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Steve Roper: «Wir wollten bloss nicht so sein wie unsere Eltern»

Steve Roper hat zehn Jahre lang in Camp 4 gelebt. Seiner Generation von Kletterern ging es um mehr, als nur den nächsten Rekord aufzustellen.

Herr Roper, was ist Camp 4? Camp 4 und Yosemite waren die Wiege der amerikanischen Kletterei. Natürlich gab es andere Orte wie die Rocky Mountains und New York, wo sich einiges tat. Aber wirklich angefangen hat das amerikanische Bergsteigen in Yosemite in den Dreissigerjahren. Und damit änderte sich die Welt des Felskletterns. Ungefähr ab 1955 haben die ersten Kletterer angefangen, in Camp 4 zu bleiben – zuerst an Wochenenden, später ganze Saisons. Das ist ein Grund für die raschen Fortschritte: Die Kletterer lebten in einer richtigen Kletterkolonie und taten nichts anderes.

Wovon lebte man dort oben? Ganz einfach – von möglichst wenig! Wir kamen mit vielleicht einem Dollar am Tag aus. Viele von uns hatten im Winter Jobs und reisten im April mit 400 oder 500 Dollar ins Tal. Wir hatten weder teure Kleider noch Autos oder Freundinnen – so lebt es sich günstig. Ende Oktober waren wir jeweils völlig pleite.

Der Sport scheint nicht der einzige Grund für das Eremitendasein gewesen zu sein. Natürlich nicht. Es war eine typische, jugendliche Rebellion. In der Eisenhower-Ära strebte alles nach Geld und dem guten Leben. Unsere Eltern wollten uns an der Uni sehen. Aber wir sahen wenige glückliche Menschen in ihrer Generation und dachten uns unseren Teil. Es war die Zeit der Beatniks, und wir wollten bloss nicht so sein wie unsere Eltern. Wir rauchten, fluchten, unternahmen verrückte Dinge – und wir gingen klettern.

Wie passt das Rebellentum zur Disziplin, die beim Klettern gefragt ist? Nun, nicht alle, die mit uns abhingen, waren auch gute Kletterer. Vielen ging es um das Aussenseitertum. Der harte Kern hingegen bestand aus wirklich guten Kletterern – und die stachelten sich mit einem gesunden Wettbewerbsgeist gegenseitig an.

Dabei herrschten durchaus verschiedene Philosophien: Legendär ist der Wettstreit zwischen Playboy Warren Harding und Purist Royal Robbins. Wir alle liebten die Kletterei und waren gut darin, aber wir hatten verschiedene Ansätze. Royal Robbins und ich wollten die Felswände schonen. Harding und seine Gefährten wollten einfach die Wand bezwingen – mit allen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten. Und sie kriegten einiges gebacken. Sie waren mindestens so gute Kletterer wie wir, aber sie sahen das ganze als Freizeitvergnügen. Wir lasen die europäischen Bergsteigerbücher und verehrten die Vorbilder. Harding hat darüber gelacht. Er hat angenehme Stunden in den Felswänden verbracht, mit Frauen und Alkohol und verankerten Seilen, während wir ungesichert im Fels hingen und uns permanent fürchteten. Wenn es ihm nicht mehr passte, seilte er sich ab und war eine Stunde später in der Bar.

Wie steht es heute um die Kletterei? Ich habe wenig Kontakt zu den jungen Leuten. Aber es scheint mir, dass sie eine Gruppe extrem talentierter Kletterer – und sehr passioniert sind. Allerdings geht es heute um Geld, Sponsoren und Ruhm. Anstelle unserer Pioniertaten, den Routen, die erst gefunden werden mussten, treten jetzt Rekorde. Und noch eins fällt mir auf: Die Jungen, die ich heute im Gym beim Wandklettern treffe, die reden nur vom Klettern und übers Klettern. Für uns gab es mehr. Wir sprachen über Philosophie, Politik – und natürlich über Frauen. Aber so konzentriert wir auch kletterten: Es war niemals das Einzige, was uns beschäftigte.

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