Messner würde Alpines Museum verlegen

Die Bergsteigerlegende Reinhold Messner ist heute vor allem als Vortragsreisender und Ratgeber unterwegs. Ratschläge hat er auch für Bern: Das Alpine Museum stehe am falschen Ort, sagt er im Interiew.

Reinhold Messner, im Dezember in der Antarktis.

Reinhold Messner, im Dezember in der Antarktis. Bild: Edi Day

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Herr Messner, Sie waren im Dezember mit Ihrer Frau und Ihren Kindern auf einer Kreuzfahrt in die Antarktis. Ist diese Reise nicht zu bieder für Sie?
Reinhold Messner: Nein. Ich habe schon öfters Kreuzfahrten mit der Familie gemacht. Natürlich ist es eine ganz andere Art des Reisens, als ich sie sonst pflege. Aber in diese Regionen kommt man nur mit dem Schiff. Wir unternahmen diese Reise aber auch für meine jüngste, 12-jährige Tochter. Sie sollte diese eindrücklichen Landschaften sehen wie meine älteren Kinder vor ein paar Jahren.

Sie reisten gegen Honorar mit einer Touristengruppe mit. Welche Rolle hatten Sie?
Ich sehe mich als Begleiter und Vermittler meiner Erfahrungen. Meine Mitpassagiere drangen auf dieser Kreuzfahrt in eine Welt vor, die sie sonst nie hätten sehen können. Ich will andern von den Polarpionieren erzählen, die vor über 100 Jahren hierherkamen. Ich habe die Schauplätze ihrer früheren Expeditionen besucht und bin darum zum Erzähler geworden.

Vermissen Sie eigene Abenteuerreisen?
Nein. Früher war ich auf Abenteuer aus. Mir ging es nie um Rekorde, sondern um das Überleben in schwierigen Situationen. Heute ist meine Zeit als grosser Abenteurer vorbei.

Sie haben Alpingeschichte geschrieben und waren als Erster ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest. Der Erste allein auf diesem Berg. Als Erster auf allen vierzehn Achttausendern. Sind Sie stolz darauf?
Nein. Überhaupt nicht. Ich habe Berge bestiegen, weil ich neugierig bin auf die Welt. Die Besteigung dieser Berge ist nur ein Teil meiner Biografie. Das ist alles. Ich habe mir das Ziel gesetzt, die Berge immer wieder anders zu besteigen und dabei besser zu werden.

Sie mussten sich oft für Ihre gewagten Touren rechtfertigen.
Ich rechtfertige mich nicht. Ich bin sogar der Meinung, diese extremen Touren lassen sich gar nicht rechtfertigen. Nach bürgerlichen Mustern ist das Ganze nicht vertretbar. Man kann sogar sagen, niemand hat das Recht, Frau und Kinder zu Hause zu lassen, wenn man mit der Wahrscheinlichkeit weggeht, dass man nicht mehr zurückkommt. Mein Tun war gegen die Gesellschaftsordnung.

War das der Grund, dass Sie Ihre Kinder spät gehabt haben? Die jüngste Tochter kam zur Welt, als Sie 58 Jahre alt waren.
Ich habe nicht bewusst spät Kinder gehabt. Meine Frau Sabine war verständlicherweise nicht sofort bereit, Kinder mit einem Mann zu haben, der jedes Jahr in den Himalaja reiste. In den Jahren 1989 und 1990, als ich die Antarktis durchquerte, hatte ich bereits zwei Kinder. Ich bestieg aber nicht mehr 8000 Meter hohe Berge.

Sie überlebten bei Ihren Expeditionen in die Antarktis und die Wüsten Gobi und Taklamakan gefährliche Situationen. Hatten Sie dabei Todesangst?
Todesangst ist nicht eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Ein paarmal war ich dem Tod sehr nahe. In solchen Momenten lassen wir uns in den Tod fallen, lösen uns vom Leben. Aber erst, wenn wir keine Chance mehr sehen, es zu retten.

