Monteverde

Auf der Suche nach dem «Schwarzen» an jenem Berg, der Montenegro seinen Namen gab.

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Dominik Galliker@DominikGalliker

Auf den ersten Blick gibt es keinen Grund, warum man Cetinje besuchen sollte. Das Städtchen mit seinen 15'000 Einwohnern liegt im montenegrinischen Nirgendwo, zu sehen gibt es einen ausgesprochen hässlichen Amtssitz des Präsidenten und ein paar alte Botschaftsgebäude, sonst nichts.

Die Bucht von Kotor liegt nur 40 Kilometer entfernt, und die Strände von Budva sind sogar noch näher.

Trotzdem gibt es hier ein Hotel, das «Grand Cetinje», und einige Private vermieten Räume in ihren Häusern. Wir ziehen ein bei einer älteren Dame, bei der man Pantoffeln tragen muss und die uns alles in Italienisch zu erklären versucht.

Auch die Geschichte der Stadt. Cetinje ist der Ort, wo die Geschichte Montenegros begann. Und der Mount Lov?en, an dessen Fuss Cetinje liegt, hat dem Land seinen Namen gegeben. Es war dieser zweite Blick, der uns hierhergeführt hat.

Jö, die ehemalige Hauptstadt

Cetinje ist eine Stadt, die das Adjektiv niedlich verdient. Häuschen um Häuschen steht am Boulevard, bemalt in Gelb, Türkis, Braun und Rot. Überall hats kleine Balkone, vor den Cafés sitzen ältere Herren. Dies war bis zum Ersten Weltkrieg die Hauptstadt von Montenegro.

Über Jahrhunderte standen hier orthodoxe Bischöfe an der Spitze eines Clan-gebildes, das damals noch keinen Zehntel des heutigen Monte­negro beherrschte. Erst Ende des 19.?Jahrhunderts, als das das Osmanische Reich schwächelte, wuchs das Land.

Eine steile Strasse führt im Zickzack nach oben, von Cetinje aus in den Nationalpark Lov?en. Taxifahrer machen mit dieser Strecke gutes Geld, wir bevorzugen Autostopp. Ein Paar aus Serbien nimmt uns mit, der Mann trägt Sonnenbrille, die Frau zerrissene Röhrchenjeans.

Sie fluchen über die undankbare Mentalität, die sich mit dem Massentourismus in den Küstenstädten gebildet habe. Nie wieder komme er hierher, sagt der Mann.

Der Berg ist nicht schwarz

Ein Wächter stoppt uns beim Eingang zum Nationalpark, verlangt je vier Euro Eintritt. Sein Häuschen ist angeschrieben mit «Crna Gora», der serbokroatischen Bezeichnung des Landes. Genau wie «Montenegro» bedeutet sie übersetzt schlicht «Schwarzer Berg». Über den Ursprung des Namens findet man im Internet verschiedene Angaben. Vermutlich aber waren es die Venezianer, die dem Land seinen Namen gaben.

Im Mittelalter besetzten sie Teile des Balkans, 1296 taucht der Name «Montenegro» erstmals in einem ihrer Bücher auf. Der Wächter öffnet die Schranke, und wir fahren weiter. Der Mann mit Sonnenbrille erzählt von seiner Mutter, die in St.?Gallen wohnt. Vor dem Fenster ziehen Tannen und Sträucher vorbei. Warum der Lov?en schwarz sein soll, ist uns ein Rätsel.

Auf den letzten Metern der Strasse ist Auto an Auto parkiert. Weiter muss man zu Fuss, eine Treppe führt 461 Stufen nach oben bis zum Gipfel. Der Mount Lov?en ist 1750 Meter hoch. Von der Spitze aus sieht man über die Bucht von Kotor, sieht die Adriaküste und – wenn es klar ist – bis nach Italien. Im Ersten Weltkrieg spielte die Bergkette eine wichtige Rolle. Der ursprüngliche Konflikt entzündete sich im Juli 1914 zwischen Österreich-Ungarn und Serbien.

Montenegro war damals drauf und dran, sich mit Serbien zu vereinen. Vom Mount Lov?en aus beschossen die Montenegriner darum österreichische Schiffe. Damit trug der Berg dazu bei, den Plan Österreich-Ungarns zu zerstören: Dieser sah ursprünglich vor, den Balkan schnell zu überrennen, so, dass sich der Konflikt nicht auf andere Fronten hätte ausweiten können.

Grüner Teppich

Die Aussichtsplattform ist voll. Ein Kind fotografiert mit einer überdimensionalen Kamera. Eine deutsche Frau ist sauer, weil ihr Freund kein anständiges ­Selfie zustande bringt. Die Geschichte ist wohl nicht das, was die Touristen auf den Mount Lov?en lockt. Vielmehr sind sie der Aussicht wegen hier oben, fotografieren die hügelige Landschaft, in der Cetinje aussieht wie ein kleiner Fleck auf einem grünen Teppich.

Das Mausoleum, das auf dem Lov?en steht, ist für Touristen ein beliebtes Bildsujet, darüber hinaus aber kaum inter­essant. Es ist einem Mann namens Petar II Petrovi?-Njegoš gewidmet, der Montenegro bis 1851 beherrschte und unter an­derem die erste Schule Montenegros eröffnete.

Auf dem Wanderweg zurück

Für den Rückweg nehmen wir einen schmalen Wanderweg, fort von der stark befahrenen Strasse. Das Gras ist trocken, Disteln haben sich ausgebreitet. Durch den Wald führt der Weg steil nach unten, es ist angenehm kühl. Wir laufen vorbei an kleinen Höfen, die verlassen scheinen. Nach gut zwei Stunden kommen wir wieder an die Strasse.

Zwei Bauar­beiter, die weiter oben an einem Haus arbeiteten, halten an, um uns mitzunehmen. Sie sprechen kein Englisch, was sie nicht daran hindert, uns die lokale Volksmusik näherzubringen. Wir schauen aus dem Fenster noch einmal nach oben zum Mausoleum.

Die Sonne steht mittlerweile nicht mehr so hoch am Himmel. In diesem Licht erscheinen die Tannen in einem dunkeln Grünton. Mit viel gutem Willen, denken wir, sieht man vor dem blauen Himmel einen schwarzen Berg.

Berner Zeitung

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