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Stricken ist wie Yoga, nur weniger anstrengend

Ihre plötzliche Lust, Pullis zu stricken, ist unserer Autorin suspekt. Trotzdem kann sie nicht aufhören.

Nur noch ein paar Reihen Saum...
Nur noch ein paar Reihen Saum...
Christian Zander

Ich liebe meine Lismete. Sie mich weniger. Ich musste schon dreimal Dutzende Maschen lösen und neu stricken. Doch jetzt ist er fertig, der Pulli, also fast, noch ein paar Reihen Saum gerippt stricken. Und dann das nächste Projekt.

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Es ist nicht so, dass ich richtig gerne stricke. Aber es beruhigt mich und ist nicht so anstrengend wie Yoga. Als Kind fand ich den Handarbeitsunterricht mühsam, Kompliziertes wurde eh von der Handsch-Lehrerin erledigt, und der Unterricht störte die wichtigen Unterhaltungen, die wir Mädchen während der Stunde führten. Buben durften damals noch ins Werken, ich war immer neidisch. Ausserdem galt «Selbstgestrickt» als eines der schlimmen Schimpfwörter.

Die Mütze, die ich mit Ach und Krach zustande brachte, habe ich nie getragen. Gerne würde ich behaupten, ich hätte – erst kürzlich – wieder angefangen zu stricken, weil ich mir jeweils neue, sinnvolle Ziele setze. Oder meinem Gottikind zu Weihnachten etwas Selbstgemachtes schenken wollte. Oder weil ich extrem kreativ bin. Die Wahrheit ist viel banaler. Ich machte eine Woche Ferien auf dem Land, dort, wo ich aufgewachsen bin, ich hackte Holz, backte Kuchen und machte lange Spaziergänge.

Nach dem Zvieri war jeweils schon Feierabend, und ich hatte viel Zeit. Also begann ich zu stricken, Nadeln und Wolle waren vorhanden, ich googelte ein paar Muster, und meine Mutter half, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Und dann konnte ich plötzlich nicht mehr aufhören.

Stricken ist gerade sehr im Trend. Es gibt Cafés, in denen sich Frauen zum Lismen treffen, hippe Labels, bei denen man Stricksets bestellen kann, die Muster, Nadeln, Wolle und Etikette zum Annähen beinhalten. Es kommen immer neue, immer verrücktere Strickbücher auf den Markt, und aktuell bekommt man in Bäckereien den Coffee-to-go in einem Papierbecher mit von Freiwilligen gestrickter Ummantelung – es ist eine Kampagne zur Sensibilisierung für Demenzkranke.

Die Welt strickt. Und ich mit ihr. Was mir allerdings herzlich egal ist. Ich muss allein sein beim Stricken, andere Menschen ertrage ich dabei nur schwer. Tatsächlich stelle ich mir Achtsamkeitsseminare, in denen einem ja hauptsächlich beigebracht wird, wie man egoistischer wird, so vor.

Bei einem Strickprojekt muss man verdammt achtsam sein, und – wie angenehm! – es gibt jeweils nur noch mich, die Wolle und die Nadeln. Während ich stricke, kann ich mich nicht mal auf den Fernseher konzentrieren (was auch der Grund ist, dass dieser stundenlang vor sich hin brabbelt, ohne dass ich etwas mitkriege – es gibt nichts Erholsameres).

An Weihnachten verschenkte ich Selbstgestricktes – Kinderponcho, Schal, Puppensocken, Abwaschschwamm aus Hanfschnur –, es war toll, und alle hatten Freude. Und doch ist mein Hobby nicht altruistischer Natur. Nicht der Pulli ist das Ziel, sondern das Stricken.

Diese Yoga-eske Bewusstseinserweiterung beim Stricken ist mir suspekt. Und ich schäme mich ein bisschen, dass ich beim Verstäten der letzten Maschen kurzfristig mehr Emotionen für etwas Materielles aufbringen kann als für sehr viele meiner Mitmenschen.

Trotzdem habe ich schon das nächste Projekt in Angriff genommen: eine Decke. In die ich mich auf dem Sofa einwickeln kann, an all den Winterabenden, an denen ich weiterstricke.

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