Der Reiseleiter, der Touristen meidet

Der 43-jährige Thomas Wiser gründete vor vier Jahren ein Reiseunternehmen in Kambodscha und führt seither Gruppen dorthin, wo Minen hochgehen und auf Kampffische gewettet wird.

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Madonna weiss wohl nichts von ihrem Glück. Sie ist verheiratet mit einem schmächtigen, zähen Mekong-Fischer, der ein paar schwarze Zähne zeigt, wenn er lacht. So nennen sie ihn jedenfalls: «Husband of Madonna». Denn er ist der Sänger der Fischerfamilie. Und er macht Stimmung, nicht immer im Takt, aber das spielt keine Rolle.

Die Nomaden wohnen auf einer Sandinsel im Mekong, Kambodscha, 15 Nasen, eine Feuerstelle, zwei, drei Zelte, Fischernetze. Tage-, ja wochenlang sehen sie keine andere Menschenseele. Und plötzlich standen sie da: Sieben dieser weissen Langnasen. Auf der Insel übernachten wollten sie und ein Fest feiern. Im Gegenzug boten sie an zu kochen, reichlich Fleisch, Reis, Gemüse, Mango, Ananas. Und eine Kühlbox voll mit Getränken hatten sie dabei. Da war klar, dass die Mekong-Band spielen musste. Neben Madonnas Mann stand ein Schlagzeuger im Scheinwerfer-, pardon, im Lagerfeuerlicht. Er klopfte auf einem Eimer, einem leerem Kanister, einem Bambusrohr und einem Kochtopf herum – es klang super. Sogar die schüchternen Langnasen tanzten mit.

Reisender statt Tourist

Die Party auf der Mekonginsel ist ein Highlight für die siebenköpfige Reisegruppe aus der Schweiz. Nie sonst kamen sie Kambodschanern so nah, jenen zähen Überlebenskünstlern, jenem zurückhaltenden Volk, dessen Geschichte geprägt ist von Massenmorden, von Hunger und Landminen.

Das ist Reiseleiter Thomas Wiser wichtig: Bei ihm sei man ein Reisender, kein Tourist. «Ein Tourist hat eine Erwartung, was ihm das Land bieten soll», sagt Wiser. «Ein Reisender geht sich anschauen, was er antrifft.» Auf Wisers Reise durch Kambodscha trifft man Edelsteinschürfer an und besucht lokale Fischmärkte, steigt in Höhlen hinab und tuckert über den Mekong. Statt sich mit Japanern und ihren Fotokameras in den «Touristenhöllen» zu drängen, wie Thomas Wiser sie nennt. Seine Reisen sind eine Art organisiertes Backpacking, nur mit schönen Unterkünften.

Der 43-Jährige, der eine Zeit lang in Därligen am Thunersee lebte, hat einst englische Touristen durch die Tempel von Angkor geführt. Bis er die Nase voll hatte vom Geschäft, bei dem jedes Erlebnis als Kostenfaktor gesehen werde und jeder Wurzelstock als Risiko für eine Klage auf Schmerzensgeld. Vor vier Jahren hat sich Thomas Wiser selbstständig gemacht. Als Einmannbetrieb Papillon-Travel bietet er seither dreiwöchige Reisen durch Kambodscha, Laos, Vietnam und Thailand an. Knapp 3000 Franken kosten sie, ohne Flug.

«Danger!! Mines!!»

Die sieben Schweizer, vier junge Erwachsene, ein Paar Mitte 40 und Wiser, stehen am Rand einer Landstrasse, vor ihnen ein einsames Haus. Eines der wenigen mit Ziegeldach, relativ neu. Hier würden nicht die ärmsten Leute leben, erklärt Thomas Wiser. Würden. An einem Pfahl vor dem Haus hängt ein rotes Schild. Es zeigt einen Totenkopf. «Danger!! Mines!!». Von diesen Schildern gibt es Tausende in Kambodscha, sagt Wiser. Sie werden aufgehängt, wenn eine Mine explodiert ist. «Vielleicht ist eine Kuh auf den Auslöser getreten, vielleicht auch ein Kind.» Bis das Gebiet gesichert wird, können Jahre vergehen. Es fehlt an Geld. Durch die Schilder ist die Vergangenheit Kambodschas auf eine merkwürdige Art präsent. Eine Vergangenheit, die die Kambodschaner zu vergessen versuchen.

