Der Flughafen ohne Flugzeuge

Vor drei Jahren als Entlastung für Spaniens Hauptstadt gedacht, bedient der neue Flughafen Ciudad Real heute kaum Flüge. Das vollendete Grossprojekt ist zum Symbol des geplatzten Baubooms geworden.

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Hell glitzern von weitem die Abfertigungsgebäude auf der Mancha, der Hochebene im Herzen Spaniens. Beim Näherkommen hat der Zentralflughafen nahe der Stadt Ciudad Real etwas Unwirkliches. Kaum ein Flugzeug in Sicht, kein Mensch weit und breit, Autos nur leise aus der Ferne zu hören. Der Aeropuerto Central ist einer von mehreren spanischen «Geisterflughäfen»: häufig mit Steuergeldern finanzierte Grossprojekte, die den Bauboom mit anheizten und nach dem Platzen der Blase nun wie Sinnbilder der Geldverschwendung die grüne Wiese zieren.

Vor drei Jahren als Entlastung für das stark frequentierte Madrid gedacht, verfügt Central über eine der längsten Start- und Landebahnen Europas – für heute eine Handvoll Flüge in der Woche. In der Stille des luftigen, für 2,5 Millionen Passagiere im Jahr gedachten Terminals hallt jedes Geräusch wider. In der Cafeteria trinken ein paar der 90 Beschäftigten Kaffee. Ein Putzmann wienert wieder und wieder den Boden. Die Anzeigetafeln kündigen Flüge nach und aus New York, Stockholm und sonstwo an – aber nur, weil die Techniker einen Test laufen lassen.

Gekungel zwischen Politik und Wirtschaft

Die Wirtschaftskrise hat das ihre beigetragen, doch Kritiker hielten den Flughafen von Anfang an für unrentabel: ein Wahlkreisgeschenk viel zu weit entfernt von Madrid, um irgendeinen Sinn zu ergeben. Der Taxifahrer Enrique Buendia aus der 74'000 Einwohner zählenden Stadt Ciudad Real kann sich kaum erinnern, wann er zuletzt eine Fuhre zum Flugplatz hatte. «Wir haben grosse Hoffnungen auf Central gesetzt, wir haben daran geglaubt, davon geträumt, wir dachten, das wird die Rettung für die Region», sagt er. «Aber wenn man Politik und Geschäft vermischt, gibt das nichts Gutes.»

«Der Flughafen war eine einzige Abzocke», findet Eva Acosta, Angestellte einer Werbeagentur. «Ciudad Real ist zu klein für das, was sie da gebaut haben. Da wollten Politiker und Wirtschaftsklüngel schnell absahnen.»

Erster Flug in einem halben Jahr

Investitionsruinen wie Central sind Musterbeispiele dafür, wie sich Regionalverwaltungen und Sparkassen in den Schuldensumpf ritten, der Spanien jetzt so zu schaffen macht. Das über eine Milliarde Euro teure Projekt wurde mitfinanziert von der Caja Castilla La Mancha, die voriges Jahr als erste Sparkasse von der spanischen Zentralbank gerettet werden musste. Der Airport hätte über eine Schnellbahnverbindung an Madrid angebunden werden sollen, doch gingen Geld und Passagiere aus. Madrid hat inzwischen seine Überlastung durch den Bau eines neuen Terminals beseitigt. Central steht unter Zwangsverwaltung und sucht einen Käufer.

Dabei herrscht hier noch Betrieb verglichen mit dem Flughafen Huesca im Norden, dessen 30 Angestellte noch ein halbes Jahr auf die ersten Flüge warten dürften. Castellon an der mit Flughäfen gesegneten Mittelmeerküste kostet 150 Millionen Euro, eröffnete im März und hat noch kein einziges Flugzeug gesehen. Das dürfte sich so bald nicht ändern, denn die Aufsichtsbehörde brütet noch über der Genehmigung. Die grossen Themenparks, deren Besucher hier landen sollten, gibt es auch noch nicht. In Auftrag gegeben hatte das Projekt der Provinzpräsident Carlos Fabra, gegen den mehrfach wegen Korruptionsverdacht ermittelt wurde.

«Schlechte Angewohnheiten»

«Wir haben unsere Fixierung auf Bausteine und Hausbau durch eine Fixierung auf Autobahnen, Schnellzüge und Flughäfen ersetzt, aber es ist der gleiche Unsinn», sagt Fernando Fernandez, Professor für Makroökonomie an der IE Business School in Madrid. «Als ob ein Drogensüchtiger den Entzug versucht. Durch den Bau ist die Wirtschaft die letzten zehn Jahre lang gewachsen, das führt zu schlechten Angewohnheiten.»

Die beiden grossen Parteien verteidigen die Infrastrukturprojekte und machen sich gegenseitig für die Exzesse verantwortlich. Spanien habe nur wegen des Nachholbedarfs nach der Franco-Ära in den letzten 20 Jahren so viel in die Infrastruktur stecken müssen, erklärt der Fachpolitiker der regierenden Sozialisten, Rafael Simancas. Die Regierung habe wegen der Krise die Ausgaben um 40 Prozent zurückgefahren, werde aber der Wettbewerbsfähigkeit wegen auch künftig in Infrastruktur investieren.

Andres Ayala von der oppositionellen konservativen Volkspartei sieht das Problem in der Finanzierung und meint, mit mehr privaten Investitionen gebe es weniger Probleme. Und beide merken an, dass die meisten der zweifelhaften Projekte geplant wurden, als niemand das Ausmass der Krise habe kommen sehen.

jak/dapd

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