Tallinn – schmuckes Nordlicht im Aufbruch

Estland

Die Tallinner Altstadt ist eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Innenstädte Europas. Es gibt dort romantische Kirch- und schwere Wehrtürme, schmale Gassen und grobes Kopfsteinpflaster.

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Tallinn ist eine Spazierstadt. Wer durch die engen, holprigen Gassen geht, fühlt sich wie in der Kulisse eines Brüder-Grimm-Märchens. Viele Einheimische tragen mittelalterliche Kleider und verkaufen Salzmandeln. Zahlreiche Gässchen münden auf dem Rathausplatz. Ein Wahrzeichen hier ist das gotische Rathaus, das als Einziges in ganz Nordeuropa vollständig erhalten blieb.

Der Rathausplatz ist umgeben von einem Häuserring, mehrheitlich handelt es sich bei den Gebäuden um Restaurants.«An warmen Tagen gibt es hier Tische und Stühle und bunte Sonnenschirme unter freiem Himmel. Im Sommer ist das unser Wohnzimmer», sagt der Deutsche Volker Röwer. Vor 20 Jahren hat er seinen Wohnsitz von Deutschland in die Hauptstadt Estlands verlegt und bietet heute Stadtführungen an. «Wer den anschaulichen Geschichtsunterricht mag, der kommt in Tallinn auf seine Kosten», sagt Röwer. Hier gebe es alles, was das Leben schön mache.

Tallinn gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und ist reich an mittelalterlicher Baukunst. An der Pikkstrasse kann man zum Beispiel die Fassaden der Gildenhäuser bewundern. Oder man marschiert die 2,7 Kilometer lange Stadtmauer entlang, die mit ihren vielen Türmen das Zen­trum umrahmt.

Innerhalb der Stadtmauern gibt es zahlreiche Cafés und kleine Geschäfte, viele davon mit touristischem Schnickschnack. Bernstein ist ein Verkaufshit. Dies, obwohl er aus Russland importiert ist. Aber die Läden bieten auch regionale Spezialitäten an: Rentiersalami oder Ketten aus Mooreiche, deren Holz 400 Jahre in eisenhaltigem Wasser gelegen hat.

Authentisches Handwerk

In den kleinen Geschäften der Katariina-Gilde wird authentisches Handwerk hergestellt. Die Kunsthandwerkerinnen haben sich nach dem Vorbild alter Gilden zusammengeschlossen. Man kann den Frauen zum Beispiel zuschauen, wie sie Glas bemalen. Eine Grossmutter zeigt ihrem Enkel, wie man kunstvolle Taschen näht. «Wir wollen das Brauchtum an die nächste Generation weitergeben», sagt sie. In den Ateliers gibt es Glas- und Lederarbeiten, Textilien, Keramik, Design sowie Schmuck zu kaufen.

Eher Skandinavier

Estland ist seit 1991 unabhängig. Das Land ist ein wenig grösser als die Schweiz, hat aber nur etwa 1,4 Millionen Einwohner. Ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1991 hatte die Sowjetunion hier das Sagen. Sie versuchte, das Land zu russifizieren, und siedelte Russen an. Inzwischen gehört Estland aber wieder den Einheimischen, und das lassen diese die Russen, die im Land geblieben sind, bei Gelegenheit gerne ein bisschen spüren. «Die Tallinner selber verstehen sich eher als Skandinavier», sagt Röwer.

Helsinki liegt nur gerade 80 Kilometer auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens. An fremde Herrscher und Einflüsse mussten sich die Esten im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gewöhnen. Dänen, Deutsche, Schweden, Russen bauten ihre Kirchen und Klöster und hinterliessen Spuren. Der Name Tallinn setzt sich aus Tall für dänisch und Linna für Stadt zusammen; lange Zeit trug die alte Hansestadt den Namen Reval, den man auch heute noch ab und zu hört.

2004 ist Estland der EU beigetreten. «Estland ist ein junges Land. Die Esten haben ihre Stadt selber aufgebaut und zu dem gemacht, was sie heute ist», sagt Röwer. In der Altstadt deutet nur wenig auf die kommunistische Vergangenheit hin. Die Einheimischen mischen sich unter die Touristen, tragen teure Kleider, gepflegte Frisuren, trinken bunte Aperitifs und lassen es sich gut gehen. «In Estland zählt vor allem der äussere Schein», sagt Röwer. Viele würden vor Schulden nicht zurückschrecken.

Blick über die ganze Stadt

Schon wegen der Aussichtsterrassen lohnt sich der Weg in die Domberg genannte Oberstadt: Traumhaft ist der Blick über die roten Ziegeldächer. Man sieht auch den Hafen und das Meer. Im Kadrioru-Park kann man sich etwas erholen, bevor man das Katharinenschloss besucht, das Zar Peter I. für seine Gattin Katharina erbauen liess. Es bringt die Leichtigkeit des Südens ins nordische Tallinn und beherbergt eine Kunstsammlung. Und wo wir gerade beim Thema Kunst sind: Das Kumu, das neue Kunstmuseum, liegt hier gleich um die Ecke. Auf diese Neuerung sind die Tallinner besonders stolz.

Berner Zeitung

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