Wie retteten Sie sich aus den Situationen?
Bevor ich meine Expeditionen startete, habe ich versucht, an alles zu denken. Aber es gibt Momente in der Natur, die man nicht voraussehen kann. Ich bin ein Mensch, der mehr seinen Instinkten traut als dem Intellekt. Der Verstand ist eine korrigierende Grösse. Das Animalische in uns ist viel tiefer angelegt als der Intellekt.

Basiert darauf Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich denke, ja. Zwischen meinem 5. und 15. Lebensjahr bin ich regelmässig mit meinem Vater auf Dreitausender in den Dolomiten gestiegen. In dieser Zeit baute ich meinen Instinkt fürs gebirgige Gelände auf. Als 20-Jähriger hatte ich den anderen Kletterern nichts voraus ausser dem besseren Instinkt. Ich wusste, was wo am Berg möglich ist.

Sie haben in Interviews erzählt, dass der Übergang von der Gefahrenzone zurück in die Zivilisation wie eine Wiedergeburt sei.
Dieses Gefühl habe ich oft erlebt. Man spürt unglaublich starke Emotionen. Ich denke, das war mein Antrieb, mich immer wieder in die Gefahrenzone zu begeben. Jedes Mal, wenn ich in die Zivilisation zurückkehrte, konnte ich so richtig durchatmen. Ich hatte mein Leben zurück und konnte es wieder ausfüllen, mit allem, was ich wünschte.

Versuchte Ihre Familie Sie zu stoppen?
Ja. Mein Vater hat mich und die Brüder lange klettern lassen, dann wieder versucht, uns zu bremsen. Er befürchtete, ich würde keinen normalen Beruf erlernen. Doch mit 20 Jahren konnte man mich nicht mehr vom Klettern abhalten. Ich konnte keinerlei Begeisterung mehr für mein Studium aufbringen und brach es gegen den Widerstand des Vaters ab. Meine Familie und meine Freunde sagten immer wieder, für das Unnütze soll man kein Menschenleben opfern.

Empfanden Sie Ihre Grenzerfahrungen als unnütz?
Ja, sie sind unnütz. Das Bergsteigen generiert keinen Nutzen, nur Erfahrungen. Ich bin jemand, der Dinge erlebt hat, die die meisten Menschen nicht kennen. Nun versuche ich, eine Brücke zu schlagen zwischen dem, was ich zu wissen glaube, und dem, wonach andere vielleicht suchen. Ich habe deshalb immer versucht, meine Erfahrungen ganz genau zu beschreiben. So sind sie wenigstens zum Teil für andere greifbar, und einige können etwas damit anfangen.

Können Sie eine solche Erfahrung beschreiben?
Das Gehirn baut auf 8000 Metern Höhe rasant ab. Ich spürte das extrem: Der Wille und die Entscheidungsfähigkeit lassen nach, werden langsamer. Die Erkenntnis, dass einem da oben nicht nur die Kraft fehlt, sondern auch die mentale Stärke, war für mich prägend.

Sie verlangten von Ihrem Körper sehr viel. Wie schafften Sie das?
Ich bin vorsichtig, hatte aber auch Glück. Zudem habe ich mich langsam in diese archaische Welt hineinbegeben und meine körperliche Form gehalten, indem ich immer weitere Berge bestieg. Heute kann ich sagen, dass ich in der richtigen Altersphase das Richtige gemacht habe. In jungen Jahren war ich Kletterer, im mittleren Alter Höhenbergsteiger. Als ich 35, 40 Jahre alt war, konnte ich nichts besser als in prekären Situationen überleben und wurde zu einem Grenzgänger. Hätte ich mit 20 Jahren versucht, die Antarktis zu durchqueren, hätte ich das nicht geschafft.

Sie waren auch ein Pionier, weil Sie viele Berge im Alleingang bestiegen. Damit brachen Sie ein Tabu. Warum taten Sie das?
Allein kann ich schneller reagieren, muss auf niemanden warten. Ich war aber auch allein unterwegs, um zu prüfen, ob ich es so schaffe. Vorurteile haben mich gereizt: Wenn alle sagten, das gehe nicht, hatte ich den Drang, etwas zu probieren. Trotzdem muss ich sagen, dass ich lieber in kleinen Gruppen unterwegs war. Der Mensch ist ein soziales Wesen, mit anderen teilt er die Angst am Berg.

