Reportage

Mit dem Velo auf Schellenurslis Spuren

ReportageGute Kondition ist zwar gefragt, doch wer eine Velotour dem Inn entlang unternimmt, wird belohnt: Unterwegs lassen sich heimelige Dörfer entdecken, die Künstler wie Alois Carigiet inspiriert haben.

Prächtige Fassaden: Engadinerhaus in Ardez.

Prächtige Fassaden: Engadinerhaus in Ardez. Bild: Arno Balzarini/Keystone

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«Ich bin ein Onkel des Papsts», sagt der kleine Alte und nimmt gemächlich einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Die scherzhafte Präzisierung seines Namens lässt die Augen von Roman Franziskus schelmisch funkeln. Die kleine Reisegruppe hat die Velos am Brunnen vor seinem stattlichen Haus in Guarda angelehnt und sich um den 82-Jährigen geschart. Locker lehnt er im grossen Torbogen des Eingangs. Die üppigen Geranien auf sämtlichen Fenstersimsen sind genauso gepflegt wie die Blumenstöcke am Hauseingang – als ob jederzeit bedeutender Besuch eintreffen könnte.

Seit 60 Jahren lebt Franziskus im Unterengadiner Dorf. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert. Früher, da war das Dorf noch belebt, 34 Bauern bewirtschafteten das hügelige Umland – heute sind es noch deren vier. Schwermut klingt in der Stimme des Alten mit, als er sagt: «Hier wohnen fast keine Leute mehr, das sind praktisch alles leere Häuser.» Hier, in dem Dorf, das 1975 mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wurde und dessen Ortsbild «von nationaler Bedeutung» ist. Die grosse Talstrasse hatte die Wirtschaft einbrechen lassen, die Menschen sind ins Unterland gezogen.

Kaltstart ist schnell vergessen

Vergessen ist der Kaltstart in die zweitägige Tour: Vor wenigen Stunden hatten die Velofahrer den vier Kilometer langen Anstieg von Scuol (1242 m ü. M.) nach Ftan (1633 m ü. M) mit rund 400 Höhenmetern noch vor sich. Ob im Sattel eines E-Bikes, eines Tourenrades oder eines Mountainbikes – dieser Einstieg hatte es in sich. Ein Glück, dass die Radler ohne zusätzliche Lasten in die Pedalen treten konnten, denn der Transport ihres Gepäcks von der Jugendherberge in Scuol in jene nach St. Moritz obliegt der Organisation Swiss Trails. Dennoch wurde während der kurzen Pause in Ftan deutlich: Wer neben Muskelkraft auf eine Batterie hatte zählen können, war schneller wieder bereit für die Weiterfahrt nach Ardez (1464 m ü. M.).

Die zügige Abfahrt trocknete den Schweiss, kühlte die erhitzten Gesichter. Das malerische Dorf Ardez liess die Radlergruppe staunend anhalten: Die grossen Häuser mit ihren bemalten Fassaden erzählen Geschichten – vorausgesetzt man nimmt sich die Zeit dafür. So sind seit 1647 am Haus Claglüna Adam und Eva abgebildet. Sie reicht ihm am Fusse eines Baumes, dessen Geäst die Fassade des halben Gebäudes ziert, den Apfel. Auf den gepflasterten Gassen herrscht kaum Verkehr, sodass die freundlichen Grüsse der Einheimischen im Vorbeifahren hörbar sind. Leicht bergab führte der Weg weiter – zurück ins terrassierte Grün.

Die umfunktionierte Scheune

Abgelenkt von der Sicht auf die Berge, missachteten die Flachländer ein wichtiges Schild für Velofahrer: Obschon in Rätoromanisch gehalten, wäre die Botschaft für Deutsch Sprechende unmissverständlich gewesen: «Munta 210 m sin 2,5 km». Von Einteilen keine Spur, hinein in den Hang – ohne Batterieantrieb war dies folgenschwer. Der Tritt in die Pedale verlor mit jeder Umdrehung an Kraft. Der Atem ging schnell, der Puls raste. Kurve um Kurve. Durst, dann Hunger. Nach 210 Höhenmetern und 2,5 Kilometern die Erlösung – die kleine Strasse flachte ab. Obwohl das Gepäck transportiert wird und im Engadin in praktisch jeder Ortschaft Wasser aus Brunnen plätschert, sind auf dieser Reise Müsliriegel, Früchte und ein oder gar zwei Bidons mit Flüssigkeit ein Muss.

