Verschwörung oder Zufall?

Die einfache Lösung wäre: Wegschmeissen. Die schwierige Lösung ist: Flicken. Sie ist aber sehr zu empfehlen. Zum Beispiel in einem Repair-Café.

Vor allem Elektrogeräte sorgen für Wartezeiten.

Vor allem Elektrogeräte sorgen für Wartezeiten.

(Bild: Christian Pfander)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Es passierte, als ich Zwetschgen dörrte. Plötzlich kam da nur noch kalte Luft. Der Ventilator drehte, die Maschine brummte, aber das nützte nichts, gedörrt wurde das Obst nicht. Den Dörrex hatte ich gut zwei Jahre vorher von meinem Grosi bekommen. Ein wunderbares Geschenk, denn was gibt es Schöneres, als die reiche Sommerernte in leckeren Wintervorrat zu verwandeln. Kindheitserinnerungen. Aber jetzt ging nichts mehr. Garantie abgelaufen. Dörrex bereit zum Wegschmeissen.

Oder doch nicht? Eine letzte Chance gab ich ihm noch. Ich besuchte ein Repair-Café in Bern. Und staunte erst einmal über die Masse an Leuten, die dieselbe Idee gehabt hatten. Vom Velohelm über den alten Plattenspieler bis zum Puppenwagen: Alle hatten ihre alten Lieblingsdinge dabei, um sie von Profis gegen ein Trinkgeld reparieren zu lassen.

Fachkundig bewerteten die zwei strengen Damen an der Eingangskontrolle die Fälle, verwiesen an einen der Experten. Elektrofälle waren eindeutig in der Überzahl, die Wartefrist entsprechend lang. Hätte ich nur was nähen oder leimen lassen müssen, wäre ich schon längst wieder zu Hause gewesen.

Als ich vor dem alten Elektroprofi, längst pensioniert, mit Lesebrille und viel Schalk, sass, staunte ich nicht schlecht. Er wusste sofort, was das Problem war. Es war nur eine Sicherung, ein winzig kleines Teil, das ersetzt werden musste. Und für solche Probleme setzten er und andere freiwillige Tüftlerinnen und Tüftler sich einen ganzen Tag hin, schraubten, analysierten, berieten und halfen. Dafür gebührt ihnen Applaus. Denn die einfachere Lösung für alle Beteiligten wäre gewesen: das Alte weg, Neues her. Darauf baut die Wirtschaft. Damit spielt die Wirtschaft.

Geplante Obsoleszenz

Die sogenannte geplante Obsoleszenz verkürzt die Lebensdauer eines Produkts, indem absichtlich billige Teile eingebaut werden. Für mich ist das die 110-Grad-Sicherung, die ganz nah an der Heizschlange des Dörrex eingebaut wurde. Der Dörrex heizt zwar nur bis 70 Grad, nahe der Heizschlange kann die Temperatur aber schnell einmal höher werden. Die neue Sicherung, die wir im Repair-Café einbauten, liegt nun bei 115 Grad.

Ich glaube fest an die geplante Obsoleszenz. Manchmal frage ich mich, ob ich einer Verschwörungstheorie aufgesessen bin. Die Hersteller bauen absichtlich minderwertige Bestandteile ein, damit das Produkt weniger lange hält? Potenzial zu einer Verschwörungstheorie hätte diese These alleweil.

Geplante Obsoleszenz geht zurück auf eine Veröffentlichung von Bernard London im Jahr 1932. Er definierte sie als eine Produktstrategie, bei der bewusst Lösungen mit absehbar kurzer Haltbarkeit entwickelt werden. Das kann auch durch minderwertige Rohstoffe oder das Fehlen von Ersatzteilen sein.

Er stellte aber auch klar: Wenn der Hersteller nur Produktionskosten sparen will, stellt das keinen Fall von geplanter Obsoleszenz dar. Heute sind viele Ökonomen der Meinung, dass Hersteller nicht geplante Obsoleszenz betreiben, sondern einfach versuchen, möglichst billig zu produzieren.

Die Wahrheit kenne ich nicht. Aber ich weiss: Der Dörrex geht nun seit zwei Saisons wieder problemlos. Dem alten Mann sei Dank.

Berner Zeitung

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