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Sie gibt das letzte Hemd

Pia Interlandi entwirft Mode für Tote. Sie achtet auf den Umweltschutz und setzt auf Individualität.

«Ich mache mir Sorgen, dass es eklig rüberkommt»: Pia Interlandi mit einem Model, das ihre Grabmode trägt, in Melbourne.
«Ich mache mir Sorgen, dass es eklig rüberkommt»: Pia Interlandi mit einem Model, das ihre Grabmode trägt, in Melbourne.
AFP

Als Pia Interlandi ihren geliebten Grossvater für seine Beerdigung vorbereitete, zog sie ihm seinen besten Anzug und die feinsten Lederschuhe an. Doch dann kam die Modedesignerin ins Grübeln: «Als ich seine Schuhe band, dachte ich: Wo läuft er denn noch hin? Also wirklich. Er braucht keine Schuhe mehr», sagt die schwarz gekleidete 26-Jährige mit sanfter Stimme. Inzwischen entwirft Interlandi Gewänder aus Hanf und Seide, um Kopf und Körper von Verstorbenen individuell zu verhüllen.

«Wenn ich sage, dass ich Totengewänder entwerfe, denken die Leute, dass ich extravagante Anzüge mache», sagt die Designerin. «Sie rufen dann: Oh, ich möchte in einem goldenen Anzug begraben werden. Aber das ist eigentlich nicht die Art von Mode, die ich mache.»

Keine Skelette im Polyester-Hemd

Beim Entwurf ihrer Grabmode steht Interlandi oft vor ganz irdischen Problemen, so etwa beim Umweltschutz. «Wir wollen zum Beispiel die Erde nicht mit Plastik verschmutzen. Aber wir Lebenden, die die Toten beerdigen, wollen sie schützen. Wir wollen den Körper bedecken, aber gleichzeitig soll das Gewand schön sein und zu dem Menschen, der beerdigt wird, passen.»

Interlandi, die auch Begräbnisse leitet, arbeitete früher mit löslichen Fasern, die durch Schweiss zergehen. Aus diesen Erfahrungen schöpft sie bei der Herstellung von Totengewändern, die zusammen mit dem Leichnam zerfallen. «Ich fand es ein bisschen widersprüchlich, dass man in einem Kleidungsstück aus Polyester begraben wird, das die Verwesung des Körpers überdauert. Dann endet man als Skelett in einem komischen Polyester-Hemd oder so», sinniert sie.

Tests mit Schweinekadavern

Die 26-Jährige testete ihre Stoffe zunächst an 21 Schweinekadavern. «Innerhalb eines Jahres waren meine Hemden vollständig verrottet. Als wir das letzte Schwein ausgruben, waren nur noch Stickereien, Knochen und Wurzeln da.» Jetzt will sie die Überreste der Leichenhemden ausstellen, wegen des Gestanks vielleicht in Kühlvitrinen. «Ich mache mir Sorgen, dass es eklig rüberkommt», räumt die Künstlerin ein. «Aber eigentlich ist es richtig schön. Die Flecken der Körper sind interessant.»

Die 35-jährige Soziologin Sheila Harper hat die australische Messe «Death Down Under» organisiert. Dort gibt es alles rund um den Tod, von Facebook-Gedenkplätzen bis zu Informationen zu Organspenden. Harper zufolge werden Bestattungen immer individueller. Sie werden persönlicher gestaltet, reflektieren das Leben des Toten mit Anekdoten, Fotos und Musik. Deshalb glaubt sie, dass bei vielen Menschen der Wunsch besteht, sich mit dem Tod auseinander zu setzen: «Wenn sie die Gelegenheit haben, wollen viele Leute gern darüber reden.»

Stickereien statt Anzüge

Interlandi glaubt, sie könnte hier Denkanstösse geben – in einer Zeit, in der die Menschen immer älter werden und manche selten Gelegenheit haben, an einer Beerdigung teilzunehmen. «Es ist nur eine Möglichkeit, ein Themengebiet aufzubrechen, über das wir nicht oft sprechen.»

Wenn die Begräbnisse weniger streng kirchlichen Zeremonien folgen, dann könnten die Bestatter auch von dem Brauch abrücken, den Verstorbenen in einem Anzug zu beerdigen, glaubt Interlandi. Sie denkt an Stickereien mit dem Lieblingsgedicht des Toten, einem Liedtext oder seinem Namen, oder eine Zeichnung seines Familienstammbaums. Ende 2012 will sie ihre Kollektion auf den Markt bringen.

AFP/rub

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