Viele Nichtbergsteiger sehen in Bergsteigern Todessüchtige.
Es gibt auch Psychologen, die das sagen. Ich sage das Gegenteil. Wir Bergsteiger suchen das intensive Leben, nicht den Tod. Um ans Ziel zu kommen, gehen wir aber dorthin, wo man umkommen kann. Ich bin eher ein ängstlicher Mensch. Todesmutige Bergsteiger leben keine paar Wochen. Vorsicht ist eine wesentliche Tugend eines Bergsteigers.

Was war der grösste Schmerz, den das Bergsteigen bei Ihnen verursacht hat?
Natürlich der Tod meines Bruders am Nanga Parbat im Jahr 1970. Es war eine grosse seelische Belastung. Ankläger wollten mir später ein Verbrechen andichten. Doch niemand lässt den eigenen Bruder liegen, um eine Sensation zu liefern. Es gab sogar eine Zeit, in der ich mich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Erst in der letzten Zeit gebe ich anderen wieder mehr Einblicke in mein Leben.

Welche Folgeschäden plagen Sie?
Am meisten fehlen mir die sieben Zehen, die ich am Nanga Parbat verloren habe. Ich war 25 Jahre alt und unternahm alle späteren Expeditionen als Invalider. Zudem erlitt ich 1995 an meiner Ferse einen Trümmerbruch. Wenn ich heute länger marschiere, schmerzt mich deshalb mein Fersenbein.

Vor ein paar Monaten wurden der Berner Bergsteiger Ueli Steck und sein Kollege von den Sherpas im Himalaja angegriffen und mit dem Tod bedroht, als er den Mount Everest bestieg. Hat er richtig gehandelt?
Ich kenne Ueli Steck sowie seinen Partner Simone Moro und glaube nicht, dass es schlau war, was sie getan haben. Sie sind über eine von den Sherpas präparierte Piste, die für Touristen für viel Geld angelegt worden war, hochgestiegen. Sie hätten die Sherpas fragen sollen, ob sie diesen Weg nutzen dürfen. Die Sherpas sagten dann: Ihr nutzt unsere Piste, ohne zu bezahlen, das lassen wir uns nicht bieten. Die Sherpas wollten diesen Streit, weil sie darauf abzielen, den Tourismusmarkt am Everest unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie wollen nicht mehr, dass fremde Organisationen die Leute bringen.

Sie sagen, der Mount Everest verkommt immer mehr zu einer Autobahn. Die zwei Normalrouten von Süden und Norden her wurden mit Fixseilen ausgerüstet. Es gibt Bilder, die zeigen, wie die Leute auf 7000 Metern Höhe in einer Schlange gehen. Ärgert Sie diese Entwicklung?
Das ist Tourismus, nicht Alpinismus. Der Everest wird so präpariert, dass eine Menge Leute den Aufstieg schaffen. Das hat für mich nichts mehr mit dem traditionellen Bergsteigen, so wie ich es verstehe, zu tun. Zudem sind die Erfolgsaussichten bei der Besteigung des Everest heute viel besser als früher. Ich selber hatte beim Bergsteigen der 8000er eine Erfolgsquote von 65 Prozent.

Sie haben über fünfzig Bücher geschrieben. Haben Sie ein weiteres Buch in der Pipeline?
Meine Geschichte ist erzählt. Mein letztes Buch «Über Leben» ist die Quintessenz meiner Erfahrungen. Heute pflege ich zunehmend kulturelle Interessen. Es geht immer noch um Kreativität in meinem Leben: Ich will nichts unversucht lassen. Ich betreibe Selbstversorger-Bauernhöfe und Museen. Bald eröffne ich das letzte von insgesamt sechs Museen.

