Von der Korsage zum leichten Hemdchen

Wie verkaufte man früher Unterwäsche? Mit der Zusicherung, allfällige Risse wieder zu flicken. Und mit dem Hinweis, dass die Wäsche auch bei häufigem Waschen nicht aus der Form fällt. Heute ist alles etwas anders. Eine kleine Kulturgeschichte der Unterwäsche.

Im Loeb erinnert man sich bestens: Einmal im Jahr traf sich die Geschäftsleitung des Warenhauses – damals unter der Ägide von François Loeb – mit der Calida-Leitung zum Wettstreit. Hochrangige Mitarbeiter beider Firmen hätten selbst an der Kasse gearbeitet, erzählt Madeleine Elmer, «und die Geschäftsleitung, die mehr Umsatz machte, wurde von der anderen zum Essen eingeladen». Solche Aktionen seien längst nicht mit jedem Geschäftspartner möglich, sagt die Loeb-Kommunikations-beauftragte. Dass sie mit Calida möglich waren, zeuge nicht nur von einer guten, fast schon freundschaftlichen Geschäftsbeziehung, sondern vor allem auch von einer gesunden Grundstimmung innerhalb des Partnerbetriebs.

Bei Calida, dem grössten Schweizer Wäscheproduzenten, wird Menschlichkeit in der Tat grossgeschrieben. Und das schon seit der Firmengründung vor 70 Jahren, wie Andrea Zeltner erzählt: «Schon damals nahm Calida als einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region eine grosse soziale Verantwortung wahr.» Das Engagement, so die Public Relations Verantwortliche, betreffe bis heute nicht nur die Mitarbeitenden am Standort Sursee, sondern auch die internationalen Lieferanten und Partnerfirmen.

Reizvolle Kulturgeschichte

Zum stolzen Geburtstag wirft man bei Calida auf der Website, in der Werbung und mit einer limitierten Kollektion einen Blick zurück. Damit wird die Firmengeschichte dokumentiert – und zugleich ein reizvolles Kapitel Kulturgeschichte enthüllt.

Bereits im 19.Jahrhundert wurde die Wasserkraft des Flüsschens Sure von einer kleinen Fabrik, der «Seidenzwirnerei an der Sure», genutzt. Diese wurde von Viktor Klaus übernommen. Er beschränkte sich auf die Fertigung von Trikotkleidern. Sein Sohn war es, der die Fabrik in «Strickwarenfabrik Sursee» umtaufte und sie fortan Calida – lateinisch «die Warme» – nannte, da die Kleider vor allem praktischen Anforderungen genügen mussten. 1941, mit der Beteiligung des Textilfachmanns Max Kellenberger, wurde schliesslich die Aktiengesellschaft gegründet.

Bald standen modernste Rippmaschinen in der Fabrik, welche gestrickte und gewirkte Ober- und Unterbekleidung fertigte – obwohl die Nachkriegsjahre dem ambitionierten Betrieb «kein Geld, kein Rohmaterial, keine Bestellungen, dafür schlaflose Nächte» bescherte, wie Max Kellenberger nüchtern festhielt.

Die Wende kam mit der Aufnahme von Damenwäsche ins Sortiment. Denn die Frauen, die während des Krieges Herrin über Haus und Hof waren, liessen sich die Selbstständigkeit nicht nehmen. Mit ihr kam das Selbstbewusstsein, und dieses zeigte sich in einem neuen Stil: Korsetts und Korsagen wichen leichter und zwangloser Wäsche, hautfreundlichen Slips und Hemdchen.

Indem die Firma ihre erste Wäschekollektion als «Garantie-Wäsche» anpries – also mit dem Versprechen versah, die defekten Stücke kostenlos wieder instand zu stellen –, traf sie den Nerv der Zeit: Teure Wäsche musste damals nicht nur schön, sondern vor allem auch langlebig sein.

Heute kennt jedes Kind Calida. Und diejenigen, die schon lange erwachsen sind und eigene Kinder oder sogar Grosskinder haben, die erinnern sich womöglich nicht nur daran, dass sie Jahr für Jahr zu Weihnachten von der Grossmutter oder der Tante ein Pyjama geschenkt bekommen haben. Sie wissen auch um die Pyji-Revolution: Der Wäschehersteller aus Sursee war es, der in den 1950er-Jahren das Kinderpyjama mit einem stretchigen Bund versah, um das Verrutschen von Oberteil und Hose zu verhindern. Dafür wurde natürlich auch geworben, wie in den aus heutiger Sicht amüsanten Spots auf der Calida-Website zu sehen ist.

«Tolles Material»

Längst ist Calida kein Familienunternehmen mehr, sondern eine Holding mit 700 Mitarbeitenden, die jährlich 850 Artikel entwickelt und 4500 Kilometer Stoff zu 8,5 Millionen Teilen verarbeitet. Nebst Tag- und Nachtwäsche bietet das Unternehmen Loungewear, Swim- und Beachwear, Damenoberbekleidung sowie Accessoires an. Die täglich 28'000 verkauften Produkte lassen vermuten, dass die Wäsche mit ihrem schlichten Design bis heute begeistert. 2010 erwirtschaftete die Firma das beste Geschäftsergebnis seit dem Börsengang. Zu einem wichtigen Unternehmensteil entwickelt sich die 2005 übernommene und allmählich neu aufgebaute Marke Aubade, unter der sinnliche Luxusdessous vermarktet werden.

Doch hält der Name Calida noch immer, was er verspricht? «Aber sicher», sagt Sandra Lemp. Die Berner Modedesignerin, die sich ebenfalls der Damenwäsche widmet, schwärmt: «Die Calida-Artikel haben eine perfekte Passform, sind aus tollem Material und von hochwertiger Qualität.» Sie habe besonders Basics wie das Langarmshirt «ewig getragen, tausendmal gewaschen, und immer noch sah es gut aus».

Berner Zeitung

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