Sonnengruss aus der Südtürkei

Die Südtürkei ist schon längst auf dem Radar des Massentourismus. Stille Orte gibt es jedoch noch immer: Yoga-Begeisterte reisen nach Adrasan und finden dort Entspannung, Entschleunigung und Erholung.

Realisation: Claudia Salzmann

Claudia Salzmann@C_L_A

In der Ferne singt der Muezzin, draussen kräht der Hahn, aus dem nahen Naturschutzgebiet quacken Frösche und in den blühenden Bäumen summen die Bienen. Zwischen Taurus-Gebirge und dem Meer steht das Gästehaus Lykia in Adrasan an der südtürkischen Küste. Drinnen liegen rund 20 Frauen auf der Yogamatte und die Lehrerin erinnert daran, tief zu atmen. Nebst den Naturgeräuschen und dem Atmen hört man nichts.

Zweieinhalb Stunden Flug und anderthalb Stunden Fahrzeit nehmen Yoga-Aficionados in Kauf, um hier eine Woche zu entspannen. Wer bei Ferien in der Südtürkei nur an die Pauschaltouristen in Hotelbunkern denkt, wird eines besseren belehrt: Der Strand ist unverbaut, mit charmanten Restaurants aus Holz und das Lykia ist eines der wenigen Gästehäuser. 33 Zimmer im Bungalow-Stil sind im üppig blühenden Garten verteilt und bei 56 Gästen kommt das Lykia an seine Grenzen.

Eine Auszeit im Alleingang

Die Gäste, zumeist deutsche Frauen zwischen 30 und 60 Jahren, kommen am Sonntag an und haben erst mal Zeit, sich einzurichten. Am nächsten Morgen geht es mit einer Vorstellungsrunde los, bei der schnell klar wird, warum frau da ist. Beispielsweise erklärt die 47-jährige Elke Loth aus Stuttgart: «Ich bin das erste Mal alleine unterwegs und suche eine Auszeit.» Auch drei Männer haben den Weg hierher gefunden: ein alleinreisender Arzt aus Heidelberg und die anderen zwei in Begleitung ihrer besseren Hälfte.

«Rund 1200 Gäste buchen diese aktive Auszeit», erklärt Besitzer Ismael Güngör. Ein ähnliches Konzept habe nur ein Gästehaus im nahen Olympos. Ismael führt das Lykia gemeinsam mit seiner Freundin Nina Meissner. Für die beiden ist der Ort mehr als Arbeit: Hier haben sie sich kennengelernt, als Nina Yoga-Ferien machte. Seit vier Jahren arbeiten sie zusammen und haben hier ihr kleines Gartenparadies geschaffen, inklusive Hund, Hühner und einer Handvoll Katzen, die den Gästen zärtlich um die Beine streichen.

Yoga im Garten

Im Angebot gibt es tägliche Hata-Yogastunden in zwei Varianten: Bei Nina gibt es die softe Variante, bei der die Teilnehmenden kaum ins Schwitzen kommen. Dafür wird man in den Positionen zurechtgerückt, bis der Rücken ganz gerade ist und die Energie fliessen kann. Vorkenntnisse sind nicht nötig und auch Ungeübte wie Elke Roth sind sehr zufrieden: «Ich habe vor langer Zeit einmal Yoga gemacht und die softe Variante hat mir ausgereicht.»

Dynamischer geht es weiter hinten im Garten zu und her: Im zweiten Raum, der je nach Temperatur von den Seitenwänden befreit werden kann, führt Melanie durch die Yoga-Stunde. Nach anspruchsvollen Übungen wird hier auch der Sonnengruss praktiziert. Ob soft oder dynamisch, bei beiden hat man viel Zeit, auch für das «Shavasana», die Schlussentspannung.

Nicht nur in den Yogaräumen haben Frauen das Zepter in der Hand, auch in der Küche: Am Frühstücksbuffet steht Gülsüm und bereitet das Frühstücksrührei nach Wunsch zu. Neben ihr steht ein meterlanges vegetarisches, teilweise veganes Buffet, wo man sich nach dem Yoga stärkt. Gülsüm zur Seite stehen Murat, Mustafa und 10 weitere Mitarbeiter.

Wilde Tulpen und ewige Feuer

Die «aktive Auszeit» spielt sich aber nicht nur innerhalb des Gartens ab: Am ersten Tag spazieren Erkundungsfreudige vom Gästehaus durchs Dörfchen Adrasan. Draussen sitzen Türkinnen mit Kopftuch an der Sonne, Bauern zupfen den Gästen Gurken vom Strauch und orangenbehangene Bäume und meterhohes Schilf lassen endgültig Ferienstimmung aufkommen lassen.

Ismael führt die Gruppe zum menschenleeren, unverbauten Strand und schuht zielstrebig den Berghang hoch. Über Stock und roten Stein führt ein Weg hinauf zum Aussichtspunkt. Am Wegrand spriessen wilde Tulpen und durch die Pinien streicht der Meereswind. Beim Aussichtspunkt mit Blick aufs unendlich blaue Meer fühlt man sich weit weg von Zuhause. Ismael führt mehrere solche Wanderungen in der Region durch, wie auch in den Märchenwald und zu den ewigen Feuern in Olympos.

Entschleunigung geht aber noch langsamer: Wander- und Yogafaule bleiben einfach am Pool, auf der Terrasse mit Meeresblick oder legen sich in den Laubschatten auf einladende Lounges. «Ich suchte ein Yoga-Wander-Programm, bei dem man aber auch freiwillig mitmachen kann», erklärt Elke Loth, die eines Tages ins Lykia zurückkehren will.

Tee und Kuchen

Als Alleinreisende wünscht sich die Deutsche auch, Anschluss zu finden. Anfangs Woche sind die Tische noch auseinandergeschoben, doch bereits am dritten Abend gibt es zwei lange Tische, alle sitzen beieinander und schwärmen. Abends ist die Stimmung unter den Feriengästen entspannt. Mit einem Teller in der Hand wählt man aus den türkischen Spezialitäten vom Buffet aus, trinkt Tee oder genehmigt sich ein Glas Hauswein, der von Murat augenzwinkernd grosszügig eingeschenkt wird.

Eine einzige Aufregung gibt es, als plötzlich ein Geburtstagskuchen vom Personal ins Restaurant gebracht wird und alle helllaut mitsingen. Eingestimmt sind die Feriengäste ja schon vom Mantrasingen.

Die Reise wurde unterstützt von Delsolar Reisen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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