Natürlich kommt das gut

Die Natur wirds scho(e)n richten: Immer mehr Coiffeure verzichten auf chemische Produkte. Auch Evelina Gammeter in Spiez. Ein Besuch im chemiefreien Geschäft.

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Meine Haare wollen wachsen. Evelina Gammeter ist davon überzeugt. Färben will sie die grauen Strähnchen und alles andere auch nicht. Schwierig sei das mit diesem dunklen Haarund unnötig. Schnell merke ich: Das wird keiner der üblichen Coiffeurbesuche, bei denen ich an den Büchsen und Fläschchen schnüffle und Stunden später frisch «angemalt» aus dem Laden spaziere. Denn Evelina Gammeter ist Naturcoiffeuse, ihre Farben und Shampoos riechen höchstens nach Gewürzen und Blumen. Seit Anfang Mai ist ihr Geschäft in Spiez chemiefrei. Es heisst jetzt nicht mehr Seepark wie vorher, sondern Natura pura.

Einen Naturhaarschnitt also, und keine Färbung. Meine Haare werden erst mal analysiert. Evelina Gammeter macht das, indem sie durch die Strähnen fährt, das Haar anschaut und auch zu spüren versucht: «Ich versuche herauszufinden, was das Haar macht. Führt es in die eine Richtung, schneide ich auch so. Ich vergewaltige keine Haare, indem ich einen modischen Schnitt schneide.» Adieu Trendfrisur, und eben, auch den gewünschten hellen Farbton kann ich vergessen. Heute. Denn Evelina Gammeter rät: «Waschen Sie doch die Haare mit Kamillenwasser und Zitronensaft aus und setzen Sie sich an die Sonne. Ihre Haare werden so natürlich heller.»

100 Bürstenstriche am Tag

Mit Farbe, sagt Evelina Gammeter allerdings, verfälsche man seine Persönlichkeit und vor allem das Alter. Sie bürstet mein Haar erst einmal mit einer Olivenholzbürste, um es zu energetisieren. Lange und in alle Richtungen. «Man vernachlässigt die Kopfhaut», erklärt sie. Unsere Grossmütter hätten noch gewusst, dass Bürsten enorm wichtig sei. «100 Bürstenstriche am Tag gibt glänzende Haare, hiess es früher. Mit Bürsten wandert der Talg in die Spitzen der Haare.

Die Poren werden frei und das Haar kann besser wachsen.» Bürsten stärkt die Haarwurzeln und fördert die Durchblutung des Kopfs. Evelina Gammeter ist überzeugt, dass Männer weniger oft und nicht so früh eine Glatze bekämen, wenn sie ihre Haare öfter bürsten würden. Die Naturcoiffeuse bürstet. Mein Haar beginnt zu glänzen, tatsächlich.

Jugend ohne Chemie

Immer mehr Coiffeusen und Coiffeure steigen auf Natur um. Viele wegen Allergien und Exzemen, die aus der Arbeit mit Haarprodukten resultieren. Laut Suva sind es gar bis zu 30 Prozent aller Friseure, die an eine Umorientierung in Betracht ziehen. Auch, weil sie an die Umwelt denken. Jedes Shampoo, jede Spülung, jede Tönung landet irgendwann im Abwasser.

Auch in Evelina Gammeters Geschäft kommen nur noch rein biologische, natürliche Produkte zum Einsatz. Sie stellte ihr Geschäft aufgrund eines Briefes um. Dieser stammte von ihrem Haarmittellieferanten, der seinen Kunden riet, von Färbungen bei Jugendlichen abzusehen.

Tatsächlich gibt es eine Verordnung der EU, die 2011 entsprechende Warnhinweise für einige Haarfärbemittelprodukte forderte. Die Bestimmungen gelten auch für die Schweiz. Das Brisante: Auf gewissen Verpackungen steht der Hinweis, dass «Kolorationen für Personen unter 16 nicht geeignet» sind. Auch der Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte weist seine Mitglieder darauf hin, dass Haarfärbemittel Allergien auslösen können, und rät zu einer Einverständniserklärung, will ein Jugendlicher sein Haar färben lassen.

Beeren, Gewürze, Gräser

Evelina Gammeter will nicht nur Jugendliche schützen, sondern all ihre Kunden. Das Geschäft mit der Natur läuft gut: Sie ist auf einen Monat ausgebucht. Nicht alle Naturcoiffeure schneiden sogenannte «energetische Haarschnitte» mit ein wenig «Gspürschmi»-Charakter, wie es Gammeter tut. Gemein ist ihnen aber eines: Sie arbeiten haut- und haarfreundlich und umweltschonend. Konkret heisst das, Produkte beinhalten zum Beispiel weder synthetisch hergestellte Stoffe, Hormone, Silikone noch chemische Desinfektions- oder Konservierungsmittel oder chemische Farb- und Duftstoffe. Evelina Gammeter war auch aufgefallen, dass viele Kundinnen und Kunden nach einer Haartönung Kopfweh und dünneres Haar hatten. Das ist jetzt anders. Sie zeigt auf die Pulversäcke mit der Naturfarbe, die keinerlei Kopfweh erregende Stoffe beinhaltet.

Noch ein Vorteil ist laut Evelina Gammeter, dass man bei Naturfarben kaum einen Ansatz sieht. Die Inhaltsstoffe der Naturfarben sind wohlriechende Gewürze und Beeren, Blauholz, Oregano, Rhabarberwurzel, Birkenblätter, Sandelholz, Walnussschale und Kurkuma, Salbei und Hibiskus. «Machen Sie doch einmal eine Essigspülung» rät Evelina Gammeter, als sie fertig geschnitten hat. Apfelessig sei gut für glänzendes Haar und Kopfhautreinigung. Mit den alten, «normalen» Shampoos, die Evelina Gammeter vom ehemaligen Coiffeurgeschäft übrig bleiben, wäscht sie übrigens Hemdkrägen.

Und ich? Ich sehe ein störrisches, graues Härchen (das ich dann zu Hause auszupfe). Und eine andere Person im Spiegel. Keine Ahnung, wie Evelina Gammeter das gemacht hat, aber dieser Naturschnitt, der gar nicht so anders aussieht als zu Beginn, verleiht Frische. Ich schnüffle noch schnell an einem Säckchen mit dem Pulver und gehe dann hinaus. Natürlich.

Weitere Naturcoiffeure auf: naturcoiffeur.ch; Evelina Gammeter ab nächster Woche auf www.coiffure-naturapura.ch, Haarschnitt zwischen 140 und 200 Franken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.06.2014, 13:57 Uhr

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