Auf heissen Öfen

Fremde Welt: In Russisch-Karelien gerät man schnell in einen Rausch. Er rührt von der Geschwindigkeit des Schneetöffs. Und von der kalten, erbarmungslosen Wildnis.

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Ich fliege. Ich fliege durch Raum und Zeit, über Wasser, über Eis oder beides, keine Ahnung. Ich bin James Bond auf einer heissen Maschine, das glaube ich minutenlang ernsthaft. Jetzt sind da Palmen, rechts von mir, vielleicht fahre ich ja auf Sand? Niemals soll das enden. Ich bin im Rausch.

Zwar verfolge ich einen Russen, so wie James Bond früher, aber mit einem Bösewicht hat meiner nicht viel gemeinsam. Auch wenn er mich schon herausfordert, zumindest in Sachen Tempo. Mit 40 Stundenkilometern fangen wir an, zwischen Kiefern und Birken im Slalom, dann eröffnet sich vor uns der See, ich folge Jari, mit 50 und dann immer schneller.

Ich höre meinen Motor schnaufen und den Wind an meinem Helm zischen, und Jari gibt Gas und haut ab, und der Wind peitscht jetzt, und der Motor brüllt, doch ich höre nichts mehr, ich konzentriere mich auf den Schnee und auf die Bodenwellen. Der Tacho zeigt 90 an.

Durchs wilde Russland

Das Fahren eines Motorschlittens versetzt einen trotz meist nicht allzu hohem Tempo in Euphorie. Vorausgesetzt, man sitzt gern auf diesem heissen Ofen. Es braucht ein wenig Kraft, den Schneetöff ohne Gangschaltung zu lenken, es gilt immerhin, 300 Kilo um Tännli zu manövrieren. Der Rest ist Töffrennen oder gemächliches Fahren, je nachdem.

Gestartet sind wir an der finnisch-russischen Grenze mit einem Veranstalter aus Kuusamo. Anfangs gehts nicht vorwärts: Vier Grenzposten müssen wir passieren, der Spuk dauert über eine Stunde. Gwändli, Schuhe, Helm und Handschuhe haben wir am Morgen probiert, die kurze Instruktion haben wir hinter uns. Die Guides, einer davon ist Jari, fahren Yamahas, wir bekommen Ami-Ware, meine Polaris hat 135 PS und soll umweltfreundlich sein.

Eisfischen im Nebel

Insgesamt legen wir auf unserer Fahrt durch Karelien, dieser finnisch russischen Region, an drei Tagen 350 Kilometer zurück. Unser Hotel ist eine Blockhütte in der Wildnis. Dort gibt es keinen Handyempfang, im Winter gelangt man nur mit dem Motorschlitten hin, im Sommer per Boot. Trotzdem leben wir in einer Luxushütte mit Sauna, gefülltem Kühlschrank, Cheminée und Bärenfell an der Wand.

Sie wurde nach finnischen Standards gebaut und steht unter finnischer Leitung. Auch der Koch glänzt: Nach dem Ankommen und dem obligaten Krim-Sekt zum Apéro tischt er eine Köstlichkeit nach der anderen auf. Lachspastete, geräucherte Forellen, Rentierfleisch. Auch Bärenfleisch dürfen wir probieren, es ist faserig, erinnert an Gemse und ist nicht mein Fall. Gut, kann ich es mit diversen Wodka-Shots herunterspülen.

Einmal, als wir gerade beim Frühstück sind, beobachtet uns eine Schnee-Eule. Ansonsten sehen wir keine Tiere. Die ungefähr 300 Bären, die in der Umgebung leben, schlafen, die Wölfe und Vielfrasse sind viel zu scheu, um sich zu zeigen. Einmal steigt Jari vom Töff und zeigt auf Spuren im Schnee, die er bestens zu lesen weiss: Kurz zuvor muss ein Rudel Wölfe einen Elch oder ein Ren angegriffen haben.

Die Spuren zeugen von einem verletzten Tier, das sich durch den Schnee schleppte. An einem anderen Tag schlägt Jari Eisfischen vor. Natürlich fahren wir mit dem Töff zum See, es ist neblig, ich klammere mich am Lenker fest. Auf dem gefrorenen See sticht Jari mit dem Eisbohrer ein Loch in die Schneedecke, nah am Ufer, das sei wichtig, sagt er.

Hält die Angel ins eiskalte Wasser, zwei, drei Sekunden, und reisst die Angelschnur hoch. Daran zappelt ein Fisch. Ein Kinderspiel, denke ich arrogant und lasse vorsichtig meine Angel ins Eisloch gleiten. Und fange während einer geschlagenen Stunde nichts. James Bond hätte sich geschüttelt vor Lachen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.09.2015, 10:39 Uhr

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Tipps & Infos

Hinkommen: Flug nach Kuusamo (über Helsinki). Shuttlebus zum Basecamp Oulanka. Motorschlittensafari auf Waldwegen zum Dorf Pääjärvi und weiter bis nach Paanajärvi, wo das Blockhaus liegt. Visum und Geld: Für Russland ist ein Visum nötig. Nebst Finnland werden auch in Russland Euros angenommen. Auf der oben beschriebenen Reise gibt es allerdings keine Gelegenheit, diese auszugeben.

Finnland: Unterkunft: Basecamp Oulanka: www.basecampoulanka.fi. Hundeschlittenfahren bei Kota-Husky (www.kota-husky.fi). Tierbeobachtungen, unter anderem Balzzeit von Auer- und Birkhuhn sowie Bären (Mai–August) bietet Karhu Kuusamo an (www.karhukuusamo.com). An klaren Abenden sind Nordlichter zu beobachten.

Russland: Übernachtung im Wildniszentrum Paanajärvi, unter anderem bei Glur Reisen buchbar. Motorschlitten und Ausrüstung für die Touren sind inbegriffen, nicht aber das Visum für Russland.

Beide Reisen wurden ermöglicht durch Baumeler Reisen und Glur Reisen und sind so oder ähnlich buchbar: Finnland bei Baumeler («Arktischer Zauber», www.baumeler.ch) und die 5-tägige Rundreise auf dem Schneetöff bei Glur («Ruka–Paanajärvi, Motorschlittenabenteuer in die Karelische Wildnis», www.glur.ch).

Rezept

Teddys Energy Boost
Energieriegel aus dem Oulanka Basecamp

Zutaten:
3 dl Golden Syrup (oder Melasse)
1 dl Zucker
2 TL Butter
400 g Peanutbutter
1 l roasted Oatmeal
1 TL Vanillezucker
400 g schwarze Schokolade
2 TL Rahm

Zubereitung:
Bis und mit Peanutbutter aufkochen. Oatmeal und Vanillezucker beigeben. Mischen, auf Blech geben, auskühlen lassen. Eventuell flüssige Schokolade darübergeben, auskühlen lassen. Riegel schneiden, Rest einfrieren.

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