Die Herrschaft der Roten Khmer, die etwa 1,5 Millionen Kambodschanern das Leben kostete, weil sie verhungerten oder erschlagen wurden. Mit dem Bürgerkrieg in den 1970er-Jahren beschäftigen sich die sieben Schweizer der Reisegruppe so oft wie mit Nudelsuppe. Wisers Gruppen sprechen etwa mit einem ehemaligen Offizier, dem eine Mine fast das Bein abgerissen hätte, und besichtigen das Foltergefängnis Tuol Sleng. «Viele Reiseanbieter blenden den Krieg aus. Weil sie finden, in den Ferien solle man sich mit angenehmen Dingen beschäftigen», sagt Wiser. Er findet: Um das Land zu verstehen, muss man auch den Krieg verstehen. Die langen Fahrten im Minibus werden zum Geschichtsunterricht, die Reisenden haben am Ende einen Überblick über den Vietnamkrieg, die zweifelhafte Rolle der USA und und und.

Fleischtransport mit Mofa

Vielleicht ist es besser, konzentrieren sie sich während der Fahrten auf den Ho-Chi-Minh-Pfad statt auf jenen Pfad, der gerade vor ihnen liegt. Denn was sich auf den oft nicht asphaltierten Strassen abspielt, ist zumindest gewöhnungsbedürftig. Wenns links zum Überholen nicht reicht, klappts vielleicht rechts. Auf einem Roller hat in Kambodscha eine fünfköpfige Familie Platz. «Die Kambodschaner sind Weltmeister im Beladen von Fahrzeugen», sagt Thomas Wiser. Besonders erschreckend für die Schweizer Reisegruppe: ein Motorrad, das am Gepäckträger drei Schweine befestigt hatte. Zwei fuhren kopfüber mit, mit Seilen gefesselt. «Die leben noch», erklärte Wiser. Fleisch zu kühlen, wäre aufwendig, deshalb werden die Tiere lebend bis zum Endverbraucher gebracht.

Sogenannte Trinkgelder

Über Vorschriften und Gesetze diskutiert die Gruppe oft. Es zeigt sich, dass Thomas Wiser bereits ein wenig zum Ostasiaten wurde. Er lebt nur noch etwa zwei Montage pro Jahr in der Schweiz, in Bauma ZH. Danach geht er gerne wieder zurück. Zu sehr ärgern ihn die Einschränkungen in der Schweiz, wo ihm sogar vorgeschrieben werde, in welcher Farbe er seine Fensterläden anzustreichen habe.

«Optimal wäre etwas zwischen der Schweiz und Kambodscha», sagt Wiser. In Südostasien trägt er, wenn er Motorrad fährt, genau bis 18 Uhr einen Helm – dann haben die Verkehrspolizisten Feierabend. Ausflüge wie ein Candle-Light-Dinner in einem alten Tempel sind nur machbar, weil Wiser «gute Beziehungen» zu den Sicherheitsleuten hat, wie er es ausdrückt. Die «Trinkgelder» betragen meist nur wenige Dollar, in Kambodscha ist das Alltag.

Der Kampf im Hinterhof

Der Mann gestikuliert mit vollem Körpereinsatz. In der Landessprache Khmer redet er auf sein Gegenüber ein, zeigt auf ein grosses Glas mit Wasser, darin zwei Fische, der eine im Rückenschwumm. Auf dem Tisch liegen Banknoten.

Auch um die Reisegruppe in diesen Hinterhof zu führen, brauchte Thomas Wiser Freundschaften. Denn was die rund 20 Männer machen, ist nicht legal: Fischkämpfe. Die Tiere sind etwa fünf Zentimeter gross und schwarz. Wenn man sie isoliert hält, werden sie beim nächsten Zusammentreffen mit einem anderen Fisch aggressiv. Sie gehen aufeinander los, bis der eine k.o. geht und wieder aufgepeppt werden muss. Die Männer wetten auf die kleinen Gladiatoren – und fiebern mit wie andere beim Finale der Champions League. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.01.2014, 08:40 Uhr

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