Bereits die Aussicht von Bos-cha auf die Terrassenfelder liess erahnen, wie fordernd diese Landschaft auch für die Bergbauern ist. Dort, wo sich auch Roman Franziskus einst abgerackert hatte und seine Schafe weiden liess. Der Alte öffnet nun für die Radler die im grossen Rundbogen eingelassene kleine Tür. Dunkle Balken und der zwar neue, aber unebene Holzboden verraten, dass der lang gezogene Raum nicht immer als Entree diente. Dort wo jetzt die Touristen eintreten, standen einst die Pferdewagen für die Feldarbeit. Nur kurz und nur für die ausladende Handbewegung nimmt Franziskus seine Pfeife aus dem Mund: «Holz für den ganzen Winter wurde hier gelagert.» Die Familie heizte die Stube, und damit sich in den Schlafräumen die klirrende Kälte verzog, liess man eine Falle offen, durch welche die Wärme nach oben strömte.

Stolz schwingt in der Stimme des Alten mit, als er wieder ins Freie tritt und auf das Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite weist: «Das ist das Schellenursli-Haus», sagt der ehemalige Landwirt, als hätte er sein Leben lang Touristen durchs Dorf geführt. Die grosse, helle Chasa 51 mit ihrem grünen Tor diente dem Bündner Künstler Alois Carigiet als Vorlage für das Zuhause des berühmten Bauernjungen mit der grossen Glocke. «Nein, gewohnt hat er hier nicht. Das tat nur die Autorin Selina Chönz, gleich neben der Chasa 51.» Bei ihr hatte Carigiet ein Arbeitszimmer, und er liess sich von der Umgebung inspirieren.

Schotter- und Kieswege

Während die Flachländer sich wieder in den Sattel schwingen, steckt der Alte seine Hand zurück in die Hosentasche, locker lehnt er an den Torbogen seines Hauses und zieht an seiner Pfeife.

Die Fahrt von Guarda über Lavin, Susch, Zernez am Fuss des Ofenpasses, S-chanf, Zuoz nach La Punt macht eines klar: Wer diesen Abschnitt der «Graubünden Route Nr. 6» unter die Räder nimmt, tut gut daran, zuvor nicht nur die Bremsen seines Gefährts zu überprüfen, sondern auch das Profil der Pneus. Sie führt nämlich über Schotter- und Kieswege – bergan und bergab.

Statt auf der nationalen Veloroute Nr. 6 von La Punt aus den Albulapass hinaufzufahren, lohnt es sich, auf der regionalen Route 65 Kurs auf St. Moritz zu nehmen. Zwar wartet auch auf dieser Strecke zwischen Celerina und St. Moritz eine beachtliche Steigung auf die Velofahrer – doch ist sie im Vergleich zum Anstieg auf den Pass kaum erwähnenswert. Ein weiterer Vorteil dieser Variante: Müde Radler haben hier immer wieder die Möglichkeit, den Veloweg zu verlassen und den Rest der Strecke mit der Rhätischen Bahn zurückzulegen.

Dem Lauf des Inns folgend lassen sich von den Holzbrücken aus wunderbar tiefe Schluchten bewundern, die das Wasser in den Schiefer gefressen hat. Die zweitägige Reise bietet zudem die Gelegenheit, mit einem Vorurteil aufzuräumen: Die Velofahrer nächtigen in «Jugis». Und wer damit Mief im Massenschlag und ewig gleichen Lagerfrass verbindet, wird sowohl beim Ausgangspunkt in Scuol als auch in St. Moritz eines Besseren belehrt. Beide Häuser widerspiegeln als schlichte, in Brauntönen gehaltene Kuben die zeitgenössische Architektur. Auf den ersten Blick unsichtbar, aber erwähnenswert: Die Herberge in Scuol, im Jahr 2007 erbaut, erfüllt gar die Anforderungen des Minergielabels für nachhaltiges Bauen.

