So nahe – und doch so abwegig

Albanien war lange Zeit völlig abgeschottet. Heute besticht es mit hübschen Städten, langen Küsten und pittoresken Märkten. Das zeigt eine Carreise durch das Land.

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Markus Dütschler

Es war eine kleine Überraschung, als der Reisebuchverlag Lonely Planet 2011 die Reisedestination des Jahres 2011 verkündete. Auf Platz eins stand, zusammen mit New York und der Sinai-Halbinsel: Albanien. Ein paar Vorteile des Reiseziels sind zwar offensichtlich: Albanien ist nicht weit entfernt, die Schrift kann man lesen, viele Wörter erinnern ans Italienische. Trotzdem ist das Land für die meisten Terra incognita.

Kein Wunder. Während Jahrzehnten war das sozialistische Land so etwas wie das Nordkorea Europas: von einer bizarren Diktatur beherrscht, völlig abgeschlossen, in rechthaberischem Trotz gegen den Rest der Welt gefangen. Dann starb 1985 der Langzeitdiktator Enver Hodscha, und seit 1992 wird der gebirgige Kleinstaat an der Adria von Demokraten regiert – was immer das heissen mag. Und doch ist die gefühlte Distanz zu diesem Land riesig.

Die Bahn ist keine Option

Machen wir uns also auf nach Shqipëria, ins Land des Adlers. Eisenbahnfreunde werden enttäuscht sein: Albanien ist auf der Schiene unerreichbar. Es gibt nur eine Güterstrecke nach Montenegro. Im Inland bedient die Eisenbahngesellschaft HSH (Hekurudha Shqiptare) ein kleines Netz mit altem Wagenmaterial. Die Bahn ist für Albaner eine Peinlichkeit fast ohne jede Bedeutung.

Bleibt das Flugzeug. Die Ankunft erfolgt auf dem internationalen Flughafen Tirana Nënë Tereza. Wenn das Enver Hodscha wüsste: der «Amtsflughafen» wurde benannt nach Mutter Teresa. Er, der Religionshasser, der 1967 Albanien zum «ersten atheistischen Staat der Welt» ausrief, weil alle Pfarrer, Priester, Imame beruflich «stillgelegt», eingekerkert oder getötet waren und die Gotteshäuser in Kinos, Getreidespeicher oder Museen umfunktioniert. Nun ist die Nonne Namenspatronin, die Ordensschwester, die in Indien unter Kalkuttas Armen wirkte.

Mercedes für jedermann

Zwar wurde sie 1910 im mazedonischen Skopje noch als Staatsbürgerin des Osmanischen Reichs geboren, doch die Eltern der Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, so ihr bürgerlicher Name, waren albanischstämmige Katholiken. Womit wir mitten in den Irrungen und Wirrungen der Ethnien des Balkans angelangt wären: Ethnische Albaner leben nicht nur in Mazedonien, sondern auch in Kosovo, das seit 2008 unabhängig ist, aber fast vollständig am Tropf Europas hängt. Kosovo sei nicht überlebensfähig, sagt uns ein Reiseleiter hinter vorgehaltener Hand; früher oder später werde die Vereinigung mit Albanien unausweichlich sein.

Die Anreise mit dem Wagen ist nicht empfehlenswert, der Strassenzustand auf dem Land ist unerfreulich. Zu Hodschas Zeiten durfte niemand ein Auto haben. Nur Parteibonzen rauschten in Mercedes-Limousinen mit verhängten Fenstern durch Tirana. Der Proletarier im Arbeiter- und Bauernstaat ging zu Fuss, liess sich auf Eselskarren, auf der Brücke eines Betriebslastwagens oder im Überlandbus befördern. Heute ist der Kommunismus verwirklicht: Mercedes für jedermann. Die Sterndichte dürfte nur in Stuttgart-Sindelfingen, auf dem Produktionsband, höher sein als in Albanien. Die alten Karossen mit den traktorenähnlich nagelnden Dieselaggregaten und der legendären Langlebigkeit hatten es vielen Albanern angetan, sobald sie ein Auto kaufen durften.