Welchen Berg mögen Sie in der Schweiz?
Ich mag das Matterhorn. Es ist interessant, zu sehen, wie das Matterhorn innert 150 Jahren zu einem Tourismusmotor wurde. Im Moment arbeite ich an einer Geschichte zum Matterhorn. Sie soll im Frühling fertig sein. Details verrate ich keine.

Sie sind auch ein Tourismusfachmann. Welchen Rat geben Sie dem Schweizer Tourismus?
Eine Idee habe ich zum Beispiel für das Alpine Museum in der Stadt Bern. Der Standort ist nicht ideal. Der SAC wäre gut beraten, das Museum bei der Kleinen Scheidegg, am Fuss des Eigers, in den Berg hinein zu bauen. Touristen aus aller Welt besuchen das Jungfraujoch in Hochgeschwindigkeit. Ausser der Jungfraubahn profitiert niemand davon. Die Touristen sind ja am gleichen Abend schon wieder woanders. Mit einem Museum könnte man das Ganze entschleunigen. Tourismus wird erst erfolgreich, wenn der Verkehr zum Stillstand kommt. Solange die Touristen unterwegs sind, profitieren nur die Transportunternehmen.

Im September sind Sie 70 geworden. Ist die Lust am Klettern nach wie vor vorhanden?
Natürlich. Aber ich verspüre keinen Drang mehr, überhängende Wände hochzuklettern. Ab und zu klettere ich mit meinem 22-jährigen Sohn Simon. Sind wir zusammen auf einer Tour, klettert er vor, wenn es schwierig wird. Ich steige hinterher. Er motiviert mich, noch ein bisschen zu trainieren. Manchmal sagt er mir, ich müsse trainieren, sonst könne er mich nicht auf Expeditionen mitnehmen. Hat er exzellente Partner, lässt er mich lieber zu Hause.

Haben Sie Angst um ihn?
Angst ist der falsche Ausdruck. Aber ich weiss, dass jede dieser Bergtouren mit Risiken verbunden ist, die auch tödlich sein können.

Gibt es etwas, was Sie Ihren Kindern verbieten?
Das kann ich nicht. Sie würden sagen: Du spinnst ja. Du hast doch alles getan, was du wolltest. Warum sollen wir das nicht können? Ich habe meine Kinder immer das machen lassen, was sie gerne tun. Und sollte alles schiefgehen, können sie immer noch auf einem unserer Selbstversorger-Bauernhöfe überleben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.12.2014, 12:19 Uhr

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Reinhold Messner ist ein fantastischer Erzähler. Seine grossen Hände wühlen sich durch die Luft, während er davon erzählt, wie er in den Jahren 1989/1990 zu Fuss durch die Antarktis ging. Weil es für ihn der eindrucksvollste Ort sei, den es gibt, kehrt er wenn immer möglich zurück. So auch in diesem Dezember. Der Südtiroler Messner bereiste mit seiner Frau Sabine und zweien seiner vier Kinder auf dem Expeditionsschiff Hanseatic während dreier Wochen zuerst die Falklandinseln, dann Südgeorgien und die antarktische Halbinsel. Als Lektor liess er an seinen Vorträgen an Bord die 153 Touristen des Berner Reisebüros Globetrotter immer wieder an seinen Erlebnissen teilhaben. Die Freizeit auf dem Schiff nutzte Messner zum Schreiben. Seine Abenteuer hat er in 50 Büchern beschrieben, mit Auflagen bis fünf Millionen Stück. Messner lebt mit seiner Familie auf der Burg Juval im Südtiroler Vinschgau. Der 70-Jährige wuchs in einer Grossfamilie im Südtirol der Nachkriegszeit auf. Messner und einige andere seiner Generation veränderten in den 70er- und 80er-Jahren das Bergsteigen. Mit dem Verzicht auf Expeditionstross, Fixseile und Flaschensauerstoff prägten sie damals den Alpinstil. Messner propagierte ein Bergsteigen nur für sich selbst und stand als Erster ohne Sauerstoff auf allen 14 Achttausendern.

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