ausfüllt. Und dann vergisst man, wovon man eigentlich mal träumte.

Und was kann man dann tun?
Zum einen kann man den eigenen Berufsweg reflektieren. Ich schaue mit meinen Kundinnen und Kunden den Werdegang an und bespreche mit ihnen, wann sie welche Entscheidungen getroffen haben und warum. Dann ist es wichtig zu formulieren, was sich denn überhaupt ändern soll. Da darf man auch mal das ganze Wunschprogramm auspacken und ganz ehrlich sagen, wie man es eigentlich gern hätte. Will man eine andere Position oder sogar eine andere Branche kennenlernen? Will man mehr arbeiten oder weniger? Eine Antwort, die ich da übrigens oft höre, ist: Ich will etwas tun, das Sinn macht.

Was antworten Sie darauf?
Ich versuche, diesen Wunsch nach dem Sinn zu hinterfragen. Was bedeutet dieser Sinn genau? Diese Formulierung kommt oft von Leuten, die in einem wirtschaftlichen Bereich arbeiten. Sie denken im ersten Moment: Sinnvolle Arbeit finde ich im sozialen Bereich. Wenn ich dann aber über Berufsprofile in der sozialen Arbeit spreche, merke ich nicht selten, dass eine Arbeit mit Behinderten oder Kindern nicht infrage kommt. Vielleicht suchen sie also doch was anderes.

Zum Beispiel?
Vielleicht muss man privat etwas ändern, ein Engagement oder ein neues Hobby finden, das einen erfüllt. Oder man findet im eigenen Unternehmen eine neue Aufgabe, zum Beispiel in der Ausbildung von jungen Leuten. Es muss nicht immer gleich ein Branchenwechsel sein.

«Es ist sicher gut, einen Plan von drei Jahren zu erstellen und die eigenen Ziele zu formulieren.»

Mit 40 die Branche zu wechseln, klingt irgendwie utopisch. Ist das wirklich möglich?
Grundsätzlich ja. Man muss sich aber bewusst sein, dass man dafür meist eine neue Ausbildung absolvieren muss und natürlich auch prüfen, ob das finanziell machbar ist. Ich gebe den Leuten deshalb Hausaufgaben mit: Sie müssen sich informieren, welche Ausbildungen und Weiterbildungen für sie infrage kommen und was die Voraussetzungen dafür sind – auch aus finanzieller Sicht. Dabei realisieren die meisten, dass sie eigentlich recht viele Optionen haben – es muss nicht immer ein kompletter Wechsel sein, auch eine Weiterbildung ermöglicht oft neue Perspektiven.

Sie bieten auch Karriereplanung an. Wie plant man denn die eigene Karriere richtig?
Das ist heute gar nicht mehr so einfach. Die Digitalisierung verändert viele Berufe, und wir wissen noch nicht genau, wie die verschiedenen Profile in zehn Jahren aussehen werden. Es ist sicher gut, einen Plan von drei oder vier Jahren zu erstellen und die eigenen Ziele zu formulieren.

Wie hoch darf man denn die Ziele stecken?
Das ist sehr individuell. Wenn man grad die erste Ausbildung absolviert hat, ist das nächste Ziel vielleicht ein höherer Abschluss. Wenn man schon länger eine Position besetzt, ist es vielleicht eine Führungsposition.

Beraten Sie gleich viele Männer wie Frauen?
Ja, heute schon. Ich habe vor knapp 20 Jahren mit einer Laufbahnberatung für Frauen begonnen. Es war eine Nische, die ich anbot. Vor etwa zehn Jahren wurde mir diese Nische zu einseitig, und seither habe ich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen.

Nehmen Sie Unterschiede bei der Beratung von Frauen und Männern wahr?
Ja, durchaus. Beim Bewerbungscoaching etwa sind Frauen offener, wenn es um Feedback geht. Sie suchen die Rückmeldung und schicken auch eher nochmal alle Unterlagen an mich, Männer sind da tendenziell ein wenig zurückhaltender. Ausserdem sind Männer viel selbstsicherer, wenn es um die Bewerbung geht, Frauen sind viel vorsichtiger. Wenn sie das Gefühl haben, sie können nicht alles zu 100 Prozent erfüllen, was im Text des Stellenausschreibers steht, dann haben sie schon Respekt, sich zu bewerben. Da darf man aber auch einfach mal mutiger sein und sich etwas zutrauen.

«Ich habe immer mehr Männer, die ihre Stellenprozente reduzieren möchten.»

Ich bin 28 Jahre alt. In meinem Umfeld sind einige junge Frauen, die unsicher sind, wie sie in den kommenden Jahren Karriere und Familie aneinander vorbei planen sollen. Was würden Sie raten?
Einfach nicht untätig bleiben, sondern immer weitermachen. Es bringt nichts, wenn man sich zu viele Gedanken macht, bevor sich überhaupt etwas ändert. Es ist schade, wenn man auf Möglichkeiten verzichtet und Chancen verpasst, weil man denkt: Ich habe ja bald Kinder, dann warte ich mal noch ab. Kinder kommen sowieso nicht immer so, wie man sie plant. Das Gleiche gilt für die Schwangerschaft. Schwangere Frauen sind ja nicht krank, und wenn es ihnen gut geht, gibt es keinen Grund, auf Weiterbildungen oder einen Stellenwechsel zu verzichten. Man bekommt das alles dann schon irgendwie hin, wenn es so weit ist.

Wie erleben Sie die Verteilung der Verantwortung bei Paaren, wenn es um Kinder und Karriere geht?
Da tut sich einiges. Ich habe immer mehr Männer, die ihre Stellenprozente reduzieren und mindestens einen Tag in der Woche zuhause sein möchten. Um das umzusetzen, sind sie auch bereit, auf gewisse Projekte oder Chancen zu verzichten.

Welche Entwicklungen haben Sie mit Ihrer 20-jährigen Erfahrung sonst noch beobachtet?
Zu mir kommen oft Leute, die an ihre Grenze gekommen sind, die vielleicht ein Burn-out erlitten haben. Da merke ich schon, dass es sehr viele rücksichtslose Arbeitgeber gibt – der Druck hat eher zugenommen. Langsam setzen sich aber auch neue Modelle durch, in denen es Arbeitgebern mehr um die Förderung von Talenten oder Mentoring geht. Das entwickelt sich aber alles sehr langsam.

(Annabelle)

Erstellt: 17.05.2018, 14:15 Uhr

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