Ein kurzes Stück Autobahn

Wir hingegen sind froh, dass wir nicht selber fahren müssen. Herr Fahrni übernimmt das für uns. Jürg Fahrni ist Chauffeur und Reiseleiter bei Car Rouge. Der gemütliche Berner mit Schnauz ist der Garant, dass alles klappt. Selbst während des Weltuntergangs würde er durch den Mittelgang schreiten, die Köpfe zählen, sich ans Steuer setzen und alle sicher ans Ziel bringen. Oft möchte er sich aufregen, wenn freche Kleinwagen wie Insekten sein massiges Gefährt umschwirren, dessen Aussenspiegel wie die Fühler einer Monsterbiene wirken. Doch es lohnt sich nicht.

Bequemer wäre es, auf Europas planierten Autobahnen zu kreuzen, aber die Aufgabe hier ist herausfordernder. Auch Albanien verfügt über ein Stück Autobahn – ein sehr teures. Ein renommiertes ausländisches Bauunternehmen hatte es für 400 Millionen Euro offeriert. Gebaut hat es eine andere Firma: für 1,2 Milliarden. Man könne sich denken, wo das Geld gelandet sei, sagt der albanische Reiseleiter im Bus grimmig. Bald ist das Autobahnteilstück zu Ende. Auf den Nebenrouten werden die Pisten holprig, löcherig und schmal. Fahrni und seine Firma nehmen es hin, dass ein Bus auf einer Albanienreise schneller altert. Ein bisschen Abenteuer muss sein.

Es wird gebaut wie verrückt, aber kaum ein Werk wird je vollendet

Andere Wagen des Carunternehmens zeigen zudem, wie man hier in Würde altert. In Butrint, einem Ort mit einer antiken Ausgrabungsstätte, steht ein Linienbus in vertrautem Gelbton. Auf dem Ex-PTT-Postauto prangen das Bündner und das Tessiner Wappen. Die albanischen Passagiere im Bus verstehen nicht, weshalb die Touristen den alten Wagen so entzückt fotografieren.

Dann nehmen die Reisenden wieder im Luxusbus Platz. Für die meist älteren Herrschaften, die damit das ungewöhnliche Land entdecken, ist er ein schützender Kokon mit WC, Kaffeemaschine und Kühlschrank, eine Art Mutterleib. Durch die Panoramafenster sieht man alles: wilde Berge, bettelnde Kinder, malerische Küsten, pittoreske Marktszenen, wilde PET-Flaschen-Deponien, zahllose Freiluftautofriedhöfe und Bauruinen. Es wird gebaut wie verrückt, aber anscheinend wird das Werk kaum je vollendet. Einige Bauten stehen schief, weil die Behörden einen tragenden Pfeiler wegsprengen liessen. Auch wenn fast alle ohne Baugenehmigung bauen, muss hie und da Strenge demonstriert werden – vorzugsweise beim politischen Gegner.Albanien ist ein Land, das zum Teil den Klischees entspricht, die man vor Jahrzehnten von Italien hegte. Italien ist spürbar nahe, und zu Mussolinis Zeiten kamen die Italiener näher, als es Albanien lieb war.

Mediterrane Küche

Fast wie in Rom winken in Tirana Verkehrspolizisten mit Stöckchen Autos an den Rand. Unter der milden Sonne des Südens sitzt man in Strassencafés – bloss geht vielen Kellnern der Charme und die Leichtigkeit ein wenig ab, die man auf der anderen Seite der Adria so schätzt. Die mediterrane Küche ist den Schweizern längst geläufig: grillierte Peperoni und Zucchetti, Olivenöl. Der Feta-Käse im Salat macht klar, dass man sich in der Nähe zu Griechenland befindet.

Und die Sicherheit? Normale Vorsichtsmassnahmen sind wie überall zu beachten. Doch darf man sagen: Während der ganzen Woche hat es nie ein Problem gegeben. Schon gar nicht in Herrn Fahrnis Reisecar.

Diese Reportage wurde ermöglicht durch das Reiseunternehmen Car Rouge.

Tages-Anzeiger

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