Fast wie im Designerhotel

Das Haus in Scuol hat in 45 Zimmern aus Lärchenholz 164 Betten, die Jugi in St. Moritz verfügt über 306 Betten in 94 Zimmern. Viele davon verfügen über Dusche und WC, bei anderen liegen die sanitären Einrichtungen auf der Etage. Auch wenn Oliver Kerstholt, Mediensprecher der Schweizer Jugendherbergen, den laufenden Imagewandel der Häuser erwähnt, ist die Ausstattung der Zimmer unverändert spartanisch – kein Radio, kein TV: «Das halten wir bewusst so», sagt Kerstholt. Dadurch würden die Gäste mehr Zeit in der Lounge und im Aufenthaltsraum verbringen – was sich lohne. Der Raum aus Arvenholz in Scuol kann wie die Lounge mit Cheminée in St. Moritz stilistisch mit Räumlichkeiten eines Designerhotels mithalten.

Trotz der Modernisierung der Jugendherbergen dürfen Nostalgiker beruhigt sein. Manche Bräuche in den Häusern sind unverändert: Gehalten hat sich etwa die Jugi-typische Tradition, dass der Gast sein Bett vor der Abreise eigenhändig abzieht und die gebrauchte Wäsche mitsamt Badetüchern in die dafür vorgesehenen Behälter wirft. Und auch die Mahlzeitenkultur hat sich dem Wandel gegenüber resistent gezeigt, es gilt weiterhin Selbstbedienung. Die Radler holen sich ihr Essen selbst und speisen an langen Tafeln neben den Wanderern in ihren besten Jahren und den Jugendlichen auf ihrer allerersten Reise.

Eine Veränderung hat indessen auf den Tellern stattgefunden: keine Spur von lampigem Salat und verkochten Teigwaren wie einst in solchen Häusern üblich: Am Buffet in St. Moritz haben die hungrigen Velofahrer etwa verschiedene frische Salate geschöpft und in Scuol an der Theke Hirschpfeffer mit Sauerkraut und Spätzli.


Die Reise wurde durch Swiss Trails und Schweizer Jugendherbergen ermöglicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2014, 16:12 Uhr

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Die 58 Kilometer lange Strecke von Scuol nach St. Moritz folgt im Wesentlichen zwei von fünf Etappen der Veloroute von St. Moritz nach Innsbruck. Die Übernachtungen in den Jugendherbergen Scuol und St. Moritz – inklusive Frühstücksbuffet, Gepäcktransport, Routenführer, Reiseunterlagen, Taxen und Helpline – kosten im Mehrbettzimmer
167 Franken und im Doppelzimmer mit Dusche und WC 235 Franken pro Person.

Wer nicht Mitglied des Vereins Schweizer Jugendherbergen ist, zahlt einen Tageszuschlag von 6 Franken pro Übernachtung. Die Velofahrer können in der Jugendherberge zu Abend essen, diese Mahlzeit ist allerdings nicht im Pauschalpreis inbegriffen. Ein 3-Gang-Menü
im Selbstbedienungsrestaurant kostet
16.50 Franken.

Wer nicht mit dem eigenen Fahrrad anreist, kann bei Swiss Trails das Velo mieten. Zur Auswahl stehen unter anderem Tourenräder (59 Franken), E-Bikes (98 Franken) und Mountainbikes
(98 Franken). Die Preise gelten für zwei Tage und beinhalten den Transport des Rads durch Swiss Trails zurück zum Ausgangspunkt der Reise. (pia.)
Weitere Informationen:
www.youthhostel.ch
www.swisstrails.ch

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